Ethische und moralische Fragen prägen die Anforderungen an die soziale Arbeit seit Anbeginn ihrer Existenz. Überall, wo Menschen miteinander in Kontakt treten, treffen unterschiedliche Biografien, Einstellungen und Haltungen aufeinander,
während gleichzeitig ein für alle geltender, verbindlicher, gesetzlicher Rahmen existiert. Recht und Moral sind nicht immer miteinander zu vereinbaren und Gesetze sind nicht gleichbedeutend mit Gerechtigkeit, welche die soziale Arbeit herstellen
möchte. Dieses Essay versucht, die Komplikationen der beiden Aspekte zu verdeutlichen, und möchte dazu anregen, eine eigene Position diesbezüglich zu entwickeln.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Recht und Moral
Fallbeispiel
Deontologie
Anwendung der Deontologie auf das Fallbeispiel
Tugendethik
Anwendung der Tugendethik auf das Fallbeispiel
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ethische Herausforderung von Sozialarbeiter*innen, bei der Konflikte zwischen gesetzlichen Rahmenvorgaben und dem Wohl der Klient*innen entstehen. Anhand eines fiktiven Fallbeispiels aus der Kinder- und Jugendhilfe wird analysiert, wie deontologische sowie tugendethische Ansätze zur Entscheidungsfindung beitragen können.
- Verhältnis zwischen Recht und Moral in der Sozialen Arbeit
- Analyse ethischer Dilemmata bei begrenzten Ressourcen
- Deontologische Bewertung nach Immanuel Kant
- Aristotelische Tugendethik als alternatives Entscheidungsmodell
- Reflexion über die professionelle Haltung in der Praxis
Auszug aus dem Buch
Fallbeispiel
"Unter Stationärer Jugendhilfe (Heimerziehung) wird die Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung verstanden, in der Kinder und Jugendliche über Tag und Nacht pädagogisch betreut werden, um sie durch eine Verbindung von Alltagserleben mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung zu fördern." (Diakonisches Werk des Evang.-Luth- Dekanatsbezirks Rosenheim e. V 2020). Die gesetzlichen Grundlagen für diese Maßnahmen finden sich im SGB VIII unter den folgenden Paragrafen §34 SGB VIII, §36 SGB VIII, §1666 BGB. Unteranderem sind unter dem §39 Abs.1 & Abs.2 SGB VIII die Leistungen zum Unterhalt des Kindes oder des Jugendlichen geregelt, wenn dieses oder dieser außerhalb des Elternhauses untergebracht ist.
In einer Einrichtung der stationären Jugendhilfe arbeiten Sie mit zwei Jugendlichen mit sehr unterschiedlichen Biografien. Jugendlicher A hat keinen Kontakt zur eigenen Familie oder allgemein zu Verwandten. Jugendlicher B hingegen stammt aus einer Familie, die auch weiterhin Kontakt zu ihm hält und auch regelmäßig seine Wünsche in Form von Geschenken erfüllt. Es ist Dezember und Jugendlicher B bekommt von seiner Familie eine gute Winterjacke und Winterschuhe geschenkt. Von seinem Kleidergeld für die vorgesehene Periode von einem halben Jahr sind noch 72 EUR übrig, welche er voraussichtlich nicht mehr in Kleidung investieren wird. Jugendlicher A hingegen benötigt dicke Socken, Winterschuhe und auch eine Winterjacke. Sein Kleidergeld für den Rest des Jahres beträgt noch 97 EUR, welches nun in die benötigten Kleidungsstücke investiert wird. Jedoch reicht es nicht aus um sowohl Jacke, Schuhe als auch Socken zu kaufen. Sie überlegen also nun, ob es gerecht wäre das fehlende Geld aus dem Bekleidungsgeld des Jugendlichen B zu nehmen, da dieses übrig ist und sonst zurück ans Jugendamt geht.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das ethische Bewusstsein als Grundlage sozialarbeiterischer Praxis und Hinführung zur Fragestellung des Spannungsfeldes zwischen Recht und Moral.
