Fake News und Verschwörungstheorien. Identifizierung und Abgrenzung zu wissenschaftlichen Wahrheiten


Bachelorarbeit, 2022

58 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Wissenschaftliche Wahrheit
2.1 Definition Wahrheit
2.2 Wahrheitstheorien
2.2.1 Korrespondenztheorie
2.2.2 Kohärenztheorie
2.3 Definition Wissen
2.4 Quellen des Wissens
2.4.1 Basale/nicht-basale Wissensquellen
2.4.2 Intrasubjektive/intersubjektive Wissensquellen
2.4.2.1 Erinnerungen
2.4.2.2 Zeugnisse anderer
2.4.3 Evidenzielle/nicht-evidenzielle Wissensquellen
2.4.3.1 Sinneswahrnehmungen
2.4.3.2 Verstand/Denken
2.4.4 Schlussfolgernde Quellen
2.4.4.1 Deduktion
2.4.4.2 Induktion
2.4.4.3 Abduktion
2.5 Objektivität, Subjektivität und Intersubjektivität
2.6 Definition Wissenschaft
2.6.1.1 Prinzip der Falsifikation
2.6.1.2 Prinzip der Verifikation
2.7 Die wissenschaftlichen Gütekriterien

3 Fake News
3.1 Definition
3.2 Ursachen
3.3 Empfänglichkeit
3.4 Arten von Fake News
3.4.1 Rekonfigurierte Nachrichten
3.4.1.1 Misleading Content
3.4.1.2 False Connection
3.4.1.3 False Context
3.4.1.4 Manipulated Content
3.4.2 Satire
3.4.3 Fabrizierte Nachrichten
3.4.3.1 Imposter Content
3.4.3.2 Fabricated Content

4 Verschwörungstheorien
4.1 Definition
4.2 Ursachen und Funktionen
4.2.1 Identitätsfunktion
4.2.2 Erkenntnisfunktion
4.2.3 Manipulationsfunktion
4.2.4 Legitimationsfunktion
4.3 Empfänglichkeit
4.4 Arten
4.4.1 Tatsächliche Verschwörung
4.4.2 Verschwörungshypothese
4.4.3 Verschwörungsideologie
4.4.4 Verschwörungsmythos
4.5 Beispiele
4.5.1 Juden
4.5.2 Illuminaten
4.5.3 9/11
4.5.4 Zahl 23
4.5.5 Freimaurer

5 Abgrenzung von Fake News und Verschwörungstheorien von wissenschaftlicher Wahrheit
5.1 Einordnung in die Wissenschaft
5.2 Einordnung in die Wissensquellen
5.3 Einordnung in die Wahrheitstheorien

6 Probleme durch Fake News und Verschwörungstheorien

7 Identifizierung von Fake News und Verschwörungstheorien

8 Eindämmung von Fake News und Verschwörungstheorien

9 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abstract

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit der Forschungsfrage, ob – beziehungsweise inwiefern sich Fake News und Verschwörungstheorien in den Bereich der wissenschaftlichen Wahrheit einordnen lassen: Kann eine Abgrenzung zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und Verschwörungstheorien beziehungsweise Fake News getroffen werden? Ziel ist es, die signifikanten Unterschiede zwischen wissenschaftlicher Forschung in der Abgrenzung von Fake News und Verschwörungstheorien aufzuzeigen.

Um die Forschungsfrage zu beantworten, wurden die einzelnen Gegenstandsbereiche der Arbeit genau definiert, analysiert und anhand von Beispielen dargestellt.

Das Ergebnis der vorliegenden Arbeit ist, dass Fake News, respektive Verschwörungstheorien keineswegs der Definition von Wissenschaft und wissenschaftlicher Forschung entsprechen. So wird die Wissenschaft als ein zusammenhängendes System von begründeten und kohärenten Aussagen verstanden, welche einer intersubjektiven Überprüfung unterlegen sind; Fake News und Verschwörungstheorien verstoßen jedoch in beinahe allen Bereichen gegen diese Definition.

