Der Roman “Homo Faber” von Max Frisch aus dem Jahre 1957, als “Bericht” bezeichnet, repräsentiert in eben dieser Art und Weise die menschliche Existenz der materialistischen Wirtschaftswunderjahre. Es findet eine Auseinandersetzung mit der Moderne statt und der verschiedenen Aspekte, die diese beinhaltet, nämlich auf der einen Seite eine fortschreitende Industrialisierung und Technisierung des Lebens und auf der anderen Seite die Problematiken, die diese mit sich bringen wie die Stellung des Individuums und fehlende Wertvorstellungen, sowie das Verschwinden der Religion, die der Mensch des 19. Jahrhunderts mit Beginn der Technisierung abschafft. Der Mensch ist Herr über die Natur geworden und kann außer seinen eigenen Tod alles kontrollieren, wodurch Religionen außer Kraft gesetzt werden und gleichzeitig die Suche nach dem Sinn des Seins stärker hervortritt, als je zuvor. Gleichzeitig steht kontrastiv eine Orientierung in Richtung des Unbewussten statt.
Glauben und Zweifel an Technik und Zivilisation werden durch eine “duale Erzähltechnik” dargestellt, die diese verschiedenen Perspektiven vermittelt. Dem entspricht eine doppelte Erzählmotivation des Berichterstatters und Protagonisten, der auf der einen Seite versucht, sich und seiner damaligen Freundin Hanna die Unschuld am Tod ihrer Tochter Sabeth zu beteuern, auf der anderen Seite resümiert er sein Leben in einem Rückblick, mit der Gewissheit, bald sterben zu müssen.
Auf der Gegenseite zur Technik ist im Roman ein weitverzweigtes Netz aus mythologischen Anspielungen entworfen. Diese mal mehr, mal weniger deutlichen Metaphern sollen in dieser Arbeit untersucht werden und ihr Zusammenhang zum technischen Menschen und dem, was er in diesem Bericht zu erreichen sucht, hergestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Technik
3 Mythologie im „Homo Faber“
3.1 Erinnyen
3.2 Ödipus
3.3 Agamemnon
4 Verfremdung
5 Schuld und Zufall
6 Psychologische Aspekte
7 Demeter- Kore- Mythos und Fabers Initiierung in die Eleusischen Mysterien
8 Zusammenfassung
9 Literatur
9.1 Primärtexte
9.2 Sekundärtexte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die mythologischen Aspekte in Max Frischs Roman „Homo Faber“ und deren Funktion als Kontrast zum technokratischen Weltbild des Protagonisten. Es wird analysiert, inwiefern Walter Fabers Lebensweg als antike Tragödie gedeutet werden kann und wie mythische Archetypen seine Selbsterkenntnis sowie die Auseinandersetzung mit Schuld und Schicksal beeinflussen.
- Die Dichotomie zwischen technischer Rationalität und mythischer Symbolik.
- Analyse der zentralen mythologischen Figuren (Erinnyen, Ödipus, Agamemnon) im Roman.
- Die psychologische Interpretation von Fabers Regression und seiner Initiation.
- Die Bedeutung des Zufalls im Kontext von Schuld und Lebenssinn.
- Hanna als Repräsentantin der „magna mater“ und ihre Rolle in Fabers Wandlungsprozess.
Auszug aus dem Buch
3 Mythologie im „Homo Faber“
Max Frisch sagt über seinen „Homo Faber“:
„Homo Faber – der Macher- Mensch, Gegenteil dessen, der dichtet oder betet, der Mensch, der den Göttern das Feuer entrissen hat und sich als Schmied seiner eigenen Welt weiß, der Mensch als Herr über die Natur, der in der Natur nicht Symbole sieht, sondern Material, das er verwertet: Wälder als Bauholz, Wasserfälle als Elektrizität – mit einem Wort: ein Techniker, ein Typus unseres Zeitalters, berichtet hier die letzten Stationen seines Lebens, das, auch wenn er es lange nicht erkannt, nichts anderes als eine antike Tragödie ist. Inzest ist der Ausdruck seines Verhaltens in der Schöpfung überhaupt. Sein Ton des laxen „understatements“, das oft genug mehr verrät als er selber weiß, erweist sich als Maske; der Mann, der unentwegt bestreitet, dass es Schicksale gibt, und dessen Bibel (denn ganz ohne Bibel kommt er auch nicht aus), die Wahrscheinlichkeitslehre ist, entdeckt erst angesichts der Katastrophe seine Techniker- Blindheit, sterbend preist er das Leben.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt den Roman als Auseinandersetzung mit der modernen Technisierung und dem damit einhergehenden Verlust religiöser und sinnstiftender Orientierung vor.
