Fiktionale Struktur in Steinbecks Cannery Row


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
30 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Freundschaft zwischen Steinbeck und Ricketts
2.1 Steinbeck vor Ricketts
2.2 Ricketts vor Steinbeck
2.3 Gemeinsame Jahre

3. Die Cannery Row: Philosophie, Personen, Orte und Ereignisse - Realität und Fiktion
3.1 Die Philosophie in Cannery Row
3.2 Die Handlungsorte in der Realität
3.3 Die Protagonisten in Cannery Row: Realität und Fiktion

4. Resumée

5. Literatur

1. Einleitung

John Steinbecks Cannery Row entstand 1945, nachdem der Autor von einem 5-monatigen Frontaufenthalt im 2. Weltkrieg zurückgekehrt war. Der komödienhafte Charakter des Romans bescherte Steinbeck zunächst negative Kritik seitens der Literaturkritiker. Wesentliche Punkte dieser Kritik waren ein vermeintlicher literarischer Rückschritt gegenüber einem sozial engagierten Werk wie Grapes of Wrath, und die Verbreitung einer „tenth-rate philosophy“ – einer quasi-Philosophie ohne wissenschaftliche Konsistenz[1]. Steinbeck selbst verteidigte seinen Roman als „nostalgic thing“, den er geschrieben habe um sich von den Erlebnissen des Kriegsgeschehens zu erholen, und die Soldaten an dieser Erholung teilhaben zu lassen. Den Kritikern entgegnete er, sie hätten den gesamten inhaltlichen Umfang des Buches noch nicht erfasst und die innere Struktur nicht ausreichend analysiert[2]. Zwei wesentliche Punkte des Romans, der Tribut an eine Gegenkultur – eine Orientierung an Werten, die abseits der Werte des Kapitalismus und der „akzeptierten Gesellschaft“ liegen, sowie das setting des Buches, die Bewohner und Umgebung von Monterey, von denen letztere besonders in den Zwischenkapiteln fokussiert wird, sollen in dieser Arbeit näher betrachtet werden. Steinbecks Wertesystem wird in Cannery Row verkörpert durch die Protagonisten Doc, Lee Chong, Mack und die Jungs sowie Dora Flood. Die Zeichnung ihrer Charaktere ist geprägt von Anklängen an die taoistische und christliche Religion, die „Phalanx Philosophie“ seines Freundes Ed Ricketts und eine naturdeistisch- philosophische Betrachtungsweise.

In seiner Biographie John Steinbeck and Ed Ricketts: The shaping of a Novelist betont Richard Astro:

“Ed Ricketts serves in various degrees as the source of Steinbeck’s personae in six novels and novelettes (In Dubious Battle, The Grapes of Wrath, The Moon Is Down, Cannery Row, Burning Bright, Sweet Thursday), and in one short story (The Snake). No analysis of Steinbeck’s world view, his philosophy of life, can proceed without a careful study of the life, work and ideas of this remarkable human being who was Steinbeck’s closest personal and intellectual companion for nearly two decades.“[3]

In diesem Sinne soll nun untersucht werden, inwieweit Steinbecks Freundschaft zu Ed Ricketts und ihr gemeinsames Leben in Monterey sich in den Protagonisten der Cannery Row widerspiegeln. Es sollen insbesondere biographische Daten von Steinbeck und Ricketts sowie Auszüge aus Interviews und Briefen helfen, den Einfluss der Realität auf den Roman aufzuhellen.

