Überstunden, Urlaub, der nicht in Anspruch genommen wird, Arbeiten
nach Feierabend am heimischen Computer für die Firma – das ist heute
Alltag vieler Berufstätiger. Ist es eine neue Dimension der Arbeitsmoral,
dass sich die Menschen aus Pflichtgefühl und Engagement über die
vertraglich geregelte Arbeitszeit hinaus ihrer Arbeit widmen?
Nein - höher, schneller, besser, davon ist unsere heutige Gesellschaft
getrieben. Unternehmen müssen im internationalen Vergleich mithalten
können, das Klima ist rauer geworden mit der Folge, dass ein kühlerer
Wind auch durch die Flure der Unternehmen weht. Um konkurrenzfähig zu
bleiben, sind Unternehmen gezwungen, sich durch Restrukturierungen
ihrer betrieblichen Organisation diesen Temperaturen anzupassen. In der
Konsequenz bedeutet dies, dass der unflexible Arbeitnehmer immer mehr
von einem selbstgesteuerten, selbstorganisierten Mitarbeiter abgelöst
wird, der auf dem Markt, im eigenen (oder eingekauften) Unternehmen
agiert.
Der „Arbeitskraftunternehmer“ – eine Wortfindung der beiden Soziologen
Günther Voß und Hans J. Pongratz (vgl. Voß/Pongratz 2004: 9ff), die sich
in den Ohren heute noch etwas seltsam anhören mag, aber vielleicht in
nicht all zu langer Zeit zum gängigen Wortschatz gehören wird. So wie der
Lohnarbeiter vom Arbeitnehmer abgelöst wurde, könnte der
„Arbeitskraftunternehmer“ der neue Arbeitskrafttypus unserer Zeit werden.
Was ist ein „Arbeitskraftunternehmer“ und wie wird er charakterisiert?
Um diesen neuen Typus einordnen zu können, wird im ersten Teil dieser
Arbeit die geschichtliche Entwicklung der Arbeitskraft beschrieben. Der
darauf folgende Teil beschäftigt sich zunächst mit der Darstellung der
neuen Strukturen, die erst die Voraussetzungen schaffen, dass eine neue
Form des Arbeitnehmers entstehen kann.
Welche Konsequenzen dieser Wandel der Arbeitsanforderungen für den
einzelnen bedeuten und inwiefern eine Anpassung an die neuen
Gegebenheiten nötig ist, soll abschließend in dieser Arbeit thematisiert
werden.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die Arbeitswelt im Wandel
2. Historische Entwicklung der Arbeitskraft
2.1. Der proletarisierte Lohnarbeiter der Frühindustrialisierung
2.2. Der verberuflichte Arbeitnehmer im Fordismus
3. Neue Steuerungssysteme im Unternehmen
3. 1. Restrukturierung der Unternehmen
3.2. Voraussetzungen für die Entstehung des „Arbeitskraftunternehmers“
4. Der „Arbeitskraftunternehmer“ und seine idealtypischen Merkmale
4.1. Das Transformationsproblem wird auf den Arbeitnehmer übertragen
4.2. Die Selbstkontrolle
4.3 Die Selbstökonomisierung
4.4 Die Selbstrationalisierung
5. Die Doppelrolle des neuen Arbeitnehmertypus
5.1. Die neue Arbeitnehmer-„Freiheit“ ist die Unternehmer-Unfreiheit
5.2 Der „Arbeitskraftunternehmer“ - gefangen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber?
Schlussteil - Der erfolgreiche Weg dazwischen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den fundamentalen Wandel der Arbeitswelt und die damit verbundene Entstehung des „Arbeitskraftunternehmers“. Ziel ist es, die strukturellen Voraussetzungen, die Merkmale dieses neuen Arbeitnehmertypus und die daraus resultierenden Ambivalenzen und Konsequenzen für den Einzelnen kritisch zu beleuchten.
- Historischer Wandel der Arbeitskraftmodelle (Lohnarbeiter, Fordismus, Postfordismus)
- Transformation betrieblicher Steuerungssysteme und indirekte Kontrolle
- Idealtypische Merkmale des Arbeitskraftunternehmers (Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung)
- Die Doppelrolle von Freiheit und neuer unternehmerischer Unfreiheit
- Potenziale und Risiken der Selbstausbeutung sowie gesellschaftliche Implikationen
Auszug aus dem Buch
4. Der „Arbeitskraftunternehmer“ und seine idealtypischen Merkmale
Der Begriff „Arbeitskraftunternehmer“ wurde von den Soziologen Voß und Pongratz (vgl. Voß/Pongratz 2004: 9ff) geprägt. „Unselbständiger Selbständiger“ (Glißmann/Peters 1997: 8) nennen ihn Glißmann und Peters oder der „Unternehmer im Unternehmen“ (Kühl 2000: 818) wie Kühl ihn beschreibt. Franzpötter bezeichnet ihn als „unternehmerischen Angestellter“ (Franzpötter 2000: 164).
