Karten bilden einen elementaren Bestandteil der Gegenwartserfahrung. Im digitalen Zeitalter dienen virtuelle Kartendienste wie Google Maps dem Großteil der Bevölkerung als Navigationssysteme, die eine standort- und erfahrungsunabhängige Orientierung auf der Welt ermöglichen. Als realitätsgetreue Abbildung der Wirklichkeit – sei es in Form von vereinfachten Darstellungen des Straßennetzes, geographischen Informationen über die Beschaffenheit von Landschaftsstrukturen oder sogar detailreichen Fotografien – verstanden, sind Karten damit zu einem wesentlichen Bestandteil des Alltags avanciert.
Auch im Mittelalter spielten Karten bereits eine tragende Rolle. Bei der Betrachtung mittelalterlicher Weltkarten zeigt sich jedoch, dass die Darbietung der Welt beträchtlich von den Bildern moderner Zeugnisse abweicht. Ein grundlegendes Element, das moderne und mittelalterliche Weltkarten entzweit, ist die Darstellung Jerusalems als Zentrum der Erde. Diese Vorstellung geht auf die Bibel zurück, wie das eingangs gewählte Zitat zeigt. Zwar gilt die Heilige Stadt umgangssprachlich bis heute als Nabel der Welt und hat nach wie vor eine herausragende religiöse Bedeutsamkeit für die Mehrheit der Weltreligionen, allerdings ließe sich mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Karte finden, deren Gestaltung diesem Umstand im 21. Jahrhundert noch gerecht werden würde. Mittelalterliche Weltkarten dagegen visualisieren vielfältige räumliche und zeitliche Vorstellungen von der Welt, in denen Jerusalem oftmals den Kern des Geschehens bildet.
Dementsprechend stellt die vorliegende Arbeit die Analyse der Darstellungspraxis Jerusalems in mittelalterlichen Weltkarten in den Fokus und geht dabei der Frage nach, welche Erkenntnisse sich hinsichtlich der Bedeutung Jerusalems aus der Gestaltung generieren lassen. Anliegen dieser Arbeit ist es zu veranschaulichen, wie die Heilige Stadt abgebildet wird und welche Vorstellungen, Erkenntnisse und Konnotationen damit korrelieren sowie mögliche Entwicklungen und Veränderungen im Laufe der Zeit sichtbar zu machen. Zunächst werden dafür allgemeine Besonderheiten mittelalterlicher Weltkarten erörtert. Dann folgt eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung Jerusalems im
Mittelalter, die es bei der Analyse und Interpretation der Karten zu berücksichtigen gilt. Diese
Vorgehensweise konstituiert eine Basis für die sich anschließende Analyse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mittelalterliche Weltkarten
3. Bedeutung Jerusalems im Mittelalter
4. Darstellung Jerusalems in mittelalterlichen Weltkarten
4.1 Frühmittelalter
4.2 Hochmittelalter
4.3 Spätmittelalter
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
7. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Darstellungspraxis Jerusalems in mittelalterlichen Weltkarten, um zu untersuchen, welche Erkenntnisse über die Bedeutung der Heiligen Stadt aus deren kartographischer Gestaltung abgeleitet werden können.
- Analyse der kartographischen Darstellung Jerusalems im Mittelalter
- Vergleichende Betrachtung von Schlüsseldokumenten (Ebstorfer, Londoner Psalter- und Hereford-Karte)
- Untersuchung der religiösen und symbolischen Konnotationen der Raumgestaltung
- Einordnung der Entwicklungen in den zeitlichen Kontext des Frühlings-, Hoch- und Spätmittelalters
- Diskussion der Bedeutung Jerusalems als religiöses und geographisches Weltzentrum
Auszug aus dem Buch
Besonders verbreitet sind im Mittelalter sogenannte T-O-Karten
Besonders verbreitet sind im Mittelalter sogenannte T-O-Karten, deren Name sich auf das der Karte zugrunde liegende Schema stützt. Die Karten zeigen die Erde in einem kreisförmigen, vom Ozean gerahmten Format, das durch ein T mit dem Mittelmeer als Schaft sowie Don und Nil als Querbalken die drei bekannten Kontinente Europa, Afrika und Asien voneinander abgrenzt, wobei letzterer Erdteil die obere Hälfte der Karte füllt, womit eine Ostung der Karte einhergeht. Das Schema lässt sich in dem überwiegenden Teil der mittelalterlichen Weltkarten wiederfinden, wenn auch in teils abgewandelter oder reduzierter Form.
Zusammenfassend lässt sich damit festhalten, dass mittelalterliche Weltkarten keine für moderne Karten typische Reproduktion des physischen Raumes darstellen, sondern ein Ausdruck der zeitgenössischen intellektuellen, politischen und sozialen Auseinandersetzung mit der Deutung von Raum und Zeit sind, in der Jerusalem oftmals eine tragende Rolle spielt. Diese Perspektive gilt es bei der späteren Analyse zu berücksichtigen. Für ein besseres Verständnis der vormodernen Sicht der Welt wird im Folgenden die Bedeutung Jerusalems im Mittelalter herausgearbeitet, sodass die Karten vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Diskurses um Jerusalem betrachtet werden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und erläutert die Forschungsfrage, die sich mit der Analyse der Darstellung Jerusalems als Weltzentrum in mittelalterlichen Karten befasst.
2. Mittelalterliche Weltkarten: Hier werden die allgemeinen Besonderheiten und die subjektive Natur der mittelalterlichen Mappae mundi sowie deren theologisch und heilsgeschichtlich geprägte Ausrichtung dargelegt.
3. Bedeutung Jerusalems im Mittelalter: Das Kapitel beleuchtet die Rolle Jerusalems als unbestrittenes Zentrum der Welt im christlichen Mittelalter sowie als bedeutendste Pilgerstätte.
4. Darstellung Jerusalems in mittelalterlichen Weltkarten: Dieser Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte, welche die kartographische Praxis Jerusalems im Frühmittelalter, Hochmittelalter und Spätmittelalter detailliert analysieren.
4.1 Frühmittelalter: Untersuchung der Karten des frühen Mittelalters, bei denen Jerusalem bereits als geistliche Stätte hervorgehoben wird, jedoch selten als absolutes Weltzentrum auftritt.
4.2 Hochmittelalter: Analyse der zunehmenden Zentrierung Jerusalems als Folge der Kreuzzüge und der Etablierung komplexer symbolischer Ausdrucksformen wie Kreisen und quadratischen Stadtmauern.
4.3 Spätmittelalter: Betrachtung der abnehmenden Tendenz des Jerusalemfokus im Spätmittelalter, wobei die Gestaltungspraxis weiterhin durch ein Nebeneinander verschiedener Intentionen der Kartographen geprägt bleibt.
5. Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse, die feststellt, dass keine lineare zeitliche Entwicklung vorliegt, sondern eine tendenziell verstärkte Zentralisierung Jerusalems besonders in den prächtigen Karten des Hochmittelalters stattfand.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
7. Anhang: Bereitstellung der visuellen Belege in Form von Abbildungen der analysierten Karten.
Schlüsselwörter
Jerusalem, Mittelalter, Weltkarten, Mappae mundi, Kartographie, Heilsgeschichte, T-O-Schema, Weltzentrum, Pilgerstätte, Symbolik, Ebstorfer Weltkarte, Hereford-Karte, Psalterkarte, Raumdeutung, Kreuzzüge
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Darstellung von Jerusalem in mittelalterlichen Weltkarten und untersucht, welche Informationen sich daraus über die zeitgenössische Bedeutung der Stadt gewinnen lassen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die mittelalterliche Kartographie, die religiöse Symbolik in der Kartengestaltung sowie die historische Bedeutung Jerusalems als christliches Pilgerziel und Zentrum der Welt.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu veranschaulichen, wie Jerusalem in christlichen Weltkarten abgebildet wird und ob sich aus der Gestaltung Schlussfolgerungen über die sich wandelnde Bedeutung der Stadt im Laufe der Epochen ziehen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Analyse von Kartenelementen, wobei sie insbesondere auf die wissenschaftlichen Arbeiten von Ingrid Baumgärtner zurückgreift, um Schlüsseldokumente zu interpretieren.
Was deckt der Hauptteil der Arbeit ab?
Im Hauptteil werden chronologisch das Frühmittelalter, das Hochmittelalter und das Spätmittelalter analysiert, um die Entwicklung der kartographischen Darstellungspraxis im Hinblick auf Jerusalem aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Jerusalem, Mappae mundi, Weltzentrum, Kartographie, Heilsgeschichte und das T-O-Schema charakterisiert.
Warum wird im Hochmittelalter eine stärkere Zentrierung Jerusalems auf Karten beobachtet?
Dies ist primär auf den Einfluss der Kreuzzugspropaganda und des Aufrufs von Papst Urban II. zurückzuführen, die Jerusalem ideologisch noch stärker als Nabel der Welt festigten.
Welche symbolische Bedeutung haben geometrische Formen wie der Kreis oder das Quadrat bei der Stadtplanung?
Der Kreis wird häufig als Symbol für himmlische Vollkommenheit gedeutet, während das Quadrat, oft angelehnt an Beschreibungen aus der Offenbarung des Johannes, Beständigkeit und irdische Vollständigkeit symbolisiert.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2021, Jerusalem als Nabel der Welt. Zur Darstellungsweise der Heiligen Stadt in mittelalterlichen Weltkarten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1247575