Max Weber: formal-rationales Recht vs. soziales Recht mit antiformalen Tendenzen, Rechtsprechung im Wandel der Zeit

Diskutiert am Wandel des Grundrechtsverständnisses, wie er in der Bürgerentscheidung (BVerfGE 89, 214) zum Ausdruck kommt


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 11 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Max Weber und der Wandel der Zeiten

Was ist Umgang mit Recht?

Das Naturrecht

Der Rechtspositivismus

Die formelle Rationalität nach Weber

Rematerialisierung des Rechts

Das Bürgenurteil des Bundesverfassungsgerichts

Diskussion des Bürgenurteils oder „Hat Max Weber Recht behalten?“

Drittwirkung der Grundrechte als objektive Wertordnung?

Literaturverzeichnis

Recht und Gesellschaft III

Hausarbeit 2007/08

Max Weber hat im „wissenschaftlichen Rechtspositivismus“ (Franz Wieacker, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, § 13) die Blütezeit eines „formal-rationalen Rechts“ gesehen.

Gleichzeitig sah er mit dem Aufkommen des Sozialstaates und dessen Verlangen nach einem sozialen Recht antiformale Tendenzen heraufziehen, die mit der Forderung nach materialer Gerechtigkeit zu einem grundsätzlichen Wandel von Recht und Rechtsprechung führen müssten.

Diskutieren Sie diese Einschätzung am Beispiel entweder

1.der Entwicklung des Tatstrafrechts zum Täterstrafrecht

oder

2. des Wandels des Grundrechtsverständnisses, wie er in der Bürgen-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (E 89, 214) zum Ausdruck kommt,

oder

3. der Differenzierung des Eigentumsbegriffs, wie sie das Bundesverfassungsgerecht im Mitbestimmungsurteil (E 50, 290) vornimmt.

Umfang der Bearbeitung: 20 Seiten (anderthalbzeilig, ¼ Korrekturrand)

Abgabetermin: 07. April 2008

Hausarbeit Recht und Gesellschaft III

WS 07/08

Um Max Webers Einschätzungen zum Wandel von Recht und Rechtsprechung diskutieren zu können, ist es notwendig, mit ein paar grundlegenden Erläuterungen zu beginnen.

Max Weber und der Wandel der Zeiten

Maximilian Carl Emil Weber wurde am 21. April 1864 in Erfurt geboren und starb am 14. Juni 1920 in München.

Er „ist einer der wesentlichen Begründer der Soziologie als Wissenschaft in Deutschland. Als Professor für Nationalökonomie in Heidelberg, Freiburg und München war er auch Mitbegründer der „Deutschen Gesellschaft für Soziologie“[1], zudem promovierte er 1889 magna cum laude in Berlin in Jura.

Wie man an seinen Geburts- und Sterbedaten erkennen kann, konnte er in den 56 Jahren seines Lebens mehrere deutliche Umschwünge, seien sie in Wirtschaft, Gesellschaft, Herrschaftssystem oder auch Recht, miterleben und analysieren.

Max Weber wurde in ein nicht geeintes Deutschland hineingeboren. Es bestand im Jahre seiner Geburt vielmehr aus 39 kleinen und großen Königreichern, Fürstentümern und Freistädten.

Nach dem Krieg Preußens gegen Österreich im Jahre 1866 zeichnete sich die "so genannte" kleindeutsche Lösung ab, die nach dem deutsch-französischen Krieg 1870 / 1871 mit der Proklamation des Deutschen Reiches unter Führung Preußens ihre Realisierung fand.

Zwar gab es in der Zeit bis zur Abdankung des Kaisers nach der Kapitulation im November 1918 regelmäßige Reichstagswahlen und ein funktionsfähiges nationales Parlament, doch kann man angesichts der überragenden Stellung von Kaiser, Militär und Regierung nicht von einer Demokratie im heutigen Sinne sprechen.

Vielmehr ist eine autoritäre Staatsform im Rahmen einer konstitutionellen Monarchie zutreffend.

Auf Basis der Weimarer Verfassung wurde eine konzeptionelle Demokratie aufgebaut, die durch die starke Stellung des Reichspräsidenten noch immer starke autokratische Züge aufwies.

Zudem war diese Demokratie, in der Frauen erstmals das Wahlrecht erhielten, von Anfang an, bis zu Hitlers Machtergreifung im Jahre 1933, durch das Wirken von paramilitärischen Gruppen wie den rechten Freikorps

und bolschewistisch-kommunistischen Kampfverbänden begleitet und gefährdet.

Weber selbst war 1919 Berater bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag und auch Art. 41 I der Weimarer Reichsverfassung („Der Reichspräsident wird vom ganzen deutschen Volke gewählt.“) entstand aus seinem Gedankengut. Er war wie bereits oben erwähnt jahrelang Professor an den Universitäten von Berlin, Freiburg im Breisgau und Heidelberg, zunächst für Handelsrecht, später für Nationalökonomie (heute Volkswirtschaftslehre).

Wie man bereits an dieser kurzen Auflistung erkennen kann, „ist der Universalgelehrte Max Weber weltweit eine Zentralgestalt, dessen Gedanken theoretische Konzeptionen und Forschungsergebnisse überall präsent sind, zitiert und erörtert werden“[2].

Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1905), „Politik als Beruf“ (1919), „Wissenschaft als Beruf“ (1919) und natürlich „Wirtschaft und Gesellschaft“ (1922, posthum von Webers Ehefrau veröffentlicht).

