Der deutsche Kapitalismus im Wandel

Untersuchung der Entwicklung einiger Teilsphären des deutschen Kapitalismus ausgehend von Peter A. Hall und David Soskice


Hausarbeit, 2007

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Deutsche Spielart des Kapitalismus nach Hall und Soskice

3. Wandel der Teilsphären
3.1 Handlungsweise der Banken
3.2 Umorientierung der Unternehmenspolitik
3.3 Mitbestimmung im deutschen Wirtschaftssystem
3.4 Veränderung des politischen Einflusses

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die deutsche Spielart des Kapitalismus hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten gewandelt. Besonders betroffene Bereiche sind die Unternehmensführung, die Rolle der Banken und der politische Einfluss. Dieser Wandlungsprozess hat das Verhalten der wirtschaftlichen und politischen Akteure verändert, so dass die neu entstandenen Strukturen einer aktualisierten Analyse bedürfen. Die Politikwissenschaftler Peter A. Hall und David Soskice haben in ihrem Buch „Varieties of Capitalism“ die deutsche Spielart des Kapitalismus eingeordnet und untersucht.

Peter A. Hall ist Professor der Europawissenschaften und Co-Direktor des „Program on Successful Societies“ am Canadian Institute for Advanced Research.[1] David Soskice ist Professor der Politikwissenschaft an der Duke University in North Carolina. Er hat darüber hinaus einen Lehrstuhl am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin (WZB) inne.[2]

Zur vergleichenden Analyse kapitalistischer Systeme wurden bisher der „modernization approach“ (Andrew A. Shonfield: 1965), der „neo-corporatism“ (Philippe Schmitter, Gerhard Lehmbruch: 1979) und der „social system of production approach“ (Michael J. Piore, Charles F. Sabel: 1986) herangezogen.[3] Hall und Soskice legen den Schwerpunkt bei ihrem Ansatz auf die unterschiedlichen, institutionellen Ausprägungen politisch verfasster, ökonomischer Systeme und ermöglichen auf dieser Basis eine vergleichende Analyse nationalkapitalistischer Systeme. Dieser Ansatz wird auch „Institutionenökonomie“ genannt.

Diese Arbeit will, ausgehend von Hall und Soskice, den Wandel der deutschen Spielart des Kapitalismus beschreiben. Dabei sollen die Spielart und der Ansatz der Autoren erläutert werden. Dazu werden nur einige Teilsphären der deutschen Kapitalismusvariante ausgewählt. Darüber hinaus soll mit Hilfe von themenbezogener Literatur, aktuellen Beispielen aus der Tagespresse und Statistiken überprüft werden, inwieweit der Ansatz zutreffend ist. Am Schluss sollen Aussagen dazu getroffen werden, ob Sicht von Hall und Soskice gestützt werden kann und wo Widersprüche bestehen.

2. Die deutsche Spielart des Kapitalismus nach Hall und Soskice

Hall und Soskice teilen die Wirtschaftsform des Kapitalismus in zwei Hauptformen, die „coordinated market economies“ und die „liberal market economies“, ein.[4] Die deutsche Spielart des Kapitalismus zählen sie zu den „coordinated market economies“ mit der speziellen Ausprägung der „industry-based coordination“[5]. Ungeachtet davon definieren Hall und Soskice in beiden Systemen die Unternehmen als zentrale Akteure im Bereich der politischen Ökonomie.

Merkmale der von Hall und Soskice beschriebenen deutschen Variante sind Unternehmensverbände, sektorale Gewerkschaften, vorgegebene Ausbildungsschemata und industriespezifische Fähigkeiten. Des weiteren zeichnet sich die deutsche Variante durch ein System mit koordinierten Löhnen, welche in jedem Sektor ausgehandelt sind, und industriespezifische Zusammenarbeit aus.[6]

Kernstück dieser Ausprägung ist die gegenseitige Verantwortung für das Wirtschaftssystem und die Priorisierung des Allgemeinwohls. Dies beinhaltet Unternehmen, Gewerkschaften, Arbeitnehmer, Politik und Banken. Typisch für den deutschen Kapitalismus ist die enge Verflechtung zwischen allen Bereichen. Die Akteure lösen Koordinationsprobleme mit Hilfe strategischer Interaktion und vorgegebener institutioneller Strukturen. Die Kooperation der verschiedenen Bereiche erhöht die allgemeine Effizienz.

