Am 3.- 4. 2008 organisierte das Kollegium der Germanischen Philologie an der Universität Oulu (Finnland) eine Konferenz unter dem Thema „Progressive Philologie“. Die dort geführte Diskussion bewegte sich um den Fragenkomplex, was Philologen mit ihren besonderen Mitteln zu Verständnis und Vermittlung von kultureller und natürlicher Umwelt leisten können. Schwerpunkte dieser Diskussion waren die Begriffe Text, Erkenntnis, Kultur und Hermeneutik unter ihren anthropologischen Bedingungen. Der vorliegende Band enthält die überarbeiteten Versionen der dort gehaltenen Vorträge.
Inhaltsverzeichnis
Bausteine einer Progressiven Philologie
‚Kultur als Text‘?
Die Übersetzung von Appellstrukturen eines wirtschaftlich-wissenschaftlichen Komplexes
Johann Gottfried Herders Sprachtheorie in Abhandlung über den Ursprung der Sprache
Dichtung als Erkenntnis und als Weltschöpfung. Poesie und poetische Sprache bei Johann Gottfried Herder
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Publikation befasst sich mit den theoretischen und methodischen Grundlagen einer „Progressiven Philologie“, die das menschliche Handeln und kulturelle Strukturen als Texte begreift. Das Hauptziel der Arbeit ist es, die hermeneutische und semiotische Analyse auf nicht-sprachliche Phänomene auszuweiten und die Bedeutung von Sprache und Textualität für die menschliche Weltaneignung zu untersuchen.
- Konzepte der Hermeneutik und Philologie in anthropologischer Perspektive
- Kritische Auseinandersetzung mit der Metapher „Kultur als Text“
- Methoden der intermodalen Übersetzung am Beispiel wirtschaftsgeographischer Strukturen
- Sprachtheoretische Grundlagen bei Johann Gottfried Herder
- Erkenntnis- und Weltschöpfungsfunktion poetischer Sprache
Auszug aus dem Buch
Die erste Phase oder „Die Idee“
Mit der Gründung der Universität 1958 wurde die erste Proposition mit dem Inhalt ausgedrückt, Forschung und eine akademische Ausbildung in der Region anzusiedeln. Die Universität erhielt zunächst drei Fakultäten: die medizinische, die philosophische und die technische Fakultät. In der technischen Fakultät wurden drei Professuren für Elektrotechnik und eine Professur für Elektronik gegründet; eine Professur wurde mit Präzisierung auf Funktechnik ausgeschrieben.
Durch die Besetzung der Professuren wurden die Spezialisierungsbereiche bestimmt: Die gewählten Professoren hatten ihre Spezialgebiete, und so wurden die Konzepte – textwissenschaftlich formuliert - durch die Oberflächenausdrücke, also Professoren mit ihren Lehrstühlen, festgelegt. Die Professoren bilden Frames, die die Eigenschaften eines wissenschaftlichen Tätigkeitsbereiches beinhalten. Zum einen durch die Aufgaben eines Professoren im Allgemeinen wie Forschung und der darauf basierenden Lehre, zum anderen durch die Spezialisierungsbereiche der einzelnen Professoren, d. h. die Funktechnik. Der jeweilige Spezialisierungsbereich der gewählten Professoren diente also der Entwicklung der Forschungsrichtungen in den Abteilungen und bestimmt so auch die Konstitutionsrichtung des ganzen Cluster-Textes.
Die zweite Proposition wurde durch die Gründung der Kabelfabrik gesetzt. Ursprünglich war die Fabrik von einem Unternehmen namens Suomen Kaapelitehdas (Finnische Kabelfabrik) gegründet worden, ein Paar Jahre später aber kaufte Nokia diese Fabrik. Der Oberflächenausdruck Kabel, der mit Elektronik verbunden ist, ließ schon eine Beziehung mit dem Tätigkeitsbereich in der Uni-Abteilung erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
Bausteine einer Progressiven Philologie: Der Beitrag führt in das hermeneutische Verständnis des Menschen als textschaffendes Wesen ein und begründet die Philologie als Wissenschaft, die menschliche Existenz und Kultur als multimodale Texte interpretiert.
