Zu Nikola Tietzes "Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich."

Zusammenfassung und Kritik


Hausarbeit, 2008

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Über die Autorin
1.1. Hintergrundinformationen zum Buch : politischer und sozialer Rahmen

2. Zentrale Thesen und Formen muslimischer Religiosität

3. Wissenschaftliche Diskurse vom Islam der Immigranten in der Literatur
3.1. Drei historische Konfigurationen des Islams in Frankreich
3.2. Wissenschaftliche Diskurse in Deutschland

4. Formen muslimischer Religiosität – Portraits junger Muslime in Deutschland und Frankreich

5. Zwischen believing und belonging – Die drei Phasen

6. Vergleich der religiösen Formen zwischen Deutschland und Frankreich

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Islam[1] gehört heute zum gesellschaftlichen Alltag vieler europäischer Großstädte. Nicht nur Immigrant_innen der ersten Generation fühlen sich ihm zugehörig, auch junge Menschen, die in Deutschland oder Frankreich aufgewachsen sind, praktizieren ihre Religion. Das Bild, das die Öffentlichkeit von Muslim_as hat, scheint überwiegend negativ. Oft werden sie aufgrund ihrer Herkunft oder Religion stigmatisiert und von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen. Sie gelten als „Traditionalisten“, die dem „westlichen Fortschritt“ oder der Emanzipation ablehnend gegenüber stehen. Sie werden als „Fremde“ angesehen, die sich nicht integrieren wollen. Oft findet auch die Gleichsetzung mit Gewalt, Fundamentalismus oder Terrorismus statt.

Die nachindustrielle Moderne und die zunehmende Globalisierung führten in Frankreich wie auch in Deutschland zu einer Schwächung bestehender Wertesysteme. Eine zunehmende Individualisierung ist die Folge. Jeder einzelne ist gefordert, sich und sein Leben selbst zu entwerfen. In den Einwandererländern geschieht dies mit Hilfe des Islams, der es den Einwander_innen ermöglicht, sich sowohl von der übrigen Gesellschaft abzugrenzen als auch sich zu integrieren. Tietze möchte in ihrem Buch „Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich.“ zeigen, wie diese Strategien, sich selbst zu entwerfen, funktionieren.

Sie will zeigen, dass Muslim sein kein statisches Programm ist, sondern sich vorherrschenden Umständen anzupassen versucht. Es ist ein Prozess, in dem sich das Individuum als handelndes Subjekt immer wieder neu entwirft.[2] Als Beispiele dienten ihr junge muslimische Männer, die unter vergleichbaren sozialen Umständen leben. Anhand teilnehmender Beobachtung, Interviews und relevanter wissenschaftlicher Arbeiten entwickelt sie eine Typologie verschiedener Formen muslimischer Religiosität.

Das Buch lässt zwei Teile erkennen: Im ersten Teil führt die Autorin hin zum Thema, gibt Hintergrundinformationen (die im zweiten Teil ausführlicher diskutiert werden) und zeichnet die Portraits auf, auf denen sie ihre Arbeit stützt. Im zweiten Teil zieht sie einen Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich anhand ihrer gewonnen Erkenntnisse. Aufgrund des Umfanges und des von Tietze detailliert ausgearbeiteten theoretischen Rahmens, werde ich mich in dieser Arbeit „nur“ mit dem ersten Teil beschäftigen.

1. Über die Autorin

Dr. phil. Nikola Tietze, geboren 1965, ist Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung. Sie studierte an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft und promovierte 1999 im Fach Soziologie an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales Paris und der Universität Marburg. Die Studie „Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich.“ ist die überarbeitete Fassung ihrer Dissertation, für die sie 2003 mit dem Norbert-Elias-Preis ausgezeichnet wurde.

Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen der nationalen und der europäischen Migrations- und Integrationspolitik. Sie befasst sich mit Rassismus, Religion und interreligiöser Dialoge, Lebensverhältnissen, Minderheiten und Konfliktbewältigungen. Neben o.g. Veröffentlichungen sind mindestens vier weitere erschienen, die sich überwiegend mit dem Islam befassen.[3]

Auf den Gedanken, über „Islam“ und „Muslime“ in Deutschland und Frankreich zu forschen, kam sie laut Interview[4] aufgrund ihres Interesses an der Frage nach dem Umgang mit Differenz und Fremdheit. Während ihres Aufenthaltes in Frankreich in den 90er Jahren musste sie Unterschiede in der Debatte um Muslime feststellen: Wenn in Deutschland von (muslimischen) Migrant_innen die Rede ist, wird das Gegensatzpaar Inländer-Ausländer aufgemacht. Muslim_as werden von der Mehrheitsgesellschaft als Ausländer wahrgenommen, auch wenn sie deutsche Staatsbürger sind. In Frankreich dagegen wurde und wird konkret der Islam thematisiert, denn in Frankreich werden laut Tietze Muslim_as eher als Bürger_innen des Landes anerkannt als in Deutschland.[5] Kulturelle Unterschiede würden in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland keine starke Thematisierung erfahren. Dies erleichtert den Muslim_as ein Sich-Zugehörig-Fühlen. Dieser Umstand, die Thematisierung bestimmter Fragestellungen und der Mangel an allgemeiner Literatur über Muslim_as in Deutschland ließen ihr Interesse bezüglich des (öffentlichen) Umgangs mit „dem Islam“ in beiden Ländern wachsen.

Interviews und teilnehmende Beobachtungen bildeten die Grundlage ihrer Studie, daraufhin entstand die gleichnamige Veröffentlichung „Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich.“, die ich in den folgenden Kapiteln darstellen und diskutieren werde.

1.1. Hintergrundinformationen zum Buch: politischer und sozialer Rahmen

Ein Interview mit Tietze lässt einige ihrer Grundgedanken zum Buch erkennen und liefert Hintergrundinformationen, die es erleichtern, die jeweiligen Situationen der Muslim_as in Frankreich und Deutschland zu verstehen.

Wenn es um die Frage geht, ob Muslim_as in Deutschland immer „Ausländer_innen“ bleiben, führt sie unterschiedliche Wahrnehmung seitens der Muslim_as und der Mehrheitsgesellschaft an. Die Mehrheitsgesellschaft mag diese Menschen obgleich ihrer Staatsbürgerschaft immer als „Ausländer“ wahrnehmen. Aus Sicht der Muslim_as stellt es sich jedoch anders dar. Tietzes Meinung nach ist die Selbstbezeichnung Muslim_a ein Zeichen dafür, sich nicht als Ausländer_in zu sehen, sondern als „Muslim_a in Deutschland“. Aufgrund geführter Interviews kommt sie zu dem Schluss, dass es diesen Muslim_as in Deutschland vor allem um Glaubensfragen geht und nicht um ihre Herkunft. Verständlicher Weise gibt es auch diejenigen, bei denen die ursprüngliche Staatsangehörigkeit im Vordergrund steht und sie die Religion als Mittel sehen, sich von der deutschen Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen.

Auf die Frage, ob Frankreich bei der „Integration[6] seiner Muslim_as“ weiter sei als Deutschland, kommt sie auf die kolonialgeschichtliche Vergangenheit Frankreichs zu sprechen.[7] In Frankreich setzt man sich schon länger mit der Integrationsfrage der dort lebenden Muslim_as auseinander.

Weiterhin bemerkt sie die Wichtigkeit bei der Definition des Staatsbürgerrechts, welches bei Integrationsprozessen eine Rolle spielt. In Frankreich haben, so Tietze, die meisten Muslim_as seit langem die französische Staatsbürgerschaft. Bei der Geburt auf französischem Boden werden sie automatisch zu Staatsbürger_innen des Landes. So ging es bei Debatten immer um Franzos_innen mit muslimischem Hintergrund. In Deutschland dagegen begann man sich erst ab dem Jahre 2000[8] mit der Frage nach Integration der in Deutschland lebenden Migrant_innen[9] auseinanderzusetzen. Erst seit diesem Zeitpunkt galten alle in Deutschland lebenden Muslim_as als potenzielle Staatsbürger_innen.