Dies zeigt, dass es unabdingbar ist, in Zukunft einen größeren Forschungsfokus auf die Entstehung und Identifizierung von Fake News und Verschwörungstheorien zu legen. Ebenfalls ist es notwendig, dass die Termini Fake News und Verschwörungstheorie im Alltag etabliert werden, um somit für eine größere Beachtung jener Gefahrenquellen zu sorgen.

„It ain’t what you don’t know that gets you into trouble. It’s what you know for sure that just ain’t so.“ (Mark Twain)

1 Einleitung

Der Begriff Fake News dominiert bereits seit mehreren Jahren unsere alltägliche Welt und ist in aller Munde. Eine klare Trennlinie zwischen falschen Nachrichten und realen, ‚wirklichen‘ News ist jedoch nur schwer zu ziehen. Dies liegt hauptsächlich an der Tatsache, dass kaum Informationen und Ratgeber publiziert werden, die einen geeigneten Umgang mit solchen falschen Nachrichten vorschlagen. Um die Problematik rund um Fake News näher zu beleuchten, soll in der vorliegenden Arbeit eine Definition jener Nachrichten vollzogen werden sowie auf die Ursachen, die Empfänglichkeit und die verschiedenen Arten von Fake News Bezug genommen wird. Diese Erklärungen werden in der Folge durch alltägliche Beispiele vereinfacht.

Ein weiterer Terminus, der unseren Alltag maßgeblich prägt, ist der Begriff Verschwörungstheorie. Jener tritt in etlichen Situationen zum Vorschein, so beispielsweise nach einem Terrorattentat, dem Tod einer berühmten Person oder während der COVID-19-Pandemie. Doch obwohl jener Ausdruck oftmals einen negativen Beigeschmack beinhaltet, hinterfragen die Wenigsten dessen Bedeutung. Um dieses Problem zu lösen, wird in der folgenden Arbeit eine Begriffsbestimmung vollzogen sowie auf die Ursachen, Funktionen und Arten näher eingegangen. Auch diese Erläuterungen werden anhand von gängigen Verschwörungstheorien verbildlicht.

Das Hauptziel und gleichzeitig die Forschungsfrage der vorliegenden Bachelorarbeit ist jedoch, eine klare Abgrenzung von Fake News und Verschwörungstheorien gegenüber der wissenschaftlichen Forschung zu ziehen.

Um dies zu bewerkstelligen, wird eine Definition der Begriffe Wahrheit, Wissen und Wissenschaft gegeben. Ebenfalls wird auf gängige Wahrheitstheorien Bezug genommen sowie die Quellen des Wissens vorgestellt, wobei hier eine Gliederung der verschiedenen Arten der Erkenntnis erfolgt. Darüber hinaus sollen die Termini Objektivität, Subjektivität und Intersubjektivität dargestellt und in der Folge voneinander getrennt behandelt werden. Um Fake News und Verschwörungstheorien von wissenschaftlichen Aussagen trennen zu können, ist ebenso die Behandlung der wissenschaftlichen Gütekriterien erforderlich. Aus diesem Grund werden jene in der vorliegenden Arbeit genauer dargestellt und erläutert.

Nach der ausführlichen Behandlung von Fake News und Verschwörungstheorien sollen beide Themenbereiche einerseits in die Wissenschaft, andererseits in die Wissensquellen sowie in die Wahrheitstheorien eingeordnet werden.

Abschließend werden Hilfestellungen geboten, die eine Identifizierung von Fake News und Verschwörungstheorien erleichtern sollen. Überdies werden die durch falsche Nachrichten und Konspirationstheorien hervorgerufenen Problematiken vorgestellt und Vorschläge für die Eindämmung solcher Nachrichten und Verschwörungstheorien präsentiert. Schlussendlich wird ein Fazit vollzogen sowie ein Ausblick gegeben.