Internationaler Wettbewerb, Globalisierung der Märkte und die dynamischen Veränderungen in den Bereichen Wissen und Information erfordern ein grundlegend neues Verständnis der Rolle und des Selbstverständnisses der Beschäftigten im Arbeits- und Produktionsprozess.
Im Folgenden soll näher auf die idealtypischen Merkmale des neuen Arbeitnehmertypus eingegangen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den Wandel der Arbeitsmoral und Vorstellung des Konzepts des Arbeitskraftunternehmers.
1. Die Arbeitswelt im Wandel: Analyse der Reorganisationsprozesse in Unternehmen und die Notwendigkeit flexibler Mitarbeiter.
2. Historische Entwicklung der Arbeitskraft: Überblick über die Phasen vom proletarisierten Lohnarbeiter bis hin zum verberuflichten Arbeitnehmer im Fordismus.
3. Neue Steuerungssysteme im Unternehmen: Darstellung der unternehmerischen Restrukturierung und der Verschiebung hin zu indirekten Steuerungsmethoden.
4. Der „Arbeitskraftunternehmer“ und seine idealtypischen Merkmale: Detaillierte Betrachtung der neuen Anforderungen wie Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung und Selbstrationalisierung.
5. Die Doppelrolle des neuen Arbeitnehmertypus: Diskussion der paradoxen Freiheit und der neuen unternehmerischen Unfreiheit sowie der Gefahr der Selbstausbeutung.
Schlussteil - Der erfolgreiche Weg dazwischen: Reflexion über Chancen und Risiken der Individualisierung sowie die notwendige Anpassung sozialer Sicherungssysteme.
Schlüsselwörter
Arbeitskraftunternehmer, Arbeitswelt, Wandel, Flexibilisierung, Transformation, Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung, Selbstrationalisierung, Postfordismus, Unternehmerische Unfreiheit, Selbstausbeutung, Markt, Individualisierung, Arbeitskraft, Organisationsstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem strukturellen Wandel der Arbeitswelt und der daraus resultierenden Entstehung eines neuen Arbeitnehmertypus, dem sogenannten „Arbeitskraftunternehmer“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die historische Entwicklung der Arbeitskraft, neue indirekte Steuerungssysteme in Unternehmen sowie die Auswirkungen der zunehmenden unternehmerischen Verantwortung auf den einzelnen Arbeitnehmer.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Begriff des Arbeitskraftunternehmers zu charakterisieren und zu hinterfragen, welche neuen Freiheiten und Zwänge mit dieser Rolle für den Einzelnen verbunden sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse soziologischer Fachliteratur und vergleicht verschiedene Konzepte zur Flexibilisierung der Arbeitswelt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Merkmale des neuen Arbeitnehmertyps, wie Selbstökonomisierung und Selbstkontrolle, und untersucht die Doppelrolle des Beschäftigten, der gleichzeitig Arbeitnehmer und Unternehmer seiner selbst ist.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Arbeitskraftunternehmer, Selbstausbeutung, Flexibilisierung, Transformation und die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben.
Wie unterscheidet sich der Arbeitskraftunternehmer vom klassischen Arbeitnehmer?
Während der klassische Arbeitnehmer weisungsgebunden war, agiert der Arbeitskraftunternehmer eigenverantwortlich und unterliegt indirekten Marktmechanismen statt direkter Führung.
Was bedeutet das Konzept der Selbstausbeutung in diesem Kontext?
Selbstausbeutung beschreibt den Prozess, bei dem Beschäftigte durch hohen Eigenantrieb und den Druck, auf dem Markt bestehen zu müssen, ihre eigenen Belastungsgrenzen ignorieren und ihre Arbeit weit über das vertraglich vereinbarte Maß hinaus intensivieren.
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- Pina Steinbrenner (Author), 2008, Der Arbeitskraftunternehmer - Ambivalenz von Freiheit und Zwang in den neuen Unternehmensstrukturen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125561