Inwieweit weisen Webchats Merkmale sozialer Gruppen auf?


Hausarbeit, 2002

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1 Eigenschaften von sozialen Gruppen
1.1 Der soziologische Gruppenbegriff
1.2 Eigenschaften der sozialen Gruppe

2 Grundlegende Eigenschaften der Kommunikation im Internet
2.1 Entstehungsgeschichte und Verbreitung von Internet, IRC und Chat
2.2 Interaktivität
2.3 Optionalität

3 Merkmale und Gruppeneigenschaften von Chats
3.1 Anonymität
3.2 Selbstentgrenzung
3.3 Persönliche Kenntnis der Interaktionspartner
3.4 Übermittlung von Emotionen
3.5 Verhaltenssteuerung

Zusammenfassung / Ergebnis :

Literatur

Einleitung

Eine der bedeutsamsten Entwicklungen der letzten Jahre ist wohl die der Computer und die enormen Möglichkeiten, die sich durch deren weltweite Vernetzung im Internet ergeben haben. Zu scheinbar jedem beliebigen Thema sind in diesem internationalen Netz in Sekunden Informationen aufrufbar und fremde Länder und Kulturen sind sich auf einmal sehr nah, eine Entwicklung, deren Ende noch nicht absehbar ist.

Auch in dem Bereich der Interaktion haben sich neue Möglichkeiten ergeben. So entstand im Internet die Option, sich mit Menschen aus der ganzen Welt zu unterhalten, beispielsweise per E-Mail, aber auch quasi zeitgleich über das sogenannte Internet Relay Chat und neuerdings auch in den Räumen des Webchats. In der Folge der rasanten Ausbreitung der Nutzung des Internets in der Gesellschaft sind diese Chatrooms inzwischen von einer enormen Anzahl von Menschen bevölkert, die sich dort über alle denkbaren Themen unterhalten. Dieses Phänomen ist auch für Soziologen interessant, denn es wirft die Frage auf, ob und welche strukturellen und sozialen Merkmale diese Interaktionen in den Chaträumen haben und ob sie eventuell die Merkmale einer sozialen Gruppe ausweisen. Dieser Frage soll hier nachgegangen werden.

Dazu wird einem ersten Abschnitt zunächst erläutert werden, welche Merkmale eine Gruppe überhaupt hat und welche ihrer Eigenschaften sie zu ihrem Bestehen benötigt und anwendet. Das kann angesichts des Umfanges der Arbeit nur überblicksartig geschehen.

Dann sollen im weiteren einige grundsätzliche Eigenschaften der Kommunikation im Internet erläutert werden, diesem wird auch eine kurze Darstellung der Entwicklung und Gebrauch des Internets und der Chats beigefügt. Schließlich wird geprüft werden, ob und welche Eigenschaften der sozialen Gruppen sich in den Chats finden lassen und wie diese den dortigen speziellen Begebenheiten angepasst werden. So soll herausgefunden werden, ob es Verbindungen von Menschen mit den Eigenschaften sozialer Gruppen im Internet gibt.

Der Bearbeitung dieses Themas liegen im besonderen Maße die Arbeiten von Thiedeke und Neidhardt zugrunde. Ebenfalls sehr einflußreich war die Erörterung von Reid.

1 Eigenschaften von sozialen Gruppen

1.1 Der soziologische Gruppenbegriff

In der Soziologie gibt es eine Vielzahl von Ansätzen zum Thema Gruppe. Dies erstaunt nicht, da die Gruppe das häufigste soziale Gebilde der heutigen Gesellschaft ist und fast alle Menschen wohl in irgendeiner Form einer Gruppe, wie bsp. Familie, Arbeitsgruppe oder Fußballmannschaft angehören. Trotzdem unterscheiden sich die Beschreibungen und Erklärungsversuche dieses Phänomens in der Soziologie beträchtlich. Im folgenden sollen dennoch kurz die gemeinsamen Merkmale dargestellt werden:

Eine gängige Definition der sozialen Gruppe versteht diese als ein soziales System mit einer eigenen Konstruktionslogik, dessen Sinnzusammenhang durch unmittelbare und diffuse Mitgliederbeziehungen sowie durch relative Dauerhaftigkeit bestimmt ist. Ihre grundsätzliche Funktion kann dabei in einer strukturellen Vermittlung zwischen den einzelnen Menschen und den makrosozialen Zusammenhängen der Gesellschaft gesehen werden[1].

