Die vorliegende Arbeit behandelt erst theoretische Aspekte zu Kindheit, Bildung und Spiel, um dann das Konzept des Waldkindergartens vorzustellen und anschließend die Erkenntnisse aus der Forschung in der Praxis zu erörtern.
Es wird daher im Anschluss an die Einleitung zunächst aus der soziologischen Perspektive das Phänomen einer Kindheit im Wandel sowie die Lebenswelt von Kindern beleuchtet. Anschließend wird der Blick auf unser gesellschaftliches Bildungsverständnis in der frühkindlichen Bildung gerichtet. In dem Zusammenhang ist häufig von Kompetenzvermittlung, Ko-Konstruktion und Selbstbildung die Rede. Weiter wird auf die Bedeutung und die Funktion von freiem Spiel für Bildungs- und Entwicklungsprozesse eingegangen. Zusätzlich wird der Terminus des „Draußenspiels“ vorgestellt, da das freie Spiel einige besondere Qualitäten nur draußen entwickeln kann. Danach wird das Konzept Waldkindergarten vorgestellt. Im Anschluss wird der Forschungsstand zu Waldkindergärten kurz dargestellt, um anschließend den empirischen Forschungsteil zu erläutern. Dazu wird die Methodik der teilnehmenden Beobachtung und der dichten Beschreibung erläutert und der persönliche Zugang zum Feld Waldkindergarten beschrieben.
Es wurde das Spielverhalten von Kindern im Waldkindergarten beobachtet, um zu untersuchen, wie Bildungsprozesse im Freiraum Wald stattfinden. Auf Basis dieser Beobachtungen wird ein exemplarischer Tagesablauf im Waldkindergarten vorgestellt. Weiter werden die Daten aus den Beobachtungen, die im Waldkindergarten in Hildesheim gesammelt wurden, zu Kriterien des freien Draußenspiels nach Richard-Elsner (2017) in Beziehung gesetzt und herausgearbeitet, wie der Waldkindergarten durch die Möglichkeit des freien Draußenspiels kindliche Selbstbildungsprozesse besonders anregt und wie somit Bildung stattfindet. Danach sollen Möglichkeiten und Grenzen des Konzeptes Waldkindergarten im Zusammenhang mit den Vorteilen für Kinder, aber auch Zugangsbarrieren diskutiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lebenswelt von Kindern heute
2.1. Kindheit im Wandel
2.1.1. Medien und Konsum
2.1.2. Verinselung, Verhäuslichung und Inszenierung
2.1.3. Ungleichheit und Armutserfahrungen
2.1.4. Kindheit und Raum
2.2. Zusammenfassung und Folgen
3. Grundbegriffe der frühkindlichen Bildung
3.1. Aktuelle Positionen zur frühkindlichen Bildung
3.1.1. Bildung als Kompetenzförderung
3.1.2. Bildung als Selbstbildung und Aneignung von Welt
3.2. Formale, non-formale und informelle Bildung
3.3. Zusammenfassung
4. Freispiel und Freiraum in der Natur
4.1. Freispiel
4.1.1. Funktion des Spiels
4.1.2. Draußenspiel
4.2. Freiräume
4.2.1. Aktionsraumqualität
4.2.2. Natur als Freiraum
4.3. Zusammenfassung
5. Das Konzept Waldkindergarten
5.1. Geschichte und Entwicklung des Waldkindergartens
5.2. Organisationales
5.2.1. Formen von Waldkindergärten
5.2.2. Trägerschaft
5.2.3. Finanzierung
5.2.4. Rechtliches
5.3. Konzept
5.3.1. Naturraumpädagogik
5.3.2. Naturraum als dritter Erzieher
5.3.3. Der autonom strukturierte Raum
5.4. Zusammenfassung
6. Forschungsteil
6.1. Zum Forschungsstand zu Waldkindergärten
6.2. Ethnographische Forschung
6.2.1. Teilnehmende Beobachtung
6.2.2. Dichte Beschreibung
6.3. Darstellung der Forschung im Feld Waldkindergarten
6.3.1. Zugang zum Feld
6.3.2. Darstellung des Forschungsvorganges
7. Exemplarischer Bericht und Grenzen der Feldstudie
7.1. Exemplarischer Ablauf: Ein Tag im Waldkindergarten
7.2. Grenzen der Feldstudie
8. Analyse - Freiräume im Waldkindergarten
9. Diskussion - Chancen und Grenzen des Konzepts
10. Fazit und Ausblick
10.1. Fazit
10.2. Ausblick
Schlusswort
Literatur
Anhang
Anhang 1: Beobachtungprotokolle
Anhang 2: Liste Kriterien
Anhang 3: Analysetabelle
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie frühkindliche Bildungsprozesse im Waldkindergarten stattfinden, welche Rolle der Naturraum dabei spielt und welche Möglichkeiten sowie Grenzen dieses pädagogische Konzept für die frühkindliche Bildung bietet. Ziel ist es, das Konzept als Alternative zu konventionellen Bildungseinrichtungen kritisch zu würdigen und aufzuzeigen, wie Naturräume als Freiräume für selbstbestimmtes Lernen fungieren können.