Recht und Moral: Historische und theoretische Reflexion über die Wechselwirkungen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von gesetzlichen Normen und moralischen Wertvorstellungen.
Fallbeispiel: Darstellung eines konkreten, fiktiven Dilemmas in der stationären Jugendhilfe, bei dem der gesetzliche Rahmen mit dem akuten Hilfebedarf eines Jugendlichen kollidiert.
Deontologie: Erläuterung der Pflichtethik nach Immanuel Kant, insbesondere des Kategorischen Imperativs als Maßstab für moralisch korrektes Handeln.
Anwendung der Deontologie auf das Fallbeispiel: Analyse der ethischen Implikationen des Fallbeispiels durch die Brille der Pflichtethik, mit dem Ergebnis der Ablehnung einer zweckentfremdenden Ressourcenumverteilung.
Tugendethik: Vorstellung der aristotelischen Tugendethik, fokussiert auf die Ausbildung eines guten Charakters und die Wahrung der "goldenen Mitte".
Anwendung der Tugendethik auf das Fallbeispiel: Anwendung der Tugendethik zur Suche nach einer rechtschaffenen Lösung, die den Mittelweg zwischen striktem Regelgehorsam und eigenmächtiger Umverteilung finden soll.
Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse, die verdeutlicht, dass es keine universelle Antwort auf das ethische Dilemma gibt, sondern die professionelle Haltung der Fachkraft maßgeblich ist.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Ethik, Moral, Deontologie, Tugendethik, Immanuel Kant, Aristoteles, Fallbeispiel, Kinder- und Jugendhilfe, SGB VIII, Recht, Kategorischer Imperativ, Professionelles Handeln, Ressourcengerechtigkeit, Dilemma
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen gesetzlichen Vorgaben und moralisch notwendigem Handeln in der Sozialen Arbeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Recht und Moral, die Anwendung ethischer Theorien auf konkrete Praxisbeispiele in der Jugendhilfe sowie die professionelle Entscheidungsfindung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, anhand eines Fallbeispiels aufzuzeigen, wie unterschiedliche ethische Theorien zu einer Situation beurteilt werden und ob ein Umgehen gesetzlicher Rahmenbedingungen ethisch vertretbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-normative Analyse, die mittels eines fiktiven Fallbeispiels angewandt auf deontologische und tugendethische Ansätze durchgeführt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Moral, die detaillierte Vorstellung der Ethiktheorien Kants und Aristoteles sowie deren Anwendung auf das Ressourcen-Dilemma eines Jugendlichen.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Ethik, Moral, Pflichtethik, Tugendethik, soziale Gerechtigkeit, gesetzliche Rahmenbedingungen und Fallarbeit.
Wie bewertet die Deontologie den Fall?
Nach Kant ist die Umverteilung von Mitteln unzulässig, da ein allgemeingültiges Gesetz zur Zweckentfremdung von Geldern zum Zusammenbruch des Hilfesystems führen würde.
Was empfiehlt die Tugendethik in diesem speziellen Fall?
Die Tugendethik plädiert für die Suche nach einer "goldenen Mitte", etwa durch Klärung und Einverständnis der Beteiligten, statt eines strikten Festhaltens an Regeln oder eines eigenmächtigen Handelns.
Ist ein Ausweichen vom Gesetz in der Sozialen Arbeit immer falsch?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass es keine universelle Antwort gibt; das Handeln hängt von der ethischen Haltung und dem Abwägen der Fachkraft ab.
- Arbeit zitieren
- Alica Haslbeck (Autor:in), 2020, Pflicht- und Tugendethik in der Kinder- und Jugendhilfe. Die Umgehung des gesetzlichen Rahmens zum größtmöglichen Wohl der Klient*innen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1245783