2 Wissenschaftliche Wahrheit

Helmut Reinalter erläutert den signifikantesten Unterschied zwischen Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen von Fake News und Verschwörungstheorien folgendermaßen: Letztere weigern sich, ihre Theorien und Mutmaßungen genauer zu begründen oder zu überprüfen. Doch gerade diese Kontrolle der Fakten ist ein bedeutsames Merkmal der Wissenschaft (vgl. Reinalter 2010, 10).

Um jedoch die etlichen weiteren Unterschiede aufzuzeigen und somit eine klare Abgrenzung zwischen Fake News, Verschwörungstheorien und wissenschaftlicher Wahrheit vollziehen zu können, sind in der Folge zunächst einige Definitionen notwendig. So gliedert sich der Ausdruck wissenschaftliche Wahrheit in zwei Themenbereiche: die Wahrheit und die Wissenschaft.

2.1 Definition Wahrheit

Nach Thomas Grundmann kann die Wahrheit als „Relation zwischen Geist und Welt“ (Grundmann 2008, 33) definiert werden. Des Weiteren führt er an, dass es sich bei dem Begriff Wahrheit um einen semantischen handelt, wobei er ebenfalls auf die Problematik verweist, dass der alltägliche Wahrheitsterminus oftmals mit einer gewissen Mehrdeutigkeit belegt ist (vgl. Grundmann 2008, 33). Daher ist eine genauere Definition von Wahrheit von Nöten, welche Grundmann in der Erklärung einer propositionalen Wahrheit gibt:

„Dabei handelt es sich um eine Eigenschaft von Sätzen, Überzeugungen, Vorstellungen oder Propositionen, die einen Gegenstand als so-und-so beschaffen darstellen (repräsentieren) und dabei dieses Ding so darstellen, wie es wirklich ist.“ (Grundmann 2008, 35)

Nur propositionale Sachverhalte können demnach als wahr oder falsch kategorisiert werden (vgl. Grundmann 2008, 35).

Grundmann erläutert überdies fünf grundlegende Merkmale der Wahrheit; respektive „Adäquatheitsbedingungen für Wahrheitstheorien“ (Grundmann 2008, 39). So gilt diese immer absolut, aber niemals relativ; die Wahrheit darf sich folglich nicht je nach Person oder Zeit ändern. Ein weiteres Merkmal ist die Extensionalität der Wahrheit: „Der Wahrheitswert eines Satzes ändert sich nicht, wenn man in ihm Ausdrücke gleicher Extension (mit identischen Referenten) durcheinander ersetzt.“ (Grundmann 2008, 39) Ebenfalls muss die Wahrheit dem Zitattilgungsschema entsprechen, darf nicht mit dem Fürwahrhalten zusammenfallen sowie als nicht-sprachrelativ gelten (vgl. Grundmann 2008, 42).

2.2 Wahrheitstheorien

Der Terminus Wahrheit steht in einer engen Verbindung mit den Wahrheitstheorien. Grundsätzlich ist eine Vielzahl von Wahrheitstheorien in der Philosophie gebräuchlich. Dennoch kann nach Elke Brendel prinzipiell zwischen zwei Arten von Wahrheitstheorien unterschieden werden, wobei es sich hierbei einerseits um nicht-epistemische und epistemische Theorien handelt (vgl. Brendel 2017, 338). Nicht-epistemische erläutert Grundmann als realistische Theorien, da jene nicht davon ausgehen, dass „Wahrheit durch Rechtfertigungskriterien“ (Grundmann 2008, 42) definiert wird. Brendel bezeichnet jene Formen der Wahrheitstheorien ebenfalls als objektiv, da sich die „Natur von Wahrheit […] nicht über die Art und Weise, wie wir wahre Überzeugungen erlangen, definieren“ (Brendel 2017, 338) lässt. Epistemische – also nicht-realistische Wahrheitstheorien – erklärt Brendel hingegen folgendermaßen: Es wird „davon ausgegangen, dass sich die Natur von Wahrheit vollständig durch unsere Erkenntnismethoden und Kriterien epistemischer Rechtfertigung bestimmen lässt.“ (Brendel 2017, 338)

Zwischen realistischen und nicht realistischen Wahrheitstheorien kann ebenfalls eine weitere Untergliederung vollzogen werden (vgl. Abbildung 1). So ist nach Grundmann eine Differenzierung in Deflationismus, Primitivismus und Korrespondenztheorie möglich (vgl. Grundmann 2008, 43).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Gliederung der Wahrheitstheorien (Grundmann 2008, 43).