Bei der Zahl der Mitglieder einer Gruppe herrscht relative Einmütigkeit. Sie sollte bestimmt sein und zumindest zwei, höchstens aber soviel Mitglieder umfassen, daß hier noch eine einheitliche Beziehungsstruktur möglich ist. So ist auch die Unmittelbarkeit der Beziehungen gewährleistet, die Kontakte der Gruppenmitglieder sollten dabei „face to face“ ablaufen, um eine gegenseitige Wahrnehmung und direkten Umgang zu ermöglichen. So entsteht ein „Wir-Gefühl“ als Symbol der Zugehörigkeit zur Gruppe und des Zusammenhalts derselben in Abgrenzung zur Gruppenumwelt. Stabilisiert wird das Zusammengehörigkeitsgefühl durch enge, emotionale und informelle Wechselbeziehungen der Mitglieder, einem System gemeinsamer Normen und Werte, einem gemeinsamen Gruppenziel sowie eine typische Aufgaben- und Rollenverteilung in der Gruppe . So unterscheidet sie sich als soziales Gebilde von ihrer Umwelt.[2]

Die Mitgliederbeziehungen sind dabei nicht auf spezifische Zwecke oder Ziele eingegrenzt, sondern diffus, das heißt, daß sie auf einer nicht formell eingegrenzten Zahl von Bezugsebenen stattfinden. Die Kommunikation kann also über sehr viele Themen erfolgen, die nicht durch formale Bestimmungen wie bsp. Satzungen eingegrenzt wurden. Dies unterscheidet Gruppen von Organisationen, welche auf spezifische Zwecke oder Ziele ausgerichtet und bei deren Verwirklichung rational gestaltet sind.

Relativ dauerhaft muß der Sinnzusammenhang der Gruppe sein, damit sie sich von einfachen Sozialsystemen unterscheidet. Diese sind dadurch gekennzeichnet, daß sie sich durch die Anwesenheit in diesem Augenblick und die Thematisierung aktueller Begebenheiten, also bsp. das zufällige Zusammentreffen von Menschen an einer Bushaltestelle, konstituieren. Durch die Dauerhaftigkeit sind soziale Gruppen mehr als diese Situationssysteme, die mit dem Auseinandergehen der Teilnehmer zu existieren aufhören. Dabei gibt es auch durch das „Wir-Gefühl“ und ein Mindestmaß von Organisation eine gewisse Latenz, so kann es auch zu Pausen der Anwesenheit kommen, ohne daß die Gruppe sofort zerbricht.[3]

Die soziale Gruppe stellt also eine eigenständige Kategorie in der Gesellschaft dar, zwischen Organisation und dem einfachen System der flüchtigen Begegnung.

1.2 Eigenschaften der sozialen Gruppe

Nun sollen die Umweltabhängigkeit, die Eigenheiten und die Bedingungen für das Bestehen und Funktionieren einer sozialen Gruppe erläutert werden. Dies geschieht auf der Grundlage des angeführten[4] Aufsatzes von Friedhelm Neidhardt, der als einer der ersten eine solche Analyse erarbeitete.

Gruppen erscheinen bei ihm nicht als Zusammenschluß von Personen, sondern als ein spezifischer Sinnzusammenhang von Handlungen, also als soziales System. Diese bilden sich in Grenzziehung zur nicht zugehörigen Umwelt, welche eine Außenwelt und eine Innenwelt umfaßt. Die Außenwelt wird verstanden als die Gesamtheit aller Personen, Institutionen und Ereignisse außerhalb der Gruppengrenzen. Die Innenwelt ist der Teil der Persönlichkeit der Mitglieder, welcher durch die in Gruppen bestehenden Unpersönlichkeitszwängen nicht in den Sinnzusammenhang systemspezifischer Handlungen eingebracht werden kann. Diese Gefühle, Bedürfnisse oder Obsessionen würden sonst bei ihrer vollständigen Darlegung in der Gruppe durch jedes einzelne Mitglied alle anderen Interaktionen blockieren.[5]

Zunächst gibt es also Einflüße von Außen, die auf die Gruppe einwirken und in ihr spezifische Reaktionen hervorrufen. Dies wäre zum ersten das Maß eines möglichen Handlungsdruckes von außen. Wenn dieser zu groß wird und die Zeit zu knapp, erhöht sich zuerst der Bedarf an „Wir-Gefühl“, dann kann es auch zur Ausbildung von hierarchischen Entscheidungsmechanismen und auch zur vermehrter Rollendifferenzierung kommen. Zum zweiten wird die Frage der Verfügbarkeit von handlungsrelevanten Ressourcen, also die Möglichkeit der Ausübung von Einfluß, bei starkem Außendruck von Bedeutung. In dieser Situation ist eine schichtspezifische Verteilung der Gruppen zu erwarten, aber auch zwanghafte Rückzugstendenzen kommen vor.

