Haben Tiere eine Würde? Kritische Auseinandersetzung mit einem grundlegenden tierethischen Konzept


Seminararbeit, 2022

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zum Gegenstand der Proseminararbeit

2. Die Tierwürde als Begriff des derzeitigen ethischen Diskurses
2.1 Die Würde des Tieres im Schweizer Tierschutzgesetz
2.2 Animal integrity – ein Modell der Niederlande

3. Verschiedene Argumente für / wider der Tierwürde (Auswahl)
3.1 Pathozentrische Tierethik und die Tierwürde
3.1.1 Vom Glück der Mehrheit und anderem –
der utilitaristische Standpunkt
3.1.2 Martha Nussbaum und der ‚Capabilities Approach‘
3.2 Anthropozentrische Tierethik und die Tierwürde – Kantsche Tierethik und Entwürfe in der Nachfolge Kants
3.3 Christliche Tierethik: Zwischen Anthropozentrismus, Tierwürde und einer Würde der Kreatur

4. Auswertung der Argumente – kann von einer „Würde des Tieres“ gesprochen werden?

5. Ausblick – die Tierwürde als Grundannahme tierethischer Debatten

Literaturverzeichnis

1. Zum Gegenstand der Proseminararbeit

Mahatma Gandhi, der indische Friedensaktivist, soll einmal folgendes gesagt haben:

„Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran bemessen, wie sie Tiere behandelt.“ 1

Dieses ihm zumindest zugeschriebene Zitat bringt deutlich zum Ausdruck, welch außerordentliche Bedeutung einer Ethik des Tieres zukommt. Nicht nur ist die Tierethik für die Mensch-Tier-Beziehung praktisch relevant, auch zeigt der Umgang einer Nation bzw. einer Gesellschaft mit ihren schwächsten und wehrlosesten Mitgliedern in jedweder Weise deutlich, welch moralische Maßstäbe in eben dieser Gesellschaft ihren Geltungsanspruch erheben können.

Dabei umfasst das Themengebiet der Tierethik mehrere Teilgebiete: U.a. die Debatte und das Ringen um die Rechte von Tieren und die Debatte, ob und in welchem Umfang Tieren eine eigene Würde beigemessen werden kann.

Im Folgenden soll genau letzter Aspekt, die Tierwürde, behandelt werden. Im Zuge dessen soll ein kurzer Einblick in den derzeitigen Stand der Debatte auf zwei Weisen gegeben werden: Zum einen wird im ersten Teil zunächst einmal der Begriff der Tierwürde und seine Verwendung im derzeitigen Diskurs näher umrissen; darüber hinaus findet im zweiten Teil eine Auswahl der derzeit gängigen Argumente für und wider der Verwendung des Begriffs der „Würde des Tieres“ Platz, deren Auswertung und Abwägung im dritten Teil der Arbeit vorgenommen wird.

Circa ein Jahrhundert nach dem philosophischen und auch theologischen Ringen um die Menschenwürde ist nun die Tierwürde ein neues ethisches Thema – das nicht zuletzt – weil es auch deutlich zeigt, wie unsere Gesellschaft mit der Schöpfung und damit mit unserer Umwelt, von der Tiere ein nicht unbedeutender Teil sind, umgeht, obwohl es heute, in Zeiten großer Umweltdebatten aktueller nicht sein könnte, leider aber nicht selten neben dem nahezu übermächtigen Klimaschutz-Thema zu verblassen droht.

2. Die Tierwürde als Begriff des derzeitigen ethischen Diskurses

Die Würde des Tieres ist heute schon lange kein rein theoretisches Konstrukt ethischer Überlegungen mehr, sondern findet sich nun schon seit einiger Zeit auch in konkreten Gesetzestexten.

2.1 Die Würde des Tieres im Schweizer Tierschutzgesetz

Bereits seit 1978 verwendet das Eidgenössische Tierschutzgesetz der Schweiz den Begriff der „Würde der Kreatur“ (etwa in Art. 7b in der 1978 verabschiedeten Fassung) und schließlich in der Fassung von 2005 verwendet der Text des Schweizerischen Tierschutzgesetzes bereits ausdrücklich den Begriff der „Würde des Tieres“ (etwa in Art. 3) und betont das Gebot diese zu schützen und zu achten, wie das z. B. in Art. 4 in den Sätzen 2 und 3 zu lesen ist.

