Die Kita als Netzwerkakteur. Über die Notwendigkeit der Netzwerkarbeit in Kindertageseinrichtungen


Hausarbeit, 2020

29 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

I THEORETISCHER TEIL

1 Theoretische und methodische Grundlagen der Netzwerkanalyse
1.1 Netzwerke
1.2 Die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse
1.3 Die egozentrierte Netzwerkanalyse
1.3.1 Erhebung eines egozentrierten Netzwerkes mittels Netzwerkkarten
1.3.2 Auswertung der Erhebung
1.3.3 Grenzen der qualitativen Netzwerkanalyse mittels Netzwerkkarten

2 Netzwerk Kita

3 Netzwerk- und Kooperationsarbeit in der Kindertagesbetreuung in Berlin und Brandenburg

II EMPIRISCHER TEIL

4 Netzwerk einer Kita-Leitung
4.1 Erhebung
4.2 Analyse

Fazit

III ANHANG

Persönliche Reflexion

Literaturverzeichnis

Einleitung

Laut dem Hauptstadtportal berlin.de gibt es 2147 Kitas in Berlin (Stand 18.04.2020). Diese Kitas sind Teil eines Kiezes, einer Straße, des Lebens vieler Familien. Umgeben von Schulen, Lebensmittelgeschäften, Arztpraxen prägen sie das Straßenbild und sind eingewoben in die Infrastruktur. Umso wichtiger ist es, dass sich die Kitas als Teil des Ganzen sehen und sich öffnen und so die Vernetzung der Kinder, die die Kindertageseinrichtung besuchen, in ihrem Sozialraum zu unterstützen und Übergänge wie vom Elternhaus in die Tageseinrichtung und von dort in die Schule zu erleichtern (vgl. Klawe 1995).

Doch was genau bedeutet die Öffnung einer Kindertageseinrichtung im Sozialraum für die dortige Arbeit, für die pädagogischen Fachkräfte und die Leitung, sich neben dem Bildungsauftrag auch um Vernetzungsarbeit zu kümmern? Orientierend am Berliner Bildungsprogramm (BBP), dass sich bereits mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat, wird sich diese Arbeit damit beschäftigen, wie die Netzwerkarbeit in Kitas aktuell auf theoretischer Ebene aussieht bzw. aussehen sollte. Vergleichend dazu soll an einem Beispiel geschaut werden, wie aktuell die Vernetzungsarbeit im Kindergarten umgesetzt wird. Als Ansprechpartnerin dient hierfür eine Kita-Leitung, die in einem Interview ihr Arbeitsnetzwerk offenlegt. Dies soll mit Hilfe einer egozentrierten Netzwerkanalyse dargestellt werden. Dabei ist zu betonen, dass diese als qualitative Forschungsmethode nicht repräsentativ für die grundlegende Netzwerkarbeit in Kindertagesstätten zu betrachten ist.

Ziel dieser Arbeit ist die Darlegung der Umsetzung der Netzwerkarbeit in einer Kita, welche Aufgaben diese für die Kita-Leitung bedeutet und inwiefern die Kita die Anregungen des Berliner Bildungsprogrammes in ihren Alltag integriert und ob es Differenzen gibt.

Beginnend mit den theoretischen Grundlagen einer Netzwerkanalyse (I) – das beinhaltet die Definition von Netzwerken als eine unterschiedlich starke Verknüpfung von verschiedenen Subjekten (1.1) und die Unterscheidung verschiedener Analyseformen in der wissenschaftlichen Forschung – setzt diese Arbeit ihren Schwerpunkt in der Methode der egozentrierten Netzwerkanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung. In der qualitativen Netzwerkforschung soll dargestellt werden, wie gut eine einzelne Person in ihrem Netzwerk eingebettet ist, während in der quantitativen Netzwerkforschung besonders die Anzahl und Intensität der Beziehungen oder auch die „soziale Unterstützung“ (Jansen 2006, S.11) zwischen den Akteuren von Interesse ist (1.2). Unter Einbeziehung des Bourdieu'schen Kapitalbegriff werden daraufhin die Handlungschancen des Individuums in einem sozialen Netzwerk aufgezeigt, die auf Grund der Einbettung in das eigene soziale System möglich sind (1.3). Im nachfolgenden Punkt wird die Methode der egozentrierten Netzwerkanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung dargelegt. Der theoretische Teil dieser Arbeit endet mit der Kurve zum eigentlichen Thema, der theoretischen Darstellung von einer Kindertagesstätte als ein Netzwerk (2.) sowie der Darstellung der geforderten Netzwerkarbeit in Berlin und Brandenburg (3.).

