Der Fall Giardinelli - Die Funktion der Krimielemente und die Rolle der Schuld in Mempo Giardinellis „Qué solos se quedan los muertos“


Hausarbeit, 2005

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Krimi beginnt

2. Das Verbrechen – Mord und Totschlag

3. Die Fahndung – Räuber und Gendarm?
3.1. Besondere Verhältnisse
3.2. Das Milieu der Ermittlungen

4. Die Lösung – Die Schuldigen sind überall
4.1. Jedem seine Schuld
4.2. Die Angeklagten

5. Abschlussbericht – Der Krimi als Alibi

6. Literaturverzeichnis

1. Der Krimi beginnt

In Argentinien lobt man einen Kriminalroman folgendermaßen: “Es mucho más que una novela policial“[1] und unterstreicht damit zugleich das hartnäckigste Vorurteil gegenüber diesem Genre der sogenannten Trivialliteratur, nämlich seinen Mangel an literarischer Ästhetik.[2] Dennoch ist dieser Ausspruch sehr treffend hinsichtlich Mempo Giardinellis (Kriminal-)Roman „Qué solos se quedan los muertos“ (1985), da jener durchaus mehr als die (formale) Klärung eines Verbrechens beinhaltet. Der argentinische Autor verbindet dabei eine „horizontale“ Handlungsebene mit einer „vertikalen“ Reflexionsebene (dies entspricht nach Jean-Pierre Colin im klassischen Kriminalroman den Elementen Action und Analysis)[3], in der soziale, philosophische und politische Themen – besonders im Zusammenhang mit der argentinischen Diktatur – kritisch thematisiert werden.

Die nachfolgenden Betrachtungen folgen der Handlungsstruktur eines klassischen Kriminalromans mit den Elementen Verbrechen, Fahndung und Lösung. Sie basieren auf der Fragestellung, welche Funktionen den auftretenden Krimielementen zuzuschreiben sind und auf welche Art die Schuldthematik unter der kriminalistischen Folie behandelt wird. Abschließend sollen die Ergebnisse knapp resümiert werden.

Der begrenzte Umfang dieser Arbeit lässt eine vollständige Darstellung des Themas nicht zu, weshalb an dieser Stelle nur darauf verwiesen wird, dass wenn vom klassischen Kriminalroman die Rede ist, die von Ulrich Schulz-Buschhaus und Peter Nusser beschriebenen Strukturen des Genres gemeint sind.[4]

2. Das Verbrechen – Mord und Totschlag

Das wohl markanteste Krimielement tritt auch in „Qué solos se quedan los muertos“ gleich am Anfang zutage: das Verbrechen. Der Mord ist Ausgangpunkt der Handlung, da er im Kriminalroman für die Störung des sozialen Gleichgewichts steht und den Ermittlern Anlass gibt, sich um die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung zu bemühen.[5] Brutalität ist im Kriminalroman ein wesentlicher Bestandteil der Beschreibungen[6] und auch in „Qué solos se quedan los muertos“ ist die Gewalt (und zugleich der Tod) ein zentraler Aspekt. Die Gewalt wird zum einen als individuelles und zum anderen als kollektives Phänomen betrachtet. Die individuelle Gewalt tritt neben den drei Morden im Rahmen der kriminalistischen Handlung auch als Teil der Gedankenwelt José Giustozzis zutage. Nachdem dieser sein eigenes Gewaltpotential „en uns mezcla de asombro y fascinación“[7] bei einem Zusammentreffen mit seinem Verfolger entdeckt hat, äußert er:

„[S]entí una horrorosa satisfacción, algo que jamás había sentido en mi vida. Era la consagración de mi propia violencia. (…) Yo (…) sentí que lo terrible era estar dispuesto a matar y no hacerlo, y en cambio sentirme fascinado con la sangre y el dolor de un tipo. Yo era bestial y violento como jamás había pensado; sencilla y brutalmente me descubría en los límites de Dios, si Dios existía: podía decidir la vida de otro.”[8]