Definiert wird die Tierwürde dabei in Art. 3a des Eidgenössischen Tierschutzgesetzes von 2005 als „Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss“ – ein gelinde gesagt immer noch eher schwammiger als konkreter Begriff. Ferner führt das eidgenössische Tierschutzgesetz dazu konkrete Beispiele an, was es bedeutet, die Tierwürde zu missachten: So zählen hierzu Tätigkeiten, die dem Tier „Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen [oder] es in Angst versetzen“2. In diesem Gesetzestext sind einige verschiedene ethische Überlegungen enthalten: Da ist zum einen das Gebot zum Fernhalten von Schmerzen, zum anderen aber auch das Gebot zum Geringhalten der Belastungen durch einen genetischen Eingriff in das Aussehen oder die konstitutiven Fähigkeiten des jeweiligen Tieres.

In diesem für den heutigen Stand des tierethischen Disputes nur auf den ersten Blick so fortschrittlichem Gesetz gilt eine relativ typische Einschränkung, die auch aus anderen Tierschutzgesetzen, wie etwa dem Deutschen, hinlänglich bekannt ist: Die Wahrung der Würde des Tieres gilt nur, wenn nicht andere „überwiegende Interessen“3 gegen eine solche Wahrung sprechen4.

Den zu achtenden Eigenwert des Tieres gilt es als solchen abzuwägen. Das weitere Eidgenössische Tierschutzgesetz gibt dazu Anweisungen zur Abwägung, die den Rahmen dieser Proseminararbeit allerdings deutlich sprengen würden, zumal diese Proseminararbeit auch kein juristisches Gutachten werden kann und soll.

Lediglich sei hier noch angemerkt, dass das gesamte Tierschutzgesetz der Schweizer Eidgenossenschaft in erster Linie auf Wirbeltiere ausgerichtet ist (vgl. Art. 2 Satz 1 Schweizer Tierschutzgesetz). Dementsprechend entsteht hier eine Lücke in der Rechtssicherheit, was die wirbellosen Tiere (wie Insekten, Hummer, Krebse oder ähnliche) angeht. Diese Lücke sei laut Art. 2 Satz 1 des Gesetzes durch den Bundesrat zu schließen, „an den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Empfindungsfähigkeit wirbelloser Tiere“ gemessen. Diese Lücke, die durchaus aus ethischer Sicht als bedenklich eingeschätzt werden sollte, fußt auf der lange Jahre verbreiteten Annahme, dass eben diese Gruppe der Tiere aufgrund einer fundamental anderen Gestalt des Gehirns, bedingt durch neuro-anatomische Gegebenheiten, ihnen zugefügte Schmerzen weniger oder gar nicht bewusst erlebt.5 Diese Annahme aber, um nur kurz auf diesen Exkurs thematisch einzugehen, ist inzwischen durch einige Studien als äußerst fragwürdig dargestellt worden: So lassen sich auch hier nicht alle wirbellosen Tiere über einen Kamm scheren. Nicht jedes wirbellose Tier hat denselben neuronalen Aufbau, einige von ihnen besitzen sogenannte Nozirezeptoren, die vereinfacht gesagt für das Schmerzempfinden bzw. das Registrieren eines Anlasses für Schmerzen zuständig sind (etwa einige Weichtierarten6 oder Fadenwürmer7 um hier nur einige wenige Beispiele zu nennen). Außerdem kann inzwischen bezweifelt werden, dass allein die Komplexität des Gehirns eines Tieres, Schlüsse auf das Bewusstsein und die Fähigkeit jenes Tieres, seine Umwelt und die Einflüsse davon auf sich selbst verarbeiten zu können, zulässt, wie Lars Chittka mit seinem Artikel „Are Bigger Brains Better?“ anmerkt. So führt Chittka beispielsweise aus, dass inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass bereits sehr kleine Gehirne große Mengen an Erinnerungen speichern können.8 Außerdem fährt er fort, dass inzwischen ebenfalls bekannt ist, dass auch kleine Gehirne eine Vielzahl neuronaler Reize verarbeiten können, von denen wir vor wenigen Jahren, noch angenommen hätten, dass diese nur von größeren neuronalen Netzen verarbeitet werden können.9 Außerdem weist der Autor darauf hin, dass wir anhand künstlicher neuronaler Netze, wie sie bereits in künstlicher Intelligenz verwendet werden, oft bedeutend weniger Neuronen, also Schnittstellen der Informationsverarbeitung, benötigen und gleichzeitig so zu wesentlich komplexeren Rechenkapazitäten und Rechenvorgängen fähig sind, als wir Menschen, von denen wir vor wenigen Jahren noch angenommen hätten, dass sie aufgrundihres großen Hirnvolumens zu den komplexesten Denkvorgängen überhaupt befähigt seien.10 Diese Überlegungen sind gerade für die Diskussion über die Möglichkeit, Tieren eine Würde zuzusprechen äußerst relevant, weil einige der verschiedenen Theorien hierzu ihren Standpunkt an der Empfindungsfähigkeit und der Ausbildung der Tiere zu einem Bewusstsein festmachen. Überspitzt gesagt scheiden sich die Geister hier am dadurch beeinflussten, entsprechenden Tierbild. Zwei Extreme dieser Tierbilder sind ein eher biomechanisches Bild von Tieren als ‚Nährstoffverwertungsmaschinen‘ und Tieren als komplexe Lebewesen, die ebenfalls über ein Bewusstsein, bewusstes Erleben und Verarbeiten (etwa eine Psyche) verfügen und daher uns Menschen nahe- oder gar gleichkommen.