- Wandel der kindlichen Lebenswelt in der Moderne
- Grundbegriffe der frühkindlichen Bildung und Selbstbildung
- Bedeutung von Freispiel und Naturerfahrungen für die kindliche Entwicklung
- Analyse der Qualität des Naturraums als "dritter Erzieher"
- Ethnographische Untersuchung eines Waldkindergartens in der Praxis
Auszug aus dem Buch
7.1. Exemplarischer Ablauf: Ein Tag im Waldkindergarten
Der Tag startet im Garten des Waldkindergartens vor der kleinen Schutzhütte. Die Kinder kommen bereits in wetterfester „Matsch-Kleidung" mit ihren Rucksäcken und bleiben direkt draußen. Heute scheint die Sonne und während die Gruppe wartet, dass alle ankommen, spielen die Kinder im Garten oder erzählen den Erzieherinnen Geschichten vom Wochenende. Es wird auch schon darüber gesprochen und verhandelt, wo es heute hingehen soll. Die Kinder machen Vorschläge. Eine Erzieherin sagt, wir warten noch bis alle da sind, dann soll entschieden werden. An diesem Tag hat ein neues Kind seinen ersten Eingewöhnungstag. Sie bleibt heute mit dem Vater in der Gruppe. Ein Begrüßungslied wird von allen Anwesenden gesungen. Danach darf das Mädchen den Briefkasten des Waldkindergartens öffnen - eine Eichelkette und ein persönlichen Brief findet es darin - dieses Begrüßungsritual haben alle Kinder des Waldkindergartens so erlebt.
Die Erzieherinnen fragen in die nun vollständige Runde, wo es heute hingehen soll. Ein Kind ruft „zur Zauberschlucht!" - und alle sind einverstanden. So schnell geht an diesem Tag die Einigung. So macht sich die Gruppe auf den Weg - doch schon nach den ersten Schritten wird der Gang langsamer: Kinder haben Regenwürmer auf dem ersten Stück noch asphaltierten Weg entdeckt, auf dem auch Autos und Fahrräder fahren. Eine spontane Rettungsaktion beginnt: Die Kinder nehmen die Regenwürmer und tragen sie an den Rand zur Erde. Die Erzieherin C. berichtet, dass man hier in letzter Zeit täglich Regenwürmer retten könne, die lägen bei dem tagelangen Regen täglich hier. Die Erzieherin N. berichtet, dass Regenwürmer nicht die Erde verlassen, weil die Gänge mit Wasser volllaufen, was häufig behauptet würde, sondern dass sie vor den Regentropfen flüchten, die unter der Erde wie pickende Vögel Reize bei den Würmern auslösen. Sie hatte sich anlässlich der Regenwurmsituation und der von den Kindern gestellten Fragen zu Hause darüber informiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Entstehung und Etablierung des Waldkindergartens als Antwort auf veränderte Lebensbedingungen und diskutiert dessen Stellung im aktuellen bildungspolitischen Diskurs.
