Der Islam gehört heute zum gesellschaftlichen Alltag vieler europäischer Großstädte. Nicht nur Immigrant_innen der ersten Generation fühlen sich ihm zugehörig, auch junge Menschen, die in Deutschland oder Frankreich aufgewachsen sind, praktizieren ihre Religion. Das Bild, das die Öffentlichkeit von Muslim_as hat, scheint überwiegend negativ. Oft werden sie aufgrund ihrer Herkunft oder Religion stigmatisiert und von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen. Sie gelten als „Traditionalisten“, die dem „westlichen Fortschritt“ oder der Emanzipation ablehnend gegenüber stehen. Sie werden als „Fremde“ angesehen, die sich nicht integrieren wollen. Oft findet auch die Gleichsetzung mit Gewalt, Fundamentalismus oder Terrorismus statt.
Die nachindustrielle Moderne und die zunehmende Globalisierung führten in Frankreich wie auch in Deutschland zu einer Schwächung bestehender Wertesysteme. Eine zunehmende Individualisierung ist die Folge. Jeder einzelne ist gefordert, sich und sein Leben selbst zu entwerfen. In den Einwandererländern geschieht dies mit Hilfe des Islams, der es den Einwander_innen ermöglicht, sich sowohl von der übrigen Gesellschaft abzugrenzen als auch sich zu integrieren. Tietze möchte in ihrem Buch „Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich.“ zeigen, wie diese Strategien, sich selbst zu entwerfen, funktionieren.
Sie will zeigen, dass Muslim sein kein statisches Programm ist, sondern sich vorherrschenden Umständen anzupassen versucht. Es ist ein Prozess, in dem sich das Individuum als handelndes Subjekt immer wieder neu entwirft. Als Beispiele dienten ihr junge muslimische Männer, die unter vergleichbaren sozialen Umständen leben. Anhand teilnehmender Beobachtung, Interviews und relevanter wissenschaftlicher Arbeiten entwickelt sie eine Typologie verschiedener Formen muslimischer Religiosität.
Das Buch lässt zwei Teile erkennen: Im ersten Teil führt die Autorin hin zum Thema, gibt Hintergrundinformationen (die im zweiten Teil ausführlicher diskutiert werden) und zeichnet die Portraits auf, auf denen sie ihre Arbeit stützt. Im zweiten Teil zieht sie einen Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich anhand ihrer gewonnen Erkenntnisse. Aufgrund des Umfanges und des von Tietze detailliert ausgearbeiteten theoretischen Rahmens, werde ich mich in dieser Arbeit „nur“ mit dem ersten Teil beschäftigen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Über die Autorin
1.1. Hintergrundinformationen zum Buch : politischer und sozialer Rahmen
2. Zentrale Thesen und Formen muslimischer Religiosität
3. Wissenschaftliche Diskurse vom Islam der Immigranten in der Literatur
3.1. Drei historische Konfigurationen des Islams in Frankreich
3.2. Wissenschaftliche Diskurse in Deutschland
4. Formen muslimischer Religiosität – Portraits junger Muslime in Deutschland und Frankreich
5. Zwischen believing und belonging – Die drei Phasen
6. Vergleich der religiösen Formen zwischen Deutschland und Frankreich
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der soziologischen Studie "Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich" von Nikola Tietze auseinander. Das Hauptziel ist die Untersuchung, wie junge muslimische Männer in beiden Ländern ihre Religiosität nutzen, um auf gesellschaftliche Ausgrenzung, soziale Missstände und den Zwang zur individuellen Identitätskonstruktion in der Moderne zu reagieren.
- Analyse der theoretischen Konzepte von Subjektivierung und Identitätsbildung im Kontext der Migration.
- Gegenüberstellung der wissenschaftlichen Diskurse über den Islam in Deutschland und Frankreich.
- Untersuchung der Rolle von Religiosität als Mittel zur Bewältigung von Diskriminierungserfahrungen.
- Darstellung von Typologien muslimischer Religiosität (Ethisierung, Utopisierung, Ideologisierung, Kulturalisierung).
- Reflexion der Bedeutung von Staatsbürgerschaft und kolonialgeschichtlichem Erbe für die Integration.
Auszug aus dem Buch
Zentrale Thesen und Formen muslimischer Religiosität
Zuerst gibt das Buch einen kurzen Überblick über (religiöse) Subjektivierungsprozesse und über die verschieden Formen von Religiosität. Tietze stellt einleitende Fragen, die dem Leser_in im Laufe der Kapitel sowohl direkt als auch indirekt beantwortet werden. Arbeitslosigkeit, Stigmatisierungen und Diskriminierungen seitens der Mehrheitsgesellschaft erschweren es den jungen Menschen, sich als autonomes Individuum zu verwirklichen. Davon ausgehend fragt sie nach der Identifikation mit dem Islam und der Rolle, die muslimische Religiosität für das Handeln dieser jungen Menschen spielt.
„In der Moderne steht das Individuum vor der ständigen Herausforderung, sich als handelndes Subjekt entwerfen zu müssen. Der moderne Individualismus, der zu einem immer größeren soziokulturellen Pluralismus führt und gesellschaftliche Institutionen in ihrer ordnungsetzenden Funktion schwächt, lässt diesen Zwang zur Autonomie zu einem permanenten Wunsch nach Subjektivität werden. Jedes soziale Handeln in postindustriellen Gesellschaften orientiert sich and dieser Prämisse. Subjektivierung ist als Prozeß zu verstehen, in dessen Verlauf die Person einerseits Distanz zu den eigenen sozialen Erfahrungen findet und andererseits zwischen verschiedenen Handlungsprinzipien wählt oder diese miteinander kombiniert.“
Die Religiosität kann also, so Tietze, wie die Ausübung eines Sportes oder Berufes zu einem entscheidenden Faktor im Subjektivierungsprozess werden. Das Individuum verhandelt theologische Inhalte und Praktiken neu und betont diese seiner Fasson entsprechend, was zu einem Zerfall der religiösen Tradition in verschieden Dimensionen führen kann. Somit lässt sich die spezifische Dynamik in der Konstruktion individueller Autonomie und der subjektiven Konzeption von sozialem Handeln erklären. Um nun „dem europäischen Islam“ ein wenig näher zu kommen, entwirft Tietze auf der Grundlage von Beobachtungen jugendlicher Männer mit Ausgrenzungserfahrungen und sozialen und ökonomischen Problemen in Deutschland und Frankreich, vier Formen von Religiosität.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik ein, dass Muslime in Europa häufig stigmatisiert werden und die Autorin untersucht, wie diese als handelnde Subjekte ihre Identität mittels des Islams neu entwerfen.
1. Über die Autorin: Dieses Kapitel stellt die Person Dr. phil. Nikola Tietze vor und beleuchtet die politischen und sozialen Rahmenbedingungen, die zu ihrem Forschungsinteresse führten.
2. Zentrale Thesen und Formen muslimischer Religiosität: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Subjektivierung erläutert und die vier identifizierten Religiositätsformen (Ethisierung, Utopisierung, Ideologisierung, Kulturalisierung) eingeführt.
3. Wissenschaftliche Diskurse vom Islam der Immigranten in der Literatur: Das Kapitel vergleicht die literarischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Islam in Frankreich und Deutschland anhand historischer Konfigurationen.
4. Formen muslimischer Religiosität – Portraits junger Muslime in Deutschland und Frankreich: Anhand von vier Portraits werden verschiedene Formen der gelebten muslimischen Religiosität im Alltag junger Männer veranschaulicht.
5. Zwischen believing und belonging – Die drei Phasen: Die Autorin identifiziert drei Phasen des Identitätsbildungsprozesses, in denen das Gleichgewicht zwischen persönlichem Glauben und sozialer Zugehörigkeit verhandelt wird.
6. Vergleich der religiösen Formen zwischen Deutschland und Frankreich: Dieses Kapitel vergleicht die Ergebnisse beider Länder und setzt sie in den Kontext der jeweiligen nationalen Gesellschaftssysteme.
Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung kritisiert die Abstraktion der Studie, würdigt jedoch die gelungene Verknüpfung von empirischen Interviews mit soziologischer Theorie.
Schlüsselwörter
Islam, muslimische Religiosität, Identitätsbildung, Migration, Subjektivierung, Deutschland, Frankreich, soziale Ausgrenzung, Integrationspolitik, Jugend, Diskriminierung, Moderne, Individualisierung, Identität, Soziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet eine Zusammenfassung und kritische Auseinandersetzung mit der Studie von Nikola Tietze über muslimische Identitäten junger Männer in Deutschland und Frankreich.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themen sind die Konstruktion von Identität unter Migrationsbedingungen, der Einfluss von Ausgrenzungserfahrungen auf die Religiosität und der Vergleich des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Islam in Deutschland und Frankreich.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie muslimische Jugendliche den Islam als Strategie nutzen, um sich als handelnde Subjekte in der modernen europäischen Gesellschaft zu positionieren und Diskriminierung zu begegnen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Nikola Tietze verwendet einen qualitativen Ansatz, der teilnehmende Beobachtungen, Interviews mit jungen Männern sowie eine Analyse der wissenschaftlichen Literatur umfasst.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung theoretischer Subjektivierungsprozesse, eine Analyse historischer Diskurse zur Migration und die Vorstellung biographischer Portraits, die unterschiedliche Typen muslimischer Religiosität aufzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Identitätskonstruktion, Subjektivierung, Integrationspolitik, religiöse Erinnerung, Diskriminierungserfahrung und das Spannungsfeld zwischen 'believing' und 'belonging'.
Warum unterscheidet Tietze zwischen Deutschland und Frankreich in der Wahrnehmung des Islams?
Tietze begründet dies mit den unterschiedlichen politischen Systemen, dem jeweiligen Staatsbürgerschaftsrecht sowie der kolonialen Vergangenheit Frankreichs, die zu abweichenden Diskursen über Integration und 'Fremdheit' führen.
Welche vier Formen der Religiosität werden in der Studie identifiziert?
Die Arbeit benennt die Ethisierung, Utopisierung, Ideologisierung und Kulturalisierung als Kategorien, durch die Jugendliche ihre religiöse Praxis in die moderne Lebenswelt integrieren.
- Quote paper
- Angela Beyer (Author), 2008, Zu Nikola Tietzes "Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich.", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124872