2. Die Freundschaft zwischen Steinbeck und Ricketts

2.1 Steinbeck vor Ricketts

John Steinbeck wurde am 27. Februar 1902 in Salinas, Kalifornien geboren. Da seine Eltern ein Ferienhaus an der Küste von Monterey besaßen, verliebte sich John schon früh in die Landschaft von Monterey Bay von der Willard Huntington Wright 1910 schrieb: „... a magnetizing center for writers, notsonear writers, distant writers, poets, poetines, artists, daubers, sloydists, and aspiring ladies who spend their days smearing up what would otherwise be very serviceable pieces of canvas."[4] Ein anderer Zeitgenosse Steinbecks, Frederick Manfred, bezeichnete diese Gegend als „...place that writes your books“[5] und in der Tat füllen Geschichten um die Küste von Monterey zwölf von Steinbecks Publikationen. Steinbecks kulturell gebildete Mutter machte ihren Sohn früh mit Abenteuerklassikern der Literatur wie Robin Hood und Ivanhoe vertraut, und interessierte ihn später für die Werke von Flaubert, Milton, Hardy, James Branch Cabell und Donn Byrne. Im Alter von neun Jahren stellte ihm seine Mutter Morte d’Arthur von Sir Thomas Malory vor, und Steinbeck erwähnte später, dieses Buch sei maßgeblich für seine Liebe an der englischen Sprache verantwortlich gewesen. Besonders in Bezug auf moralische Standpunkte, das Gefühl von Recht und Unrecht und die Anteilnahme am Schicksal von Unterdrückten, ist Malorys Einfluss deutlich zu erkennen.[6] Nach seiner Zeit an der Salinas Highschool stand für Steinbeck fest, dass er Autor werden wollte. Von 1919-25 besuchte er die Universität von Stanford, unterbrach seine Studien jedoch um auf Farmen, in Fabriken oder als Verkäufer zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr waren die Fächer, die er belegte, weit gestreut: er nahm an Seminaren für Literatur, Sprache, Geschichte und Zoologie teil. 1923 belegte er gemeinsam mit seiner Schwester einen Sommerkurs in Meereszoologie, der von C.V. Taylor geleitet wurde und in Pacific Grove stattfand. Taylor war stark von William Emerson Ritters Doktrin der ‚organischen Natur des Lebens‘ beeinflusst.[7] Ritter betonte bezüglich der Rolle seiner Theorie: „...one’s ability to construct his own nature from portions of nature in general is a basic fact of his reality, man can grasp the essential principal of the organismal unity of life and, at the same time, know himself more fully.“[8] 1925 ließ Steinbecks Interesse an den Seminaren stark nach und er beschloss nach New York zu gehen um dort als Autor zu arbeiten. Nachdem er ein Jahr lang erfolglos versucht hatte einen Verleger für seine Kurzgeschichten zu begeistern, ging er nach Kalifornien zurück und schrieb 1929 Cup of Gold, seinen ersten Roman. Anfang des Jahres 1930 heiratete Steinbeck Carol Henning. Gemeinsam lebten sie zunächst in Los Angeles. Mit ein wenig Glück fand das Paar ein preiswertes Haus und hoffte durch Renovierarbeiten den Vermieter gütlich zu stimmen. Dieser jedoch kündigte nach den Arbeiten das Mietverhältnis, um die Wohnung seinem Sohn zur Verfügung zu stellen. Hohe Mieten und generelle finanzielle Schwierigkeiten veranlassten das Paar schließlich nach Pacific Grove umzuziehen, wo sie kostenlos im Haus der Familie Steinbeck wohnen konnten. Das Leben zu Zeiten der Depression war sicherlich nicht von überschwänglichem Luxus begleitet; da John und Carol jedoch wussten der Natur Früchte zu entlocken - im wesentlichen versorgten sie sich durch Landwirtschaft und Fischfang selbst - genossen sie eine relativ unbeschwerte Zeit in Pacific Grove. Steinbeck selbst beschrieb das Leben dort folgendermaßen:

„There was a fairly large group of us poor kids, all living alike. We pooled our troubles, our money when we had some, our inventiveness and our pleasure. I remember it was a warm and friendly time...

Now and there came a bit of pure magic. One of us would get a small job, or a relative might go insane and enclose money in a letter - two dollars, ond once or twice, God help me five. Then word would fly through the neighborhood. Desperate need would be taken care of first, but after that we felt desperate need for a party.“[9]

Diese Zeit war für Carol und John die wohl unbeschwerteste ihres Zusammenlebens. Carol schaffte es immer wieder ihrem oftmals grüblerischen und zeitweilig niedergeschlagenen Mann die Lust am Leben zu verdeutlichen. Sie organisierte Partys, ganz egal aus welchem Grund, und füllte das Haus mit Gastfreundschaft und Wärme. Man erkennt hier eine Parallele zu Mary Talbot in Cannery Row. In den Jahren 1930-32 war der Grund für Steinbecks Niedergeschlagenheit einerseits sicherlich die schwierige finanzielle Situation, andererseits aber auch seine schriftstellerische Arbeit. Während der Recherche für The Green Lady (1930) hatte sich Steinbeck sehr intensiv mit theoretischer und klinischer Psychologie beschäftigt, die Charakterisierung seiner Protagonisten sollte nicht mit einer oberflächlichen Betrachtung eines „ist“-Zustandes enden, sondern die Ursachen dieses Zustandes und ihre Symptome verdeutlichen. Steinbeck befand sich in einer Phase der Unsicherheit bezüglich des thematischen Gehalts seiner Arbeit. Benson betont: „...he had no subject of his own, no clearly defined Philosophy, only ideas, interests and attitudes, floating here and there on the sea of his enthusiasm, were occasionally given direction by the tide of his will.“[10] Steinbecks Themen basierten auf Beobachtung seiner Umwelt, menschliche Probleme, Beziehungen und Schicksale waren ihm wichtiger als die Entwicklung einer Geschichte in Hinsicht auf Plot und Realität. Ursache dafür war, dass er das Leben nicht als Aneinanderkettung abgeschlossener Ereignisse erkannte, sondern als nur mit dem Tod endender Weg.

2.2 Ricketts vor Steinbeck

Edward Flanders Robb Ricketts wurde am 14. Mai 1897 geboren. Früh entdeckte er seine Begeisterung für die Philosophie, seine Schwester wertete dies als Versuch dem starken Einfluss der Englischen Bischofskirche, der seine Eltern angehörten, zu entgehen. Von 1919 bis 1922 belegte er in der Universität von Chicago Seminare in Zoologie, Philosophie, Spanisch und Deutsch. 1922, kurz vor Ende seiner Zeit als Student, lernte Ricketts den Zoologen W.C. Allee, den Lehrer, der seine philosophisch/ökologische Sichtweise wohl am meisten beeinflusst hat, in einem Seminar kennen. Allee organisierte jeden Sommer gemeinsam mit seinen Studenten Exkursionen an die Küste von Woods Hole, um dort Meerestiere zu sammeln und zu katalogisieren. Es ging Allee in seiner Forschungsarbeit weniger um die exakte Beschreibung einzelner Arten, sondern eher um die Beziehungen der Arten untereinander, ihre Abhängigkeit voneinander und ihre Abhängigkeit von ökologischen Faktoren. Eine solche wissenschaftliche Herangehensweise, mit ökologischem Schwerpunkt, war zur damaligen Zeit eher die Ausnahme. Allee veröffentlichte 1931 ein Buch mit dem Titel Animal Aggregations, in dem er die These der „Universalität sozialen Verhaltens unter Tieren“ (hierzu zählte er auch das ‚Säugetier Mensch‘) und die Theorie des „sozialen Übergangs“ vorstellte. Verbunden mit letztgenannter Theorie war die Feststellung, dass Tiere in Gruppen sich anders verhalten als Einzelgänger. Obgleich Ricketts ein recht erfolgreicher Student war, verließ er 1922 die Universität. Im Jahre 1923 kehrte er, ohne Abschluss seiner Universitätslaufbahn, Chicago den Rücken um gemeinsam mit seinem Zimmergefährten, A.E. Galligher, in dessen Pacific Biological Laboratories, in Pacific Grove, zu arbeiten. Das PBL vertrieb Kleintiere, vor allem Meeresbewohner, Mikroorganismen, sezierte Teile dieser Tiere und bereitete Objektträger für Lehr- und Studienzwecke vor. Die Tiere wurden entweder in der Umgebung von Monterey gesammelt oder im Laboratorium gezüchtet. Nach einem Streit mit seinem Geschäftspartner verlegte Ricketts das PBL nach Monterey.

2.3 Gemeinsame Jahre

Im Oktober 1930 lernten sich Ricketts und Steinbeck in einem Landhaus eines gemeinsamen Freundes in Carmel kennen. Steinbecks wohnten nur einige Blocks vom PBL entfernt, und es wurde für Carol und John zur Gewohnheit Ed zu besuchen, wenn sie spazieren gingen. Immer öfter suchte John den Kontakt, er schaute Ed bei der Arbeit zu oder half ihm und begleitete ihn bei seiner ‚Materialbeschaffung‘ im Gezeitenbecken. Als sie sich besser kennengelernt hatten, brachte John auch seine Arbeitsunterlagen ins Lab und las Ed die Ergebnisse seiner Arbeit vor. In einem Interview beschrieb Steinbeck diese Zeit wie folgt: „Very many conclusions Ed and I worked out together through endless discussion and reading and observation and experiment. We worked together, and so closely that I do not know in some cases who started which line of speculation since the end thought was the product of both minds.“[11] Oftmals vertrieben sich beide die Zeit mit einem Spiel, das sie ‚speculative metaphysics‘ nannten und dessen Inhalt es war, von einer realen Ausgangssituation einen spekulativen Fortgang der Geschichte zu entwickeln.[12] Dieses Spiel findet in Kapitel 2 von Cannery Row Erwähnung wenn es heisst:

„The word is a symbol and a delight which sucks up men and scenes, tress, plants, factories and Pekinese. Then the Thing becomes the Word and back to Thing again, but warped and woven into a fantastic pattern. The word sucks up Cannery Row, digests it and spews it out, and the Row has taken the shimmer of the green world and the sky reflecting seas. “

Die Freundschaft zwischen beiden entwickelte sich mehr und mehr, was an vielen gemeinsamen Interessen wie der Biologie, Musik und Poesie lag, wofür Benson aber eine weitere Erklärung hat. Während Steinbeck sehr mitteilsam bezüglich seiner Ideen und Arbeit war, war Ricketts eher der „Empfänger“, der vor allem das Ziel verfolgte, zu den Gedanken seines Gesprächspartners zu gelangen und dabei in der Lage war, seine eigene Person völlig zurückzustellen.[13]

Der Umgang mit Ed scheint zu einer Umstrukturierung von Steinbecks Arbeitsweise geführt zu haben. Hatte er bei der Recherche zu Cup of Gold im wesentlichen auf schriftliche Quellen zurückgegriffen, verlagerte sich der Schwerpunkt hin zur Beobachtung mit dem Ziel: „to show not necessarily why people act as they do, but to show the psychological steps that precede and clear the way for an act.“[14]

Bei einigen Treffen im Lab hatte Steinbeck durch die Vermittlung Carols Joe Campbell kennengelernt, einen Literaturwissenschaftler und Historiker, der sich insbesondere mit Mythologien beschäftigte. Zu dieser Zeit hatte Steinbeck, ohne sich dessen bewusst zu sein, schon begonnen Geschichten und Mythen über die Bewohner Montereys zu sammeln, welche er später in Cannery Row verwendete. Im Februar 1932 bat Ed Carol ihm bei der Arbeit im Lab zu helfen. Weiterhin traf sich regelmäßig ein wechselnder Kreis von Eds Freunden im Lab um Parties zu feiern, Musik zu hören oder gemeinsam Bücher zu lesen und darüber zu diskutieren. Am Ende dieser Parties wurde oftmals, analog zur Party in Cannery Row, das Gedicht Black Marigolds gelesen. Zu diesem Kreis gesellte sich auch gelegentlich Evelyn Ott, eine Psychoanalytikerin, die sich mit dem Werk Jungs befasste, dessen Einfluss auf die Philosophien von Ricketts und Steinbeck an späterer Stelle noch einmal aufgegriffen wird. Als 1936 das Lab aufgrund einer defekten Stromleitung nieder brannte, stieg Steinbeck als stiller Teilhaber bei Ricketts ein um Wiederaufbauhilfe zu leisten. Außerdem unterstützte Steinbeck ihn bei der Veröffentlichung von Between Pacific Tides und schlug eine literarische Zusammenarbeit vor. Sie verbrachten viel Zeit miteinander und Steinbeck entdeckte wieder seine Liebe zur Wissenschaft. In einem Radiointerview aus diesen Tagen sagte er:

„Boilleau said that kings, gods and heroes only were subjects for literature. The writer can only write about what he admires. Present day kings aren’t very inspiring, the gods are on a vacation and about the only heroes left are the scientists and the poor.“[15]

[...]


[1] Vgl. Hughes, S 119 (in Jackson J.Benson II)

[2] vgl. Benson, S. 132 (in Jackson J.Benson II)

[3] Astro, S. 4

[4] Wright, S. 78

[5] Astro, S.4

[6] ebd., S. 2

[7] Benson, S. 63

[8] ebd, S. 64

[9] Benson (I), S. 179

[10] Benson (I), S. 174

[11] Benson (I), S. 196

[12] ebd, S. 197

[13] ebd, S. 197

[14] ebd, S. 204

[15] ebd., S. 401

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Fiktionale Struktur in Steinbecks Cannery Row
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
American Fiction
Note
1,5
Autor
Jahr
2000
Seiten
30
Katalognummer
V125062
ISBN (eBook)
9783640325184
ISBN (Buch)
9783640325733
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Steinbeck, John, Romanstruktur, Straße der Ölsardinen, Ricketts, Taoismus, Zen, Holismus, Salinas, Ökologie, Nobelpreis, Literatur, Roman, Schriftsteller, Amerika, Straße, Ölsardinen
Arbeit zitieren
MA Guido Maiwald (Autor), 2000, Fiktionale Struktur in Steinbecks Cannery Row , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125062

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