Was versteht man unter einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit und welche Bedeutung findet sie in der Heimerziehung von Kindern und Jugendlichen?


Hausarbeit, 2021

21 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hans Thiersch

3 Historischer Hintergrund

3.1 Entwicklung Alltag

4 Konzept der Lebensweltorientierung
4.1 Begriffserklärung
4.1.1 Alltägliche Lebenswelt
4.1.2 Alltag
4.1.3 Alltagswelten und Lebenswelten
4.1.4 Ziel einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
4.1.5 Haltung der Sozial Arbeiter*innen
4.2 Ressourcenorientierung

5 Traditionslinien
5.1 Hermeneutisch-pragmatische Traditionslinie
5.2 Phänomenologisch-interaktionistische Tradition
5.3 Kritische Alltagstheorie als Tradition
5.4 Analyse gesellschaftlicher Strukturen

6 Lebenswelt als Bezugspunkt
6.1 Phänomenologischer Zugang
6.2 Gliederung in soziale Felder
6.3 Normativ-kritische Aspekte
6.4 Schnittstelle von Strukturen und Handlungsmustern
6.5 Herausforderungen durch neue soziale Ungleichheiten

7 Struktur- und Handlungsmaximen

8 Lebensweltorientierte Heimerziehung

9 Fazit

10 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Soziale Arbeit ist nicht nur darauf fokussiert Menschen in herausfordernden Situationen beizustehen und zu helfen, sondern auch ihre Lebensqualität zu anzuheben und ihre Adressat*innen zu unterstützen, eigenständig ihren Alltag zu bewältigen. Auch wenn die Soziale Arbeit generell sehr praxisorientiert und nah an den Menschen arbeitet, ist es notwendig, sich mit dieser Arbeit aus einer wissenschaftlichen Perspektive auseinander zusetzen. Hans Thiersch leistete einen wissenschaftlichen Beitrag zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit, in der er eine lebensweltliche Perspektive als Rahmengebung für Interventionsmöglichkeiten entwickelte (Thiersch 2020).

Da wir uns besonders für den Bereich der Heimerziehung interessieren und das kommende Praxissemester in diesem Berufsfeld absolvieren wollen, haben wir uns dafür entschieden, die lebensweltorientierung auf dieses Arbeitsfeld zu beziehen. Vor allem hat uns auch der spannende Ursprung der Theorie, die in der Heimerziehung liegt, motiviert.

Wir beginnen mit einer kurzen Biografie der Person Hans Thiersch ein und gehen daraufhin auf die Entwicklung der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit im geschichtlichen Kontext ein. Fortführend wird das Konzept mit ihren prägenden Begriffen und Zielen skizziert, woran eine Schilderung der Traditionslinien anknüpft. Abschließend verknüpfen wir die Theorie mit dem Praxisbezug der Heimerziehung und runden die Hausarbeit mit einem Fazit ab.

2 Hans Thiersch

Hans Thiersch wurde 1935 in Recklinghausen geboren. Er studierte Philologie, Philosophie, Theologie und Pädagogik.

Von 1961 bis 1967 arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Göttingen bei Heinrich Roth. 1966 heiratete er seine Frau Renate Thiersch, welche in Hetzen geboren wurde.

Darauf hin, von 1967 bis 1970, arbeitete er als Professor an der PH in Kiel. Ab 1970 bis 2002 war als Professor für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen tätig. In der zwischen Zeit, von 1971 und 1983, kamen vier Kinder von Hans Thiersch und Renate Thiersch zur Welt. Seit dem 2002 ist H. Thiersch im

Ruhestand und seit 2004 ist er Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften.

Sechs Jahre später erhielt er den Ernst-Christian-Trapp-Preis der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (vgl. Hans-Thiersch o. J., o. S.). Der Ernst-Christian-Trapp-Preis der DGfE ist ein Preis, wobei „Mitglieder [die für] die innovativen und unkonventionellen wissenschaftlichen Leistungen geehrt [werden], die sie mit ihrem Lebenswerk für die Erziehungswissenschaft erbracht haben“ (DGfE o. J., o. S.).

Zehn Jahre später, wurde Hans Thiersch der ConSozial-Wissenschaftspreis für das Lebenswerk verliehen. Die ConSozial ist eine Fach- und Kongressmesse der sozialen Szene, wo sich Fach- und Führungskräfte der Sozialpolitik, der Sozialwirtschaft und Sozialwesen im Messezentrum Nürnberg versammeln (vgl. ConSozial o. J., o. S.).

Die Arbeitsschwerpunkte von Hans Thiersch sind sehr vielfältig. Dazu gehören unter anderem die Theorien der Sozialpädagogik und der Sozialen Arbeit, Sozialethik, Alltags- und Lebensweltorientierte Soziale Arbeit, sowie Fragen der Handlungskompetenz und der Institutionalisierung in Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit (dazu gehören beispielsweise die Bereiche der Beratung, Erziehungshilfen, Erlebnispädagogik und der Gemeindepsychiatrischer Dienst) (vgl. Hans-Thiersch o. J., o. S.).

3 Historischer Hintergrund

Das Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit entstand in den 1960er und 1970er Jahren (vgl. Thiersch 2020, S. 16). Im Generellen war diese Zeit für die Soziale Arbeit und ihre Klient*innen herausfordernd, da es die Nachkriegszeit war und in den Heimen schlimme Zustände herrschten. Sie waren geprägt von Dominanz und Strenge (vgl. ebd., S. 17). H. Thiersch war empört über diese Zustände und war der Auffassung, die Jugendhilfe wäre nicht professionell genug. Er lernte verschiedene Erziehungsheime kennen, welche ihn noch mehr bestärkten, dass sich in diesen Heimen nicht nur autoritäre Demütigung breit machte, sondern auch eine Selbstgefälligkeit und Verwaltungsgleichgültigkeit bekannt machte (vgl. ebd., S. 18). Daraufhin fasste H. Thiersch den Entschluss die Soziale Arbeit neu zu etablieren. Die Voraussetzung hierfür wäre, dass die Theorie die er aufstellt, verwissenschaftlicht werden muss, sodass sie wissenschaftlich belegbar und erklärbar ist. Die Lebensweltorientierung ermöglicht es, eine Theorie der Sozialwissenschaft zu entwerfen und eine professionelle Haltung einzunehmen (vgl. Möbius 2010, S. 13). Somit wurde eine neue Professionalität verfasst und eine neue Jugendhilfe entstand. Sie war geprägt durch eine offene Beratung, einer ambulanten Hilfe und statt Erziehungsheimen auf dem Land sollte es dezentrale Wohngemeinschaften in der Stadt geben (vgl. Thiersch 2020, S. 20). Es gab viele Anhaltspunkte, die als Motivation dienten die lebensweltorientierte Soziale Arbeit weiter zu entwickeln. Es war wünschenswert, dass die Soziale Arbeit sich mehr auf die soziale Gerechtigkeit fokussiert. Man war der Auffassung, dass jeder Mensch das Recht hatte, in dessen Lebens- und Alltagsproblemen unterstützt zu werden und bei den Widersprüchen des Alltags Unterstützung zu erhalten, um zurechtzukommen (vgl. ebd., S. 23-24).

Im weiteren Verlauf wurde 1980 die lebensweltorientierte Soziale Arbeit mit dem achten Jugendbericht verknüpft und als Orientierung verwendet (vgl. ebd., S. 21).

Somit hat sich die lebensweltorientierte Soziale Arbeit als eine der wichtigsten Gestaltungskonzepte etabliert. Im nächsten Schritt sollte die neue Arbeitsform institutionalisiert werden (vgl. Thiersch 2020, S. 22).

3.1 Entwicklung Alltag

Der Alltag wird als Dimension beschrieben, in der die Menschen ihr Leben erfahren und gestalten (vgl. Thiersch 2020, S. 34f., 44). In dem 18. und 19. Jahrhundert wurde der Alltag zum gesellschaftlichem Thema. Durch soziale Bewegungen, wie zum Beispiel das Proletariat und die Frauenbewegung, wurden die Alltagsaufgaben konkretisiert. Somit rückte der Alltag immer mehr in den Vordergrund, da die institutionelle und organisatorische Ordnung der Gesellschaft in den Vordergrund kam. Im Verlaufe der Digitalisierung, boten und bieten weiterhin Medien und andere technische Erfindungen, verschiedene Möglichkeiten der Alltagsgestaltung. In diesem Kontext spricht man über einen überforderten Alltag, welcher neue Herausforderungen mit sich bringt (vgl. ebd., S. 35ff.).

Durch verschiedene Tätigkeiten, wie duschen, arbeiten, soziale Kontakte pflegen, entsteht eine Selbstverständlichkeit der täglichen Bewältigungsaufgaben, welche einem trivial vorkommen. Jedoch bringt man, beim Erfüllen dieser Tätigkeiten, bestimmte Kompetenzen mit sich ohne es zu wissen, die man auf dem ersten Blick nicht direkt wahrnimmt. Daher wissen Mütter wie sie sich um ihr Kind sorgen müssen, ohne einen Ratgeber vorher zu lesen. Zudem hat man in seinem eigenem Umfeld Hilfen, wie zum Beispiel Nachbarn, die einem bei der Lebensbewältigung unter die Arme greifen. Eine Abwechslung dieser Routinen, wie zum Beispiel ein Urlaub oder ein Abenteuer, scheinen für den Menschen daher besonders zu sein.

Andererseits kann nicht jeder seinen Alltag selbstverständlich bewältigen, da ihm eventuell die nötigen Ressourcen fehlen, sodass es zu einem Gefühl der Hilflosigkeit kommen kann (vgl. Thiersch 2020, S. 37f.).

Der Alltag eines Klienten ist aus der Sicht der Sozialen Arbeit nicht als selbstverständlich anzunehmen und das Konzept beziehungsweise der Begriff des Alltags versucht dies aufzufangen.

Die Klient*innen müssen in ihrem Alltag ernst genommen werden und man sollte an den Defiziten anknüpfen (vgl. Thiersch 2020, S. 38-42).

4 Konzept der Lebensweltorientierung

4.1 Begriffserklärungen

Um die Lebensweltorientierung als theoretisches Konzept zu erfassen, müssen sich zunächst die prägenden Begriffe erschließen, welche Thiersch durch diese Theorie hindurch verwendet.

4.1.1 Alltägliche Lebenswelt

Per Definition des Dudens (2021) wird die Lebenswelt als das „persönliche Umfeld [oder die] Welt, in der sich jemandes Leben abspielt“ beschrieben. Hans Thiersch prägt den Begriff der Lebenswelt im Rahmen der Sozialen Arbeit seit den 1970er Jahren und nimmt in seiner Theorie Stellung zu diesem Begriff. Die Lebenswelt eines Menschen wird als den Ort, an dem sich sein erfahrbarer Alltag abspielt, beschrieben. Demnach hat jeder Mensch eine Lebenswelt, in der sein Alltag völlig individuell abläuft (vgl. Grunwald/Thiersch 2018, S. 304).

Die Lebenswelt ist wechselseitig verbunden mit der Alltäglichkeit, da diese der „Modus“ (ebd.) ist, durch den das Individuum seinen Alltag versucht zu bewältigen. Der Modus der Alltäglichkeit fragt nach dem ,Wie', also nach der Art und Weise, wie ein Individuum seinen Alltag in seinen Lebenswelten gestaltet (vgl. ebd.). Dabei stützen sich Menschen auf Routinen und eigene Strukturen und streben danach, sich selbst als kompetent und erfolgreich anzusehen, indem sie die Erledigungen des Alltags erfüllen und bewältigen. So erhoffen sie sich, für sich selbst und vor anderen Achtung zu verschaffen (vgl. ebd., S. 306). Die alltägliche Lebenswelt wird auch als Schnittpunkt zwischen objektiven Verhältnissen und subjektiven Handeln verstanden (vgl. ebd., S. 304). Dies ist das eigene Handeln, welches von den gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wird.

Die alltägliche Lebenswelt wird zu einer individuellen und subjektiv erlebten Welt durch ihre lebensweltlichen Dimensionen. Die erfahrene Zeit kristallisiert sich als eine dieser Dimensionen. Sie meint die unterschiedlichen Bewältigungsaufgaben und Fähigkeiten in den unterschiedlichen Phasen der Biographie. Dabei wird darauf geschaut, wie der Tag, die Wochen und die generelle Zeit in den Lebensabschnitten strukturiert wird (vgl. Grunwald/Thiersch 2018, S. 305). Sie nimmt Bezug auf die ungewisse Zukunft in den Lebensphasen und auf das Riskieren von neuen unbekannten Feldern, aber auch auf das hier und jetzt, in dem Schwierigkeiten des Alltags in der gegenwärtigen Lebensphase bewältigt werden müssen (vgl. Thiersch/Grunwald/Könteger 2012, S. 187).

Der erfahrene Raum, als zweite Dimension der Lebenswelt, meint hier zum einen die Orte und Räume, in denen erlebt wird und vom Individuum gestaltet werden, zum anderen aber auch die tatsächlichen Räumlichkeiten, also die Milieus, die Städte und andere Sozialräume (vgl. Grunwald/Thiersch 2018, S. 305). Diese Räume sollen durch die Soziale Arbeit gestärkt werden, sodass neue Handlungsmöglichkeiten und Ressourcen offen zugänglich gemacht werden. Dies ist das Arbeitsfeld einer sozialraumorientierten Sozialen Arbeit (vgl. Thiersch/Grunwald/Könteger 2012, S. 187). Bei der Betrachtung der Dimensionen müssen die sozialen Bezüge und ihre Bedeutungen auf das Individuum diskutiert werden. Es geht dabei um gegebene Ressourcen und Spannungsfelder innerhalb und zwischen den sozialen Beziehungen in den Lebenswelten (vgl. ebd.).

Individuen sind in ihrer alltäglichen Lebenswelt demnach den unterschiedlichsten Konflikten und Bewältigungsaufgaben ausgesetzt. Sie müssen sich den gegebenen Machtstrukturen stellen, werden also von anderen beherrscht und wollen selbst über andere herrschen, um sich selbst darzustellen. Dabei können sie unter Ohnmachtsgefühlen leiden und erleben Rücksichtslosigkeit, Scham und Wut. All dies muss im Modus der Alltäglichkeit im Alltag bewältigt werden (vgl. Grunwald/Thiersch 2018, S. 306).

4.1.2 Alltag

Jedes Individuum findet sich in einem Alltag wieder. Der Alltag eines Individuums umfasst die unmittelbaren und pragmatische Handlungen, bezogen auf die soziale, zeitliche und räumliche Dimension. Es meint auch nicht neue oder zufällige Erfahrungen, sondern das schon bekannte und vertraute Feld (vgl. Füssenhäuser 2006, S. 130). Dieser Alltag versteht sich sinnbildlich auch als die „Vorderbühne“ (Grunwald/Thiersch 2018, S. 304), auf der sich der Mensch bewegt. Dieses Handeln ist geprägt durch gesellschaftliche, politische Gegebenheiten und Verhältnisse, was auch die „Hinterbühne“ (ebd.). darstellt. Alles was sich ,hinter der Bühne‘ abspielt, wird daher unter dem Begriff der Lebenslagen verstanden. Lebenslagen sind jene anthropologische und gesellschaftliche Strukturen, die auf das Handeln des Individuums in seinem Alltag Einfluss haben. Dazu gehört die Ethnie, aber auch materielle, politische soziale und kulturelle Ressourcen und Verhältnisse (vgl. ebd., S. 307). Brechen die Handlungsstrukturen des Alltags zusammen und damit auch die erlebte Sicherheit in diesem vertrauten Feld, so können problematische oder unglückliche Handlungsmuster als Lösungsversuche entstehen, die Krisen im Alltag hervorrufen (vgl. Füssenhäuser 2006, S. 130).

4.1.3 Alltagswelten und Lebenswelten

Alltagswelten oder Alltagsleben hingegen meint die verschiedenen Lebensbereiche in denen sich der Alltag eines Individuums abspielt und in dem die Alltäglichkeit erlebt wird. Diese können in verschiedene Felder oder Zonen gegliedert werden. Beispielsweise können die Begriffe Armut, Generation und Geschlecht kategorisiert werden. Der Begriff der Alltagswelten lässt sich daher empirisch betrachtet operationalisieren. Lebenswelten hingegen ist der Begriff, der die institutionellen Lebensbereiche abdeckt, in denen alltäglich gehandelt wird. Hierzu gehören beispielsweise die Schule, die Familie und der Beruf. Eine Aufgabe der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ist das Kritisieren dieser gesellschaftlichen Institutionen, da diese auch negativen Einfluss auf die Strukturen des Alltags ausüben können (vgl. Füssenhäuser 2006, S. 131).

4.1.4 Ziele einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

Die Lebensweltorientierung soll als theoretisches Konzept einen Rahmen für die Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit bieten. Daher ist der Gegenstand der Theorie, die Soziale Arbeit selbst (Thiersch/Grunwald/Könteger 2012). Aus der Perspektive der Lebenswelt soll der*die Sozialarbeiter*in seine*ihre Intervention auf den Alltag des Klienten*der Klientin aufbauen. Hierfür muss der konkrete Alltag des Klienten*der Klientin zunächst verstanden werden. Dies bedeutet, dass sich der*die Sozialarbeiter*in fragt, wie der*die Klient*in mit seinem*ihrem Alltag zurecht kommt.

Die Lebensweltorientierung bietet eine Perspektive auf die Welt, die die Soziale Arbeit für sich in Anspruch nehmen kann (vgl. Grunwald/Thiersch 2018, S. 303). Ausgangspunkt der Lebensweltorientierung ist zum einen die Frage danach, wie der*die Klient*in mit seinem*ihrem Alltag zurecht kommt (vgl. Thiersch 2020, S. 44). Das meint, dass die Soziale Arbeit den Alltag der Klient*innen mit ihren Strukturen, sozialen Beziehungen, den subjektiven Vorstellungen und Wünschen, den Herausforderungen und Schwierigkeiten rekonstruieren muss. Diese Rekonstruktion ist eine subjektive Interpretation des Klienten, da er*sie von seiner*ihrer Perspektive seinen*ihren Alltag beschreibt. Hier gilt, dass der*die Klient*in Expert*in seiner*ihrer Lebenswelt ist, da er*sie seine*ihre Lebensverhältnisse interpretiert. Daher muss man an den Deutungen der Lebensverhältnissen der Adressat*innen ansetzen und sich stets an diesen orientieren. Die Lebensweltorientierung schaut auf das Potential der Klient*innen und auf gegebene Ressourcen ihrer Lebenswelten. Diese Ressourcen sind Mittel, welche zunächst auch aktiviert werden, um die Schwierigkeiten und Krisen in einem immer komplexer werdenden Alltag zu bearbeiten. Dabei soll der Klient oder die Klientin zur Selbsthilfe befähigt werden, um künftige Probleme und Defizite eigenständig zu bewältigen. Ziel ist es auch, die Lebenswelten zu stärken (vgl. Füssenhäuser 2006, S.127f.; Grunwald/Thiersch 2018, S. 303f.).

Ziel einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ist es immer, mithilfe der vorhandenen Ressourcen und durch Aktivierung und das Erkennung neuer Ressourcen, einen gelingerenden Alltag des Klienten oder der Klientin herzustellen. Hier distanziert man sich bewusst von dem Begriff des ,gelungenden Alltags“, da dieser erst definiert werden müsste. Allerdings kann die Lebensweltorientierung keineswegs auf eine normative Interpretation verzichten. Dies lässt sich an den Zielen des Konzepts erkennen, welche beispielsweise nach sozialer Gerechtigkeit streben, aber auch an ihrer politischen Mitwirkung (vgl. Grunwald/Thiersch 2018, S. 307). Des Weiteren besteht nicht der Anspruch, dass man einen problemlosen Alltag entwickelt soll. Stattdessen sollen die verschiedenen Optionen und Lösungsmöglichkeiten abgewägt werden, um einen besser funktionierenden Alltag anzustreben (vgl. ebd.).

Die lebensweltorientierte Soziae Arbeit zielt immer darauf ab, die eigene Identität zu stärken und zur Selbsthilfe anzuregen (vgl. Thiersch/Grunwald/Könteger 2012, S188f.).

4.1.5 Haltung der Sozialarbeiter*innen

Die Lebensweltorientierung bietet dem Sozialarbeiter und der Sozialarbeiterin einen Rahmen für die Handlungsmöglichkeiten und Interventionen an und verbindet damit die Analyse von gegebenen Lebensbedingungen mit pädagogischen Auswirkungen. Mithilfe der Kompetenzen des Sozialarbeiters oder der Sozialarbeiterin können die Lebensverhältnisse reorganisiert werden (vgl. Thiersch/Grunwald/Könteger 2012, S. 175, 178).

Die Sozialarbeiter*innen gehen dabei nach den Prinzipien des Förderns, Behütens und des Gegenwirkens vor. Sie müssen den Klient*innen mit Respekt und Wertschätzung begegnen, welche als Fundament einer vertrauensvollen Beziehung dient, denn Hilfe fordert Vertrauen und Respekt (vgl Thiersch/Grunwad/Könteger 2012, S. 178). So können die von den Professionellen gegebene Vorschläge und Impulse angenommen werden. Vertrauensförderlich ist ebenfalls die Betonung des Zusammenspiels von eigenen Stärken und Schwächen und dem gemeinsamen entwerfen von Hilfsplänen in einem niedrigschwelligen Kontext (vgl. ebd., S. 175). Ebenfalls soll als Handlungskonzept das Zutrauen in den Klienten und die Klientin vermittelt werden, sodass sie in ihrem eigenen Potential und Handlungsmöglichkeiten gestärkt werden. Dies geschieht durch das Aktivieren neuer oder vergessener Ressourcen, die durch Anwendung im Alltag das Selbstvertrauen und die Motivation der Klienten*innen erhöhen (vgl. ebd., S. 178). Dies setzt neue Optionen in der Gestaltung des Alltags frei, mit dem Ziel, dass dieser geordneter und gelingenderer abläuft.

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Details

Titel
Was versteht man unter einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit und welche Bedeutung findet sie in der Heimerziehung von Kindern und Jugendlichen?
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
2,7
Autor
Jahr
2021
Seiten
21
Katalognummer
V1252826
ISBN (Buch)
9783346686077
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorien, Geschichte, Ethik, Soziale Arbeit, lebensweltorientierung, Hans Thiersch, Alltagswelt, Lebenswelt, Heimerziehung, Kinder, Jugendliche
Arbeit zitieren
Anna-Katharina Klee (Autor:in), 2021, Was versteht man unter einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit und welche Bedeutung findet sie in der Heimerziehung von Kindern und Jugendlichen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1252826

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