Trotz der großen Summe an Wahrheitstheorien soll in der vorliegenden Arbeit der Fokus auf zwei Wahrheitstheorien liegen: der Korrespondenztheorie und der Kohärenztheorie. Grund hierfür ist die Tatsache, dass sich Fake News und Verschwörungstheorien anhand jener beiden Theorien am besten bewerten lassen.

2.2.1 Korrespondenztheorie

Die Korrespondenztheorie wird den realistischen, beziehungsweise nicht-epistemischen Wahrheitstheorien zugeordnet und galt bis zum 19. Jahrhundert als dominierende Wahrheitstheorie (vgl. Grundmann 2008, 43).

Grundmann definiert die Grundaussage der Korrespondenztheorie folgenderweise: Eine „Überzeugung [ist] genau dann wahr, wenn sie mit einem Wahrmacher in der Welt korrespondiert.“ (Grundmann 2008, 62) Dies bedeutet nach Thomas Nöller folglich, dass eine bestimmte Aussage nur dann als wahr gilt, wenn sie mit dem Sachverhalt, auf den sie sich bezieht, übereinstimmt (vgl. Nöller 2021, 8). Thomas Zoglauer führt weiter aus, dass ein wahrer Satz laut dieser Theorie stets mit der Wirklichkeit kongruieren muss (vgl. Zoglauer 2021, 91). Brendel erläutert des Weiteren, dass bei der Korrespondenztheorie eine Relation zwischen der Sprache und der Welt besteht, folglich der Nachweis einer Beziehung zwischen bestimmten Wahrheitsträgern und Tatsachen möglich ist (vgl. Brendel 2017, 338). Zoglauer erklärt hierzu: „Nach der Korrespondenztheorie wird Wahrheit als eine Relation aufgefasst, nämlich als Übereinstimmung von Aussage und Wirklichkeit.“ (Zoglauer 2021, 92)

2.2.2 Kohärenztheorie

Die Kohärenztheorie wird nach Brendel den epistemischen Theorien zugeordnet (vgl. Brendel 2017, 338).

Diese Art der Wahrheitstheorie erläutert Grundmann als „die Auffassung, dass eine Überzeugung dann und nur dann wahr ist, wenn die Überzeugung mit einem bestimmten System von Überzeugungen kohärent zusammenpasst.“ (Grundmann 2008, 49) Dies bedeutet, dass der Wahrheitsgehalt einer Aussage bei der Kohärenztheorie rein durch die Beziehungen zwischen den einzelnen Aussagen besteht (vgl. Brendel 2017, 342). Nöller erklärt überdies: Die Wahrheit in der Kohärenztheorie „steht damit nicht in Bezug zur Wirklichkeit, sondern beschreibt lediglich die Kohärenz der Sätze innerhalb eines Theoriesystems.“ (Nöller 2021, 8)

Allerdings verweist Grundmann auf die Tatsache, dass die verschiedenen Ansichten über Kohärenztheorien unterschiedlich stark ausgeprägt sein können, wobei jedoch die Konsistenz – also Widerspruchsfreiheit – immer gewährleistet sein muss (vgl. Grundmann 2008, 50).