2. Lebenswelt von Kindern heute: Dieses Kapitel analysiert den soziologischen Wandel der Kindheit seit den 80er Jahren und thematisiert die Zunahme von Verinselung, Verhäuslichung und Medienkonsum.
3. Grundbegriffe der frühkindlichen Bildung: Gegenüberstellung von Kompetenzförderung (formale Bildung) und dem Ansatz der Bildung als Selbstbildung nach Humboldt und Schäfer.
4. Freispiel und Freiraum in der Natur: Vertiefung der Bedeutung des freien Spiels ("Draußenspiel") und die Funktion von naturnahen Aktionsräumen für die kindliche Entwicklung.
5. Das Konzept Waldkindergarten: Historischer Rückblick und Erläuterung der Organisationsformen, Trägerschaft sowie der pädagogischen Konzepte wie Naturraum-Pädagogik.
6. Forschungsteil: Darstellung der ethnographischen Forschungsmethode (teilnehmende Beobachtung) und der gewählten Herangehensweise zur Untersuchung des Spielverhaltens.
7. Exemplarischer Bericht und Grenzen der Feldstudie: Einblicke in den praktischen Alltag anhand eines Tagesablaufs sowie Reflexion der methodischen Einschränkungen der Feldstudie.
8. Analyse - Freiräume im Waldkindergarten: Anwendung der Kriterien des freien Draußenspiels auf die im Waldkindergarten beobachteten Situationen zur Förderung von Selbstbildungsprozessen.
9. Diskussion - Chancen und Grenzen des Konzepts: Kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Bedeutung, den Zugangsbarrieren und den Zukunftsperspektiven des Waldkindergartens.
10. Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Waldkindergartenpädagogik und Empfehlungen für notwendige weitere Forschung sowie konzeptionelle Weiterentwicklungen.
Schlüsselwörter
Waldkindergarten, Frühkindliche Bildung, Naturraumpädagogik, Selbstbildung, Freispiel, Draußenspiel, Kindheit im Wandel, Ethnographie, Naturerfahrung, Autonomie, Partizipation, Bildungsraum, Sozialpädagogik, Aktionsräume, Nachhaltigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das pädagogische Konzept des Waldkindergartens, um zu untersuchen, wie frühkindliche Bildungsprozesse in einer naturnahen Umgebung stattfinden und wie sich der Naturraum auf Kinder auswirkt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Bildungssoziologie, Pädagogik der frühen Kindheit und Naturpädagogik und fokussiert dabei besonders auf die Bedeutung von Freiräumen und Naturerfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie im Waldkindergarten Freiräume für Kinder geschaffen werden, in denen informelles, eigenständiges Lernen und Selbstbildung jenseits institutionalisierter Vorgaben möglich sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen ethnographischen Forschungsansatz, schwerpunktmäßig die Methode der teilnehmenden Beobachtung und der „dichten Beschreibung“ innerhalb eines Hildesheimer Waldkindergartens.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil deckt theoretische Grundlagen zu Kindheit und Bildung ab, stellt die Historie sowie Konzeption des Waldkindergartens vor und analysiert empirische Beobachtungen des Spielverhaltens der Kinder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Waldkindergarten, Naturraumpädagogik, Selbstbildung, Freispiel, Autonomie und Partizipation.
Warum ist der Wald für moderne Kinder nach Ansicht der Autorin besonders relevant?
Aufgrund der zunehmenden "Verhäuslichung" und Verplanung moderner Kindheit bietet der Wald einen "autonom strukturierten Raum", der Kindern ermöglicht, spontane, körpergebundene Erfahrungen zu machen, die in urbanen Siedlungen oft fehlen.
Welche Herausforderungen identifiziert die Autorin für das Konzept Waldkindergarten?
Die Autorin identifiziert insbesondere strukturelle Hürden wie Betreuungszeiten, Elterninitiativen mit hohem Arbeitsaufwand und soziale Selektivität beim Zugang als wesentliche Grenzen für eine breitere Umsetzung.
- Quote paper
- Claudia Berger (Author), 2020, Möglichkeiten und Grenzen des Konzeptes Waldkindergarten in der frühkindlichen Bildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1245330