München im strategischen Luftkrieg der Westalliierten 1942 bis 1945


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1994

27 Seiten, Note: Magna cum laude


Leseprobe

Inhalt

1. München als Angriffsziel

2. Der Luftschutz in der Stadt

3. Die fünf Phasen des Angriffsgeschehens gegen München
Der Schutz durch die geographische Lage: September 1939 bis August 1942
Die Einbeziehung Münchens in die Reichweite britischer Flächenangriffe:
September 1942 bis März 1944
Die Einbeziehung Münchens in die „kombinierte Bomberoffensive“: 18
März bis 14. Juni 1944

IV. Die Auswirkungen der alliierten Luftherrschaft auf München
Juli 1944 bis 8. Januar 1945

V. Die Endphase: Strategische und taktische Stör- und Tiefangriffe vom 22
Februar bis zum 29. April 1945

VI. Verluste und Schäden. Eine abschließende Bilanz

München im Luftkrieg 1942 bis 1945

von

Irmtraud Eve Burianek

Die bayerische Metropole München an der Isar war durch ihre Lage - 48 Grad 9’ nördliche Breite, 10 Grad 36’ östliche Länge - exakt im Schnittwinkel der drei wesentlichen strategischen alliierten Luftstreitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Das britische Bomber Command der Royal Air Force (RAF) und die 8th United States Army Air Force (8. USAAF) griffen München von ihren Basen in Südostengland aus an, während die 15. USAAF die Stadt von ihrem Stützpunkt Foggia in der süditalienischen Provinz Apulien aus über die gefährlichere Alpenroute anflog. Die Entfernung Münchens von London wie von Foggia betrug gleichermaßen 900 Meilen. Im Fish Code des Bomber Command hatte München bei den Planungen für Flächenangriffe 1941/42 den Decknamen Catfish (dt. Wels) erhalten.[1]

Bereits 1942, unter der Führung von Air Marshall Arthur Harris, holte die RAF zu massiven Schlägen gegen weitentfernte Ziele aus; dazu zählten auch bayerische Städte, die jedoch schon im Sommer 1940 vom Bomber Command mit wenig Erfolg angeflogen wurden. Seit März 1944 griffen die englischen Bomber zusammen mit der 8. USAAF und der 15. USAAF München Tag und Nacht an, teils koordiniert, teils unabhängig voneinander. Die „ kombinierte Bomberoffensive “ ab Sommer 1943 und das Bombardement der deutschen Städte rund um die Uhr (r ound the clock bombing), so wie es die Pointblank - Direktive im Sommer 1943 vorgesehen hatte, wurde nun auch für München bittere Wirklichkeit.[2] Von den 73 verzeichneten Angriffen auf die „Hauptstadt der Bewegung“, wie der offizielle Beiname Münchens unter den Nationalsozialisten lautete, waren dreißig Großangriffe, von denen neun das britische Bomber Command, elf die 8. USAAF und zehn die 15. USAAF ausführten.[3] Die Auswirkungen der in diesen dreißig Angriffen abgeworfenen Bombenlast - nach den alliierten Angaben knapp 25 000 Tonnen Spreng- und Brandmunition[4] - stellte München bei Kriegsende in das Spitzenfeld der deutschen Ruinenstädte.

1. München als Angriffsziel

Für die Planungsstäbe der Alliierten war der Großraum München ein lohnendes Ziel, und dies bei weitem nicht nur wegen der symbolischen und politischen Bedeutung für die herrschenden Nationalsozialisten als Hauptstadt der Bewegung. Folgende Einrichtungen fanden Eingang in die vom Bomber Command 1942 angelegten und später auch von den US-Luftstreitkräften benutzten Bezirkszielkarte für München:[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Flughäfen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Flugzeugindustrie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Versorgungswerke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Maschinenbau

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Chemische Industrie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Leichtmetallwerke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Militärische Einrichtungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem Kundigen der Münchener Topographie fallen bei dieser Auflistung sicherlich einige Ungereimtheiten auf, wie das Fehlen der städtischen Kasernen, des Industrieflughafens in Oberpfaffenhofen, des Luftgaukommandos VII in der Prinzregentenstraße oder das Fehlen der für die Entwicklung von flüssigem Wasser- und Sauerstoff entscheidenden Chemiewerke Linde und EWM in Höllriegelskreuth in der Gemeinde Pullach. Das Informationsdefizit wurde jedoch bis 1944 aufgeholt, da sich diese Zielgruppen dann in den alliierten Einsatzunterlagen finden, so beim kombinierten Angriff der Amerikaner am 19. Juli gegen die Chemiewerke in Höllriegelskreuth mit dem Ziel, die Entwicklung der deutschen V-Waffe zu blockieren.

Im “Bomber’s Baedeker”, dem “Städteführer” des Bomber Command zu den deutschen Angriffszielen, waren die Informationen zu München bis auf kleinere Mängel präzise recherchiert.[6] Dieses Zielhandbuch maß der bayerischen Hauptstadt besondere Bedeutung als Verkehrsdrehscheibe zu den Fronten zu, aber auch als Sitz wichtiger Flugindustrie mit BMW als Hersteller des standardisierten BMW-801-Flugzeugmotors für die deutsche Jagdwaffe sowie als Ort von Fliegerhorsten. Ebenfalls hervorgehoben wurde der Symbolwert der Stadt als Geburtsstätte der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) unter Adolf Hitler, was ein zusätzliches „political target“ darstellte.