2.3 Definition Wissen

Nach Grundmann ist eine klare Definition des Wissens nicht möglich, da es sich um einen komplexen Begriff handelt (vgl. Grundmann 2008, 193). Zoglauer versucht sich jedoch mit einer Annäherung an eine Definition: „Zum Wissen gehören […] drei Dinge: eine Überzeugung, eine Rechtfertigung und die Wahrheit der Proposition.“ (Zoglauer 2021, 137)

Prinzipiell kann zwischen vier Formen des Wissens unterschieden werden (vgl. Grundmann 2008, 86):

1) Wissen-dass (wahrheitsfähige Propositionen)
2) Wissen durch Bekanntschaft (Gegenstände)
3) Wissen-wie-es-ist (individuelle Zustände)
4) Wissen-wie (Können)

Grundmann erläutert, dass das Wissen-dass als grundlegende Form des Wissens gilt, weshalb in der vorliegenden Bachelorarbeit der Fokus auf diese Art des Wissens gelegt wird. So ist nach Grundmann das Wissen-dass „auf einen propositionalen Inhalt bezogen, der durch einen Aussagesatz zum Ausdruck gebracht werden kann.“ (Grundmann 2008, 71). Jene Propositionen müssen demnach drei Funktionen erfüllen (vgl. Grundmann 2008, 71f.):

1) Die Propositionen müssen wahr oder falsch sein
2) Die Propositionen müssen durch eine Tatsache wahr sein
3) Die Propositionen müssen „feiner individuiert als die sie wahr machenden Tatsachen“ (Grundmann 2008, 71) sein

Ebenfalls kann festgehalten werden, dass Wissen jeweils zwei Komponenten benötigt: eine objektive sowie eine subjektive (vgl. Zoglauer 2021, 137). Demnach stellt Wissen nach Zoglauer „immer nur ein perspektivisches Modell der Welt dar und kann die Welt nie so wiedergeben wie sie an sich ist.“ (Zoglauer 2021, 141)

2.4 Quellen des Wissens

Grundmann definiert die Quellen des Wissens allgemein als „Typ von Grund, auf den ein spezifisches Wissen oder eine bestimmte gerechtfertigte Überzeugung gestützt ist.“ (Grundmann 2008, 454)

In der Fachliteratur wird zwischen unterschiedlichen Formen von Wissensquellen unterschieden. Grundmann erläutert hierzu, dass oftmals mehrere Wissensquellen zu einem einzigen Gegenstandsbereich bestehen können, diese also nicht als exklusiv gelten (vgl. Grundmann 2008, 454f.). Grundsätzlich muss betont werden, dass nicht allen Wissensquellen in gleichem Ausmaß vertraut werden darf. Dies erläutert Zoglauer:

„Wir können nur solchen Wissensquellen vertrauen, die wir gut kennen, die sich zuverlässiger Erkenntnismethoden bedienen und über die wir ein Meta-Wissen verfügen, um sie als gute Informanten einschätzen zu können.“ (Zoglauer 2021, 149)

In der Antike wurde bei den Wissensquellen nach Grundmann zwischen sinnlichen Wahrnehmungen und dem Verstand, beziehungsweise der Vernunft unterschieden. Diese Trennung zwischen lediglich zwei Quellen des Wissens hat sich in der Neuzeit jedoch gewandelt, mittlerweile wird in der Regel von mehreren Quellen gesprochen. So führt Grundmann neun Quellen des Wissens an (vgl. Grundmann 2008, 456f.):

1) Sinneswahrnehmungen
2) rationale Intuitionen
3) Introspektionen
4) Erinnerungen
5) Verstehen anderer
6) Zeugnis anderer
7) Deduktion
8) Induktion
9) Abduktion

Peter Baumann hingegen erläutert, dass lediglich die „Wahrnehmung, Schlussfolgerung und Erinnerung Wissensquellen sind.“ (Baumann 2002, 253) Kazimierz Rynkiewicz vertritt wiederrum eine andere Sichtweise; er nennt sechs Erkenntnisquellen, welche als Voraussetzung für jede Erkenntnis gelten. Hierunter gibt er ebenfalls die „Wahrnehmung, Erinnerung [… das] Schlussfolgern und [die] Bezeugung durch andere“ (Rynkiewicz 2012, 173) an. Neu angeführte Quellen des Wissens sind dagegen die Introspektion und die Induktion (vgl. Rynkiewicz 2012, 173f.).

Trotz der Tatsache, dass in der Fachliteratur über die Anzahl von Wissensquellen diskutiert wird, kann dennoch eine Gemeinsamkeit genannt werden. So beruhen nach Grundmann die meisten von ihnen auf psychologischen Prozessen der denkenden Person (vgl. Grundmann 2008, 457). Demnach muss festgehalten werden, dass Wissen „nie unabhängig von menschlichen Subjekten“ (Zoglauer 2021, 74) ist.

Für die Differenzierung der Wissensquellen gibt es nach Grundmann mehrere Möglichkeiten (vgl. Grundmann 2008, 457f.).

2.4.1 Basale/nicht-basale Wissensquellen

Rynkiewicz unterscheidet zwischen basalen und nicht-basalen, beziehungsweise inferenziellen Quellen (vgl. Abbildung 2). Basale Quellen müssen dabei nicht „von anderen Erkenntnisquellen abhängen“ (Rynkiewicz 2012, 174), wohingegen nicht-basale Quellen immer auf anderen Erkenntnisquellen beruhen (vgl. Rynkiewicz 2012, 175).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Basale und nicht-basale Erkenntnisquellen (Rynkiewicz 2012, 173).

Nach Grundmann sind nicht-basale Quellen daher als inferenziell zu bezeichnen, da eine Inferenz als „gedanklicher Prozess, durch den man von einem Gedanken […] zu einem neuen Gedanken gelangt“ (Grundmann 2008, 589) gilt. Es werden also gewisse Prämissen benötigt, um neues Wissen erlangen zu können (vgl. Grundmann 2008, 457f.).

Weiters ist es essenziell zu betonen, dass beide Arten von Wissensquellen als gleichrangig zu betrachten und für das menschliche Wissen unabdingbar sind (vgl. Grundmann 2008, 460f.).

2.4.2 Intrasubjektive/intersubjektive Wissensquellen

Nach Grundmann ist des Weiteren eine Unterscheidung zwischen intrasubjektiven und intersubjektiven Quellen möglich (vgl. Grundmann 2008, 457).

Von einer Intrasubjektivität ist die Rede, wenn die Erkenntnis „innerhalb des einzelnen Subjekts“ (Dudenreaktion o.D.) geschieht. Die Intersubjektivität definiert Grundmann indessen als das „was prinzipiell für mehrere oder sogar alle Subjekte zugänglich, erkennbar oder begreifbar ist.“ (Grundmann 2008, 590) Intersubjektive Prozesse spielen sich folglich zwischen mehreren Individuen ab (vgl. Grundmann 2008, 457). So kann beispielsweise die Wissensquelle Zeugnisse anderer als intersubjektiv gewertet werden, subjektive Erinnerungen gelten hingegen als intrasubjektiv (vgl. Grundmann 2008, 457).

2.4.2.1 Erinnerungen

Subjektive Erinnerungen fallen dementsprechend sowohl unter die intrasubjektiven Wissensquellen (vgl. Grundmann 2008, 457) als auch unter die nicht-basalen Erkenntnisquellen. Dies liegt an der Tatsache, dass subjektive Erinnerungen nur durch Erkenntnisse, die beispielsweise durch Sinneswahrnehmungen entstanden sind, hervorkommen können (vgl. Rynkiewicz 2012, 175).

Bei der Wissensquelle der Erinnerung ist es jedoch wichtig, zwischen subjektiven und intersubjektiven1 Erinnerungen zu unterscheiden, da nur erstere als intrasubjektiv bewertet werden können (vgl. Rynkiewicz 2012, 175). Werden Erinnerungen in einer größeren Gruppe von Personen geteilt und in der Folge weiterverbreitet, so ist von intersubjektiven Erinnerungen die Rede (vgl. Zoglauer 2021, 76).