‚Kultur als Text‘?: Diese Untersuchung analysiert kritisch die aktuellen kultur- und literaturwissenschaftlichen Versuche, Welt und Kultur mittels der Textmetapher zu erklären, und warnt vor methodischen Ungenauigkeiten.
Die Übersetzung von Appellstrukturen eines wirtschaftlich-wissenschaftlichen Komplexes: Am Beispiel der Oulu-Region wird demonstriert, wie nicht-sprachliche Strukturen wie industrielle Cluster mithilfe textlinguistischer Methoden (Kohäsion, Kohärenz) als Texte analysiert werden können.
Johann Gottfried Herders Sprachtheorie in Abhandlung über den Ursprung der Sprache: Das Kapitel erläutert Herders entwicklungsgeschichtliche Sicht auf die Sprache und stellt dessen anthropologische Begründung der Sprachwerdung aus der menschlichen Besonnenheit dar.
Dichtung als Erkenntnis und als Weltschöpfung. Poesie und poetische Sprache bei Johann Gottfried Herder: Diese Arbeit beleuchtet Herders Neubewertung der Poesie als ursprüngliche Erkenntnisweise und zeigt auf, warum sein Ansatz auch für die moderne Kognitionsforschung von Relevanz ist.
Schlüsselwörter
Progressive Philologie, Hermeneutik, Textbegriff, Kultursemiotik, intermodale Übersetzung, Johann Gottfried Herder, Sprache und Denken, anthropologische Wende, Objektive Hermeneutik, New Historicism, Oulu-Cluster, Sprachtheorie, Erkenntnistheorie, Bildersprache, Metapher.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der grundlegende Ansatz der „Progressiven Philologie“?
Der Ansatz betrachtet den Menschen als ein Wesen, das sich durch das Schaffen und Interpretieren von Texten konstituiert. Dabei wird der Textbegriff über sprachliche Äußerungen hinaus auf kulturelle Handlungen und soziale Strukturen erweitert.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Buch?
Das Spektrum reicht von der klassischen Hermeneutik über die Sprachtheorie Johann Gottfried Herders bis hin zur modernen Anwendung textlinguistischer Methoden auf ökonomische und regionale Entwicklungsstrukturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die theoretischen Voraussetzungen für eine Erweiterung der Philologie zu schaffen, sodass sie als Instrument für das Verständnis interkultureller und nicht-linguistischer Textphänomene dienen kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Hermeneutik, der Textlinguistik (insbesondere nach Beaugrande/Dressler und Brinker) sowie der Kultursemiotik, um komplexe soziale Konstrukte als strukturierte, „lesbare“ Einheiten zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Neben einer theoretischen Grundlegung durch den Herausgeber bietet der Hauptteil eine kritische Revision kulturwissenschaftlicher Metaphorik sowie konkrete Fallbeispiele zur Analyse industrieller Cluster und eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Herders Sprachtheorie.
Wodurch zeichnet sich die Arbeit aus?
Die Publikation verknüpft geisteswissenschaftliche Traditionen mit modernen systemtheoretischen Ansätzen und hinterfragt dabei stets die Grenzen und Möglichkeiten der Metapher „Kultur als Text“.
Inwiefern leistet Herder einen Beitrag zum modernen Sprachverständnis?
Herder wird als Vorgänger des modernen „linguistic turn“ identifiziert, da er den Menschen nicht als abstraktes Erkenntnissubjekt sieht, sondern als ein durch Sprache und Kultur geformtes Wesen, dessen Denken untrennbar mit dem sinnlichen Erleben verbunden ist.
Warum wird der Oulu-Cluster als „Text“ bezeichnet?
Das industrielle Cluster wird als ein dynamisches Konstrukt begriffen, dessen Entwicklung in verschiedenen Phasen verläuft und sich wie ein geschriebener Text durch Kohäsion und Kohärenz auszeichnet – sichtbar in den Handlungen, Verträgen und der funktionalen Vernetzung der beteiligten Akteure.
- Citation du texte
- Hrsg.: Prof. Dr. Gerhard Schmitt (Auteur), 2009, Bausteine einer Progressiven Philologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124478