Die Zielsetzung dieser Arbeit ist, zu untersuchen, woher das Skandalpotential des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes stammt. Hierzu wird der Wettbewerb in mehrere Beziehungsebenen aufgegliedert und aufgezeigt, dass diese unterschiedlichen Relationen Möglichkeiten bieten, in öffentlichkeitswirksamer Weise Aufsehen zu erregen.
Trotz der vielfach geäußerten Vermutung, der Bachmann-Wettbewerb sei überflüssig geworden, kommt es regelmäßig in seinem Rahmen zu beachtlichen Skandalen ebenso wie zu viel beachteten Gewinnertexten. Mehrmals stand der Preis vor dem Aus angesichts schwacher Jury-Diskussionen und unterdurchschnittlichen Texten. Hingegen wird das Format wiederum als ein Alleinstellungsmerkmal herausgestellt. So ist zu fragen, ob der Wettbewerb möglicherweise eine eigene Kunstform ist. Zumindest bietet er das Potential, veritable Skandale zu produzieren, deren Urheber noch Jahre im Gespräch bleiben. Der Regelverstoß, der durch den Wettbewerb ermöglicht wird, ist ein Spezialfall im deutschen Literaturbetrieb.
Inhaltsverzeichnis des E-Books
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das Format des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs
2.2 Eine Chronologie der Skandale des Bachmann-Wettbewerbs
2.3 Das Verhältnis von Text und Lesung
2.4 Die Relevanz des Bachmann-Wettbewerbs im Vergleich zu anderen Literaturpreisen
3 Methodik und Vorgehen
4 Untersuchung
5 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Skandalpotential des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Ziel ist es, durch eine Analyse verschiedener Beziehungsebenen innerhalb des Wettbewerbs – wie das Verhältnis von Autor, Jury, Publikum und Veranstaltern – aufzuzeigen, warum dieses Format über Jahrzehnte hinweg regelmäßig Anlass für kontroverse Debatten und Aufsehen bietet.
- Systematische Analyse von Skandalen in der Geschichte des Bachmann-Preises
- Untersuchung der Rolle der Inszenierung (sowohl textuell als auch nicht-textuell)
- Bewertung des Einflusses der Jury und deren machtvoller Position
- Analyse des "Eventcharakters" und des Medieneinflusses auf den Wettbewerb
- Vergleichende Einordnung des Wettbewerbs in die deutsche Literaturpreislandschaft
Auszug aus dem Buch
2.2 Eine Chronologie der Skandale des Bachmann-Wettbewerbs
Schon bei der Gründung 1977 gab es große Kritik. Dem Wettbewerb hafte ein “Eventcharakter” an, bei dem es weniger um das Können, als vielmehr um die Inszenierung gehe (vgl. Süddeutsche Zeitung 2010). Das zeigte sich explizit bei der Kritik durch Reich-Ranicki an der Autorin Karin Struck (vgl. Süddeutsche Zeitung 2010). Als Urteil über den von ihr vorgelesen Text sprach Reich-Ranicki davon, das es ein Skandal sei, was Struck geschrieben habe. Er fragte, wen es interessiere, “was die Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert?” (Süddeutsche Zeitung 2010). Was Struck geschrieben habe, sei keine Literatur, sondern vielmehr ein Verbrechen.
1983 kam es zum vermutlich aufsehenerregendsten Skandal des Wettbewerbs. Rainald Goetz’ Text “Subito” thematisierte die Zustände in psychiatrischen Kliniken. Bei der Passage “Ihr könnt's mein Hirn haben. Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen” zog der Lesende eine Rasierklinge und fügt sich eine blutende Wunde auf der Stirn zu (vgl. Süddeutsche Zeitung 2010). John-Wennberg (vgl. 2014: 130) merkt hierzu an, dass angenommen werden kann, dass Goetz genau wusste, wie er sich zu schneiden habe, da er ein Medizinstudium absolvierte und ein Jahr vor seiner Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb zum Doktor promoviert wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Situation des Wettbewerbs im Kontext der Corona-Pandemie und führt in die Fragestellung nach dem Skandalpotential ein.
2 Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert das Format des Wettbewerbs, erstellt eine Chronologie der Skandale und analysiert das Verhältnis von Text, Lesung sowie die Relevanz des Preises im Vergleich zu anderen Auszeichnungen.
3 Methodik und Vorgehen: Hier wird der methodische Ansatz des Literaturreviews beschrieben, der zur wissenschaftlichen Untersuchung der verschiedenen Konfliktlinien genutzt wurde.
4 Untersuchung: Im Hauptteil werden die gesammelten Quellen auf die verschiedenen Beziehungsebenen – wie die Inszenierung der Autoren und die Interaktion mit der Jury – transferiert, um Ursachen für die Skandale zu identifizieren.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Skandalpotential durch das spezifische Format, die Richterrolle der Jury und die mediale Inszenierung begründet ist, wodurch der Wettbewerb trotz aller Krisen von hoher Bedeutung bleibt.
Schlüsselwörter
Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, Skandalpotential, Literaturkritik, Jury, Inszenierung, Literaturwettbewerb, Rainald Goetz, Urs Allemann, Mediale Aufmerksamkeit, Performanz, Text und Lesung, Kulturpreise, Öffentlichkeitswirksamkeit, Bachmann-Preis, Literaturbetrieb.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der regelmäßigen Skandale beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und untersucht deren Ursachen innerhalb der Struktur und Dynamik dieser Literaturveranstaltung.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Themenfelder umfassen die mediale Inszenierung von Autoren, die machtvolle Rolle der Jury, das spezifische Format als "Wettlesen" und das Verhältnis zur breiten Öffentlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass das Skandalpotential kein Zufall ist, sondern tief in den Beziehungsebenen und dem zugrundeliegenden Format des Wettbewerbs verwurzelt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Erarbeitung genutzt?
Es wird eine systematische Literaturrecherche bzw. ein Literaturreview angewandt, um bestehende Debatten, Zeitungsberichte und wissenschaftliche Sekundärliteratur zu analysieren und zu strukturieren.
Was deckt der Hauptteil der Arbeit inhaltlich ab?
Der Hauptteil gliedert das Material in verschiedene Beziehungsebenen, analysiert prominente Beispiele wie Rainald Goetz oder Urs Allemann und untersucht das Zusammenwirken von Jury-Beschlüssen und öffentlicher Resonanz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie "Skandalpotential", "Bachmann-Wettbewerb", "Inszenierung", "Jury-Dynamik" und "Literaturbetrieb" zusammenfassen.
Warum spielt die Person Rainald Goetz eine so zentrale Rolle für die Argumentation?
Goetz dient als Paradebeispiel für die Inszenierung als "Literatur-Punk", dessen körperliche Grenzüberschreitung beim Wettbewerb bis heute als Referenzpunkt für Skandale innerhalb des Formats herangezogen wird.
Wie bewertet der Autor die Rolle des ORF in Bezug auf die Skandale?
Der Autor zeigt auf, dass der ORF durch intransparente Kommunikation und einseitige Absageentscheidungen in der Vergangenheit regelmäßig selbst zur Entstehung von Krisen und Irritationen innerhalb des Wettbewerbsumfelds beigetragen hat.
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- Nicolas Mues (Author), 2020, Das Skandalpotential des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1253105