2.4.2.2 Zeugnisse anderer

Zeugnisse anderer definiert Baumann als eine der signifikantesten Wissensquellen. So beruht „zumindest ein sehr großer Teil unseres Wissens auf den Berichten anderer Personen.“ (Baumann 2002, 277)

Bei den Zeugnissen anderer handelt es sich um eine Form des indirekten Wissens, wobei nach Zoglauer eine generelle Unterscheidung zwischen direktem und indirektem Wissen gebräuchlich ist. Direktes Wissen wird durch den Verstand erworben und gilt a priori (vgl. Zoglauer 2021, 142). Immanuel Kant definiert Feststellungen, die a priori entstehen als das „Erkenntnißvermögen mit Ausschließung des Gefühls der Lust und Unlust und des Begehrungsvermögens.“ (Kant 1790, 3) Dies bedeutet, dass Erkenntnisse, die a priori entstehen, rein aus dem menschlichen Verstand resultieren; individuelle Erfahrungen spielen hier hingegen keine Rolle (vgl. Kant 1790, 3). Diese Erkenntnisse gelten schon im Vorhinein und müssen keiner empirischen Prüfung unterzogen werden. Apriorische Wahrheiten sind absolut gültig. Im Gegensatz hierzu stehen Erkenntnisse, die a posteriori ablaufen und erst im Nachhinein – also nach einer empirischen Überprüfung – erschlossen werden. Jene Erkenntnisse werden nach Kant durch gewisse – meist physische – Erfahrungen, beziehungsweise die Sinne gewonnen, nicht jedoch durch den Verstand (vgl. Kant 1790, 5). A posteriorische Ergebnisse sind demnach nur relativ gültig, da sie aus einer nachträglichen Erfahrung abgeleitet werden. Hierunter fällt nach Zoglauer das indirekte Wissen, welches als irrtumsanfälliger gilt als das direkte Wissen (vgl. Zoglauer 2021, 142). Die Begriffe a posteriori und a priori werden in der Abbildung 3 schematisch dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Schematische Darstellung der Begriffe a posteriori und a priori (eigene Darstellung).

Die Wissensquelle Zeugnisse anderer widerspricht nach Baumann dem Grundgedanken des Empirismus, laut welchem das subjektive Wissen auf der eigenen Erfahrung beruht (vgl. Baumann 2002, 278). Um jene Problematik zu lösen, führt Baumann die Überlegung an, dass es bei jener Wissensquelle zu einer Wechselwirkung zwischen den individuellen Erfahrungen sowie den kollektiven Erkenntnissen von Gruppen oder Gemeinschaften kommt. Diesen Gedanken verfasst er wie folgt: „Einzelne [können] nur als Mitglieder von Gruppen etwas wissen […]. Man könnte auch sagen, dass ein großer Teil unseres Wissens ‚aus zweiter Hand‘ stammt.“ (Baumann 2002, 283)

Rynkiewicz erläutert des Weiteren, dass es sich bei den Zeugnissen von anderen Personen um eine nicht-basale Erkenntnisquelle handelt, wobei erwähnt werden muss, dass durch Zeugnisse anderer dennoch basales Wissen erlangt werden kann (vgl. Rynkiewicz 2012, 176).

2.4.3 Evidenzielle/nicht-evidenzielle Wissensquellen

Eine weitere Möglichkeit der Unterteilung von Wissensquellen ist nach Grundmann die Distinktion zwischen evidenziellen und nicht-evidenziellen Wissensquellen. Er erklärt den Unterschied zwischen den beiden Bereichen folgendermaßen: „Wissen durch Wahrnehmung […] beruht […] auf evidenziellen Gründen.“ (Grundmann 2008, 457) Dies bedeutet, dass evidenzielle Quellen immer eine sinnliche Wahrnehmung voraussetzen. Als nicht-evidenziell gelten hingegen Quellen, welche rein durch den Verstand getroffen werden (vgl. Grundmann 2008, 457).