Ein weiterer Faktor des Einflußes der Außenwelt ist die Frage nach möglichen Mitgliedsschaftalternativen zur Gruppe. Sind diese vorhanden, was der Normalfall ist, besteht hier ein hoher Konsensusbedarf. Im Hinblick auf die Existenz der Gruppe überhaupt oder einer Führung und Rollendifferenzierung in ihr besteht zudem in einer solchen Situation ein hoher Bedarf einer Legitimation. Kann dies nicht erfüllt werden, verlassen als Folge die Mitglieder die Gruppe, sie bricht auseinander und hört auf zu existieren. Gibt es dagegen keine solchen Alternativen, kann es eher zu ausbeuterischen Beziehungen mit exessiver Machtbildung innerhalb der Gruppe kommen, es bilden sich „totale“ Gruppen. So etwas findet typischerweise in Zwangsgruppen wie Sekten oder Gefangenen statt.[6]

Die Bedingungen der Innenwelt der Gruppe haben einen noch größeren Einfluß auf sie, da sie als soziales System die individuellen Gefühle, Geisteshaltungen und Wahrnehmungen ihrer Mitglieder nicht so gut wie abstrakte Sozialsysteme distanzieren können. Das zeigt sich in folgenden, gruppenspezifischen Prozessen :

Zunächst ist in den Gruppen eine Individualisierung der sozialen Wahrnehmung feststellbar Diese entsteht durch das für den Bestand der Gruppe immer wieder erforderliche Zusammentreffen der Mitglieder. Nur durch diese Anwesenheitserfahrungen entstehen kollektive „Wir-Gefühle“ auf einer persönlichen Grundlage, da man hier die Spontanität und Selbstkommentierungen der anderen Gruppenmitglieder in ihren Gebärden, Körpersprache usw. erfahren kann. So kann man innerhalb der Gruppe ein sehr authentisches Bild der Gefühle und Bedürfnisse jedes der anderen Mitglieder gewinnen. Das bietet auch die Chance komplexer Ausdrucksmöglichkeiten in der Kommunikation, kann aber auch zu einem Wahrnehmungsüberschuß führen, durch den dann, wie oben schon beschrieben, das Interaktionssystem der Gruppe überlastet wird.[7]

Auf diese Gefahr reagieren soziale Gruppen mit Abgrenzungen, sie lassen nicht alle Beiträge ihrer Mitglieder zu. Diese Regulierung geschieht im Gruppeninnern, im übrigen im Umfang abhängig von den einwirkenden Außenweltbedingungen, über eine Moralisierung von Scham- und Taktgefühl. Dabei ist Schamgefühl als eine Verinnerlichung der Grenzen von Selbstdarstellung in der Gruppe zu sehen, Taktgefühl die Technik, eine doch auftretende Überschreitung dieser Schranken als nicht geschehen zu behandeln. Dieses Taktgefühl kann sich bsp. durch einen Tadel, durch bedeutungsvolles Schweigen oder abrupten Themenwechsel äußern. Eine andere Möglichkeit wäre hier auch Humor, welcher die Möglichkeit von behutsamer Kritik eröffnet.[8]

[...]


[1] Neidhardt, Innere Prozesse, S.135, 140 ; Thiedecke, S.36; Tegethoff, S.45.

[2] Simmel, S.63f.; Schäfers, S.20f.; Thiedecke, S.36, 39; Neidhardt, Innere Prozesse, S. 135.

[3] Neidhardt, Innere Prozesse, S.136f.; Luhmann, S.62; Tegethoff, S.45.

[4] Neidhardt, Innere System.

[5] Neidthardt, Innere System, S.641 ; Thiedecke, S. 40.

[6] Neidthardt, Innere System, S.643-645.

[7] Neidhardt, Innere System, S.645-647.

[8] Neidhardt, Innere System, S.647.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Inwieweit weisen Webchats Merkmale sozialer Gruppen auf?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Instiut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar: „Vom Clan zur Virtual Community. Alte und neue Formen von Vergesellschaftung.“
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V125710
ISBN (eBook)
9783640313037
ISBN (Buch)
9783640316878
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Chats, Soziale Gruppen, Soziologie
Arbeit zitieren
M. A. Jochen Lehnhardt (Autor), 2002, Inwieweit weisen Webchats Merkmale sozialer Gruppen auf?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125710

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