In den Planstäben der US-Luftstreitkräfte rangierte München von Herbst 1944 an bis Kriegsende vor allem als hochrangiges Verkehrsziel. Über München liefen die Nord- Süd- bzw. Ost- West- Verbindungen des Schienenverkehrs im Reichsgebiet. Das bedeutete, dass der Nachschub für Italien sowie für den Balkan den Eisenbahnknotenpunkt München passieren musste. Ab Sommer 1944 wurde das Münchner Schienennetz vorwiegend von der 15. USAAF bombardiert, aber auch die 8. USAAF beteiligte sich an dessen systematischer Zerschlagung. Selbst die bis zum Schluss an ihrem Konzept von unterschiedslosen Flächenangriffen (area bombing - Direktive vom 14. Februar 1942) festhaltende RAF setzte ihre Zielmarkierungen gegen Ende 1944 in einer Weise, dass eine weitere Schädigung des Bahnhofsareals garantiert war. Die sofort nach den Angriffen begonnenen Wiederaufbau-maßnahmen am deutschen Eisenbahnnetz trieb die Angreifer zur Verzweiflung. In den gleich nach Beendigung der Kampfhandlungen erstellten USSBS - Berichten[7] wurde gerade den Arbeiten am Verkehrsnetz in München enorme Hartnäckigkeit bescheinigt. Erstaunlich schnelle Reparaturleistung von Strecken und fieberhaftes Arbeiten in den Reichsbahnaus-besserungswerken in Freimann und Neuaubing waren dafür verantwortlich, dass dieses Ziel bis zum Ende trotz katastrophaler Schäden nicht vollkommen ausgeschaltet werden konnte. Die Überkapazität im deutschen Eisenbahnnetz hatte zur Folge, dass die Angreifer ebenfalls eine Überkapazität an Zerstörungskraft investieren mussten, um den Nachschub an die Fronten zu unterbinden. Dies erzeugte wiederum hohe Verluste unter der Zivilbevölkerung durch Streueffekte auf die umliegenden Wohngebiete, da die Transportziele wie die Münchner Verschiebebahnhofe in den dicht bebauten deutschen Innenstädten lagen.

[...]


[1] Target Information Sheet, Public Record Office (PRO), Kew bei London, Air 40/1522.

[2] Pointblank war der Codename für die von den Combined Chiefs of Staff ausgearbeitete Luftoffensive vom 14. Mai 1943; Abdruck bei Anthony Verrier, Bomberoffensive gegen Deutschland 1939 bis 1945, Frankfurt/Main, S. 324ff.

[3] Irmtraud Permooser, Der Luftkrieg über München 1942 - 1945. Bomben auf die Hauptstadt der Bewegung, München 1997 (2. Aufl.), S. 359; von nun an zitiert als Permooser mit entsprechender Seitenangabe. Dieses inzwischen vergriffene Buch ist die veröffentlichte Dissertation der Autorin dieses Artikels. Der vorliegende Artikel folgt der damals erstellten Strukturierung des Münchner Luftkriegsgeschehens.

[4] Errechnet nach den alliierten Angaben der Bombenlasten; siehe Permooser, S. 359. In den übrigen 43 Angriffen (Stör-, Fehl- und Tiefangriffe) kann ein Schätzwert von ca. 200 Tonnen Bomben festgestellt werden.

[5] District Target Map, PRO, Air 40/1522

[6] The Bomber’s Baedeker (Guide to Economic Importance of German Towns and Cities), 2nd (1944) Edition, Part II Lahr - Zwickau, Munich S. 487 - 498, PRO, Air 14/2663.

[7] United States Srategic Bombing Survey 202: Effects of Bombing on Railroad Installations in Regensburg, Nurnberg and Munich, o.O. 1947.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
München im strategischen Luftkrieg der Westalliierten 1942 bis 1945
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut fuer Bayerische Geschichte und vergleichende Landesgeschichte)
Veranstaltung
Promotionsstudium
Note
Magna cum laude
Autor
Jahr
1994
Seiten
27
Katalognummer
V125655
ISBN (eBook)
9783640311606
ISBN (Buch)
9783656207849
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der vorliegende Artikel ist eine kurze Zusammenfassung aller wesentlichen Aspekte meiner Dissertation zur westalliierten Strategie des Bombenkriegs gegen die Stadt Muenchen in den Jahren 1942 bis 1945. Die Dissertation selbst wurde 1997 beim Aviatic Verlag veroeffentlicht. Nach zweimaliger Auflage ist das 400 Seiten umfassende Buch mit Graphiken und Bildmaterial in der Zwischenzeit vergriffen. Alle Rechte liegen wieder bei mir als Autorin.
Schlagworte
München, Luftkrieg, Bomben, Hauptstadt, Bewegung, Magna
Arbeit zitieren
Dr. Irmtraud Eve Burianek (Autor), 1994, München im strategischen Luftkrieg der Westalliierten 1942 bis 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125655

Kommentare

  • Gast am 13.9.2012

    Kein Komentar! Frage: Wo kann man etwas über die Bomberdierng des Arbeitslagers der Agfa erfahren? Vermutlich 1944
    Bitte um Nachricht maier.alling@t-online.de

Im eBook lesen
Titel: München im strategischen Luftkrieg der Westalliierten 1942 bis 1945



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden