Sartre: Les troyennes - Eine Analyse


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Pourquoi les Troyennes?

3. Existenz und Schicksal
3.1 A chacune son maître
3.1.1 Kassandra
3.1.2 Andromache
3.1.3 Hekabe
3.2 Der Antagonismus zwischen Helena und Hekabe

4. Gott und die Götter

5. Euripides versus Sartre – Vorlage und Adaption

6. Für ein Situationstheater

7. Schlusswort

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Vorwort

Am 21. Juni 2005 ist Sartres hundertster Geburtstag. Dieser Tag wird einigen Anlass geben, den wohl größten französischen Philosophen und Schriftsteller des letzten Jahrhunderts zu würdigen. Sartre, der Mann, der besessen war von den Wörtern[1]. Sartre, der vom hässlichen Entlein zum Phönix wurde, welcher stets von neuem aus der Asche seiner Existenz aufstieg. Sartre, der das Denken und Bewusstsein der Nation war.

2. Pourquoi les Troyennes?

Vor vierzig Jahren, am 10.März 1965, wurde das Stück am T.N.P unter der Leitung von Georges Wilson uraufgeführt. Bis zum heutigen Tage hat es an Aktualität nichts eingebüßt. Selbst die Vorlage des Euripides, welche nunmehr 2420 Jahre alt ist, kann sich rühmen, wenn auch keinen direkten inhaltlichen, so doch einen thematisch-exemplarischen Bezug zur heutigen Wirklichkeit bewahrt zu haben. Zynischerweise muss man dazusagen, dass die sensible Thematik des Krieges, von welcher Seite man sie auch betrachten möge, doch stets die gleichen Kritikpunkte aufwirft. Aufgrund der Unbelehrsamkeit des Menschen kann ein solches Stück schwerlich jemals an Aktualität verlieren.

Sartre sieht „Die Troerinnen“ in einer Aufführung von Jaqueline Moatti. Vor dem Hintergrund des Algerienkrieges[2] (1954-62) sieht er sich veranlasst, eine eigene Bearbeitung des Stoffes vorzunehmen. Schon zu Euripides Zeit stellte das Stück eine klare Verdammung des Krieges im Allgemeinen und der Kolonialexpeditionen im Besonderen dar. Sartre transponiert dieselbe politische Intention auf das Atomzeitalter: « [U]ne guerre atomique ne laissera ni vainqeurs ni vaincus. » (T 6)

3. Existenz und Schicksal

3.1 A chacune son maître

« Les Troyens sont morts. Tous. Voici les Troyennes. » (Poseidon, T 14)

Troja ist zerstört. Die rauchenden Ruinen bilden eine triste Kulisse. Bei ihren Zelten sitzen die gefangen genommenen Frauen der gefallenen Trojaner. Thalthybios, ein Herold der Griechen, eilt herbei, um den Troerinnen ihr künftiges Los zu verkünden. Er wird auch im weiteren Verlauf des Stückes stets als „Hiobsbotschafter“ fungieren.

Das beinahe erwartungsvolle Abwarten ihres Schicksals (III. und IV. Szene) erklärt, dass sich die überlebenden Troerinnen gemäß einem allgemein akzeptierten Kriegskodex bereits als Beute der Griechen betrachten und keinerlei Hoffnung auf Verschonung hegen. Thalthybios tritt gewissermaßen als „Erlöser“ ihrer Mutmaßungen auf:

Alle Schicksale werden im Laufe der Tragödie in der nämlichen Reihenfolge vollstreckt, in welcher sie Thalthybios verkündet. « A chacune son maître. » (T 36)

In einer klimaktischen Abfolge wird zunächst Kassandra ihr Los zuteil. Sie beansprucht der Atridenkönig Agamemnon als Konkubine für sich. Die jungfräuliche Priesterin, welche Keuschheit gelobt hat, soll demnach im Feindesbett entehrt werden. Daraufhin wird Andromache ihr Los zuteil, welche dem Achillessohn Neoptolemos versprochen ist. Man möge sich ihre doppelte Pein vor Augen führen, da Achilles der Mörder ihres Mannes Hektor war und Neoptolemos ihre Schwägerin Polyxena öffentlich hinrichten ließ. Schließlich findet die Verkündung ihren Höhepunkt im Ausruf des verderblichsten aller Schicksale, nämlich dem der Hekabe, welche dem Odysseus als Sklavin dienen soll. Als greise und Leid geplagte Frau, deren Mann Priamos (auf Geheiß des Odysseus von Neoptolemos erschlagen), all ihre Söhne[3] und ihre jüngste Tochter Polyxena bereits tot sind, soll sie nun dem Gedankenvater der trojanischen List (hölzernes Pferd) zu Diensten sein. Hekabe verabscheut ihn und bezeichnet ihn als « monstre à la langue double », gleichwohl sie noch nicht ahnt, dass er auch noch ihren einzigen Enkel Astyanax töten lassen wird. (T 40)

Gemäß den aristotelischen Postulaten der klassischen Tragödie stellt Sartre ausschließlich die Schicksale königlicher und adliger Figuren dar. Interessant ist hierbei jedoch, dass er in dieser (vierten) Szene den Ausschluss der übrigen Troerinnen[4] von der zeremoniellen Losteilwerdung explizit erwähnt. Als diese nach ihrer Zukunft fragen, antwortet ihnen Thalthybios nämlich « ...ce n’est pas mon affaire. Le fretin, on va le tirer au sort » (T 41) Möglicherweise ist hierin ein Kritikpunkt Sartres an dem klassischen Regelwerk zu sehen. Wahrscheinlicher aber erscheint mir, dass Sartre hier eine bewusste Gewichtung zugunsten der namenhaften, und nur dadurch auch historisch bedeutsamen, Persönlichkeiten vornimmt, um auf die unzähligen „Namenlosen“ aufmerksam zu machen, die jeder Krieg fordert. Denn an Könige wird man sich erinnern, nicht an Krieger.

Als Thalthybios das Zelt der Troerinnen von außen rötlich leuchten sieht, befürchtet er ihren Suizid und fordert « ...pas de torches[5] vivantes. Ce serait trop commode pour elles » (T 41) Diese Aussage setzt die erschütterlichen Leiden der Troerinnen in ein neues Verhältnis zum Tod, welcher nunmehr angenehmer erscheint, als im derzeitigen Zustand weiterzuleben: Die Troerinnen haben alle ihre Männer in diesem Krieg verloren und sitzen nun mit abrasierten Haaren[6], in Lumpen gehüllt und von unsagbarem Schmerz gebrochen in ihren Zelten und warten auf ihre weitere Behandlung durch die feindliche Siegermacht. Ein weiteres Zitat soll diese Pein, die den Tod dem Leben vorzuzieht, untermauern: So spricht Thalthybios eingangs in kryptischen Formeln vom Tod Polyxenas[7], nicht ohne die Anmerkung «Cassandre elle-même l’enviera souvent.» (T 38) Seine Befürchtung des Selbstmordes unter den Troerinnen ist also durchaus gerechtfertigt. Doch Kassandra, die aus dem Zelt hervorstürmt, entwirft zunächst ein recht befremdendes Bild einer leidgeplagten Gefangenen, das sich jedoch später, unter näherer Betrachtung ihrer Motivation als kohärent herausstellt:

3.1.1 Kassandra

Mit einer brennenden Fackel in der Hand, welche stets auch als Symbol für den Untergang Trojas gesehen wird (vgl. Traum der Hekabe, Fußnote 7), ruft Kassandra in tänzerischer Trance den Hochzeitsgott Hymenaios[8] an. Im Angesicht größter Trauer und Verzweiflung verfällt Kassandra in einen nahezu deliranten Zustand. Euphorisch fordert sie die Troerinnen auf, sich mit ihr über ihre bevorstehende Hochzeit[9] zu freuen. « Où sont vos robes de fête? Il faut crier de joie! » (T 46) Dem Anschein nach ist sie völlig von Sinnen.

Scheinbar ohne Bedacht prophezeit sie Agamemnons Tod durch seine Frau Klytaimnestra, obwohl Thalthybios noch zugegen ist. « ...notre grand lit nuptial sera son lit de mort. » (T 47) Doch es ist das Schicksal[10] der Apollonpriesterin, dass ihre Prophezeiungen von niemandem ernst genommen werden. Daher kann sie dem gesamten Atridenhaus auch öffentlich ihre Rache schwören, ohne dafür bestraft zu werden. « Je ruinerai sa ra ce [c]omme il a ruiné la nôtre [...] Oh! Comme il va saigner! » (T 48) Im Folgenden sagt sie freudig (joyeusement) ihren eigenen Tod voraus, was einen ersten Höhepunkt in der Kassandraszene darstellt. « Moi, on me coupera le cou » (T 48) Ihr Übermut ist dadurch begründet, dass sie, trotzdem sie in Feindeshand gerät und sterben muss, ihr vorherbestimmtes Schicksal annimmt, wodurch sie ihre Rache bekommt und ihre Jungfrauenehre behält. Sie opfert sich freiwillig, um ihr Geschlecht zu rächen und dessen Ehre aufrecht zu erhalten und wird somit wird zur Märtyrerin[11].

Fast beiläufig erwähnt sie den Muttermord Orests aus Rache für seinen Vater. Es scheint als versuche sie, ihre vermeintlichen „Behauptungen“ durch Details zu verifizieren. Vielleicht ist es aber auch lediglich ein Kunstgriff Sartres, um dem Publikum seiner Zeit das nötige mythologische Hintergrundwissen mitzuliefern.

Nachdem der Chor ihr Schweigen gebietet, hält sie mit ihren Prophezeiungen inne und beginnt retrospektiv, die trojanische Niederlage rhetorisch ins Gegenteil zu verkehren. Sie vereitelt den Sieg der Griechen. « Ils sont morts pour rien, à l’étranger... » (T 49)

Des Weiteren wertet sie den Krieg anhand der unterschiedlichen Motivation beider Seiten. Für die Troer sei es ein ehrenvoller Krieg zur Verteidigung der Vaterstadt[12] gewesen. Doch für die Griechen ginge es lediglich darum, die gekränkte Ehre eines einzelnen Mannes (Menelaos) zu rächen und dessen untreue Frau (Helena) zurückzuerobern. « Pour faire la chasse à une seule infidèle, [i]ls ont laissé leurs femmes pendant dix ans... » (T 50, eigene Hervorhebung) Kassandras Rede dient ganz offensichtlich der Ermutigung in den eigenen Reihen, denn die Schuld des Paris wird von ihr in diesem Zusammenhang außen vor gelassen. Später werden zunächst Andromache (VI. Szene) und die bedrängte Helena (X. Szene) gar Hekabe die Schuld geben und ihr vorwerfen, dass sie damals das Orakel nicht befolgt habe, dass den Tod ihres Sohnes Paris[13] verlangte, wenn Troja in Frieden weiter existieren wollte.

Kassandra besiegelt das Fatum der Griechen mit den unheilvollen Worten « Pas de tombeaux pour les Grecs, pas de libations funéraires! » (T 49f.) Denn ohne die Totenehre empfangen zu haben und auf heimatlichen Boden begraben zu sein, würde man im Jenseits (Hades) keine Ruhe finden können. Dieser Glaube ist beiden Völkern offensichtlich gemein und Kassandra versucht ihren Mitgefangenen auf diese Weise Mut zu machen. Doch mehr noch als das. Mit einer spöttisch anmutenden Frage an Thalthybios bezieht sie eindeutig Stellung zum Sinn des Krieges und führt diesen ad absurdum. « C’est ce que vous appelez, je crois, gagner la guerre? » (T 50) Ein Krieg hinterlässt weder Sieger noch Besiegte. In diesem Punkt entspricht Sartre voll und ganz der antiken Vorlage. Schon Euripides legte in seinen Tragödien viel Gewicht auf

Zumindest lässt Thalthybios Kassandras Rede nicht unberührt. Bevor sie abgeführt wird, versichert sie ihrer Mutter den Tod auf heimatlichen Boden, wodurch diese nach all dem erduldeten Leid zumindest bei ihren Ahnen ruhen kann. Odysseus prophezeit sie eine zehnjährige Irrfahrt[14], bevor er seine Heimat Ithaka erreichen wird. Zum Schluss der Szene fällt sie, in dem sie dem merklich irritierten Thalthybios das Wort abschneidet, erneut in ihren anfänglichen Hochzeitsgesang ein und schildert zum wiederholten Male, doch in neuem und erschreckendem Detailreichtum, ihren und Agamemnons baldigen Tod in Argos. Der Tod stellt für sie die Erlösung von ihren Leiden und der bevorstehenden Leibeigenschaft dar; die Befolgung der Prophezeiung ist ihre letzte bedeutende Aufgabe, um ihrem Geschlecht zur Ehre zu gereichen.

[...]


[1] „Les Mots“ (1964) wird als einzige, wenn auch verhältnismäßig kurze Autobiographie Sartres angesehen

[2] Unabhängigkeitskrieg der Algerier gegen das französische Militär

[3] Hektor durch das Schwert Achilles’, welcher Hektors Leichnahm an seinen Wagen angebunden durch die Stadt zog, Paris durch den vergifteten Pfeil des Philoktetes, (Deiphobos durch Menelaos, Polydoros durch den thrakischen Fürst Polymestor)

[4] sie werden als Chor zusammengefasst

[5] Fackel als Symbol der Vernichtung

[6] entweder als Zeichen, dass sie fortan Sklaven sind oder auch zur Selbstkasteiung

[7] Sie ist die jüngste Tochter Hekabes und wurde am Grab des Achilles zu dessen Ehrung und Würdigung geopfert. (siehe Euripides: „Hekabe“)

[8] Sohn des Apollon und einer Muse, als schöner Jüngling mit Fackel und Kranz dargestellt

[9] geplant ist die heimliche Verheiratung mit Agamemnon

[10] Apollon stattete sie mit der Gabe der Weissagung aus, jedoch mit dem Zusatz, damit nie Glauben zu finden. K. sagte auch schon den Untergang Trojas vorher.

[11] Polyxena (in Euripides’ „Hekabe“) wird im Bewusstsein pflichtbewusster Heldenehrung am Grabe des Achilles geopfert, hatte sich zuvor jedoch (wie später Kassandra) selbst für den Tod entschieden, um dem Sklavenleben zu entrinnen

[12] deren Ruinen nun nur noch schwarz rauchend im Bühnenhintergrund zu sehen sind

[13] schon im Traum erschien Hekabe ihr ungeborener Sohn als brennende Fackel, welche von jeher als Symbol für die Zerstörung Trojas gilt

[14] Homer beschreibt die Irrfahrten des Odysseus ausführlich in seiner „Odyssee“

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Sartre: Les troyennes - Eine Analyse
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V125057
ISBN (eBook)
9783640300181
ISBN (Buch)
9783640305018
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sartre, Analyse, Troyennes, Kassandra, Andromache, Hekabe, Existenz, Schicksal, Euripides, Situationstheater, Algerienkrieg, Kolonialismus, Troja, Agamemnon, Helena, Thalthybios, Odysseus, Astyanax, Tragödie, Existentialismus, Menelaos, klassisch, Theater, 20. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Magister Artium Philipp Zöllner (Autor), 2004, Sartre: Les troyennes - Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125057

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sartre: Les troyennes - Eine Analyse



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden