[...] In dieser Arbeit soll unter Tragik das Tragische im Sinne einer Grenzsituation zwischen in ihrer
Gegensätzlichkeit paradoxen Polaritäten, die dialektisch aufeinander bezogen sind, verstanden
werden. Übergewicht oder Absolutheitsanspruch eines Prinzips würde das Paradoxe und damit
die Tragik innerhalb des sich vollziehenden Untergangs, der aus der Einheit der Gegensätze
entsteht, auflösen. Farce wird hier als eine bewusste, künstlerisch intendierte Abkehr von
lebensweltlicher Realität verstanden, um in einer subversiven Komik „Wirklichkeit“ zu entlarven. Umkehr von Ordnungsprinzipien und groteske Körperlichkeit sowie das von
parodistisch bis zynisch reichende, entlarvende Lachen sind charakteristisch.
Bei der schier endlosen Liste von Auseinandersetzungen mit Büchners „Dantons Tod“ ist die
Theatermetapher meist nur als Randaspekt betrachtet worden. Der Forschungsschwerpunkt lag
bisher weitestgehend auf der Entstehungsgeschichte und Quellenverarbeitung oder dem
Versuch der politischen Einordnung Büchners, oft in biografischer Lesung des Werkes, wobei
häufig tendenziös die politische Einstellungen des Autors stärker durchscheint als die
Büchners. Neben Solomons für diese Arbeit grundlegenden Artikel „Büchner`s Dantons Tod:
History as Theatre“ wurde, trotz seiner offensichtlichen sozialistischen Prägung, Michael
Voges intensiv herangezogen, da er sich in detaillierter Weise mit der Frage der
Theatermetapher in „Dantons Tod“ auseinandergesetzt hat. Weiterhin stützt sich diese Arbeit
auf Auseinandersetzungen mit Teilaspekten theatralischer Inszenierung wie der Rolle des
Antikenzitats oder der Frauenfiguren.
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichte im Theater zwischen Tragik und Farce: Eine Einleitung zu Büchners „Dantons Tod“
2. „Wir stehen immer auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden“ (Danton, II, 1) – Theatermetapher und Wirklichkeitskonstruktion in Büchners „Dantons Tod“
2.1. Er „parodiert[e] das erhabene Drama der Revolution“ (Robespierre, I, 3) – Büchners Dramenkonzept und das implizite Kunstprogramm
2.2. „[…] spinne deine Perioden, worin jedes Komma ein Säbelhieb und jeder Punkt ein abgeschlagener Kopf ist“ (Barère, III, 6) – Die Körperlichkeit von Sprache, Tod und Sinnlichkeit
2.3. „Köpfe statt Brot, Blut statt Wein“ (Erster Bürger, III, 10) – Das Politiktheater, Genuss versus Moral
2.4. „Puppen sind wir von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst“ (Danton, II, 5) – Dekonstruktion von Wirklichkeit, Selbstbestimmung und Verantwortung im fatalistischen Welttheater
2.5. „Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren“ (Danton, I, 1) – Die Privatsphäre als Alternative zur Maskenhaftigkeit der Politik?
3. Theatermetapher und Wirklichkeitskonstruktion in Büchners „Dantons Tod“: Ein Fazit
4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärtext(e)
4.2. Sekundärtexte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Theatermetapher in Georg Büchners „Dantons Tod“ und analysiert, wie diese als Instrument zur Konstruktion, aber auch zur Entlarvung von Wirklichkeit innerhalb des Dramas fungiert. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf das Verhältnis von politischem und privatem Handeln sowie die Frage, inwieweit das „Theaterspielen“ als verfehlter Zugang zur Realität die Identität der Charaktere und ihr Verständnis von Geschichte bestimmt.
- Die Funktion der Theatermetapher als Vermittlungsinstanz zwischen Kunst und Wirklichkeit.
- Die Analyse von Körperlichkeit, Fatalismus und Freiheit als zentrale Themenkomplexe.
- Die Darstellung von Politik als Rollenspiel und die Kritik an der revolutionären Rhetorik.
- Der Versuch einer individuellen Sinnstiftung durch die Privatsphäre und Liebe im Gegensatz zum öffentlichen Welttheater.
Auszug aus dem Buch
2.2. „[…] spinne deine Perioden, worin jedes Komma ein Säbelhieb und jeder Punkt ein abgeschlagener Kopf ist“ (Barère, III, 6) – Die Körperlichkeit von Sprache, Tod und Sinnlichkeit
„Ich wittere was in der Atmosphäre, es ist als brüte die Sonne Unzucht aus. – Möchte man nicht drunter springen, sich die Hosen vom Leib reißen und sich über den Hintern begatten wie die Hunde auf der Gasse?“ (Danton, II, 2). Die durch die gesellschaftliche Tabuisierung verstärkte sinnliche Deformation reicht bis ins Absurde. In dem sich stetig wiederholenden sexuell obszönen Diskurs spiegelt sich das groteske Verhältnis zur Sinnlichkeit wider, charakterisiert und karikiert zugleich die historischen Akteure. Zum einen treten „Menschen von Fleisch und Blut“ im Zuge der Infragestellung des überhöhten Heroismus an die Stelle idealistisch verzeichneter Personen. Zum anderen bleibt ihr Aufbegehren gegen die körperliche Tabuisierung ziellos und wird in seiner Exaltiertheit in einem Lachen aufgehoben, ohne gesellschaftliche Relevanz erlangt zu haben.
Danton als Antiheld wird als Jupiterparodie mit Samsonlocken umschrieben, dessen „gewaltige Glieder“ sein imposantes Wesen widerspiegeln (St. Just und Collot, III, 6, Simon, II, 6, Danton, II, 5). Neben der beschreibenden und charakterisierenden Funktion des Äußeren drückt sich auch die auf Materialität ausgerichtete Genusssucht Dantons in der Körperlichkeit aus. In Abgrenzung zu Robespierre wird Dantons Körperlichkeit zum Politikum erklärt. So fürchtet etwa Barère, dass Dantons eindrucksvolle physiognomische Erscheinung das Volk auf seine Seite ziehen könnte (Barère, III, 6).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Geschichte im Theater zwischen Tragik und Farce: Eine Einleitung zu Büchners „Dantons Tod“: Diese Einleitung führt in die zentrale Problemstellung von Wirklichkeit und Theater ein und umreißt die methodische Herangehensweise an den Theaterbegriff.
2. „Wir stehen immer auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden“ (Danton, II, 1) – Theatermetapher und Wirklichkeitskonstruktion in Büchners „Dantons Tod“: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die verschiedenen Facetten der Theatermetapher im Werk, von der Rolle der Sprache und Körperlichkeit bis hin zur politischen Inszenierung und dem fatalistischen Weltbild.
3. Theatermetapher und Wirklichkeitskonstruktion in Büchners „Dantons Tod“: Ein Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass die Theatermetapher als Problem eines verfehlten Realitätszugangs fungiert und die Charaktere in einer Ersatzwirklichkeit isoliert.
Schlüsselwörter
Theatermetapher, Wirklichkeitskonstruktion, Dantons Tod, Georg Büchner, Fatalismus, Revolutionsdrama, Körperlichkeit, Rollenspiel, Politiktheater, Privatsphäre, Sinnkrise, Entfremdung, Tragik, Farce, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Theatermetapher als zentrales Gestaltungselement in Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ und deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Realität und Geschichte durch die Figuren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Spannung zwischen politischem Rollenspiel und privater Identität, die Rolle der Körperlichkeit, das fatalistische Geschichtsverständnis der Revolutionäre sowie die kritische Auseinandersetzung mit historischer Rhetorik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu analysieren, wie die Figuren des Dramas durch ihre „theatralische“ Wahrnehmung den Zugang zur eigentlichen Realität verlieren und in welchen Bereichen sie versuchen, diesem Konstrukt durch menschliche Beziehungen oder die Akzeptanz des fatalistischen Schicksals zu entfliehen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Untersuchung basiert auf einer textnahen Analyse der dramatischen Vorlage unter Einbeziehung zeitgenössischer Quellen, historischer Kontexte und einer kritischen Auseinandersetzung mit existierender Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Aspekte: das Dramenkonzept Büchners, die Rolle der Sprache und Körperlichkeit, das politische Theater und die Inszenierung der Revolution, die Dekonstruktion von Selbstbestimmung sowie die Suche nach Alternativen in der Privatsphäre.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere die „Theatermetapher“, „Wirklichkeitskonstruktion“, „fatalistisches Welttheater“, „Rollenmodell“ und „Entfremdung“.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Sprache bei den Revolutionären?
Die Arbeit zeigt auf, dass Sprache nicht nur zur Kommunikation dient, sondern für die Akteure zum Instrument der Wirklichkeitserzeugung wird, wobei rhetorische Ideologien oftmals den Blick auf die materielle Not und die reale Situation verstellen.
Welche Bedeutung kommt der Privatsphäre und der Liebe zu?
Die Privatsphäre wird als potenzieller, jedoch oft scheiternder Gegenpol zur Maskenhaftigkeit der politischen Bühne betrachtet. Insbesondere die Liebe von Julie und Lucile wird als Versuch analysiert, eine menschliche Ganzheit jenseits des kollektiven Terrors zu bewahren.
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- M.A. Alexandra Schäfer (Autor), 2007, "Wir stehen immer auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden." , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125507