Wertneutralität - Charles Taylor als Wegöffner der phronetischen Sozialwissenschaft?


Hausarbeit, 2008

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Part Eins
Charles Margrave Taylor
Einleitung

Part Zwei
Hermeneutik
Wertfreiheit
Wissenschaft und Philosophie
Nicht vorhandene Alternativen
Von Naturalisten und Nicht-Naturalisten

Part Drei
Phronesis
Phronetic Social Science
Resiimee

Literatur

Part Eins

Charles Margrave Taylor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

Charles Margrave Taylor beschaftigt sich mit der Philosophie der

Sozialwissenschaften und der Geschichte. Er wird dem Kommunitarismus zugerechnet, ebenso wie dem Kosmopolitismus und Sakularismus. Taylors Arbeiten umfassen haufig die Beziehung von Glaube und Mo derne.

Charles Taylor wurde katholisch erzogen. Wahrend seiner Schulzeit interessierte sich Taylor fiir die Englische Dichtkunst der Romantik und kam mit der Musik des friihen 19. Jahrhunderts in Beriihrung, was sein Leben, so Taylor selbst, bis heute beeinflusst hat. Wahrend seines Geschichtsstudiums kam das erste Mal das Interesse fiir die Theologie auf. Taylor studierte bei dem politischen Philosophen Isaiah Berlin, der ihm das Verstandnis der Beziehung von Freiheit und Gleichheit nahe brachte und bei dem analytischen Philosophen G. E. M. Anscombe. 1956 heiratete Charles Taylor Alba Romer, mit der er fiinf Tochter hat. Lei der verstarb sie 1990. Fiinf Jahre spater heiratete er wie der, und zwar die Kunsthistorikerin Aube Billard. Nach Taylors Doktorarbeit 1961 wurde er Assistant Professor im Fachbereich Politikwissenschaft an der McGill University. Charles Taylor war auch selbst politisch sehr aktiv. 1962 kandidierte er z.B. fiir das kanadische Unterhaus als Mitglie d einer sozial demokratischen Partei2. Taylor lieB sich insgesamt viermal bei Wahlen aufstellen, gewann aber nie. 1964 wurde sein erstes Buch The Explanation of

Behavior veröffentlicht. 1971 nimmt Taylor eine zusatzliche Universitatsstelle an der Philosophischen Fakultat der Université de Montréal auf. 1976 erhalt Taylor seine erste Professur an der University of Oxford fiir Politische und Soziologische Theorie. Spater (1982) wechselte er zuriick zur McGill University um eine Stelle als Professor fiir Politologie und Philosophie anzutreten. Sources of the Self: The Making of the Modern Identity von 1989 stellt Taylors erster Versuch dar eine philosophische Reflektion der Geschichte anhand des mo dernen Indivi dualismus und I dentitat zu fassen. Zwischen 2002 und 2007 brachte Taylor drei Werke heraus, die sich mit der Entwicklung der westlichen Mo derne beschaftigen3.

Taylors wichtigste Gastprofessuren: Zwei mal Philosophie: Berkeley; School of Social Science, Institute for Advanced Studies: Princeton; mehrer Gastprofessor in Frankfurt; und Gastprofessuren in Indien und Jerusalem.

Einleitung

Nun ist Taylor ein Wissenschaftler der sich vornamlich mit der Entwicklung der mo dernen Gesellschaft beschaftigt, dennoch hat er auch interessante und geistreiche Arbeiten zum Thema Wissenschaftserkenntnis verfasst. In dieser Arbeit soll es in erster Linie um Taylors Ansichten in Bezug der Wertneutralitat in den Sozialwissenschaften, und im Speziellen der Politikwissenschaft, gehen. Es wird seine These, dass Wertneutralitat in der Politikwissenschaft unmöglich ist, kritisch anhand seiner eigenen Argumentationen behandelt. Dabei grenzt Taylor die Sozialwissenschaften von den naturwissenschaftlichen Methoden ab. In neueren Diskussionen tritt Bent Flybjerg auf die Biihne. Seine phronetische Sozialwissenschaft kniipft meiner Meinung nach (möglicherweise) in Kernaussagen an Taylors Thesen an. Nun ware eine intensive Analyse dieser (möglichen) Verbindung im Umfang dieser Arbeit zu groB, dennoch soll hier der erste Schritt unternommen werden. In Part Zwei dieser Arbeit beschaftige ich mich mit Taylors Arbeiten zur Wertneutralitat. Im dritten Part werde ich auf die phronetische Sozialwissenschaft Bent Flyvbjergs eingehen und anschlieBend versuchen die Verbindungen darzulegen.

Part Zwei

Hermeneutik

Hermeneutik4 ist der Versuch ein Studienobjekt durch Interpretation klar, sinnvoll und kohärent zu machen, sowie Wi derspriiche zu beseitigen und Fragmente zusammenzufassen. Daraus folgen drei Be dingungen einer hermeneutischen Wissenschaft. Erstens wird das Vorhandensein eines Gegenstandes vorausgesetzt, der entwe der sinnvoll o der nicht sinnvoll ist. Zweitens wird die Möglichkeit vorausgesetzt, die Be deutung von seiner Aus drucksform zu unterschei den. Dies ist deshalb von Be deutung, da das Ziel der Hermeneutik die Wie dergabe des Sinns in einer anderen Form darstellt. Diese Möglichkeit ist allerdings immer relativ, da die Trennlinie oft willkiirlich und zwei deutig ist. Als drittes wird die Existenz eines Subjektes (Emittent/Adressat) vorausgesetzt, anderenfalls wiirde die Unterschei dung zwischen Be deutung und Aus druck keinen Sinn ergeben.