Andere Ereignisse, welche im Interview Erwähnung finden, sind die Aufstände in den Vororten Paris im Jahre 2005.[10] Tietzes Meinung nach haben diese Aufstände wenig mit dem Islam bzw. mit französischen Muslim_as zu tun. Die Aufstände seien das Resultat gärender sozialer Probleme. In Frankreich wird das Integrationsideal sozioökonomisch definiert. Die aus dem Stadtzentrum verdrängten Menschen hätten auf die herrschenden sozialen Missstände gewalttätig reagiert. Eine starke Ethnitisierung seitens der Politiker_innen habe erst im Nachhinein stattgefunden. An dieser Stelle stellt sich (mir) die Frage, ob nicht die sozialen Probleme das Resultat von Ausgrenzungen, Stigmatisierungen und Benachteiligungen aufgrund ethnischer Wurzeln oder der Religionszugehörigkeit sind. Sollte in Frankreich tatsächlich ein liberaleres Bewusstsein gegenüber „Fremden“ vorherrschen?

Laut Tietze würde ein solcher Aufstand in Deutschland kaum passieren, da die Konfrontationen der Jugendlichen mit dem Staat auf länder- bzw. kommunaler Ebene stattfinden. In Deutschland existiere im Gegensatz zu Frankreich keine starke Polarisierung zwischen Stadtzentrum und Randbezirken.

Es ist also von großer Notwendigkeit, den jeweiligen politischen, sozialen, ökonomischen und historischen Kontext zu beachten, will man sich ein Bild von einer bestimmten Gruppe, in diesem Fall der Muslime[11] in Frankreich und Deutschland, machen. Weiterhin müssen aber auch die räumlichen Dimensionen innerhalb des entsprechenden Landes berücksichtigt werden, wie sich bei dem Beispiel zu den Aufständen der Pariser Vororte zeigte.

Der Debatte um die Notwendigkeit eines gemeinsamen Wertekonsenses in der Gesellschaft steht Tietze eher kritisch gegenüber. Die Diskussion um gemeinsame Rechte[12] scheint für Deutschland sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance, eine politische Gemeinschaft zu schaffen.

2. Zentrale Thesen und Formen muslimischer Religiosität

Zuerst gibt das Buch einen kurzen Überblick über (religiöse) Subjektivierungsprozesse und über die verschieden Formen von Religiosität. Tietze stellt einleitende Fragen, die dem Leser_in im Laufe der Kapitel sowohl direkt als auch indirekt beantwortet werden. Arbeitslosigkeit, Stigmatisierungen und Diskriminierungen seitens der Mehrheitsgesellschaft erschweren es den jungen Menschen, sich als autonomes Individuum zu verwirklichen. Davon ausgehend fragt sie nach der Identifikation mit dem Islam und der Rolle, die muslimische Religiosität für das Handeln dieser jungen Menschen spielt.

„In der Moderne steht das Individuum vor der ständigen Herausforderung, sich als handelndes Subjekt entwerfen zu müssen. Der moderne Individualismus, der zu einem immer größeren soziokulturellen Pluralismus führt und gesellschaftliche Institutionen in ihrer ordnungsetzenden Funktion schwächt, lässt diesen Zwang zur Autonomie zu einem permanenten Wunsch nach Subjektivität werden. Jedes soziale Handeln in postindustriellen Gesellschaften orientiert sich and dieser Prämisse. Subjektivierung ist als Prozeß zu verstehen, in dessen Verlauf die Person einerseits Distanz zu den eigenen sozialen Erfahrungen findet und andererseits zwischen verschiedenen Handlungsprinzipien wählt oder diese miteinander kombiniert.“[13]

Die Religiosität kann also, so Tietze, wie die Ausübung eines Sportes oder Berufes zu einem entscheidenden Faktor im Subjektivierungsprozess werden.[14] Das Individuum verhandelt theologische Inhalte und Praktiken neu und betont diese seiner Fasson entsprechend, was zu einem Zerfall der religiösen Tradition in verschieden Dimensionen führen kann.[15] Somit lässt sich die spezifische Dynamik in der Konstruktion individueller Autonomie und der subjektiven Konzeption von sozialem Handeln erklären. Um nun „dem europäischen Islam“ ein wenig näher zu kommen, entwirft Tietze auf der Grundlage von Beobachtungen jugendlicher Männer mit Ausgrenzungserfahrungen und sozialen und ökonomischen Problemen in Deutschland und Frankreich, vier Formen von Religiosität.