Der zweite, empirische Teil dieser Arbeit (II) stellt das Netzwerk einer Kita-Leitung dar. Mittels der in 1.3 beschriebenen Methode der egozentrierten Netzwerkanalyse wird das Netzwerk der Kita-Leitung erhoben (4.1) und anschließend analysiert (4.2).

Abgeschlossen wird diese Arbeit mit einer persönlichen Reflexion (III), um mögliche Schwächen in der Erhebung und Analyse der Arbeit transparent zu machen.

I THEORETISCHER TEIL

1 Theoretische und methodische Grundlagen der Netzwerkanalyse

In diesem Kapitel klären sich die theoretischen Grundlagen der Netzwerkanalyse. Zu klärende Punkte wären die Definition des Netzwerk-Begriffes sowie der Aufbau und die Darstellung eines Netzwerkes. Die Notwendigkeit einer Netzwerkanalyse und die Bedeutung dieser für die Gesellschaft und die Forschung werden dargestellt.

1.1 Netzwerke

„,Netzwerke’ scheinen in modernen Gesellschaften omnipräsent zu sein.“
(Gamper 2020, S. 110)

Trotz der „Omnipräsenz“ von Netzwerken gibt es keine einheitliche und wissenschaftliche Definition von Netzwerken – zu unterschiedlich sind ihre Formen und Ausprägungen. Eine allgemeine Begriffsbestimmung liefert Jansen (2006, S. 58), die ein Netzwerk als eine „[...] abgegrenzte Menge von Knoten oder Elementen und der Menge zwischen ihnen verlaufenden sogenannten Kanten“ bezeichnet. Die Knoten bezeichnen die Elemente oder Objekte oder Personen in einem Netzwerk, die mit anderen Elementen Beziehungen, sogenannte Kanten, eingehen können. Die kleinste Einheit solch einer sozialen Beziehung ist eine Dyade, die Relation zwischen zwei Akteuren. Dyaden wiederum existieren nicht für sich allein, sondern verbinden sich zu größeren Netzwerken, in denen sie bestimmte Strukturen ausbilden (Gamper 2020, S. 110).

Die Sozialforschung interessiert sich vor allem für die Akteure und deren Beziehungen untereinander, der „sozialen Unterstützung“ die eine Person erfährt (Jansen 2006, S. 11), deshalb kann man hier vor allem von sozialen Netzwerken sprechen. Durch die Zunahme an Vernetzungen in der Gesellschaft, insbesondere durch das Fortschreiten der Technologisierung und Medialisierung, gewinnt die Analyse sozialer Netzwerke in der Sozialforschung immer mehr an Priorität (Diaz-Bone 2006).

1.2 Die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse

In den Sozialwissenschaften hat sich in den letzten 40 Jahren ein Ansatz überwiegend standardisierter und quantitativer Ansatz der Netzwerkanalyse herausgebildet (Gamper 2020, S. 11). In der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse (SNA) wird eine konkrete und empirische Analyse der sozialen Netzwerkstrukturen und -dynamiken aufgenommen. Vor allem geht es um die formale Analyse und Identifizierung von sozialen Beziehungsstrukturen, die als „erklärender Sachverhalt für soziales Handeln und für soziale Phänomene“ gesehen werden (ebenda, S.2; Lembke/ Vyborny 2006, S. 32).

Dafür können folgende Netzwerk- und Akteurparameter hilfreich sein (Gamper 2020, S. 117f):

1. die Eigenschaften der Knoten, die wiederum in Kriterien von Zentralität unterschieden werden

(a) Anzahl der Verbindungen und ob diese zum oder vom Knoten gehen
(b) Nähe zu anderen Knoten
(c) Broker/ Stakeholder: Wer steht zwischen den einzelnen Knoten;

(2) die Eigenschaften der Kanten, die beschrieben werden können durch

(a) die Qualität der Beziehungen: Wodurch sind die Beziehungen gekennzeichnet (Vertrauen, gemeinsame Zeit, Emotionen, Informationen, Leistungen)?

(b) die Richtung: gerichtet/ ungerichtet
(c) die Symmetrie: symmetrisch/ asymmetrisch
(d) die Intensität: schwach/ stark;

(3) die Eigenschaften der Netzwerkstruktur

(a) Dichte: Wie eng ist das Netzwerk miteinander verwoben?
(b) Cluster: Sind Teilnetze oder Cliquen vorhanden, die intern stärker verbunden sind als mit dem restlichen Netzwerk?
(c) Homophilie: Sind verbundene Knoten von einer überzufälligen Ähnlichkeit?

Besonders interessant sei, nach Diaz-Bone, die Erhebung vollständiger Netzwerkwerkstrukturen, da sie eine netzwerkanalytische Bewertung einzelner Akteure ermöglichen. Die Knoten können danach beurteilt werden, ob sie eine besondere Stellung im Netzwerk innehaben, die ihnen Vor- oder Nachteile im sozialen Tausch verschafft (Diaz-Bone 2006, S. 8).

Die Visualisierung erhobener Netzwerke stellt einen wichtigen Teil der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse dar, da so die erkannten Strukturen gut abgebildet werden können (Lembke/ Vyborny 2006, S. 32), zudem eignet sie sich hervorragend für einen gemeinsamen Reflexionsprozess (Straus 2010, S. 527). Ein weiterer Vorteil könnte die Möglichkeit der Darstellung unterschiedlicher Veränderungsstrategien sein: Zum einen können Gruppen identifiziert werden, in denen alle Akteure nur indirekt miteinander vernetzt sind bis hin zu den „cliques“, in denen jeder mit jedem vernetzt ist. Des Weiteren können noch so genannten „blockmodels“ identifiziert werden. Das sind Gruppen, die durch Cluster definiert sind: mit Hilfe hierarchischem Clustering werden Gruppen gebildet, bei denen ähnliche Akteure der gleichen Gruppe zugeordnet werden, um so unterschiedliche Positionen (Rollen) zu identifizieren (Lembke/ Vyborny 2006, S. 32).

Insgesamt eignet sich die sozialwissenschaftliche Netzwerkanalyse gut zu Erhebung von Netzwerken, in denen alle Netzwerkakteure befragt werden können, um so die Qualität des gesamten Netzwerkes darzustellen.

1.3 Die egozentrierte Netzwerkanalyse

Die egozentrierte Netzwerkanalyse erhebt die Netzwerkstruktur einer Person, indem sie die Beziehungen der Person ( Ego ) zu anderen Personen ( Alteri ) sichtbar macht. Die Forschenden interessieren sich dabei für die Vernetzung der in Beziehung stehenden Personen, woraus sich zum Beispiel schließen lässt, wie gut die Person ( Ego ) in ihr soziales Netzwerk eingebettet ist (Diaz-Bone 2006, S. 5f; Wolf 2010, S. 471). Von daher kann die egozentrierte Netzwerkanalyse als Teil der qualitativen Netzwerkforschung betrachtet werden, da es hierbei um die „Geschichten hinter den Beziehungen“ gehe (Gamper 2020, S. 123). Netzwerke stellen hier keine gegebenen Wirklichkeiten dar, sondern phänomenologische Konstrukte, die erst durch die Akteure mit Sinn belegt werden (vgl. White 2008 zitiert nach Gamper 2020, S. 123).

Die theoretische Grundlage der Ego-Netzwerke bildet Pierre Bourdieus Begriff des sozialen Kapitals (vgl. Jansen 2006), der besagt, dass sich die Handlungschancen eines Individuums nicht nur auf materiellen Kapitalbesitz (ökonomisches Kapital) oder ihre eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten (kulturelles Kapital) stützen, sondern auch auf die Einbettung in soziale Systeme (Bourdieu 1983). Das soziale Kapital können Akteure aus dicht geknüpften Netzwerken beziehen, als auch aus einer Position als Cutpoint oder auch Stakeholder zwischen zwei enger vernetzten Cliquen (Jansen 2006, S. 105). Diese gegensätzlichen Netzwerkstrukturen können auch mit den Begriffen strong ties (starke Beziehungen) und weak ties (schwache Beziehungen) beschrieben werden. Die Anzahl der s trong ties ist stark begrenzt, da es sich hierbei um eine enge Beziehung mit einer Person handelt und ihre Aufrechterhaltung viel Zeit und Aufmerksamkeit erfordert. Bei den weak ties handelt es sich um schwache Beziehungen, wie bei einer flüchtig bekannten Person (eben da, S. 106).

Je größer ein Netzwerk ist, je mehr Alteri darin vertreten sind, die sich nicht kennen und auch sonst sehr verschieden sind, desto leistungsfähiger ist das Netzwerk als Informationslieferant und desto stärker ist seine mobilisierende, verändernde Wirkung auf das Individuum (Burt 1983 zitiert nach Jansen 2006, S. 107).

1.3.1 Erhebung eines egozentrierten Netzwerkes mittels Netzwerkkarten

Egozentrierte Netzwerkanalysen können mit unterschiedlichen Instrumenten erhoben werden. Hier soll die sogenannte visuelle Netzwerkforschung vorgestellt werden, die in der qualitativen Netzwerkforschung dominierend ist: Mit sogenannten Netzwerkkarten und einem strukturierten und „themenoffenen Erzählstimulus“ können innere Netzwerkbilder sichtbar gemacht werden (Straus 2010, S. 533; vgl. Gamper 2020, S. 123).

„Um das Entstehen von Netzwerken beziehungsweise die dynamische Veränderung von Netzwerken zu konstruieren zu können müssen die Geschichten der Personen und die Handlungsmöglichkeiten im jeweiligen Kontext verstanden werden.“
(vgl. White 2008 zitiert nach Gamper 2020, S. 123)

Erhoben wird zumeist das aktuelle Netzwerk zum Zeitpunkt des Interviews. Eingezeichnet werden um die in der Mitte stehenden Person alle für sie wichtigen Personen aus ihren verschiedenen Lebenswelten. Dabei kann eine Strukturierung nach Sektoren (Lebensbereichen) stattfinden (EgoNet-QF, nach Straus 2002, 2009), die der Arbeitsbereich, der familiäre Kontext, der Freundes- und Bekanntenkreis usw. sein können. Dabei bestimmt der/ die Interviewte, welche Sektoren er wählt und wie groß diese sind (Straus 2010, S. 529).

Die Netzwerkkarten werden von der/ dem Interviewten manuell während des Interviews gelegt, der Zeitpunkt ist dabei von der Frage oder dem Ziel abhängig.

1.3.2 Auswertung der Erhebung

Nach Straus (2010) kann man vier Auswertungsebenen unterscheiden: Die erste Ebene wird meist schon während des Interviews genutzt, da diese Methode des Kartenlegens für die/ den Interviewten eine neue Erfahrung darstellt und eine Selbstreflexion fördert. Dieses Element wird am Ende oft noch mal genutzt („Wenn Sie jetzt ihr Netzwerk noch einmal anschauen, was fällt Ihnen auf?“). Die zweite Auswertungsebene hilft dabei, durch sogenannte Namensinterpretatoren zusätzliche Auswertungskategorien zu bilden. Mit diesen können attributionale Eigenschaften der Alteri wie Geschlecht, Bildung usw. erhoben werden, anhand derer man Struktureigenschaften des egozentrierten Netzwerkes wie Dichte oder Heterogenität darstellen kann (vgl. Diaz-Bone 2006, S. 6). Die dritte Auswertungsebene besteht aus der Konfrontation der Netzwerkkarte mit dem transkribierten Interview. Man „liest“ die Netzwerkkarte parallel zum transkribierten Text. Als „Dialog“ zwischen abgebildeter Struktur und der Beschreibung im Text. Die Netzwerkkarte erläutert relationale Bezüge und hilft beim Verstehen der sozialen Bezüge.

In der vierten Auswertungsebene können Netzwerke mit Hilfe zusätzlicher Strategien analysiert: so könnte man die Gestalt der Netzwerkkarte grafisch verändern, um bestimmte Strukturen deutlicher zu machen oder die Netzwerkkarte auch quantitativ auszählen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Kita als Netzwerkakteur. Über die Notwendigkeit der Netzwerkarbeit in Kindertageseinrichtungen
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
29
Katalognummer
V1254941
ISBN (Buch)
9783346694485
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netzwerkanalyse, Kita, BBP, Berliner Bildungsprogramm, Sozialraum, Netzwerk, Ego, Netzwerkarbeit
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Die Kita als Netzwerkakteur. Über die Notwendigkeit der Netzwerkarbeit in Kindertageseinrichtungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1254941

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