Giustozzis gespaltenes Verhältnis zur Gewalt wird zudem in seinen Reflexionen über die Gewalttaten in der Zeit der Diktatur deutlich. Victoria Cerrudo bemerkt: „The main plot is a pretext to plunge the detective/historian into a search for answers to the violence and authoritariarism that devasted Argentina during the last decades.”[9] Damit überträgt Giustozzi sein individuelles Problem als ein kollektives auf seine gesamte Generation. In einer Reihe von rhetorischen Fragen nähert sich der Protagonist der Frage, ob eine Rechtfertigung von Gewalt möglich ist. Giustozzi sieht, wie Kohut bemerkt, den Ursprung der Gewalt in Argentinien nicht in der Kolonialgeschichte oder der sozialen Situation des Landes, sondern in einer Art falschen Erziehung:[10] „[E]l autoritarismo para nosotros empezó en la escuela, cuando los maestros nos trataban de usted, nos uniformaban de blanco y nos hacían formar filas como a pequeños centuriones...“[11] Das Bild des passiven, unweigerlichen, fast hilflosen Hineingeborenwerdens dominiert dabei:

„Pobres de nosotros, Carmen y yo, mi generación, que fuimos paridos en el odio de las antinomias, en el desencuentro de pasiones que nos marcaron la historia y sirvieron, luego, para renovar nuestras tragedias nacionales (…). Pobres de nosotros (…), paridos en la veneración a la infamia de la Triple Alianza que destruyó a un país hermano (…). ¿Por qué nos había pasado a nosotros? ¿Qué culpa teníamos si nuestra generación fue condenada a la intemperancia y al desprecio por la democrazia, al autoritarismo y a la violencia (…)? (…) Nosotros nacimos a la participación cívica en medio de la violencia (…).”[12] (Hervorhebungen: S. Z.)

Giustozzis Zweifel an der möglichen Rechtfertigung von Gewalt durch ein „Hineingeborenwerden“ spiegeln sich in seiner fragenden Darstellung (Sie ist nicht affirmativ!) der Thematik wieder.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach der ethischen und moralischen Vertretbarkeit der „violencia desde abajo“ gegenüber der „violencia desde arriba“, die ebenso thematisiert wird:

¿[N]o nos preguntábamos, en ocasiones con secreto espanto, si Fulano o Mangana habrían sido capaces de matar? Esos mismos que ahora queríamos (…) ¿habían alcanzado alguna vez, en horribles, inenarrables circunstancias, la categoría de dioses pequeñitos, capaces de decidir la muerte de un semejante? ¿Habrían alcanzado esa horrible categoría de los represores, o todo debía quedar en la certezza de que acaso sólo mataron, algunos, para no morir, para evitar la propia muerte?”[13]

[...]


[1] Feinmann, José Pablo: Estado policial y novela negra argentina. In: Petronio, Giuseppe/Rivera, Jorge B./Volta, Luigi: Los héroes “difíciles”: La Literatura policial en la Argentina y en Italia. Ediciones Corregidor, Buenos Aires: 1991, S. 163.

[2] Vgl. ebenda.

[3] Vgl. Schulz-Buschhaus, Ulrich: Formen und Ideologien des Kriminalromans. Athenaion, Frankfurt/M.: 1975, S. 3.

[4] Vgl. Schulz-Buschhaus: 1975. / Nusser, Peter: Der Kriminalroman. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar: 1992.

[5] Vgl. Schulz-Buschhaus: 1975, S. 2.

[6] Vgl. Giardinelli, Mempo: El género negro. Universidad Autónoma Metropolitana, México D.F.: 1984, Bd 2, S. 78.

[7] Kohut, Karl: Un universo cargado de violencia. Vervuert, Frankfurt/M.: 1990, S. 41.

[8] Giardinelli, Mempo: Qué solos se quedan los muertos. Editorial Diana, Mexiko D.F., 1991, S. 168.

[9] Cerrudo, Victoria: The American Hard-boiled School Detective Novel and its influence on Argentinian Writers of the Seventies and Eighties. (Diss.) Brandeis University, Waltham: 1995, S. 38.

[10] Vgl. Kohut, Karl: Política, violencia y literatura. In: Anuario de estudios americanos. Sevilla: Januar-Juni 2002, S. 215.

[11] Giardinelli: 1990, S. 139f.

[12] Giardinelli: 1990, S. 91.

[13] Giardinelli: 1990, S. 103.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Fall Giardinelli - Die Funktion der Krimielemente und die Rolle der Schuld in Mempo Giardinellis „Qué solos se quedan los muertos“
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V125638
ISBN (eBook)
9783640311491
ISBN (Buch)
9783640310388
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fall, Giardinelli, Funktion, Krimielemente, Rolle, Schuld, Mempo, Giardinellis
Arbeit zitieren
Susanne Ziese (Autor), 2005, Der Fall Giardinelli - Die Funktion der Krimielemente und die Rolle der Schuld in Mempo Giardinellis „Qué solos se quedan los muertos“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125638

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