Fiir Taylor ist der Begriff der Be deutung wichtig und ein wesentlicher Bestandteil der Charakterisierung menschlichen Verhaltens. Dabei werden drei Be dingungen zur Anwendung der Hermeneutik auf den Menschen genannt. Zum einen ist die Be deutung fiir ein Subjekt o der einer Gruppe von Subjekten gegeben. Hierbei kann das Handeln durchaus wi derspriichlich sein, da es ja das Ziel ist solcheb Wi derspriichlichkeiten zu erklären. Zum anderen ist Be deutung die Be deutung von etwas, d.h. Substrat und Be deutung sind trennbar. Es gibt keine Be deutung ohne Substrat, allerdings gibt es die Möglichkeit der Substituierbarkeit des Substrats. So wie Be deutung und Aus druck nur relativ trennbar sind, so sind Be deutung und Verhalten auch nur relativ trennbar. Das Verhältnis zwischen diesen Beiden kann je nach Kulturraum variieren. Drittens wird gesagt, dass Be deutung nur innerhalb eines bestimmten Feldes existiert. Eine auBerhalb aller Beziehungen stehende Be deutung gibt es nicht. Daraus kann gefolgert werden, dass der hermeneutische Zirkel die notwendige Be dingung des Verstehens von Be deutungen ist.

Wertfreiheit

Nun besteht allerdings ein Problem der Wertfreiheit5. Man könnte einen Leser

iiberzeugen indem man den hermeneutischen Zirkel aufbläst, d.h. man bil det die Korrespondenz weiterer Teilaus drücke mit dem Ganzen heraus. Man bleibt aber trotzdem im hermeneutischen Zirkel gefangen. Der Rationalismus versucht dieses Problem durch den Anspruch der absoluten Gewissheit zu lösen. Dies geschähe durch die Entschlüsselung der inneren Notwendigkeit. Allerdings wird der hermeneutische Zirkel nicht wirklich durchbrochen. Vielmehr wird le diglich absolute Klarheit/Kohärenz hergestellt. Empiristen hingegen versuchen das subjektive Gefängnis des Zirkels durch Bezug auf objektive Fakten (data bruta) zu durchbrechen. Auf dieser Basis wird dann der Sinn abgeleitet bzw. verifiziert. Diese Vorgehensweise lässt allerdings mehrere Interpretationen zu. Dieser Empirismus würde das Ende der Hermeneutik in den Human- und Sozialwissenschaften be deuten. Taylor ist der Ansicht, dass dann wichtige Dimensionen des menschlichen Lebens ausgelassen wür den. Deshalb gibt er lieber den Wahrheitsanspruch auf. Bis hierhin verfolgt Taylor eine konsequente und nachvollziehbare Argumentation. Taylor sagt, dass die Sozialwissenschaft die Grenzen einer auf der Verifikation basierenden Wissenschaft überwin den soll. Wissenschaft sollte die in der sozialen Realität eingebetteten intersubjektiven und gemeinsamen Be deutungen untersuchen. Daten wären Lesarten, die schon Selbst-Definitionen enthalten. Hierbei sind allerdings nur mehrere verschie dene Lesarten zusammen aussagekräftig.

Es besteht eine einseitige Konzentration der behavioristischen Politikwissenschaft auf data-bruta -I dentifikationen, die die intersubjektiven und gemeinsamen Be deutungen auslässt. Werte und Uberzeugungen werden als subjektive Eigenschaften behandelt, dabei werden intersubjektive Be deutungen vernachlässigt. Bei intersubjektiven Be deutungen handelt es sich um sozial geteilte Be deutungen, die nicht im Denken des Subjekts a priori vorhanden sind, sondern innerhalb der sozialen Praxis entstehen. Also ist Be deutung nur durch die Erfahrung in der Praxis zugänglich. Daher gehen intersubjektive Be deutungen über den psychologischen Bereich der data bruta hinaus. Der Empirismus begibt sich in die Gefahr eines Ethnozentrismus. Das zur behavioristischen Beschreibung von Institutionen und Praktiken verwendete Vokabular könnte nach unserem Verständnis ge deutet werden. Weiterhin stellt sich der Empirismus als unfähig dar, gewisse Probleme zu erklären (z.B. Entfremdung, Ablehnungsverhalten der Jugend).6

[...]


1 Biographische Daten sind der Homepage der McGill University und der Northwestern University, sowie von metanexus.net entnommen. (Genauere Angaben stehen im Literaturverzeichnis)

2 1962 kandidierte Taylor fiir das kanadische Unterhaus als Mitglied der New Democratic Party in Mount Royal, wobei er als drittstärkster Kandi dat verlor.

3 Varieties of Religion Today: William James Revisited (2002), Modern Social Imageniaries (2004), und das Hauptwerk A Secular Age (2007) von Taylor

4 Vgl.: Taylor, Charles Margrave (1975): Interpretation und die Wissenschaft vom Menschen, in: Taylor, Charles Margrave: Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp

5 Vgl.: Taylor, Charles Margrave (1975): Interpretation und die Wissenschaft vom Menschen, in: Taylor, Charles Margrave: Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp

6 Vgl.: Taylor, Charles Margrave (1975): Interpretation und die Wissenschaft vom Menschen, in: Taylor, Charles: Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp (S. 280)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wertneutralität - Charles Taylor als Wegöffner der phronetischen Sozialwissenschaft?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Masterkurs: Einführung in die Wissenschaftstheorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V125640
ISBN (eBook)
9783640311514
ISBN (Buch)
9783640310401
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Taylor, Flyvbjerg, Wissenschaftstheorie
Arbeit zitieren
Thomas Oeljeklaus (Autor), 2008, Wertneutralität - Charles Taylor als Wegöffner der phronetischen Sozialwissenschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125640

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