Brannigans Point-of-View-Struktur und Fokalisierungstheorie

Diskussion und Anwendung auf den Film „My Little Eye“


Seminararbeit, 2008
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist ein Point of View Shot?

3. Edward Brannigan: Die Point of View Struktur
a) Arten und Varianten des Point-of-View

4. Edward Brannigan :Fokalisierung
a) Interne Fokalisierung
b) Externe Fokalisierung

5. My Little Eye (Marc Evans, 2002

6. Fazit:

7. Literaturverzeichnis

8. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

„Die Welt mit anderen Augen sehen...“ nirgends finden diese geflügelten Worte so häufig Verwendung wie im Film. In fast jedem Film bekommt der Zuschauer die Handlung zwischenzeitlich durch die Augen einer Figur gezeigt. Dem ungeschulten Auge fallen solche „Point-of-View-Shots“ erst beim zweiten Hinsehen auf, aber sie sind ein wichtiger Bestandteil, wenn es darum geht, dem Zuschauer eine Figur näher zu bringen. Doch was sind eigentlich Point-of-View-Shots und wie werden sie wann und wo angewendet? Welche Wirkung haben sie auf den Zuschauer und welche erzähltheoritschen Potenziale stecken in ihnen? Im Verlauf meiner Arbeit werde ich zwei Point-of-View-Theorien von Edward Brannigan diskutieren. Zum einen die Point-of-View-Struktur, die das Stilmittel „Point-of-View“ in einem filmanalytischen Kontext betrachtet und zum anderen die Fokalisierungstheorie, die, die narratolgischen Strukturen in und um so einen Point-of-View-Shot erläutert. In einem zweiten Schritt werde ich versuchen, die beiden Theorien in ihren Ansätzen auf den Film „My little eye“ anzuwenden[1]. Hierbei werde ich auch die Grenzen und Potenziale beider Theorien in diesem Film aufzeichnen.

Wird der Film zitiert, so sind die in den Klammer gehaltenen Zahlen, als Zeitangabe im Sinne von -Stunde:Minute:Sekunde- zu verstehen.

2. Was ist ein Point of View Shot?

Point-of-View-Shots kommen in vielen Filmen vor, besonders dann, wenn der Zuschauer den Standpunkt einer Figur besser verstehen und nachvollziehen soll. Der Point-of-View-Shot ist eine Einstellung, die den Blick einer Figur nachahmt und genau das zeigt, was die Figur gerade sieht. Kurz kann man sagen „ein Point of View Shot ist eine kurze Einstellung aus einer subjektiven Perspektive“ (Kamp, S.167) Wenn eine Figur in einem Film den Ort und das Geschehen um sich herum beobachtet und der Zuschauer soll seine Situation und seine und Erfahrungen teilen, so wird mit Point-of-View-Shots gearbeitet. Durch diese besondere Art der Wahrnehmung, nämlich die nachgeahmte Wahrnehmung einer Figur, soll der Zuschauer das Erleben dieser Figur besonders intensiv teilen. Die Point-of-View-Shots können in diesem Falle der Identifikation mit der Figur dienen. Die Identifikation des Zuschauers mit einer Figur wird durch die Einstellungsfolge bei einem Point-of-View-Shot geschaffen. „Damit ist der Zuschauer in das filmische Geschehen mit einbezogen.“ (Kamp S.168)

3. Edward Brannigan: Die Point of View Struktur

Wie schon in der Definition erwähnt, nimmt die Kamera in einer Point-of-View-Einstellung die Perspektive einer wahrnehmenden Person ein, um dem Zuschauer zu zeigen, was eine Figur sieht.

Brannigan erklärt in seinem Aufsatz, dass eine Point-of-View-Struktur aus sechs Elementen besteht, die sich auf zwei Einstellungen verteilen.

Das erste Element, der „Punkt“ konstituiert einen Ort im Raum. Häufig geschieht das in Filmen, „wenn aus einem Dialog ein Blick zu folgern ist, (He, schau dir das an)“ (Brannigan S.47) aber dem Zuschauer kein Blickpunkt präsentiert wird. Eine andere Möglichkeit ist, dass dem Zuschauer zu viele Blickpunkte präsentiert werden und er dadurch verunsichert wird.

Das zweite Element, der „Blick“ führt ein Objekt im Off, also außerhalb des Bildbereiches ein. Hierbei blickt eine Figur ein Objekt an, welches in der Regel außerhalb des Bildes liegt. Ob eine Figur tatsächlich ein Objekt oder eine Person außerhalb des Bildbereiches anblickt, „ist allerdings eine Frage des Grades, der Deutlichkeit.“ (Brannigan S.47) Typische Merkmale, die darauf schließen lassen, dass eine Figur etwas oder jemanden anblickt, sind beispielsweise Augen- und Kopfbewegungen, aber auch ein neuer, plötzlicher Kamerawinkel, Kamerafahrten und Zoom, sowie Äußerungen („Was ist das denn da?“) oder Geräusche aus dem Off. Das Konzept des Blicks muss die Existenz eines Beobachters, dessen Perspektive der Zuschauer teilen kann, deutlich machen. Brannigan stellt weiter fest, dass sich Point-of-View-Aufnahmen nicht nur auf Menschen und lebende Wesen beschränken müssen, sondern auch auf Tiere oder gar Gegenstände anwenden lassen.

Das dritte Element, der „Übergang“ wirkt während zwei Einstellungen (A und B) und impliziert nach Brannigans Point-of-View-Theorie die zeitliche Kontinuität oder Gleichzeitigkeit. Diese muss nicht innerhalb der Einstellungen A (Punkt/Blick) und B (Punkt/Objekt) herrschen, „es genügt, wenn das Ende der Einstellung A (mit den Elementen 1 und 2) zeitlich an den Anfang von Einstellung B anschließt (an die Elemente 4 und 5)“ (Brannigan S.49) So müssen lediglich die jeweiligen Elemente einer Einstellung in einer zeitlichen Kontinuität zueinander stehen, die Einstellungen, die diese Elemente beinhalten, nicht.

Nach den ersten beiden Elementen in der Einstellung A und dem Übergang folgt nun die Einstellung B mit zwei weiteren Elementen.

Das vierte Element „vom Punkt aus“ beschreibt eine Kameraposition, die das erste Element in Einstellung A vorgegeben hat[2]. Durch diese Montage kann der Zuschauer die räumliche Kontinuität zweier auf einanderfolgenden Point-of-View-Einstellungen (A und B) begreifen. Des Weiteren können dem Zuschauer sekundäre Hinweise zu einer besseren räumlichen Orientierung verhelfen. Als sekundäre Hinweisreize können z.B. die Position oder der Winkel einer Kamera wirken. „Ein niedriger Winkel entspricht einer sitzenden, ein höherer einer stehenden Figur (...)“ (Brannigan S.51) Wackelt eine Kamera stark oder dreht sich scheinbar willkürlich, lässt sich dies beispielsweise mit einem Autounfall oder einem Sturz in Verbindung setzen. Das vierte Element kommuniziert dem Zuschauer eine teils deutliche Subjektivierung, die durch den Kontext determiniert wird.

Das fünfte Element, „das Objekt“, „zeigt jenes Objekt, das durch Element 2 der Point-of-View-Struktur impliziert ist.“ (Brannigan S.52). Natürlich kommt es in vielen Point of View Shots vor, dass das Objekt bereits während der ersten Einstellung, teilweise oder ganz gezeigt wird. Wenn dies der Fall ist, dient das fünfte Element dazu, das Objekt aus einer anderen Perspektive und/oder einer veränderten Distanz zu zeigen. Das fünfte Element ist ein sehr sensibles Element und kann den Zuschauer schnell in die Irre führen. Beispielsweise dann, wenn ein Blick einer Figur offeriert wird (Einstellung A), das darauf folgende Bild von einem Objekt (Einstellung B), dem Blick der Figur zugeschrieben wird, in Wahrheit aber gar kein Point-of-View-Shot ist.

Das sechste und letzte Element von Brannigans Point-of-View-Struktur ist unter dem Schlagwort „die Figur“ gefasst. Brannigan erklärt, dass jede Point-of-View-Einstellung die Anwesenheit einer Figur voraussetzt, „doch es gehört mehr dazu als nur ein ihr Körper – sie muss auch „bei Bewusstsein“ und „Herr der Sinne“ sein.“ (Brannigan S.53) Um also einen Point-of-View-Shot als solchen zu identifizieren, muss sich der Zuschauer über die Anwesenheit eines wahrnehmenden Subjekts im Klaren sein.

Zwischen den einzelnen Elementen von Brannigans Point-of-View-Struktur, um genau zu sein, zwischen dem ersten Element, „dem Punkt“, und dem vierten Element, „dem Punkt von dem aus“ sind Übergänge von Nöten, die durch eine neue Kameraposition geschaffen werden. Diese veränderte Position ist aber nicht nur auf der Bildebene von Bedeutung, sondern stellt ebenfalls einen Wechsel der Erzählperspektive dar. Betrachten wir in Einstellung A beispielsweise einen Mann, der auf etwas außerhalb des Bildbereichs blickt, haben wir eine objektive, voyeuristische Perspektive. Sehen wir nun in einer zweiten Einstellung B, das was der Mann anblickt, wechselt nicht nur die Kameraposition, sondern auch die Erzählperspektive und zwar hin zur einer subjektiven und persönlichen Sichtweise.

[...]


[1] Bei dem mir vorliegenden Film handelt es sich um die britische DVD

[2] Natürlich muss die Kamera nicht an exakt der vorgegebene Position stehen, sollte aber auch nicht allzu weit von diesem Punkt entfernt sein.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Brannigans Point-of-View-Struktur und Fokalisierungstheorie
Untertitel
Diskussion und Anwendung auf den Film „My Little Eye“
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Germanistik, vergl. Literatur und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Kultur und Medien
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V125440
ISBN (eBook)
9783640311019
ISBN (Buch)
9783640310005
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brannigans, Point-of-View-Struktur, Fokalisierungstheorie, Kultur, Medien, Point Of View, Point-of-View, POV, Brannigan, Fokalisierung
Arbeit zitieren
Tobias Heitmann (Autor), 2008, Brannigans Point-of-View-Struktur und Fokalisierungstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125440

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