Wie oben bereits erläutert, änderte sich zu Zeiten Webers drastisch die deutsche Staatsform, aber auch die Gesellschaft befand sich in einem raschen Wandel:

Die Hochindustrialisierung in Deutschland, die in der Zeit zwischen 1870 und 1914 angesiedelt wird, veränderte das stark agrarische Land in einen modernen Industriestaat. Mit dieser Veränderung ging natürlich eine Veränderung der Gesellschaft einher. Die großen Fabriken befanden sich in den Städten, so dass eine verstärkte Urbanisierung eintrat.

Zudem entwickelte sich durch die „Arbeiter“ eine neue gesellschaftliche Klasse, der eine Vielzahl von Menschen angehörte. Diese Arbeiter mussten ihre Arbeit in einer bis dahin unbekannten und heute nicht mehr denkbaren Art und Weise verrichten.

Es gab noch keine Gesetze, die die Arbeitsbedingungen oder den zu zahlenden Lohn regelten. Erstmals kam daher der Begriff der „sozialen Frage“ auf; wie konnten die Missstände des Pauperismus, der Ausbeutung und der auch der zu großen körperlichen Belastung beseitigt werden? Diese Frage stellten sich sowohl Parteien, als auch Gewerkschaften.

Aus Angst vor Arbeitskämpfen und Revolten nahm sich schließlich auch die staatliche Sozialpolitik des Deutschen Reiches dieser Frage an. Unter Bismarcks Ägide wurden in den Jahren 1883–1889 die gesetzliche Unfallversicherung, die gesetzliche Krankenversicherung und Rentenversicherung ins Leben gerufen.

Auch wenn durch diese Reformen natürlich nicht alle Missstände beseitigt wurden, so beschritt Deutschland doch seinen ersten Schritt auf dem Weg zum Sozialstaat, wie ihn Max Weber im Entstehen begriffen sah. Die heute gültige Definition des Wortes „Sozialstaat“ spiegelt auch den damaligen Kerngedanken wieder: „Sozialstaat bezeichnet zugleich die Ausrichtung staatlichen Handelns auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit, auf die Sicherung eines sozialen Existenzminimums für alle sowie die Milderung der ökonomischen Ungleichverteilung und der sozialen (Klassen-, Schichten-, Gruppen-) Gegensätze. Als generelle Sozialbindung staatlichen Handelns fordert Sozialstaatlichkeit die politisch-demokratische Überformung der Marktprozesse nach Maßstäben sozialer Gerechtigkeit.“[3]

Schon an dieser Definition der Bundeszentrale für politische Bildung kann man erkennen (und sollte es auch nicht vergessen), dass das Wort Sozialstaat der lateinischen „societas“ (also Gesellschaft, Bündnis) und nicht der „caritas“ (Fürsorge) entspringt.

Der vorherige Nachtwächterstaat („Bezeichnung für einen Staat, der sich am Prinzip des Laissez-faire orientiert und nicht in den Wirtschaftsprozess eingreift, also keine aktive Wirtschaftspolitik betreibt, sondern lediglich Rahmenbedingungen für die Wirtschaft setzt und z.B. Privateigentum gewährleistet oder für Sicherheit sorgt. Der Begriff wurde vom Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins Ferdinand Lassalle (*1825, †1864)

geprägt“[4] ) hatte gezeigt, dass der Eigennutz des Einzelnen zwar wirtschaftliches Wachstum, aber auch unerträgliche soziale Missstände entstehen ließ, womit Thomas Hobbes’ Menschenbild „Homo homini lupus“ („Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“) bestätigt wurde.

„Es entwickelte sich daher ein Interventionsstaat, der durch Sozialgesetzgebung einerseits die Dispositionsfreiheiten der privaten Haushalte einschränkte, andererseits aber eine Deckung des Mindestbedarfs für alle sicherte“[5].

Nach Weber wurde gerade die oben ausgeführte soziale Frage durch den formalen Rationalisierungsprozess produziert und durch ihn materiale Anforderungen an das Recht gestellt. Um das kapitalistische Wirtschaftssystem zu erhalten, ist deshalb nach Weber eine Abschwächung der formalen Rationalität durch sozialstaatliche Maßnahmen unabdingbar[6].

Um dieser Einschätzung Webers nachzugehen, müssen hier zunächst der Begriff des „Rechtspositivismus“, aber auch die Bedeutung einer „materialen Gerechtigkeit“ erörtert werden.

[...]


[1] Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Einband.

[2] Raiser, Das lebende Recht, S. 109.

[3] http://www.bpb.de/wissen/07999977165127913070062348477902,0,0,Sozialstaat.html (Bundeszentrale für politische Bildung)

[4] http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=HUY83F

Bundeszentrale für politische Bildung

[5] HdWW, Band 4, Seite 27.

[6] Buckel, Christensen, Fischer-Lescano (Hrsg.), „Neue Theorien des Rechts“, S. 222.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Max Weber: formal-rationales Recht vs. soziales Recht mit antiformalen Tendenzen, Rechtsprechung im Wandel der Zeit
Untertitel
Diskutiert am Wandel des Grundrechtsverständnisses, wie er in der Bürgerentscheidung (BVerfGE 89, 214) zum Ausdruck kommt
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Veranstaltung
Recht und Gesellschaft
Note
11 Punkte
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V125114
ISBN (eBook)
9783640308149
ISBN (Buch)
9783640306305
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bewertet mit 11 Punkten.
Schlagworte
Weber, Recht, Tendenzen, Rechtsprechung, Wandel, Zeit, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Nina Frerking (Autor), 2008, Max Weber: formal-rationales Recht vs. soziales Recht mit antiformalen Tendenzen, Rechtsprechung im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125114

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