2.4.3.1 Sinneswahrnehmungen

Nach Baumann zählen die fünf Sinne – Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Tasten – zu den Sinneswahrnehmungen, die zu den Quellen des Wissens gehören und als „Kanäle […], auf denen wir Informationen über die Welt aufnehmen“ (Baumann 2002, 262) verstanden werden.

Rynkiewicz ordnet jene Sinneswahrnehmungen des Weiteren den basalen Erkenntnisquellen zu (vgl. Rynkiewicz 2012, 174). Diese Ansicht vertritt auch Zoglauer, nach ihm ist empirisches Wissen „unmittelbar gegeben […] und nicht aus anderem Wissen erschlossen“ (Zoglauer 2021, 142).

Nach Baumann gibt es jedoch zwei Probleme, welche die Wahrnehmung als Wissensquelle betreffen. So muss einerseits die Frage geklärt werden, wie die menschliche Wahrnehmung funktioniert. Andererseits fragt Baumann: „Was genau nehmen wir eigentlich in erster Linie wahr, wenn wir etwas wahrnehmen?“ (Baumann 2002, 262) Als weitere Problematik nennt Grundmann die Tatsache, dass nicht klar ist, in welchem Umfang unsere Sinne als Wissensquelle fungieren (vgl. Grundmann 2008, 463). Um jenes Problem zu lösen, gibt Grundmann folgende Definition an: Bei Sinneswahrnehmungen „handelt [es] sich […] um nicht-begriffliche Zustände, die auch als fehl- und anfechtbare erste Gründe verstanden werden können“ (Grundmann 2008, 497).

2.4.3.2 Verstand/Denken

Wissen, das durch den Verstand – also durch rationales Denken – jedoch ohne sinnliche Erfahrung erlangt wird, kategorisiert Grundmann als apriorisches Wissen (vgl. Grundmann 2008, 497). Als Definition gibt Grundmann hier an: „Ich weiß, was ich weiß, ganz unabhängig von jeglicher Erfahrung, das heißt rein a priori.“ (Grundmann 2008, 498)

Doch obwohl apriorisches Wissen rein durch den Verstand erlangt wird, sind nach Grundmann gewisse Erfahrungen, wie beispielsweise das Lernen und Verständnis einer Sprache und bestimmter Begriffe unabdingbar (vgl. Grundmann 2008, 499). Dies fasst er folgendermaßen zusammen:

„Wenn man sagt, dass jemand etwas a priori weiß, will man damit nur sagen, dass man, wenn man den Gedanken bereits denken kann, keine zusätzliche Erfahrung benötigt, um daraus Wissen oder eine gerechtfertigte Überzeugung zu machen.“ (Grundmann 2008, 499)

[...]


1 Auf die Intersubjektivität wird im Kapitel 2.5 näher eingegangen.

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Fake News und Verschwörungstheorien. Identifizierung und Abgrenzung zu wissenschaftlichen Wahrheiten
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
58
Katalognummer
V1255427
ISBN (Buch)
9783346698193
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit Academic Plus bietet GRIN ein eigenes Imprint für herausragende Abschlussarbeiten aus verschiedenen Fachbereichen. Alle Titel werden von der GRIN-Redaktion geprüft und ausgewählt. Unsere Autor:innen greifen in ihren Publikationen aktuelle Themen und Fragestellungen auf, die im Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussionen stehen. Sie liefern fundierte Informationen, präzise Analysen und konkrete Lösungsvorschläge für Wissenschaft und Forschung.
Schlagworte
Fake News, wissenschaftliches Arbeiten, Verschwörungstheorien, a priori, a posteriori, Medien, Nachrichten, Glaubwürdigkeit, Seriosität, Authentizität, Wahrheit, Wissen, Wissenschaft, Meinung, Social Media, Internet, Wissensquellen, Konspirationstheorien
Arbeit zitieren
Anna Bugl (Autor:in), 2022, Fake News und Verschwörungstheorien. Identifizierung und Abgrenzung zu wissenschaftlichen Wahrheiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1255427

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