2 Technik: Dieses Kapitel charakterisiert Walter Faber als technikgläubigen Ingenieur, der emotionale Aspekte verdrängt und die Welt rein quantitativ durch statistische Wahrscheinlichkeiten betrachtet.
3 Mythologie im „Homo Faber“: Hier werden die mythologischen Anspielungen im Text als Kontrast zum technischen Weltbild eingeführt und als strukturelles Element einer antiken Tragödie herausgearbeitet.
3.1 Erinnyen: Untersuchung der Rachegöttinnen-Metaphorik, die parallel zur schlafenden Sabeth und Fabers unterdrücktem Wissen über seine Schuld auftaucht.
3.2 Ödipus: Analyse der Parallelen zwischen Faber und der Ödipus-Figur, insbesondere in Bezug auf Inzest, Blindheit und die schicksalhafte Verstrickung.
3.3 Agamemnon: Betrachtung der Schuldfrage durch den Vergleich mit dem Agamemnon-Mythos und den Konsequenzen von Fabers Handeln gegenüber Hanna und Sabeth.
4 Verfremdung: Das Kapitel diskutiert, dass mythische Elemente nicht bloß als „Verfremdungseffekt“ dienen, sondern tiefere Seinszusammenhänge symbolisch greifbar machen.
5 Schuld und Zufall: Auseinandersetzung mit Fabers Versuchen, sein Schicksal als statistische Kette von Zufällen zu rationalisieren, während das Leben ihn zur Anerkennung mythischer Fügung zwingt.
6 Psychologische Aspekte: Analyse der psychologischen Hintergründe, wie Triebunterdrückung und der Wunsch nach Regression, die Faber in den Schoß der „Mutter“-Welt treiben.
7 Demeter- Kore- Mythos und Fabers Initiierung in die Eleusischen Mysterien: Erläuterung, wie Faber durch den Demeter-Kore-Mythos eine symbolische Initiation in das Geheimnis von Leben und Tod vollzieht.
8 Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die Fabers Schicksal als mustergültige mythologische Reproduktion der Moderne und als notwendige Heimkehr zum Archetypus der „magna mater“ beschreibt.
9 Literatur: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
9.1 Primärtexte: Auflistung der herangezogenen Werke von Max Frisch.
9.2 Sekundärtexte: Auflistung der literaturwissenschaftlichen und psychologischen Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Max Frisch, Homo Faber, Mythologie, Technik, Schuld, Schicksal, Ödipus, Erinnyen, Antike Tragödie, Moderne, Psychologie, Regression, Demeter, Inzest, Selbsterkenntnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die mythologischen Dimensionen in Max Frischs Roman „Homo Faber“ und setzt diese in Bezug zum modernen, technokratischen Weltbild des Protagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Konflikt zwischen Technik und Mythos, der Frage nach Schuld und Zufall, psychologischen Regressionsprozessen sowie der Bedeutung antiker Archetypen für das Verständnis des Romanendes.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Faber nicht nur eine moderne technische Figur ist, sondern sein Leben als antike Tragödie verläuft, in der er schließlich durch mythische Initiationsprozesse zur Selbsterkenntnis gelangt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die psychoanalytische Ansätze sowie mythologische Interpretationsmodelle heranzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse spezifischer Mythen (Ödipus, Agamemnon, Erinnyen), die psychologische Deutung von Fabers Verhalten sowie die Untersuchung der „magna mater“-Symbolik durch die Figuren Hanna und Sabeth.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Technik, Mythos, Schuld, Schicksal, Archetyp, Regression und die spezifischen mythologischen Referenzen wie Ödipus und Demeter-Kore.
Wie deutet die Autorin Fabers Blindheit im Roman?
Die Blindheit wird nicht nur als physische Metapher gesehen, sondern als Unfähigkeit Fabers, sich selbst, seine Identität und die mythologische Realität hinter der von ihm als „Material“ betrachteten Welt zu erkennen.
Warum spielt die Figur Hanna eine so entscheidende Rolle?
Hanna repräsentiert das mythische Prinzip der „magna mater“ und dient als Gegenspielerin zum technischen Weltbild Fabers, wodurch sie seinen psychologischen Entwicklungsprozess maßgeblich beeinflusst.
Wird das Ende des Romans als Scheitern oder als Erfüllung gewertet?
Die Arbeit wertet Fabers Ende als eine „geheime Erfüllung“: Während er in seiner technischen Welt scheitert, erreicht er durch die Konfrontation mit dem Tod und die mythische Initiation eine metaphysische Ebene der Akzeptanz des Lebens.
- Citation du texte
- Natalie Schilling (Auteur), 2008, Mythologische Aspekte im 'Homo Faber' von Max Frisch, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124500