Fünfzig Jahre nach ihren Anfängen, die im Jahr 1951 in der Gründung der Europäischen Gemeinschaft
für Kohle und Stahl (EGKS) gipfelten, ist die politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit
europäischer Staaten weit vorangeschritten. Während sich anfangs lediglich sechs Länder an dem
gemeinschaftlichen Projekt beteiligten, traten im Laufe der Jahre neun weitere Staaten aus West-, Südund
Nordeuropa der europäischen Gemeinschaftsorganisation bei.
Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre konzentriert sich der Erweiterungsprozess der Europäische
Union, wie sie seit 1993 genannt wird, auf die Staaten Mittelost- und Osteuropas. Offiziell wird hierbei
von der „Osterweiterung der Europäischen Union“ gesprochen. Doch ist die Begriffswahl leicht
irreführend, da neben zehn osteuropäischen Staaten noch drei weitere Länder den Status eines
Beitrittskandidaten haben, die nicht in Osteuropa liegen. Neben Malta sind das Zypern und die Türkei.
Die zwei Letztgenannten gelten, was den Beitritt zur Europäischen Union betrifft, als besondere
Problemfälle.1 Während es bei den osteuropäischen Bewerberländern vor allem wirtschaftliche
Rückständigkeiten und Schwierigkeiten im Justizwesen und der Verwaltung sind, die bislang einen EUBeitritt
verhinderten, sind die Verzögerungen bei der Aufnahme Zyperns und der Türkei hauptsächlich
politisch begründet. Eine große Rolle für beide Länder spielt hierbei auch der Zypernkonflikt, dessen
Auswirkungen auf den EU-Beitritt Zyperns und der Türkei im Folgenden näher betrachtet werden
sollen.
Um die Problematik des Konflikts politisch erfassen zu können, muss zunächst ein kurzer Überblick auf
das politische System Zyperns und ein historischer Rückblick auf die Ursprünge und Entwicklungen des
Zypernkonflikts vorangestellt werden. Hiernach kann auf den unterschiedlichen Beitrittsprozess Zyperns
und der Türkei eingegangen werden. Die Beitrittsperspektiven sollen hierbei in erster Linie in Bezug auf
den Zypernkonflikt betrachtet werden. Andere Problemfelder, die für die beiden Länder auf ihrem Weg
in die Europäische Union hinderlich sind, werden dabei bewusst vernachlässigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in den Erweiterungsprozess der Europäischen Union und die damit verbundene Problematik des Zypernkonfliktes
2. Der Zypernkonflikt und sein Einfluss auf den Beitritt Zyperns und der Türkei zur Europäischen Union
2.1. Politische Ausgangslage, Ursachen und Genese des Zypernkonflikts
2.2. Der Annäherungsprozess an die EU im Lichte des Zypernkonfliktes
2.2.1. Zypern
2.2.2. Türkei
3. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss des Zypernkonflikts auf den EU-Beitrittsprozess von Zypern und der Türkei. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Teilung der Insel die diplomatischen Beziehungen und die Beitrittsverhandlungen beider Parteien mit der Europäischen Union massiv beeinflusst und verkompliziert hat.
- Historische Genese und Ursachen des Zypernkonflikts
- Die unterschiedlichen Beitrittsverläufe von Zypern und der Türkei im EU-Kontext
- Die Rolle Griechenlands und dessen Veto-Positionen
- EU-Strategien und der Umgang mit dem "geteilten" Beitrittskandidaten
Auszug aus dem Buch
2.1. Politische Ausgangslage, Ursachen und Genese des Zypernkonflikts
Im Laufe der letzten drei Jahrtausenden regierten auf Zypern zwar Herrscher fast aller umliegenden Länder und Reiche. Am wichtigsten war aber der 600jährige Einfluss der Griechen ab dem 14. Jahrhundert v. Chr., der hiernach nicht mehr verloren ging. Das Osmanische Reich, Vorläufer der Türkei, herrschte ab 1571 auf Zypern und hatte damit ebenfalls einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Insel bis in die neuste Zeit. 1878 schloss das Osmanische Reich aufgrund seiner Furcht vor einer Invasion Russlands auf Zypern einen Vertrag mit Großbritannien. Während die Osmanen die Eigentumsrechte an Zypern behielten, übernahmen die Briten die Verwaltung der Insel.
1879 machte das griechische Königreich erstmals in der Neuzeit Gebietsansprüche auf Zypern geltend und forderte die Briten vergebens auf, Zypern für den politischen Anschluss an Griechenland freizugeben. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges kündigte Großbritannien eigenmächtig den Zypernvertrag mit den Osmanen auf und annektierte die Insel, was die neugegründete Türkei 1923 als Verlierer des Krieges gezwungenermaßen anerkennen musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg übten die Griechen immer mehr Einfluss auf Zypern aus, forderten die Unabhängigkeit der Insel und unterstützten auch die terroristischen Handlungen der unabhängigkeitswilligen Zyprioten, von denen die griechischzypriotische Mehrheit sogar einen Anschluss an das griechische Mutterland anstrebte.
Die Türkei machte immer wieder deutlich, dass sie einem Zusammenschluss von Griechenland und Zypern nicht akzeptieren würde. Sie strebte eine Teilung der Insel an und beharrte auf ihren Gebietsansprüchen. 1959 schloss sie mit Griechenland und Großbritannien die Verträge von London und Zürich, die die Unabhängigkeit Zyperns ermöglichten und garantierten. Die griechischen Zyprioten, die einen Bevölkerungsanteil von rund 84% ausmachten, sollten hierbei den Präsidenten, die türkischen Zyprioten den Vizepräsidenten der neuen Republik stellen. Als der griechischzypriotisch stämmige Präsident 1963 aber eine Verfassungsänderung vorschlug, die das Vetorecht der türkischzypriotischen Minderheit ausgehebelt hätte, forderte die türkische Regierung die türkischen Zyprioten auf, sich zu wehren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in den Erweiterungsprozess der Europäischen Union und die damit verbundene Problematik des Zypernkonfliktes: Das Kapitel erläutert den Kontext der EU-Osterweiterung und positioniert Zypern und die Türkei als politisch komplexe Sonderfälle innerhalb des Beitrittsprozesses.
2. Der Zypernkonflikt und sein Einfluss auf den Beitritt Zyperns und der Türkei zur Europäischen Union: Hier werden die historischen Ursachen der Teilung Zyperns dargelegt sowie die unterschiedlichen Auswirkungen dieses Konflikts auf die EU-Annäherung von Zypern und der Türkei detailliert analysiert.
2.1. Politische Ausgangslage, Ursachen und Genese des Zypernkonflikts: Dieser Abschnitt beschreibt die historische Entwicklung der Insel unter osmanischer und britischer Herrschaft bis hin zu den ethnischen Spannungen der 1960er Jahre.
2.2. Der Annäherungsprozess an die EU im Lichte des Zypernkonfliktes: Dieser Abschnitt beleuchtet die strategischen und diplomatischen Herausforderungen der EU-Integration in Bezug auf die geteilte Insel.
2.2.1. Zypern: Das Kapitel analysiert den speziellen Weg der Republik Zypern zur EU, geprägt von den Auswirkungen der türkischen Besatzung und den komplexen Verhandlungen mit Brüssel.
2.2.2. Türkei: Hier wird die Rolle der Türkei im Kontext des Zypernkonflikts und deren schwieriger Weg zur Anerkennung als EU-Beitrittskandidat unter Berücksichtigung griechischer Vorbehalte untersucht.
3. Ausblick: Der Ausblick bewertet die Wahrscheinlichkeit eines Beitritts Zyperns unter den gegebenen Bedingungen und die weiterhin schwierige Ausgangslage für die Türkei.
Schlüsselwörter
Zypernkonflikt, Europäische Union, EU-Osterweiterung, Türkei, Nordzypern, Beitrittsverhandlungen, Rauf Denktasch, Griechenland, Zollunion, Sezession, Beitrittspartnerschaft, politische Kriterien, Kopenhagen-Kriterien, Integration, Teilung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern der anhaltende Zypernkonflikt als Hindernis oder Katalysator für die Beitrittsbemühungen Zyperns und der Türkei in die Europäische Union fungiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung des Konflikts, den diplomatischen Verflechtungen mit Griechenland und der Türkei sowie der spezifischen EU-Politik gegenüber beiden Akteuren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Einfluss der ungelösten Zypernfrage auf die Integrationsprozesse Zyperns und der Türkei in die EU nachzuzeichnen und zu analysieren, wie die EU mit diesen besonderen "Problemfällen" umgeht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine politikwissenschaftliche und historische Analyse, wobei er zahlreiche offizielle EU-Dokumente, Fortschrittsberichte und Fachliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Konfliktgenese und eine detaillierte Betrachtung des Annäherungsprozesses der beiden Länder an die EU, unterteilt in die Perspektiven Zyperns und der Türkei.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Zypernkonflikt, EU-Erweiterung, Nordzypern, Beitrittskriterien und die diplomatische Rolle Griechenlands geprägt.
Wie bewertet der Autor den Einfluss der Türkei auf den Beitrittsprozess Zyperns?
Der Autor sieht die Türkei als Akteur, der durch seine Politik in Nordzypern den Beitrittsprozess verkompliziert, wobei die Türkei den Konflikt teilweise nutzt, um ihren eigenen Beitritt zur EU voranzutreiben.
Ist eine Lösung des Konflikts zwingende Voraussetzung für den EU-Beitritt Zyperns?
Nein, der Autor arbeitet heraus, dass die EU den Beitritt Zyperns im Laufe der Zeit entkoppelt hat, sodass eine endgültige Lösung des Konflikts keine absolute Vorbedingung mehr für den Beitritt darstellt.
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- Dirk Wippert (Author), 2001, Zypernkonflikt und sein Einfluss auf den Beitritt Zyperns und der Türkei zur EU, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125533