Friedrich Wilhelm I., Sohn des ersten preußischen Königs Friedrich und Vater Friedrichs des Großen, ist in die Geschichte als Soldatenkönig, als Wüterich und Prügelsüchtiger, aber auch als Begründer des preußischen Staates, als Heilsbringer der preußischen Tugenden, ja sogar als „Revolutionär auf dem Thron“ eingegangen. Sein Bild in der Geschichte schwankt zwischen seiner reizbaren und bisweilen gewalttätigen Persönlichkeit auf der einen und seinen Leistungen als „größter innerer König“ auf der anderen Seite. Den Grundstein für beide Deutungen legten seine eigenen Kinder.
Dabei blieben zwei Facetten seines Lebens oft völlig unberührt: seine ihn zeichnenden und stark einschränkenden Krankheiten und seine Leidenschaft für die Jagd.
Um den ersten Aspekt hat sich Hans-Joachim Neumann verdient gemacht. Auch wenn Neumann ein äußerst positives, ja schon überschwängliches Bild des Königs zeichnet und seine Gefühlsausbrüche mit seinen Krankheiten verzeiht, so hat er doch den Krankheitsverlauf und die damit verbundenen Einschränkungen aufgearbeitet und der Geschichtsschreibung zugänglich gemacht.
Zur Jagdleidenschaft des Königs gibt es aber so gut wie keine Ausarbeitung. Die Jagd wird zwar als des Königs größtes Vergnügen oft am Rande erwähnt und dabei seiner Persönlichkeit zugeschrieben, doch eine ordentliche Sichtung der Quellen zu diesem Aspekt seines Lebens fehlt völlig. Dabei hat Friedrich Wilhelm I. einen großen Teil seines Lebens mit der Jagd verbracht. Umso mehr verwundert, dass die Jagd bei der Bewertung seiner Persönlichkeit und seines Wirkens völlig ausgeblendet wird.
Will man sich speziell dem preußischen König Friedrich Wilhelm I. und der Jagd widmen, muss man sich zuvorderst einer Quellenaufarbeitung zuwenden. Dies wird, nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der Jagd in der Frühen Neuzeit, Hauptaufgabe dieser Arbeit sein. Die Quellen sollen Aufschluss darüber geben, welche Bedeutung die Jagd im Leben Friedrich Wilhelms einnahm, welchen Einfluss sie auf seine Umgebung, auf den Hof und seine Regierungstätigkeit nahm und welche Bestimmungen ihm als Jagdherrn von Brandenburg-Preußen wichtig waren. Denn erst die Kenntnis über die Jagdleidenschaft des Königs als eines der hauptsächlichen Bestandteile seiner Persönlichkeit führt zu einem vollständigen Bild über Friedrich Wilhelm I.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Jagd in der Frühen Neuzeit
1.1 Jagdregal der Landesherren
1.2 Die Jagd in Brandenburg-Preußen
2. Friedrich Wilhelm I. als Jagdherr
2.1 Holz-, Mast- und Jagdordnungen 1719/20
2.2 Edikte
3. Friedrich Wilhelm I. als Jäger
3.1 Jugend- und Kronprinzenzeit
3.2 Der „Jägerkönig“
3.2.1 Der Frühling in Potsdam
3.2.2 „Königs“ Wusterhausen im Spätsommer und Herbst
3.2.3 Saujagen im Winter
3.2.4 Lernen von Dessau
3.2.5 Der Hof
3.2.6 Das Ausland
3.2.7 Kritik
3.2.8 Krankheit und Tod
3.3 Das Jagdschloss Stern
4. Jagen und Regieren
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die bisher stark vernachlässigte Rolle der Jagdleidenschaft im Leben des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. Ziel ist es, mittels einer fundierten Quellenanalyse aufzuzeigen, wie diese Passion sein Handeln als Landesherr, seinen Alltag am Hof und seine Regierungsführung maßgeblich beeinflusste.
- Bedeutung der höfischen Jagd in der Frühen Neuzeit
- Rechtliche Grundlagen und Regulierungen durch Jagdordnungen und Edikte
- Persönliches Jagdleben des „Soldatenkönigs“ und sein Jägerethos
- Einfluss der Jagdleidenschaft auf die Hoforganisation und Staatsverwaltung
- Physische Auswirkungen der Jagd auf den Gesundheitszustand des Königs
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Der Frühling in Potsdam
Im April, wenn sich Friedrich Wilhelm wie üblich in der Frühlingszeit in Potsdam aufhielt, wurde dort der Reiherbeize nachgegangen. „Die Raiger-Peitz betreffende, so wird dieselbe etliche Wochen nach einander gehalten, so offt das Wetter favorisiret, und Ihro Majestät der König dieser Lust genissen wollen“, so David Fassmann. „Zu solchem Ende begeben Sie sich auf eine Höhe, die bey nahe drey viertel Teutsche Meilen von Potsdam gelegen.“
Zur Reiherbeize reitet der König. An dem Ort, an dem Beize stattfindet, steht ein großer Herd, in dem ein großes Feuer brennt, beschreibt Fassmann. Man kann sich um dieses Feuer herumsetzen und sich wärmen. Wenn sich Reiher zeigen, werden die Falken von den Falknern im Tal steigen gelassen. Die Falken fangen den Vogel und halten ihn fest, bis der Falkner kommt und ihn aufnimmt. „Die Falckenierer überbringen den Raiger dem Ober- oder Hof-Jägermeister, und der Hof-Jägermeister praefendiret ihn dem König, von dem er mit einem Ring gepeitzet, und sodann wieder in die freie Lufft gelassen wird.“ Der König bedient sich dieser Lust am Nachmittag. Auch die Königin schaut sich das Spektakel bisweilen an, erzählt Fassmann, indem sie sich in einer Kutsche zum Geschehen fahren lässt, jedoch nie absteigt, es sie denn, Gäste seien zu Besuch.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die historische Bedeutung von Friedrich Wilhelm I. ein und identifiziert seine Jagdleidenschaft als bisher unterbeleuchteten, aber wesentlichen Aspekt seiner Persönlichkeit und Regierungszeit.
1. Die Jagd in der Frühen Neuzeit: Dieses Kapitel bettet die höfische Jagd in den historischen Kontext der Frühen Neuzeit ein und erläutert die Bedeutung des Jagdregals für die landesherrliche Machtausübung.
2. Friedrich Wilhelm I. als Jagdherr: Hier wird analysiert, wie der König durch umfangreiche Holz-, Mast- und Jagdordnungen sowie verschärfende Edikte seinen Einfluss auf die Forst- und Jagdwirtschaft institutionalisierte.
3. Friedrich Wilhelm I. als Jäger: Dieser Hauptteil beleuchtet detailliert das persönliche Jägerleben des Königs, von seiner Jugend in Wusterhausen bis zu seinem Wirken als „Jägerkönig“, und geht dabei auf Aspekte wie Technik, Hoforganisation, Krankheit und Kritik ein.
4. Jagen und Regieren: Das Kapitel diskutiert das Spannungsfeld zwischen der intensiven jagdlichen Tätigkeit und den Regierungsverpflichtungen und kommt zu dem Schluss, dass die Jagd die Effektivität der Staatsverwaltung behinderte.
Zusammenfassung: Das Fazit fasst die Kernergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, Friedrich Wilhelm I. auch als „Jägerkönig“ zu begreifen, um sein Handeln ganzheitlich zu verstehen.
Schlüsselwörter
Friedrich Wilhelm I., Soldatenkönig, Jagd, Preußen, Parforcejagd, Wusterhausen, Jagdordnung, Hofstaat, Jägerei, Forstwirtschaft, Wilddiebe, Podagra, Herrscherbild, Frühe Neuzeit, Jagdschloss Stern
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die bislang kaum beachtete, aber zentrale Rolle der Jagdleidenschaft im Leben und Handeln des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Themenfelder umfassen das Jagdwesen der Frühen Neuzeit, die preußische Gesetzgebung durch Jagdordnungen, den Einfluss der Jagd auf die Hoforganisation sowie die Wechselwirkung zwischen dem königlichen Privatvergnügen und den Regierungsgeschäften.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit die Jagdleidenschaft ein prägender Bestandteil der Persönlichkeit Friedrich Wilhelms I. war und wie stark sie sein Verhalten als „Soldatenkönig“ beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Quellenanalyse, unter anderem durch die Auswertung zeitgenössischer Berichte, Briefwechsel (insbesondere an den Fürsten von Anhalt-Dessau) und offizieller Jagdordnungen und Edikte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem persönlichen Jagdleben des Königs, analysiert dessen „Jägerkultur“, die Rolle von Wusterhausen und Potsdam als Jagdresidenzen sowie die physischen Auswirkungen der Jagd auf seine Gesundheit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Friedrich Wilhelm I., Jagd, Parforcejagd, preußischer Absolutismus, Staatsverwaltung und die persönliche Leidenschaft des Königs.
Warum wird Friedrich Wilhelm I. in diesem Werk auch „Jägerkönig“ genannt?
Der Autor führt diesen Begriff ein, um neben dem historisch etablierten Titel „Soldatenkönig“ eine weitere, für das Verständnis seiner Persönlichkeit essenzielle Facette seines Lebens in den Fokus zu rücken.
Welchen Einfluss hatte die Jagd auf den Gesundheitszustand des Königs?
Die Arbeit legt dar, dass der König seine physischen Leiden, insbesondere Gichtanfälle (Podagra), durch exzessive körperliche Betätigung auf der Jagd verschlimmerte, während er selbst fälschlicherweise glaubte, die Jagd stärke seine Gesundheit.
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- Harald Kümmel (Author), 2006, Friedrich Wilhelm I. und die Jagd, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124802