Signifikant für das deutsche System ist eine enge Personen- und Kapitalverflechtung. Die Banken vergeben „patient capital“ unabhängig von der Bilanz oder Effizienz eines Unternehmens. Es ermöglicht den Unternehmen eine fähige Arbeitskraft in wirtschaftlich schlechten Zeiten zu behalten und in Projekte zu investieren, die sich nur auf lange Sicht auszahlen.[7] Dies ist nur möglich, weil es Zugang zu Informationen, die als privat und intern angesehen werden, gibt. Das deutsche System fußt auf dichten Netzwerken von Managern und technischem Personal, die wiederum mit ihren Kollegen aus anderen Unternehmen im Austausch stehen. Ferner gibt es „network reputational monitoring“. Die Informationen über die Arbeitsweise und die Reputation eines Unternehmens erhalten nur Personen, die eine enge Verflechtung zu einem Unternehmen haben. Diese Informationen sollen vor Beteiligungsnetzwerken geheim gehalten werden.[8]

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Gesamtstruktur der Märkte. Kooperierende Strategien wie Steuervergünstigungen, Sicherheitsregulationen und Netzwerkverflechtungen im Bereich Kapital und Personen sind sehr typisch für eine „coordinated market economy“, wie Deutschland.[9] Dies sind Gründe, warum Interessenten von Übernahmen und Fusionen abgehalten wurden.[10]

In CMEs werden industrielle Verflechtungsinstitutionen benötigt und dazu verwendet, um Problemen bezüglich des Abwerbens und der Ausbeutung von Arbeitskräften zu entgegnen. Verflechtungsinstitutionen wie Gewerkschaften sorgen dafür, dass die Löhne branchenspezifisch gleich hoch sind. Diese Aushandlungen verhindern inflationäre Gehälter.[11]

Sie sind sehr abhängig vom Ausbildungssystem, da sie hohe industriespezifische und firmenspezifische Fähigkeiten verlangen. Um dieses Ausbildungssystem zu überwachen, gibt es unter anderem industrieweite Arbeitnehmerverbände und Gewerkschaften. Diese setzen Firmen unter Druck auszubilden und überwachen deren Teilnahme. Die Arbeitskräfte erhalten nicht nur firmenspezifische Fähigkeiten, sondern auch überall Arbeitsplatzsicherheit.[12]

Unternehmen werden von Hall und Soskice als rational strategisch handelnde Akteure definiert, die mit anderen Akteuren in Beziehungen treten. Merkmale der deutsche Unternehmen sind „industrial relations“, „vocational training/education“, „corporate governance“, „inter-firm relations” und “internal structure”. Durch die interne Struktur müssen sich Manager bezüglich Unternehmensentscheidungen mit mehreren Akteuren, darunter Arbeitnehmervertretungen, Hauptaktionäre, Topmanager, Hauptlieferanten und wichtige Kunden, absprechen.[13]

Die deutschen Unternehmen können in einem hohen Maße auf die Unternehmensverflechtung bauen, die von einigen Institutionen gestützt werden. Diese Verflechtung ermöglicht unter anderem den Austausch von neuen Technologien und einer gemeinsamen Wissensbasis.[14] Das Zusammenwirken der unterschiedlichen institutionellen Strukturen ermöglicht ein effektives Wirtschaftssystem. Die Charakteristik der CMEs begünstigt „non-market coordination“, welche Zusammenarbeit und strategische Interaktion mit sich bringen.[15]

Je effektiver die Koordination zwischen Unternehmen und Partnern, desto besser die gesamtökonomische Leistung. Politische Entscheidungsträger können durch bestimmte Maßnahmen der Koordination im privatwirtschaftlichen Bereich die nationale wirtschaftliche Leistung steigern. Ökonomische Beschlüsse können nur fruchten, wenn sie „incentive compatible“ sind, d. h. sie müssen die Kapazitäten von Akteuren für „non-market coordination unterstützen“.[16] Mit Hilfe der Unternehmensverbände, Gewerkschaften und anderen Organisationen ist es möglich vertrauliche Informationen von den Unternehmen zu bekommen, um ein koordiniert orientiertes Gefüge zu verwalten. Die Verbände und Organisationen sind dabei in Positionen, in denen sie Unternehmen beobachten und sogar sanktionieren können.[17]

Für einen reibungslosen Ablauf dieser strukturellen Interaktionen kommt es auf die Organisation des staatlichen Bereichs an. Unternehmen müssen sich sicher sein können, dass eine Regierung an ihnen festhält und es Möglichkeiten gibt Verantwortliche für Abweichungen von Abkommen zur Rechenschaft zu ziehen. Eine starke Vertretung von Unternehmen in politischen Parteien, um Einfluss auf kritische Entscheidungen zu nehmen, ist daher unabdingbar. Dazu müssen Unternehmensgruppen über bestimmte Eigenschaften, wie zum Beispiel einer umfassenden und starken Mobilisierung von Wahlkreisen zur Einflussnahme auf politische Verhältnisse, verfügen.

Bedingen sich auf der einen Seite von den Unternehmen akzeptierte Maßnahmen der Regierung und auf der anderen Seite die Möglichkeiten von Unternehmen zur Einflussnahme auf die Politik, so funktionieren eine koordinierte Markwirtschaft und koordiniert orientierte Strategien der Politik gut nebeneinander.[18] Die Attraktivität für Investitionen in bestimmte Wirtschaftsgüter ist in CMEs höher, weil Investoren dort gefestigte und Einfluss nehmende Unternehmen vorfinden.[19]

[...]


[1] Vgl. http://www.gov.harvard.edu/faculty/phall (Stand: 26.09.2007).

[2] Vgl. http://fds.duke.edu/db/aas/PoliticalScience/soskice (Stand: 26.09.2007).

[3] Vgl. Hall, Peter; Soskice, David: An Indroduction to Varieties of Capitalism, in: dies. (Hg.), Varieties of Capitalism. The Institutional Foundation of Comparative Advantage, Oxford University Press, Oxford, 2001, S. 4f.

[4] Vgl. Hall, Peter; Soskice, David: An Indroduction to Varieties of Capitalism, in: dies. (Hg.), Varieties of Capitalism. The Institutional Foundation of Comparative Advantage, Oxford University Press, Oxford, 2001, S. 8.

[5] Vgl. ebd., S. 34.

[6] Vgl. ebd., S. 34.

[7] Vgl. ebd., S. 22.

[8] Vgl. Hall, Peter; Soskice, David: An Indroduction to Varieties of Capitalism, in: dies. (Hg.), Varieties of Capitalism. The Institutional Foundation of Comparative Advantage, Oxford University Press, Oxford, 2001, S. 23; Dabei dient das Ansehen eines Unternehmens zur Überwachung.

[9] Vgl. ebd., S. 23.

[10] Vgl. ebd., S. 24.

[11] Vgl. ebd., S. 24f.

[12] Vgl. ebd., S. 25f.

[13] Vgl. Hall, Peter; Soskice, David: An Indroduction to Varieties of Capitalism, in: dies. (Hg.), Varieties of Capitalism. The Institutional Foundation of Comparative Advantage, Oxford University Press, Oxford, 2001, S. 24.

[14] Vgl. ebd., S. 26.

[15] Vgl. ebd., S. 27.

[16] Vgl. ebd., S. 46.

[17] Vgl. ebd., S. 47.

[18] Vgl. Hall, Peter; Soskice, David: An Indroduction to Varieties of Capitalism, in: dies. (Hg.), Varieties of Capitalism. The Institutional Foundation of Comparative Advantage, Oxford University Press, Oxford, 2001, S. 48f.

[19] Vgl. ebd., S. 49.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der deutsche Kapitalismus im Wandel
Untertitel
Untersuchung der Entwicklung einiger Teilsphären des deutschen Kapitalismus ausgehend von Peter A. Hall und David Soskice
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Spielarten des Kapitalismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V125012
ISBN (eBook)
9783640307982
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapitalismus, Wandel, Spielarten, Kapitalismus
Arbeit zitieren
Anita Bethig (Autor), 2007, Der deutsche Kapitalismus im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125012

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