Vegan lebende Kinder im Kindergarten. Sensibilisierung für den Bedarf und Möglichkeiten zur Umsetzung


Hausarbeit, 2022

57 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort
1.1 Persönliche Motivation
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Übersicht über den Aufbau der Facharbeit

2 Grundlagenwissen zum Veganismus
2.1 Begriffserklärungen
2.2 Weitere Dimensionen des Veganismus

3 Veganismus innerhalb von pädagogischer Arbeit in Kindergärten
3.1 Beispielhafte Darstellung der gegenwärtigen Situation in Kindergärten mithilfe empirischer Methoden
3.1.1 Interview mit Anita Berfeld, staatlich anerkannte Erzieherin im Kindergarten
3.2 Veganismus und die erzieherische Querschnittsaufgabe "Bildung nachhaltiger Entwicklung"
3.3 Veganismus und Wertevermittlung
3.4 Wohlfühlen als vegan lebendes Kind im Kindergarten

4 Vegane Vollwerternährung für Kinder
4.1 Allgemeine ernährungsphysiologische Bewertung
4.2 Qualitätsstandard für Kita-Verpflegung
4.3 Die VeChi-Studien
4.4 Vegane Kita-Ernährung trotz fehlender Empfehlung

5 Inklusion der veganen Weltanschauung im Kindergarten
5.1 Umsetzung der veganen Ernährungsweise im Speiseplan
5.1.1 Die Rolle des verpflegenden Personals
5.1.2 All inclusive - Mahlzeiten für alle am Beispiel der "Bowl"
5.2 Nahebringen von unbekannten Ernährungsgewohnheiten
5.2.1 Ziehen von Sprossen und Microgreens
5.2.2 Vegan kochen und backen - ein Mitmach-Rezept als Einstieg
5.3 Speziesismus für Kinder: Dialogisches Lesen von "Carli und der Lebenshof"
5.4 Dialog zwischen Team und Eltern

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Anlagen

Anlagenverzeichnis

Quellenverzeichnis

1 Vorwort

1.1 Persönliche Motivation

Bevor ich in die Thematik einsteige möchte ich meinen persönlichen Bezug und individuellen Ausgangspunkt als Grundlage des Untersuchungsvorhabens darlegen. Somit erhält der Leser der Arbeit einen individuellen Bezug, insbesondere wenn es bisher keine persönliche Berüh­rung mit der Thematik gegeben hat. Erstmals verweigerte ich das Essen von Wurst und Fleisch im Jahr 1999 im Alter von 14 Jahren. Ich kann mich nicht mehr genau an die Gründe erinnern, jedoch beschäftigte ich mich bereits damals vermehrt mit Umweltschutz und Tierwohl als Teil meiner Identitätsentwicklung. Als ich 25 Jahre alt war, begann ich mich fortwährend vegetarisch zu ernähren, seit ungefähr 3 Jahren leben meine Familie und ich vegan. Die Urgroßmutter mei­nes Kindes fürchtete, dass mein Kind zum Außenseiter im Kindergarten wird, als ich zum ge­meinsamen Frühstück pflanzlichen Aufstrich für uns mitbrachte und mein Kind keine Butter es­sen wollte, da diese laut seiner Aussage aus Milch sei, die den Kälbern vorenthalten ist. Auch im Kindergarten selbst wollte mein Sohn kaum noch etwas essen und äußerte offen seine Be­denken, sodass andere Kinder seiner Gruppe ebenfalls das Fleisch als Teil der Mittagsverpfle­gung verweigerten. Gemeinsam mit den Erziehern mussten wir eine Lösung finden, damit sich unser Kind wieder in der Essensituation im Kindergarten wohlfühlen konnte. Die Lieferküche der Einrichtung wurde über Begrifflichkeiten wie "vegetarisch" und "vegan" informiert und bietet nunmehr ein vegetarisches Menü an, wobei die Begleiter meines Kindes extra den Fisch abbe­stellen, sollte dieser einmal Bestandteil des vegetarischen Menüs sein. Ich thematisiere seither nicht mehr, dass Kuhmilch Inhaltsstoff der Kräutersauce oder der Bananenmilch ist, die mein Sohn gern mag, sodass er unbeschwert am gemeinsamen Essen im Kindergarten teilhaben kann und sich eben nicht als Sonderling, Außenseiter oder Rebell fühlt.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Laut der Website oink-vegan.com ernähren sich offiziellen Zahlen aus dem Jahre 2020 zufolge deutschlandweit 1,13 Millionen Menschen vegan. Das sind 180.000 Menschen mehr als noch 2019 (vgl. Pinkelnig-Stadler & Pinkelnig GbR, 2021). Obwohl unklar ist, wie viele dieser Men­schen unter 18 Jahre alt sind, kann einem Beitrag in "Kochen ohne Knochen" aus dem Jahr 2020 nach davon ausgegangen werden, dass ein Großteil der sich fleischlos ernährenden El­tern auch ihre Kinder vegetarisch oder gänzlich vegan ernähren (vgl. Ritzheim / Reichmann, Vegane Kitaverpflegung, 2020). Dafür spricht, dass im Jahr 2018 in Deutschland zwei vollstän­dig vegane Kindertagesstätten eröffnet wurden ("Mokita" Frankfurt und "Erdlinge" München) (vgl. ebd.). Die unter Punkt 1.1 beschriebene Situation zeigt auf, dass der Kindergarten meines Kindes im Kontext der Thematik dieser Arbeit nicht auf die Äußerungen und Verhaltensände­rungen meines Kindes vorbereitet war und nicht ohne Weiteres sicher und entspannt mit seinen Bedürfnissen umgehen konnte. Außerdem gab es Defizit an Kenntnissen im Feld der fleischlo­sen und vor allem veganen Kinderernährung. Anhand einer Umfrage im Vorfeld dieser Arbeit zur Zufriedenheit von Eltern in Bezug auf Mahlzeitenangebot und Eingehen auf Ernährungsbe­dürfnisse durch pädagogisches Personal in Kindergärten wollte ich in Erfahrung bringen, ob die Situation verallgemeinert werden kann. Ich wollte herausfinden, ob es generell Defizite im Kenntnisstand rund um Vegetarismus und Veganismus in frühpädagogischen Bildungseinrich­tungen gibt und ob auf die verschiedenen Ernährungsbedürfnisse der Kinder eingegangen wer­den kann. Die Ergebnisse sind so gemischt wie mein Gefühl, wenn Eltern wie ich Ihren Kindern wichtige Fakten zu Inhaltsstoffen der Mahlzeiten vorenthalten, damit das viel zitierte Wohlbefin­den als Grundlage für Bildungsprozesse gegeben ist. Daher soll diese Arbeit einen breit gefä­cherten Einstieg in die Thematik des (kindlichen) Veganismus geben und die Wichtigkeit auf­zeigen, sich offen und neugierig näher damit auseinanderzusetzen. Für pädagogische Fach­kräfte möchte ich hiermit Anreize schaffen und Interesse wecken, die vegane Lebensweise in- klusiv und selbstverständlich in die alltägliche pädagogische Arbeit einzubinden.

1.3 Übersicht über den Aufbau der Facharbeit

Um eine thematische Fokussierung möglich zu machen, beziehe ich mich in meiner Arbeit auf den konsequenten Veganismus. Damit die Inhalte für den Leser verständlich sind, vermittelt Kapitel 2 grundlegende Kenntnisse zum Veganismus. So werden zuerst generelle Begriffe transparent gemacht, welche innerhalb der Thematik der fleischlosen Ernährung gebräuchlich sind, ähnlich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Danach erhält der Leser einen kurzen Überblick über Abstufungen und Motive der veganen Ernährungsweise. In Kapitel 3 wird Anhand zweier empirischer Methoden als Erweiterung meiner persönlich dargestellten Erfah­rungen der Umgang mit Veganismus in Kindergärten seitens der Einrichtungen nachgezeichnet und dient als Ausgangspunkt zur weiteren Annäherung an das Thema. Anschließend werden Kenntnisse über die Dimensionen der veganen Lebensweise vertieft und Vernetzungen mit pä­dagogischer Arbeit aufgezeigt. So wird beispielweise der Zusammenhang von Veganismus und Nachhaltigkeit erläutert und mit Bildung für nachhaltige Entwicklung verflochten. Außerdem werden die dem Veganismus zugrundeliegenden Wertevorstellungen dargestellt, womit sich Leserinnen und Leser eingeladen fühlen sollen, die eigenen Annahmen und Auffassungen zur Thematik zu reflektieren, um die Gedanken, die für ein sich vegan ernährendes Kind relevant sind, nachvollziehen zu können. Das vierte Kapitel wird Informationen bereitstellen, um die Fra­ge beantworten zu können, ob eine vegane Ernährung von Kindern im Sinne einer vollwertigen Ernährungsweise und Deckung des Nährstoffbedarfs überhaupt möglich und ob Fleischessen notwendig ist. Die Erkenntnisse werden außerdem mit offiziellen Empfehlungen und Qualitäts­standards für Verpflegung in Kindertagesstätten in Verhältnis gesetzt. Das darauf folgende fünf­te Kapitel erarbeitet Impulse zur praktischen Umsetzung veganer Ernährung im Kindergarten und zur selbstverständlichen Inklusion einer veganen Lebensweise im pädagogischen Alltag. Abschließend fasse ich die Erkenntnisse der Arbeit zusammen, wobei ich zudem auf individuell gemachte Erfahrungen und mein persönliches Fazit eingehe.

Hinweise zur Schreibweise: In der Schreibweise dieser Arbeit werden grundsätzlich alle Ge­schlechter angesprochen. Sollte aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Masku­linum verwendet werden, sind weibliche oder weitere Geschlechteridentitäten ausdrücklich mitgemeint, sofern es der jeweilige Kontext der Aussage erfordert.

2 Grundlagenwissen zum Veganismus

2.1 Begriffserklärungen

Der Begriff "Vegetarismus" leitet sich laut Leitzmann aus dem Lateinischen ab, wobei "vegetare" soviel wie "beleben" bedeutet und "vegetus" "lebendig" heißt (vgl. Leitzmann, 2018, S.13.). Rubner nach ist "Vegetarismus" entsprechend des Wortursprungs also eine Ernährungs­form, die lediglich pflanzliche Lebensmittel und Solche von lebenden Tieren zum Verzehr vor­sieht. Jedoch gilt Vegetarismus heute inhaltlich als Überbegriff für unterschiedliche Ausprägung der fleischlosen Ernährung. Für die Hauptformen der fleischlosen Ernährung werden folgende Begrifflichkeiten verwendet: Ovo-Lacto-Vegetarier verzichten nur auf Fleisch und Fisch, Lacto- Vegetarier verzichten zusätzlich auf Ei und Ovo-Vegetarier meiden Milch statt Ei (vgl. Rubner, 2013, S. 8). Die sogenannten "Pescetarier" werden hier nicht erfasst, da diese laut Rohm Fisch verzehren, der nicht mehr lebendig ist (vgl. Rohm, 2020). Die Ausführungen in dieser Facharbeit beziehen sich auf vegan lebende Menschen, beziehungsweise Anhänger des Veganimus. Sogenannte "Veganer" verzichten Rubner zufolge auf sämtliche Nahrungsmittel tierischen Ursprungs, was heißt, dass diese weder Ei, Milch oder Honig konsumieren, wie auch Lebensmittel, die tierische Produkte beinhalten (zum Beispiel auch nicht-vegane Gummibärchen) und solche, die mithilfe tierischer Produkte hergestellt werden (zum Beispiel nicht-vegane Weine) (vgl. Rubner, 2013, S. 9). Leitzmann nennt darüberhinaus verschieden umgesetzte Arten, sich vegan zu ernähren. Beispielsweise beschreibt er den "Pudding­Veganer" als sich übermäßig von veganen Convienience-Produkten1 -Ernährenden, dessen Lebensmittelauswahl zu Übergewicht und Nährstoffunterversorgung führen kann und der möglicherweise der veganen Ernährung ihren schlechten Ruf eingebracht hat (vgl. Leitzmann, 2018, S.16). Als aktueller Begriff wird "plant-based" (deutsch: pflanzenbasiert) gebraucht, der laut Peta Zwei zwar bisher keiner genauen Definition unterliegt, jedoch weithin für vegane Ernährung mit eher unverarbeiteten Lebensmitteln verwendet und bei welcher besonderes Augenmerk auf gesundheitliche Aspekte der Ernährung gesetzt wird (vgl. PetaZwei, 2019).

2.2 Weitere Dimensionen des Veganismus

Ein Unterschied zwischen vegan und plant-based liegt also Peta Zwei nach darin, dass sich der Begriff plant-based hauptsächlich auf die Dimension der Ernährung innerhalb des Veganismus bezieht (vgl. PetaZwei, 2019). Laut Leitzmann kann Veganismus jedoch nicht nur eine Ernährungsform, sondern auch eine Lebensart sein, welche sich in verschiedenen Dimensionen ausdrückt. Viele bewusst lebende Menschen stellen sich die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, Tiere zum Zweck der Ernährung zu gebrauchen und zu töten. Dass dies tatsächlich Unrecht ist, zählt zur ethischen Überzeugung eines vegan lebenden Menschen und ist damit wichtigstes Motiv seiner Ernährungs- und Lebensweise. Auch bezüglich des Konsums verwendet der klassische, konsequent vegan lebende Mensch unabhängig von Ernährung keine Produkte und Erzeugnisse von Tieren. Dazu zählen zum Beispiel Felle, Leder, Wolle, Seide, Daunen, Federn, Bienenwachs und Kosmetika mit tierischen Inhaltsstoffen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Herstellung solcher Produkte in den Augen von Veganern mit Ausbeutung und Missbrauch von Tieren einhergeht. Daher ebenfalls abgelehnt werden beispielsweise Tierversuche aller Art, Jagd, Zoos und Tiere im Zirkus (vgl. Leitzmann, 2018, S. 15-23). Somit spielen Themen wie Tierethik und Speziesismus, welche im weiteren Verlauf der Facharbeit aufgegriffen und vertieft werden, eine zentrale Rolle im Veganismus. Auch alle Beteiligten meiner Umfrage, die im nächsten Kapitel näher erläutert wird, bestätigen dieses Hauptmotiv. 82,4% der Befragten geben weiterhin den Veganismus im Kontext der nachhaltigen Ernährung und seiner Einflüsse auf das Weltklima als Motiv an. Auch Leitzmann schreibt, dass vegan lebende Menschen sich überdurchschnittlich für globale, gesellschaftliche Anliegen einsetzen und dies als Verantwortung des Menschen betrachten (vgl. Leitzmann, 2018, S. 16). Zusammenfassend dargestellt wurden also 3 große Dimensionen des Veganismus herausgearbeitet: Die Ernährungsweise mit all ihren Aspekten, das Konsumverhalten im Sinne der Tierethik (auch Konsum von Freizeitaktivitäten) und das Verantwortungsbewusstsein für globale gesellschaftliche Anliegen. Diese Dimensionen sind eng miteinander verwoben und begründen sich gegenseitig. Allerdings müssen in meinen Augen und meinen Erfahrungen nach nicht bei jedem vegan lebenden Menschen alle Motive vorhanden oder gleich gewichtet sein, bzw. muss nicht jede Dimension zu jedem Zeitpunkt bewusst gedacht und gelebt werden.

3 Veganismus innerhalb von pädagogischer Arbeit in Kindergärten

3.1 Beispielhafte Darstellung der gegenwärtigen Situation in Kindergärten mithilfe empirischer Methoden

3.1.1 Interview mit Anita Berfeld, staatlich anerkannte Erzieherin im Kin­dergarten

Frau Berfeld2 ist seit 1998 als staatlich anerkannte Erzieherin tätig und betreut im Moment 12 Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren. In der Vergangenheit kam sie innerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit mehrfach mit vegetarisch lebenden Kindern in Kontakt. Vor kurzer Zeit, so berichtet sie, fühlte sie sich pädagogisch herausgefordert, da ein Kind während der Mahlzeiten in der Einrichtung kein Fleisch und weitere tierische Produkte mehr essen wollte und dies, darin be­stand die Herausforderung, in dieser Situation so äußerte ("hat es so dargestellt, dass Fleisch nicht gut ist, nicht gesund ist", "Milch ist für Kälbchen", "will nicht, dass Tiere getötet werden"), dass auch weitere Kinder das Verhalten nachahmten und ebenfalls das angebotene Fleisch nicht essen wollten. Als das Kind in der Einrichtung und nach Angaben der Eltern auch zuhause fast gar nichts mehr essen wollte, wurde in erziehungspartnerschaftlicher Absprache zwischen Eltern und Frau Berfeld beschlossen, dass das Kind alles Vegetarische kostet, um eine Essstö­rung zu vermeiden, woraufhin sich das Essverhalten "wieder in ein normales [...] Essverhalten entwickelt[e]". Frau Berfeld sagte: "Dieses Kind macht sich wirklich sehr viele Gedanken darü­ber [...], es hat sich wirklich vorgestellt, dass das Fleisch ein Schwein war. Andere Kinder essen es, weil es schmeckt und wissen nicht, dass das wirklich mal ein Schwein war." Nach Abspra­chen mit der zuliefernden Küche wird nun täglich ein vegetarisches Wahlmenü für alle Kinder angeboten. Sie berichtet weiterhin, dass es seitens der zuliefernden Küche vermutlich die Mög­lichkeit gegeben hätte, ein veganes Menü zu liefern. Veganismus generell ist innerhalb der pä­dagogischen Einrichtung noch nicht thematisiert worden, da es bisher keine Anreize dazu gab, sich diesbezüglich weiterzubilden und es in der Einrichtung auch kein vegan lebendes Kind gibt. Mehr Bedarf wird in größeren Städten mit unterschiedlichen Lebensstilen vermutet. Tierethik wird im Kontext des konzeptionell verankerten Nahebringens von Wertschätzung gegenüber Gottes Schöpfung aufgegriffen. Frau Berfeld fügt hinzu, dass Tierhaltung innerhalb der Gesell­schaft nicht richtig gehandhabt wird (Massentierhaltung), "aber Tiere dürfen auch gegessen werden, das kann man selber entscheiden, ob man das möchte." Bezüglich veganer Ernährung äußert sie Bedenken, ob die Ernährung gut sei und interessiert sich dafür, wie man diese ge­stalten kann, damit keine Mangelernährung auftritt. Die Erfahrung mit dem Kind bezeichnet Frau Berfeld als "prägend".

3.1.2 Onlinebefragung von Eltern zur Zufriedenheit mit dem Mahlzeitenan­gebot in Kindergärten im Kontext veganer Ernährung ihrer Kinder

Mittels Onlinebefragung von 33 Eltern soll ein breiter gefächerter Eindruck für den Leser ermög­licht werden. Rund 42% der Kinder der Befragten ernährten sich vegan, 24% vegetarisch und 33% omnivor3. Rund 55% der vegan lebenden Kinder ernährten sich in der Einrichtung anders als Zuhause. Begründet wurde dies überwiegend damit, dass die Einrichtung kein veganes Mit­tagsmenü anbietet. Für die Kinder, die sich auch im Kindergarten vegan ernähren konnten, wurde dies oftmals durch das Mitbringen des Essens seitens der Eltern möglich, teilweise wur­de allerdings auch vegane Verpflegung durch die Einrichtung ermöglicht, zum Teil nach Bitten der Eltern oder einem Attest des Kinderarztes, der den Genuss tierischer Produkte untersagt. Knapp die Hälfte der Eltern vegan lebender Kinder gaben an, dass der Unterschied in der Er­nährungsweise Probleme machte. Zum Beispiel kam ein Kind "ausgehungert nach Hause", weil es das Mittagessen nicht aß. Ein anderes Kind hinterfragte lange Zeit kritisch das Essen in der Kindertagesstätte nachdem es ohne Information nicht-vegane Salami gegessen hatte und wein­te, weil es "das Tier gar nicht essen wollte". Berichtet wird auch, dass es einer Einrichtung aus zeitlichen Gründen nicht möglich ist, ein vegetarisches Gericht anzubieten und das Kind nur Beilagen bekommt, da auch das Mitbringen von Mahlzeiten durch die Eltern nicht gestattet wird. Auch Vorwürfe seitens des pädagogischen Personals bezüglich der veganen Ernährung den Eltern gegenüber finden statt, ohne dass die Einrichtung einen Konsens finden will oder dies nicht als "ihre Aufgabe" betrachtet. Der knapp überwiegende Teil der vegan lebenden Kinder empfindet jedoch die Essenssituation als unproblematisch und fühlt sich wohl. Laut der Eltern funktioniert das beispielsweise dadurch, dass es "schon immer eine offene Kommunikation" zwischen Eltern und pädagogischem Personal gab und auf jedes Bedürfnis eingegangen wird, z.B. auch aufgrund verschiedener Glaubensrichtungen, weil alle Kinder das Gleiche essen (in diesem Fall wird lediglich ein veganes Menü angeboten) oder aber seitens der Eltern nicht the­matisiert wird, dass kein veganes Gericht gegessen wird, da es sonst vom Kind abgelehnt wer­den würde. Unabhängig von der Ernährung berichten 10 von 15 Eltern von Kindern in Kinder­gärten, dass nachhaltige Ernährung im pädagogischen Alltag nicht thematisiert wird mit der Be­gründung, dass weder Notwendigkeit gesehen wird, noch ausreichend Kenntnisse bezüglich des Themas beim pädagogischen Personal vorhanden sind, obwohl Kinder Aussagen treffen, wie beispielsweise "Kuhmilch ist für Babykühe" und äußern, keine Tiere essen zu wollen. Im Fall der Thematisierung nachhaltiger Ernährung lässt sich anhand der Antworten eine konzepti­onelle Verankerung vermuten. Zusammenfassend wünschen sich befragte Eltern von Kinder­gartenkindern vermehrt eine gesunde, vegane Option zur bisherigen Verpflegung ("nur Fleisch weglassen funktioniert nicht") und mehr Vielfalt, Offenheit und Akzeptanz im Denken der be- treuenden Fachkräfte. Die gesamte Umfrage befindet sich im Anhang der Arbeit.

3.2 Veganismus und die erzieherische Querschnittsaufgabe "Bildung nachhaltiger Entwicklung"

Die gesamtglobale Gesellschaft sieht sich jetzt und zukünftig großen Herausforderungen ge­genübergestellt, allen voran den gefährlichen klimatischen Veränderungen und damit einherge­henden Folgen wie Naturkatastrophen, Nahrungsmittelverknappung durch Dürren und dem damit wachsenden Welthungerproblem. Die Problemlagen sind komplex und erfordern ganz­heitliche Handlungskonzepte. Daher erarbeiteten die Vereinten Nationen dem Bundesministeri­um für Bildung und Forschung nach im Jahr 2015 die globale Nachhaltigkeitsagenda mit dem Richtziel der Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft innerhalb von 17 Bereichen. Die Bil­dung nachhaltiger Entwicklung wird in einem der Ziele näher erläutert: "Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhalti­ger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nach­haltige Lebensweisen [...] (Bundesministerium für Bildung und Forschung, o.J.). Bildung für nachhaltige Entwicklung soll also ermöglichen, "die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle, nachhaltige Entscheidungen zu treffen" (ebd.). In benannter Agenda wird laut Bundeszentrale für politische Bildung vor allem die Veränderung des Bildungssystems angestrebt, um Bildung als Voraussetzung zur Erreichung der Ziele der Nachhaltigkeitsagenda umzusetzen (vgl. Kühnert, 2019). Ebenfalls schreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung, dass das Potential zur Umsetzung in der frühkindlichen Bildung, also im Kindergarten, besonders groß sei, da sich das Kind hier als selbstwirksamer Gestalter seiner Welt erlebt und damit grundlegendes Bewusstsein dafür ausbildet, verantwortlich zu denken und zu handeln (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, o.J.). Als Querschnittausgabe soll Bildung nachhaltiger Entwicklung dem Nieder­sächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung, sowie der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge nicht als zusätzliche Aufgabe gesehen werden, sondern die Kinder innerhalb von Alltagserfahrungen, betrachtet aus der Perspektive von Zukunftsfähigkeit, niedrigschwellig für entsprechende Themen sensibilisieren, indem kritisch reflektiert wird und Wirkungszusammenhänge verdeutlicht werden (vgl. Kühnert, 2019), (vgl. Kestler, 2020). Um die vegane als nachhaltige Ernährung in die Querschnittaufgabe zu transportieren, ist es wichtig zu beleuchten, welche Auswirkungen der Konsum tierischer Produkte auf Themen der Nachhal­tigkeit haben. Laut Leitzmann lag im Jahr 2018 der jährliche Prokopf-Verzehr in Deutschland bei 60kg Fleisch. Dieser hohe Konsum kann nur durch industrielle Massentierhaltung möglich gemacht werden, was allein schon eine Vielzahl ökologischer Probleme mit sich bringt, die hier nur partiell betrachtet werden können. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist das Problem der Nutzung eines Drittels der weltweiten Ackerflächen, auf denen Getreide rein als Futtermittel für sogenannte Nutztiere angebaut wird. Getreide stellt global die Grundlage zur Ernährung der Weltbevölkerung dar, die sich größtenteils vom Direktanbau ernährt. Industriali­sierte Gesellschaften verfüttern Leitzmann nach allerdings bis zu 70% dieses Getreides. Pro einem Kilogramm erzeugtem Fleisch werden so bis zu 7kg Getreide benötigt, wodurch der Ge­treideverbrauch bis zu viermal höher ist, als in den sogenannten Entwicklungsländern. Aus die­sen Ländern werden zusätzlich große Getreidemengen als Futtermittel durch Industrieländer importiert, wo zum Anbau dieser Pflanzen in Monokultur tropischer Regenwald gerodet wird, der als CO[2]-speichernde "Lunge der Erde" bezeichnet wird. Wo also zum Erhalt von einer be­stimmten Menge tierischen Lebensmittels ein Vielfaches an Energie eingesetzt werden muss, ist "der entstandene Nahrungsmittelenergiegehalt [bei pflanzlichen Lebensmitteln] [...] meist höher, als die eingesetzte Primärenergie" (Leitzmann, 2018, S. 8, S. 30-31). Bei tierischen Produkten, vor allem bei Butter, ist Geo zufolge zum einen eine große Menge Milch für wenig Butter, zum anderen noch mehr Energie für die Herstellung nötig, womit die Klimabilanz noch schlechter ausfällt (vgl. Carstens, o.J.). Im Hinblick auf die durch klimatische Veränderungen angeheizte Debatte zu Dürren und der sich auch dadurch zuspitzenden Situation des Welthungers, beziehungsweise der weltweiten Nahrungsmittelsicherheit, ist besonders ein Fakt hervorzuheben: "Mit der weltweit vorhandenen Ackerfläche könnten [...] alle Menschen ausreichend mit pflanzlicher Nahrung versorgt werden. [...] Eine Ernährung der gesamten Weltbevölkerung mit einem in den westlichen Industrienationen üblichen [sic!] hohen Anteil an vom Tier stammenden Nahrungsmitteln wäre hingegen nicht realisierbar" (Leitzmann, 2018, S. 30-31). Leitzmann fasst zusammen, dass Veganismus, Experten zufolge, schon bald "die einzig vertretbare und daher dominierende Ernährung sein wird", und nennt dafür neben ökologischen Erfordernissen noch weitere Gründe (Leitzmann, 2018, S.8). Die heutigen Kinder in den frühpädagogischen Einrichtung bilden die Gesellschaft, die über den Umschwung entscheidet. Der begleitende Mensch als Co-Konstrukteur muss unter dem Aspekt der hier dargestellten Querschnittsaufgabe den Rahmen geben, damit Kinder Möglichkeiten entdecken können, ihre zukünftige Lebenswelt zu gestalten. Veganismus ist als nachhaltige Ernährungsform ein großer Einflussfaktor auf diese zukünftige Lebenswelt der Kinder und damit grundlegender Teil von Bildung nachhaltiger Entwicklung.

3.3 Veganismus und Wertevermittlung

Als wären die ökologischen Herausforderungen der nächsten Jahre nicht bereits genug Gepäck auf dem Rücken unserer Kinder, so sind sie Tegeler und Märtin zufolge zudem auch Teil einer sich wandelnden Welt (vgl. Tegeler/Märtin, 2017, S.4). Fragen nach dem Umgang mit "weltwei- te[r] Wanderung und Flucht", mit Pandemien und Ressourcenknappheit werden zunehmend auch im Kontext fleischlicher Ernährung als Einflussfaktor gestellt und verlangen nach Lösun­gen (ebd.). Damit verbundene Umbrüche in Wirtschaft, Politik und Kultur führen zu Konflikten in unserer "Multioptionsgesellschaft", in der Wertevorstellungen und Lebensstile miteinander kon­kurrieren. Für Kinder ist es also entscheidend, selbstständig Orientierungsmaßstäbe und "Kompetenzen im Umgang mit Komplexität und Vielfalt" zu entwickeln, sowie "unter vielen denkbaren Lebensentwürfen ihren eigenen Weg zu finden" (Tegeler/Märtin, 2017, S. 5). Daher ist die Querschnittsaufgabe der Wertebildung grundlegend sinnvoll. Das Wort Wertebildung setzt sich aus "Wert"4 und Bildung zusammen, wobei Bildung in diesem Kontext bedeutet, Kin­der dahingehend zu begleiten, eigene Haltungen aufgrund Auseinandersetzung und Reflektion mit Themen zu entwickeln und wertorientiert zu handeln. Die Ausbildung sogenannter Werte­kompetenz macht Kinder Tegeler/Märtin nach zudem handlungsfähig, von der eigenen Einstel­lung abweichende Wertevorstellungen nachzuvollziehen und Wertedilemmata auszuhalten, sowie dialogisch Lösungen zu finden (vgl. Tegeler/Märtin, 2017, S.8, S.13). Beleuchtet werden muss hier vor allem, wie ein Kind verantwortungsvoll eine Entscheidung finden kann, eine bestimmte Haltung einzunehmen. Vor allem benötigt es allumfassende Informationen, die gemeinsam mit der begleitenden pädagogischen Fachkraft entsprechend entwicklungsgemäß analysiert und kritisch reflektiert werden, um dahingehend die Folgen des eigenen Handelns abwägen zu können (vgl. Tegeler/Märtin, 2017, S. 12). Hier wird die Notwendigkeit ausreichen­der Kenntnisse der pädagogischen Fachkräfte deutlich. Daher sollen hier die Wertvorstellungen näher ausgeführt werden, die dem veganen Leben zugrunde liegen und, wie unter Punkt 2.2 erwähnt, den vegan lebenden Befragten meiner Umfrage als Hauptmotiv für ihren Lebensstil dienen. Grundsätzlich stellt der Veganismus das übergeordnete Glaubenssystem des "Karnismus" infrage. Brandenstein bezeichnet Karnismus als die Annahme, dass es normal, natürlich und notwendig (sogenannte 3 N's) ist, Tiere zu essen. Karnismus bestätigt das Fleischessen also als eine selbstverständliche Normalität, die wir durch Prägung in Erziehung und Kultur übernehmen. Außerdem sind Veganer oftmals dafür sensibilisiert, Speziesismus zu erkennen und lehnen diesen ab. Speziesmus bezeichnet die Geisteshaltung, Menschen gegenüber anderen Spezies zu bevorzugen. Dies führt nach Brandenstein dazu, dass der Mensch Tiere trotz ihres intensiven Leidens- und Schmerzempfindens, ihrer charakterlichen Einzigartigkeit, des Bedürfnisses nach Kommunikation und Sozialleben und einer der unseren ähnlichen Gefühlswelt, minderwertiger behandelt (vgl. Brandenstein, o.J.). Außerdem lässt Speziesismus als Beispiel Unterschiede zwischen Rindern und Hunden zu. Obwohl beide Spezies, wie auch der Mensch, als Säugetiere ähnliche Eigenschaften hinsichtlich oben aufgeführter Aspekte aufweisen, wird das auf dem Teller liegende Geschnetzelte aus Rindfleisch genossen, während nach der Information, dass das Geschnetzelte vom Hund kommt, "nicht [...] weiter gegessen werden kann" (ebd.). Die Grenze, die der Mensch hier aufgrund seiner Wahrnehmung des Rindes als Nutztier ohne emotionale Bindung zieht, "ist den sozialen Kategorien geschuldet, die wir bilden, um unsere Außenwelt leichter zu erfassen und sich in ihr zurechtzufinden" (ebd.). Die Zuschreibung eines Individuums zu einer Kategorie (in diesem Fall "Nahrungsmittel"), stoppt Brandenstein zufolge Emotionen und Empathie, die der Mensch andernfalls empfände (vgl. ebd.). Speziesismus drückt sich Giehl nach in unserer Gesellschaft in vielerlei Dimensionen aus. Nicht nur im offensichtlichen Verspeisen von tierischen Produkten, sondern auch in Jagd, Tierversuchen, Sportarten mit Tieren (zum Beispiel Reiten, auch im heilpädagogischen Kontext), in Zirkussen und Zoos. Sogar im Sprachgebrauch nutzen wir abwertende und diskriminierende, tierbezogene Rhetorik als Schimpfwörter für Menschen oder menschliche Handlungen (vgl. Giehl, 2018, S. 29, 51-57). Parallelen zu anderen diskriminierenden Ideologien, wie Rassismus, bestehen unter anderem darin, dass eine Differenzbestimmung geschieht, "diese Differenzierungsmerkmale als minderwertig, untergeordnet [...] und final bewertet" werden und "Aggression aufgrund der Differenzmerkmale legitim ist" (Giehl, 2018, S. 29). Weitgehend bekannt und gefordert ist, dass glücklicherweise inzwischen gegenüber Rassismus und Diskriminierung von Andersartigkeiten, in gesellschaftlichen und allen voran pädagogischen Settings eine klare Antihaltung eingenommen wird. Hingegen ist Speziesismus laut Giehl kulturell legitimiert, gefördert und im Kontext der Diskriminierung unbeachtet, da diese nur auf "menschliche Tiere"5 bezogen wird. Einerseits wird dies begünstigt durch Abgrenzung von Natur- und Geisteswissenschaften, andererseits ist ein riesiger und weitverzweigter Teil der Wirtschaft an der Aufrechterhaltung dieses Glaubensystems interessiert6, weshalb es weder Weiterbildungsangebote, noch Inhalte in der Ausbildung von Lehrenden und Erziehenden zum Thema gibt. Daher braucht es individuelles Engagement und Interesse seitens pädagogischer Begleiter (vgl. Giehl, 2018, S.46), wenn förderlich und bedürfnisorientiert mit Situationen umgegangen werden soll, wie sie Frau Berfeld im Interview beschreibt. Oder wenn Kinder hinterfragen oder verunsichert sind, weil Sie möglicherweise diese innerhalb des Karnismus ab-sozialisierte Empathie gegenüber jeglichen Spezies (noch) aufbringen, krisenhafte Erfahrungen außerhalb der Bewahrpädagogik7 auf Bauernhöfen oder beim Fernsehen machen8 oder aber wenn Kinder innerhalb des soziokulturellen, privaten Umfeldes vegan und speziesismussensibel aufwachsen. Zur Förderung der Werteentwicklung von Kindern innerhalb der pädagogischen Querschnittsaufgabe gehört es laut Tegeler und Märtin also, in angesprochenen Situationen bestehende Wertesysteme (Karnismus und Speziesismus) "kritisch zu hinterfragen und für Ihre Geltung gute Gründe einzufordern" (Tegeler / Märtin, 2017, S.18), statt diese als gegeben anzunehmen. Abschließend zusammengefasst wäre außerdem das Ignorieren der Mensch­Tier-Beziehung im Zusammenhang mit Diskriminierung und der geforderten Haltung Giehl nach eine Pädagogik, die sich daran beteiligt, die unterdrückenden Strukturen zu bewahren, welche eben gerade nicht akzeptiert werden dürfen (vgl. Giehl, 2018, S. 48). Wie wichtig es ist, Kinder sensibel zu begleiten, für die ein derart vernetztes, gesellschaftlich weithin anerkanntes Glaubensystem, wie das des Karnismus, nicht mit den eigenen Wertevorstellungen vereinbar zu sein scheint, wird im nächsten Kapitel beleuchtet.

3.4 Wohlfühlen als vegan lebendes Kind im Kindergarten

Als Leitbegriff des somatischen Bildungsbereich im Sächsischen Bildungsplan für pädagogische Fachkräfte bekommt dem Wohlfühlen eine besondere Bedeutung bei. Die WHO (World Health Organization) definiert im Bildungsplan Wohlbefinden als "Wohlfühlen im eigenen Körper, als psychisches Wohlbefinden im Hinblick auf die Anforderungen, die die Umwelt an das Kind stellt, und als soziales Wohlergehen in sozialen Beziehungen und in Bezug auf die Lebenslage des Kindes" (Gängler / Kleber / Pfeifer, 2007, S.37). Ebenfalls im Bildungsplan, der als Leitfaden des pädagogischen Handelns dienen soll, liest man von Wohlbefinden und positiver Lebenshaltung als Voraussetzung für Bildungserfahrungen. Eine Lebenshaltung, die der ganzheitlichen (körperlichen und seelischen) Gesundheit dient, zitiert der Bildungsplan nach Antonovsky als Kohärenzgefühl. Dieses Gefühl beinhaltet ein "Vertrauen in sich und die Welt" und die Überzeugung, dass das eigene Engagement in dieser Welt Sinn ergibt (ebd.). Es entsteht in Situationen der Auseinandersetzung mit der Umwelt nur, wenn einem Kind ermöglicht wird, koheränte Erfahrungen zu machen (vgl. ebd.). Die Situation für vegan lebende Kinder in Kindergärten ermöglicht es allerdings nicht immer, diese koheränten Erfahrungen zu machen, wenn man sich die Auswertung meiner empirischen Umfrage noch einmal ins Gedächtnis ruft. Wenn es diesen Kindern nicht ermöglicht wird, ihrer Auffassung nach zu essen, sich entsprechend kritisch zu äußern oder diese Äußerungen nicht gemeinsam reflektiert werden, wenn ihr anti-speziesistisches Weltbild unverstanden und infragegestellt bleibt, wie sehr können sich die Kinder dann selbst vertrauen? Als wie sinnvoll erleben sie dann ihr Engagement für ihre Ansichten und welcher Einfluss besteht auf die Entwicklung ihrer Selbstwirksamkeit? Und wie wohl können Sie sich dann fühlen, um offen zu sein für sämtliche Bildungserfahrungen? Nicht zuletzt geht es im Kohärenzgefühl auch um Vertrauen in die Welt. Hier kommt etwas grundlegend Wichtiges zum Tragen: Die Vorurteilsbewusste Pädagogik. Innerhalb des Anti-Bias-Ansatzes9, der sich gegen jede Form der Ausgrenzung richtet, sollen alle Menschen Kita.de nach für Diskriminierung sensibilisiert werden. In Kindergärten verfolgt der Ansatz vier Ziele:

1. Kinder sollen lernen, sich selbst zu wertschätzen, um ihre Identität zu stärken, welche von anderen anerkannt wird
2. Durch erfahrene Vielfalt bauen die Kinder Vorurteile ab, während sie Empathie und Wertschätzung für anders lebende, anders aussehende Menschen entwickeln
3. Durch die pädagogische Fachkraft sollen Perspektivwechsel und kritisches Denken angeregt werden. Es geht darum, die Frage zu beantworten, wie verletztend Diskriminierung sein kann
4. Kinder sollen gegen Ungerechtigkeiten aktiv werden (vgl. S., 2021)

Das für Bildungsprozesse nötige Wohlbefinden durch Kohärenzgefühl beinhaltet also ein Vertrauen in die Welt. Dieses Vertrauen entsteht, wenn sich das Kind entsprechend des Anti­Bias-Ansatzes in seiner Identität, wie im ersten Ziele gefordert, respektiert fühlt. Auch hier stellt sich erneut die Frage, ob das für Kinder der Fall ist, wenn ihre Auffassung nicht ernst genommen werden, indem ihr Bedürfnis nach tierproduktfreier Kost nicht erfüllt oder ihre Einwürfe nicht wahrgenommen oder negiert werden. Wie wohl fühlt sich ein Kind, dessen Anderssein nicht begleitet wird? Die weiteren Ziele des Ansatzes sind der Vollständigkeit halber mit aufgeführt und bieten dem Leser Impulse, diese im Kontext Veganismus zu reflektieren. Ziel 3 und 4 darf hierbei auch auf nicht-menschliche Tiere angewandt werden (siehe Kapitel 3.3).

4 Vegane Vollwerternährung für Kinder

4.1 Allgemeine ernährungsphysiologische Bewertung

Dieser Punkt bildet die Grundlage für pädagogische Fachkräfte, sich überhaupt mit der Thema­tik auseinanderzusetzen. Ich weise hier darauf hin, dass die Arbeit von und für pädagogische Fachkräfte geschrieben ist und somit für die Arbeit notwendige Grundkenntnisse vermittelt, oh­ne dass näher auf ernährungswissenschaftliche Zusammenhänge eingegangen wird. Gätjen und Keller schreiben von Studien, die belegen, dass eine vegane Ernährung gesund und nähr­stoffdeckend sein kann, wenn die Lebensmittel abwechslungsreich und vollwertig zusammen­gestellt sind (vgl. Gätjen / Keller, 2020, S. 16). Folgt man Leitzmann, überwiegen die Vorteile der pflanzlichen Ernährungsweise deutlich die Risiken, wobei belegt ist, dass diese Art der Er­nährung die Gesundheit sogar weniger gefährdet, als das bei konventioneller Kost der Fall ist (vgl. Leitzmann, 2018, S. 49-50). Jedoch bedeutet dies, dass man nicht nur tierische Produkte weglässt oder durch veganes Junk- und Fastfood ersetzt. Eher sollte der Speiseplan so gestaltet werden, dass eine optimale Nährstoffversorgung erreicht wird. Damit wird Erkrankungen vorgebeugt, die ernährungsbedingt entstehen können (vgl. Leitzmann, 2018, S. 58; vgl. Gätjen / Keller, 2020, S. 16). Diese vollwertige10 Ernährung sieht sich Gätjen und Keller zufolge als ganzheitlich und beinhaltet unter anderem den Grundsatz zur Bevorzugung gering verarbeiteter Lebensmittel, die bestenfalls regional und saisonal, sowie ökologisch erzeugt sind. Wo naturbelassene, pflanzliche Lebensmittel wie Obst und Gemüse, Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte mit Vitaminen, Ballast- und Mineralstoffen versorgen und sich deren Genuss günstig auf Blutzucker und Blutfettwerte auswirkt, wird damit z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes Typ 2 vorgebeugt. Hingegen geht die Nährstoffdichte Gätjen/Keller zufolge bei industrieller Verarbeitung verloren. Deshalb bilden Gemüse, Algen und Obst nach Wasser und ungesüssten Getränken die größte Plattform der veganen Ernährungspyramide für Kinder, welche im Anhang der Arbeit zu finden ist. Vollkorngetreide und Kartoffeln stehen an zweiter Stelle der empfohlenen veganen Kinderernährung, gefolgt von Milchalternativen (wie beispielsweise Hafermilch), Nüssen und Samen, sowie Hülsenfrüchten. Pflanzliche Fette und Öle runden den Bedarf ab (vgl. Gätjen / Keller, 2020, S. 17f., 71). In Bezug auf Kinder muss der erhöhte Energiebedarf im Wachstum in die Gestaltung der Ernährung einbezogen werden, sowie die Zufuhr entsprechender, für den "gesunden Aufbau der Körperstrukturen" verantwortlichen Nährstoffe (Hercegfi / Maynert, 2020, S. 17). Ein weiterer Faktor ist Hercegfi und Maynert nach die geringere Kapazität des Magens im Vergleich zu einem Erwachsenen. Daraus ergibt sich eine Fokussierung auf nährstoffdichte, protein-, calcium- und eisenreiche Lebensmittel, was in den Wochenmenues im Anhang sichtbar wird (vgl. ebd.). Desweiteren beschreibt Methfessel, Höhn und Miltner-Jürgensen Essen und Ernährung als umfassenden Bildungsbereich, der auch im sozialen Kontext für die Entwicklung des Kindes relevant ist11 und Essen deshalb mit "Lust und Genuss verbunden werden" soll (Methfessel / Höhn / Miltner- Jürgensen, 2016, S. 19). Deshalb ist es unumgänglich, bei der Zusammenstellung von Kinderernährung kindliche Vorlieben und den Aspekt der Geschmacksentwicklung einzubeziehen. Wo Erwachsene Gätjen / Keller nach kognitiv den gesundheitlichen Wert einer Speise einschätzen können, essen Kinder intuitiv gesteuert durch Sicherheits- und Schutzprogramme. Das bedeutet, dass

1. Kinder Süßes lieben, da es schnelle Energie in Form von Zucker liefert,
2. Bitteres und Saures ablehnen, da es möglicherweise verdorben, giftig oder noch nicht reif sein könnte,
3. Salziges bevorzugen, da Salz einst schwer beschaffbar war, aber in kleinen Mengen vom Organismus benötigt wurde, und 4., konzentrierte Energie (zum Beispiel Fettiges, was lange satt macht) lieben, da, wie oben erwähnt, der Magen nur kleine Mengen aufnehmen kann (vgl. Gätjen / Keller, 2020, S.87f.)

Außerdem sind Kinder ab einem Alter von circa 2 Jahren Hercegfi und Maynert nach skeptisch gegenüber Unbekanntem, um sich vor Giftigem zu schützen. Hier kann es vorkommen, dass sogar eine ungewohnte Nudelform abgelehnt wird, zumindest bis ab einem Alter von ungefähr 5 Jahren vermittelt werden kann, dass andersartig aussehende Nudeln den gleichen Geschmack besitzen, wie die gewohnte Nudelform. Diese Schutzprogramme erklären, warum Rosenkohl als klassisches Beispiel nicht auf der Liste der kindlichen Lieblinsgsspeisen zu finden ist. (vgl. Hercegfi / Maynert, 2020, S. 97, vgl. Gätjen / Keller, 2020, S. 87-89). Um Kinder also vollwertig und glücklich vegan zu ernähren, ist es sinnvoll, konzentrierte Energie anzubieten und das gegarte Gemüse hinzuzufügen, zum Beispiel als Vollkornnudeln mit gelber Paprikasauce, um nur ein attraktives Beispiel zu nennen. Weiter eignet sich Rohkost aufgrund der Farbvielfalt und des spannenden Geräusches beim Abbeißen als Snack zum Dippen. Außerdem sollten Kinder immer wieder den unbeschwerten Kontakt mit dem vermeintlich ungeliebten Lebensmittel geboten bekommen. Gute Erfahrungen können schon beim Anschauen, Berühren oder mit der Gabel betasten gesammelt werden. Dies ist als "Essen mit allen Sinnen" zu sehen und als pädagogische Begleitung immer positiv zu bestärken. Hercegfi und Maynert zufolge führt dies zu schnellerer Akzeptanz. Das Probieren des "Rosenkohls" (als Beispiel) ist dann die Königsdisziplin. So können auch "Picky Eater und Supertaster" abgeholt werden, die aufgrund von ausgeprägteren Sinnen wesentlich mehr schmecken und zu denen etwa jedes zehnte Kind zählt. Gerade für diese Kinder ist Übersicht auf dem Teller entspannend, da sie alle Komponenten der Mahlzeit einschätzen und im eigenen Tempo probieren können (vgl. Hercegfi / Maynert, 2020, S. 97-99).

[...]


1 Größtenteils verarbeitete Lebensmittel mit hoher Energiedichte und niedrigem Nährstoffgehalt

2 Name geändert

3 Omnivore Ernährung wird auch als Mischkost bezeichnet.

4 Überzeugungen, Einstellungen und Ideale als Grundlage menschlichen Urteilen und Handelns, sowie zur Entwick­lung von Identität.

5 Beispiel für speziesismussensible Rhetorik: Menschliche Tiere, nichtmenschliche Tiere

6 "...Transparenz, [...] Nähe und Begegnung [...] unterbinden und den Kontakt mit dem nichtmenschlichen Tier auf den Kauf des Endproduktes im Supermarkt zu beschränken, welcher [...] eine größtmögliche Distanz und keinen ethisch-moralischen Apell verspricht" (Giehl, 2018, S.77f.). Das Nicht-Wegsehen, zum Beispiel in Form von Zivilcou­rage, gilt im zwischenmenschlichen Bereich teilweise als unterlassene Hilfeleistung und ist strafbar (vgl. ebd.).

7 Vor schlechten Einflüssen behütendes und Werte und Normen erhaltendes, pädagogisches Handeln (vgl. Falk, 8o.J.)

8 Beispielsweise die Trennung von Kalb und Mutterkuh oder Schlachtungen als Erleben immensen Leides (vgl. Giehl, 2018, S. 77)

9 Anti" für "gegen", "Bias" für "Voreingenommenheit

10 Die vollwertige Ernährung nutzt den "vollen, natürlichen Wert" eines Lebensmittels (vgl. Methfessel, Höhn, & Miltner-Jürgensen, 2016, S. 149).

11 "Motive wie Beschäftigung, Gemeinschaftserleben, Essensneid, und Trotz haben einen Einfluss auf das Essver­halten. Der physiologische Hunger wird über die Lebensmittel, Energie und Nährstoffe gesättigt, der emotionale Hunger über Kontakt und Kommunikation bei gemeinsamen Mahlzeiten" (Gätjen / Keller, 2020, S. 85).

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Vegan lebende Kinder im Kindergarten. Sensibilisierung für den Bedarf und Möglichkeiten zur Umsetzung
Note
1,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
57
Katalognummer
V1254946
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vegan, Veganismus, Kinder, Kindergarten, Nachhaltigkeit, Veganer, Speziesismus, Ernährung, Wertebildung, Wertevermittlung, Inklusion, Pädagogik, Erzieher, Erziehung, Erzieherin, Erzieherinnen, BNE, Bildung nachhaltiger Entwicklung, Bildung
Arbeit zitieren
Dominique Riedel (Autor:in), 2022, Vegan lebende Kinder im Kindergarten. Sensibilisierung für den Bedarf und Möglichkeiten zur Umsetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1254946

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