„Die individualisierte Identifikation mit dem Islam führt dazu, dass Glauben und Integration in eine religiöse Erinnerungsgruppe, die traditionell eine Einheit bilden, auseinanderdriften. Davon ausgehend lassen sich vier verschiedene Formen muslimischer Religiosität beobachten.“[16]

[...]


[1] Obgleich der Diskussionen über die Gültigkeit bezüglich der Bezeichnung „der Islam“ werde ich sie aus Gründen einer einheitlichen und allgemein verständlichen Begriffsfindung benutzen.

[2] Tietze befragte zwar ausschließlich Männer, trotzdem werde ich auch von Muslimas sprechen, da ich davon ausgehe, dass sich auch bei Frauen unterschiedliche Formen von Religiosität finden lassen.

[3] Muslims´ Collective Self-description as Reflected in the Institutional Recognition of Islam: The Islamic Charta of the Central Council of Muslims in Germnay and Case Law in German Courts (2008), Zinedine Zidane oder das Spiel mit den Zugehörigkeiten (2006), Gemeinschaftsnarrationen in der Einwanderungsgesellschaft. Eine Fallstudie über Palästinenser in Berlin (2006), Ausgrenzung als Erfahrung. Islamisierung des Selbst als Sinnkonstruktion in der Prekarität (2006): http://www.bpb.de/wissen/J88F69,0,0,Expertin_Experte.html?rid=248 vom 21.12.2008

[4] Interview (2007): http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-641/_cmt-db5d41493a0c639f3293 db9b5d42ab8a/i.html

[5] Als Grund für ein unterschiedliches Zugehörigkeitsbewusstein der Muslim_as in Deutschland und Frankreich könnte u. a. im Recht auf die Staatsbürgerschaft der jeweiligen Länder liegen. In Frankreich erhalten, in diesem Falle Muslime, die in Frankreich geboren wurden, die Staatsbürgerschaft automatisch. In Deutschland gestaltet sich das Recht auf die deutsche Staatsbürgerschaft weitaus schwieriger.

[6] Für mich gestaltet sich der Begriff der Integration „schwierig“. Ich werde diesen wie auch andere Begriffe, die sich meines Erachtens als schwierig erweisen, keiner Definition unterziehen, da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

[7] Laut Interview (2007).

[8] Reform des Staatsbürgerrechtes

[9] Aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs wurden in Deutschland während der 60er Jahre Arbeiter_innen gesucht und aus verschiedenen europäischen Ländern sowie aus der Türkei angeworben.

[10] Ende Oktober 2005 liefern sich Polizei und Jugendliche in den Vororten Paris` Straßenkämpfe. Die Gründe für die „Rebellion der Beleidigten“ sind vielseitig. http://www.trend.infopartisan.net/trd1105/t341105.html vom 18.12.2008.

[11] Ich spreche in diesem Fall von Muslime, da es sich bei Tietze ausschließlich um männliche Jugendliche handelt.

[12] Als Beispiel könnte das Recht auf Religionsfreiheit benannt werden.

[13] Tietze beruft sich bei den Begriffen „Subjekt“ und „Subjektivierung“ auf die handlungssoziologischen Überlegungen Alain Touraines. (Tietze, Nikola 2001. Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich. Hamburg, HIS Verlagsges. mbH. 2001:7)

[14] Vgl. dazu das Kapitel „Mehmet – Der Taekwondo Anhänger“.

[15] Tietze, 2001:9.

[16] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zu Nikola Tietzes "Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich."
Untertitel
Zusammenfassung und Kritik
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Religionskritik von der Antike bis zur Moderne
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V124872
ISBN (eBook)
9783640299379
ISBN (Buch)
9783640304318
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zusammenfassung, Kritik, Untersuchung, Nikola, Tietze, Islamische, Identitäten, Formen, Religiosität, Männer, Deutschland, Frankreich, Religionskritik, Antike, Moderne
Arbeit zitieren
Angela Beyer (Autor), 2008, Zu Nikola Tietzes "Islamische Identitäten. Formen muslimischer Religiosität junger Männer in Deutschland und Frankreich.", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124872

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