Auf die Bedeutung des Körpers als Ursprung der Komik will diese Arbeit genauer eingehen und zwei spätmittelalterliche Fastnachtsspiele, deren historische Spezifika und Relevanz für eine solche Analyse im ersten theoretischen Abschnitt aufgezeigt werden, als Untersuchungsgegenstände behandeln. Da man in der Diskussion über Komik und Körper im Mittelalter nicht um die Ansätze Michail Bachtins zum Karnevalesken und spezifisch der Groteske kommt, wird in einem zweiten theoretischen Schritt auf dessen Auslegungen zum Grotesken eingegangen. Daraus soll das Analyseinstrumentarium für die beiden Primärtexte, die Fastnachtsspiele "Der Nasentanz" (Hans Sachs, 1550) und "Das Ungetüm" (Unbekannt, vor 1494), gewonnen werden. Die dabei zu untersuchende Fragestellung richtet sich nach der literarischen Produktion und Funktion der komischen Groteskhaftigkeit und der Rolle, die dem menschlichen Körper dabei zukommt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Einführung
2.1. Fastnachtsspiele
2.2. Groteske bei Michail Bachtin
3. Analyse des Grotesk-Körperlichen in zwei Fastnachtsspielen
3.1. Nasentanz
3.2. Das Ungetüm
4. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion der komischen Groteskhaftigkeit in spätmittelalterlichen Fastnachtsspielen und beleuchtet dabei die zentrale Rolle, die dem menschlichen Körper im Kontext dieser Lachkultur zukommt. Die Forschungsfrage fokussiert auf die literarische Produktion und Wirkungsweise grotesker Körperdarstellungen als Mittel der Grenzüberschreitung und kollektiven Identitätsstiftung.
- Die literarische Lachkultur des späten Mittelalters.
- Michail Bachtins Konzept des grotesken Körpers.
- Die Funktion von Körperlichkeit als Medium der Komik.
- Analyse der Fastnachtsspiele "Der Nasentanz" und "Das Ungetüm".
- Grenzausweitung zwischen Körper und Außenwelt.
Auszug aus dem Buch
3.2. Das Ungetüm
Dieses Fastnachtsspiel, das in der Originalfassung den Titel ein vasnacht spil vom dreck trägt, wird von der Forschung auf das Ende des 15. Jahrhunderts datiert und ist unbekannten Verfassers. Eine strukturelle Untersuchung ergibt folgende thematische Dreiteilung: Im ersten Teil werden Bauern in der Umgebung eines auf der Straße liegengelassenen Kothaufens von einem Marktschreier dazu aufgefordert, diesen dreck (V. 15) zu kommentieren, was sie nacheinander tun. Dasselbe reihenhafte Sprechen wird im zweiten Teil, in dem Ärzte auftauchen und den Haufen diagnostizieren, aufgegriffen. Im dritten Teil erscheint der Bauer, der der Urheber dieser Exkremente ist, und beantwortet die Fragen der Mediziner. Aufgrund der sich ablösenden Redner ist das Spiel eher dem Reihenspiel anzugliedern, auch wenn im letzten Teil doch Handlungs- und Gesprächselemente vorhanden sind.
Unstrittig komisch an diesem Text ist die Skatologie, welche laut Duden zwei Bedeutungen hat: einerseits „die wissenschaftliche Untersuchung von Kot“ und andererseits die „Vorliebe für das Benutzen von Ausdrücken aus dem Analbereich“. Im Gegensatz zu den meisten anderen Fastnachtsspielen dieser Zeit fällt dieses tatsächlich auch in den Bereich der ersten Bedeutung und macht nicht nur Gebrauch von fäkaler Sprache, sondern dreht sich wortwörtlich um Fäkalien. Solche können an sich bereits als eine typisch groteske Motivik gesehen werden, da der „Kot gewissermaßen ein Mittleres zwischen Körper und Erde“ und das Produkt eines menschlichen Ausscheidungsvorgangs darstellt. Dieser Akt wird immer wieder aufgegriffen und in ein Spannungsverhältnis zur Inkorporation gesetzt: Sowohl der erste als auch der zweite und der dritte Bauer reden von der Zubereitung und vom Verzehr von Essen, das sie entweder aus dem Kot lesen oder daraus zubereiten können (Vgl. V. 45-61). Das groteske Einverleibungsparadigma wird vom vierten Bauern weitergetragen, als er den Vorschlag macht, man könne doch aus dem Kot ein Trinkgefäß schnitzen (Vgl. V. 63-70).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Lachkultur des Mittelalters ein und postuliert die Relevanz des grotesken Körpers als Ursprung der Komik in zwei ausgewählten Fastnachtsspielen.
2. Theoretische Einführung: In diesem Kapitel werden grundlegende Aspekte der Gattung Fastnachtsspiel sowie Michail Bachtins Theorie der Groteske als Analyseinstrumentarium erarbeitet.
2.1. Fastnachtsspiele: Die strukturellen und funktionalen Besonderheiten der Fastnachtsspiele als Medium der Literaturvermittlung und Spiegelbild des spätmittelalterlichen Alltags werden hier erläutert.
2.2. Groteske bei Michail Bachtin: Dieses Unterkapitel definiert den Begriff der Groteske anhand von Bachtins Körperkonzeption, wobei die Aufhebung von Körpergrenzen und die Verbindung zur Außenwelt im Zentrum stehen.
3. Analyse des Grotesk-Körperlichen in zwei Fastnachtsspielen: Hier wird die praktische Anwendung der zuvor erarbeiteten theoretischen Konzepte auf die beiden Primärtexte eingeleitet.
3.1. Nasentanz: Die Analyse zeigt auf, wie das Motiv der überproportionalen Nase als Analogie zum Phallus sowie als groteske Schnittstelle zur Umwelt im Stück verwendet wird.
3.2. Das Ungetüm: Dieses Kapitel untersucht die Skatologie des Spiels und wie die Grenzausweitung zwischen Körper und Materie durch das Sujet des Kothaufens komikproduzierend wirkt.
4. Schlussfolgerung: Das Fazit bestätigt, dass die Komik der untersuchten Texte maßgeblich durch das groteske Spiel mit Körpergrenzen sowie durch Bachtins multifunktionale Körperkonzeption konstituiert wird.
Schlüsselwörter
Fastnachtsspiel, Groteske, Michail Bachtin, Mittelalter, Körperkonzeption, Skatologie, Karnevalesk, Literaturgeschichte, Hans Sachs, Körpergrenzen, Lachkultur, Komiktheorie, Fäkalien, Soziokorporelles, Grenzüberschreitung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie spätmittelalterliche Fastnachtsspiele durch groteske Körperdarstellungen Komik erzeugen und welche gesellschaftliche oder kulturelle Funktion diese Darstellungsweise hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind das spätmittelalterliche Fastnachtstreiben, die Theorie der literarischen Groteske nach Michail Bachtin sowie die mediale Darstellung des menschlichen Körpers als Ausgangspunkt für Lachen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie die literarische Produktion und Funktion der komischen Groteskhaftigkeit im Spannungsfeld des menschlichen Körpers in den Texten konstruiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär auf Michail Bachtins Konzept des grotesken Körpers und der karnevalesken Lachkultur basiert, um die Primärtexte in ihrem historischen Kontext zu interpretieren.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Fastnachtsspielen und der Bachtin'schen Grotesktheorie sowie die detaillierte Analyse der Stücke "Der Nasentanz" und "Das Ungetüm".
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Groteske, Körperlichkeit, Bachtin, Fastnachtsspiele, Skatologie und Mittelalter.
Inwiefern spielt die Nase im Text "Der Nasentanz" eine übergeordnete Rolle?
Die Nase dient nicht nur als komisches, übersteigertes Körpermerkmal, sondern wird im Kontext der mittelalterlichen Deutungsweise als phallisches Symbol und als verbindendes Element zur Außenwelt bzw. anderen Körpern interpretiert.
Was macht "Das Ungetüm" aus Sicht der Skatologie so besonders?
Im Gegensatz zu anderen Spielen nutzt "Das Ungetüm" nicht nur fäkale Sprache, sondern nimmt Fäkalien zum direkten Gegenstand des komischen Geschehens, indem es diese als materialen Mittelpunkt zwischen Körper und Umwelt inszeniert.
Wie unterscheidet sich die Namensgebung der Figuren im untersuchten Kontext?
Die Arbeit zeigt eine markante Instabilität und Beliebigkeit in der Namensnennung der Akteure auf, was das groteske Verständnis des Körpers als kollektives, nicht individuell abgeschlossenes Ereignis unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Giulia Rossi (Autor:in), 2021, Die körperliche Groteske in den Fastnachtsspielen des Spätmittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1257343