Die deutsche Spielart des Kapitalismus hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten gewandelt. Besonders betroffene Bereiche sind die Unternehmensführung, die Rolle der Banken und der politische Einfluss. Dieser Wandlungsprozess hat das Verhalten der wirtschaftlichen und politischen Akteure verändert, so dass die neu entstandenen Strukturen einer aktualisierten Analyse bedürfen. Die Politikwissenschaftler Peter A. Hall und David Soskice haben in ihrem Buch „Varieties of Capitalism“ die deutsche Spielart des Kapitalismus eingeordnet und untersucht.
Peter A. Hall ist Professor der Europawissenschaften und Co-Direktor des „Program on Successful Societies“ am Canadian Institute for Advanced Research. David Soskice ist Professor der Politikwissenschaft an der Duke University in North Carolina. Er hat darüber hinaus einen Lehrstuhl am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin (WZB) inne.
Zur vergleichenden Analyse kapitalistischer Systeme wurden bisher der „modernization approach“ (Andrew A. Shonfield: 1965), der „neo-corporatism“ (Philippe Schmitter, Gerhard Lehmbruch: 1979) und der „social system of production approach“ (Michael J. Piore, Charles F. Sabel: 1986) herangezogen. Hall und Soskice legen den Schwerpunkt bei ihrem Ansatz auf die unterschiedlichen, institutionellen Ausprägungen politisch verfasster, ökonomischer Systeme und ermöglichen auf dieser Basis eine vergleichende Analyse nationalkapitalistischer Systeme. Dieser Ansatz wird auch „Institutionenökonomie“ genannt.
Diese Arbeit will, ausgehend von Hall und Soskice, den Wandel der deutschen Spielart des Kapitalismus beschreiben. Dabei sollen die Spielart und der Ansatz der Autoren erläutert werden. Dazu werden nur einige Teilsphären der deutschen Kapitalismusvariante ausgewählt. Darüber hinaus soll mit Hilfe von themenbezogener Literatur, aktuellen Beispielen aus der Tagespresse und Statistiken überprüft werden, inwieweit der Ansatz zutreffend ist. Am Schluss sollen Aussagen dazu getroffen werden, ob Sicht von Hall und Soskice gestützt werden kann und wo Widersprüche bestehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die deutsche Spielart des Kapitalismus nach Hall und Soskice
3. Wandel der Teilsphären
3.1 Handlungsweise der Banken
3.2 Umorientierung der Unternehmenspolitik
3.3 Mitbestimmung im deutschen Wirtschaftssystem
3.4 Veränderung des politischen Einflusses
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Wandel der deutschen Spielart des Kapitalismus, ausgehend von der theoretischen Einordnung durch Peter A. Hall und David Soskice. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich damit, inwiefern der Wandel in verschiedenen Teilsphären des deutschen Wirtschaftssystems stattgefunden hat und ob der Ansatz der Autoren angesichts aktueller Entwicklungen weiterhin Bestand hat oder Widersprüche aufweist.
- Analyse der theoretischen Grundlagen von "Varieties of Capitalism"
- Untersuchung des Wandels in der Handlungsweise deutscher Banken
- Untersuchung der Umorientierung der Unternehmenspolitik (Shareholder-Value)
- Bewertung der Stabilität und Bedeutung der Mitbestimmung
- Einfluss der Politik auf die Struktur des deutschen Kapitalismus
Auszug aus dem Buch
3.1 Handlungsweise der Banken
Nach Hall und Soskice sind die deutschen Unternehmen insofern von Profitabilität unabhängig, weil das Finanzsystem der CMEs sie zuverlässig mit Kapital versorgt. Bis Mitte der neunziger Jahre waren tatsächlich alle deutschen Banken Hausbanken und haben obige Funktion erfüllt. Sie hatten in der Regel einen oder mehrere Vertreter der ihrer Bank im Aufsichtsrat verschiedener deutscher Großunternehmen sitzen. Dadurch konnte sich die Bank einen Überblick über die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens verschaffen und darüber hinaus Investitionen bzw. Kredite tätigen, um die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens zu garantieren. Des weiteren traten die Banken als ein Helfer in der Not auf, wenn zum Beispiel ein Unternehmen finanzielle Probleme hatte und eine Übernahmegefahr drohte. So wurde 1991 das Unternehmen Continental mit Hilfe der Hausbank Deutsche Bank vor einer feindlichen Übernahme durch den italienischen Reifenkonzern Pirelli bewahrt.
Durch die Globalisierung, veränderte Leitbilder von neuen Vorstandsvorsitzenden und diverse Gesetzesänderungen änderten sich auch die Handlungsweisen der Banken. Sie zogen sich immer mehr aus den Aufsichtsräten der Unternehmen zurück. Das neue Leitbild des Investmentbankings passte nicht zu einer engen Unternehmensverknüpfung. Eine gute Investmentbank ist eine Bank nur, wenn sie alle Seiten bedient. Sie darf sich keine Solidaritätsaktionen erlauben. Für einen Wandel der Banken spricht auch, dass der Aufwand im Privatkundengeschäft immer größer wurde und weniger Gewinn brachte. Weiterhin war die Konkurrenz zwischen den Banken gestiegen und Risiken des Kreditgeschäfts hatten sich verändert. Die Deutsche Bank begann als eine der ersten ab Anfang der neunziger Jahre ihre Kapitalverflechtung im Industriebereich zu reduzieren, um ihre Kontrollabsicht im Zuge des Internationalisierungsinteresses zu entkräften. Seit 1997 kann man sie als Investmentbank bezeichnen. Das erste große Beispiel feindlicher Unternehmensübernahme in der deutschen Kapitalismusgeschichte ist der Fall Mannesmann im Jahre 2000. Hier hinderte niemand, weder Banken, Unternehmen noch die Politik, Vodafone daran Mannesmann zu übernehmen. Nach dieser Übernahme folgten zahlreiche weitere Übernahmen. Der Bankenschutz und die enge Verflechtung zum Unternehmen hatten sich gewandelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in den Wandel der deutschen Spielart des Kapitalismus ein und skizziert die methodische Grundlage sowie das Ziel, den Ansatz von Hall und Soskice kritisch zu prüfen.
2. Die deutsche Spielart des Kapitalismus nach Hall und Soskice: Dieses Kapitel erläutert die Typologie von "coordinated market economies" und beschreibt die zentralen institutionellen Merkmale des deutschen Modells wie Unternehmensverflechtungen und Arbeitnehmerbeteiligung.
3. Wandel der Teilsphären: Der Hauptteil untersucht detailliert die Veränderungen in den Bereichen Banken, Unternehmensführung, Mitbestimmung und politische Einflussnahme.
3.1 Handlungsweise der Banken: Beschreibt den Rückzug der Banken aus der klassischen Hausbankenrolle und die Entwicklung hin zum Investmentbanking.
3.2 Umorientierung der Unternehmenspolitik: Analysiert den Druck auf Unternehmen, Strategien der Shareholder-Value-Orientierung einzuführen, und die damit einhergehende Entflechtung.
3.3 Mitbestimmung im deutschen Wirtschaftssystem: Untersucht die Stabilität der Mitbestimmung trotz des wirtschaftlichen Wandels und ihren Einfluss auf Transformationsprozesse.
3.4 Veränderung des politischen Einflusses: Beleuchtet, wie staatliche Gesetzgebung und politische Entscheidungen den Übergang zu marktliberalen Strukturen fördern.
4. Fazit: Fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zum Schluss, dass sich Deutschland zu einer Mischform aus koordiniertem und liberalem Marktsystem entwickelt hat.
Schlüsselwörter
Kapitalismus, Varieties of Capitalism, Hall und Soskice, Coordinated Market Economies, Deutschland AG, Banken, Unternehmensführung, Shareholder-Value, Mitbestimmung, Strukturwandel, Institutionenökonomie, Globalisierung, Kapitalverflechtung, Unternehmensnetzwerke, Privatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich die deutsche Spielart des Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat und ob die theoretische Einordnung durch das "Varieties of Capitalism"-Modell von Hall und Soskice diesen Wandel noch adäquat beschreiben kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die Rolle der Banken, die Unternehmenspolitik, das System der betrieblichen Mitbestimmung sowie der Einfluss der Politik auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Wandel in ausgewählten Teilsphären des deutschen Kapitalismus zu beschreiben und auf Basis von Literatur, Daten und Beispielen zu prüfen, ob der Ansatz von Hall und Soskice gestützt wird oder Widersprüche aufweist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden institutionenökonomischen Ansatz, kombiniert mit der Auswertung von Fachliteratur, Statistiken und aktuellen Fallbeispielen aus der Wirtschaftspolitik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von vier spezifischen Teilsphären: die Veränderung der Bankenrolle, die Umorientierung hin zur Shareholder-Value-Strategie, die Rolle der Mitbestimmung sowie die Rolle staatlicher Interventionen und Gesetzesänderungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Coordinated Market Economies", "Shareholder-Value", "Unternehmensverflechtung", "Mitbestimmung" und der Transformationsprozess der sogenannten "Deutschland AG".
Inwiefern hat sich die Rolle der Banken konkret verändert?
Die Banken haben sich von ihrer klassischen Funktion als "Hausbanken" mit Aufsichtsratsmandaten zurückgezogen, um sich vermehrt auf Investmentbanking-Aktivitäten zu konzentrieren, was die bisherige enge Kapital- und Personenverflechtung in Deutschland maßgeblich erodiert hat.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Mitbestimmung?
Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass die Mitbestimmung trotz der Umorientierung zu Shareholder-Value-Modellen nicht abgeschafft wurde, da sie eine stabile und weiterhin als sinnvoll erachtete Institution bleibt, die Transformationsprozesse sogar unterstützen kann.
Was bedeutet der Begriff "Mischform" im Fazit der Arbeit?
Der Begriff beschreibt den aktuellen Zustand Deutschlands, das nicht mehr eindeutig einer klassischen "koordinierten Marktökonomie" zugeordnet werden kann, sondern Elemente aus liberalen und koordinierten Systemen miteinander kombiniert.
- Citar trabajo
- Anita Bethig (Autor), 2007, Der deutsche Kapitalismus im Wandel, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125012