2.2 Animal integrity – ein Modell der Niederlande

Ein allerdings neben dem schweizerischen Konzept der Tierwürde alternatives modernes Konzept, das ebenso für Aufsehen gesorgt hat, ist die Idee deranimal integrity, also der Integrität des Tieres. Dieser Gedanke kann v.a. in Fragen der gentechnischen Veränderung von Tieren Anwendung finden. Damit ist dieses Prinzip nicht mit einer Würde des Tieres gleichzusetzen, da die animal integrity den Standpunkt vertritt, dass nicht der Mensch die Eigenschaften einer Art festzulegen, sondern die von ihm vorzufindenden Artspezifika anzuerkennen und zu wahren hat.11 Für weitere, nicht den Phänotyp einer Art verändernde Handlungen ist dieses Konzept allerdings eher ungeeignet bzw. müsste ggfs. Thema einer anderen gesonderten wissenschaftlichen Untersuchung werden.

[...]


1 Betz, Heidrun: Was ist ethisch vertretbar?, in: du und das tier 2010 (2010), S. 13.

2 Art. 4 Satz 2 des Eidgenössischen Tierschutzgesetzes (TSchG) in der 2005 verabschiedeten Fassung.

3 Art. 3a des Eidgenössischen Tierschutzgesetzes (TSchG) in der 2005 verabschiedeten Fassung.

4 vgl. ebd.

5 So wird meist diese Annahme daher aufgestellt, weil die Gehirnstrukturen der wirbellosen Tiere um einiges einfacher sind als die der Wirbeltiere.

6 Smith, Ewan St John / Lewin, Gary R.: Nociceptors: a phylogenetic view, in: Journal of Comparative Physiology A 195 (2009), S. 1094.

7 Ebd., S. 1095.

8 Vgl. Chittka, Lars / Niven, Jeremy: Are Bigger Brains Better?, in: Curr. Biol. 19 (2009), S. R1006.

9 Vgl. Ebd.

10 Vgl. Ebd.

11 Vgl. Ortiz, Sara Elizabeth Gavrell: Beyond Welfare: Animal Integrity, Animal Dignity, and Genetic Engineering, in: Ethics and the Environment 9 (2004), S. 102.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Haben Tiere eine Würde? Kritische Auseinandersetzung mit einem grundlegenden tierethischen Konzept
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Fakultät 02 – Evangelisch-Theologische Fakultät, Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik)
Veranstaltung
Proseminar „Ethische Theologie – Grundbegriffe und Konkretionen“, WiSe 2021/22
Note
1,3
Autor
Jahr
2022
Seiten
28
Katalognummer
V1257541
ISBN (Buch)
9783346696434
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tierwürde, Würde des Tieres, Ethik, Theologische Ethik, Ethische Theologie, Martha Nussbaum, Immanuel Kant, Peter Singer, Würde der Kreatur, Anthropozentrismus, Utilitarismus
Arbeit zitieren
Florian Meidinger (Autor:in), 2022, Haben Tiere eine Würde? Kritische Auseinandersetzung mit einem grundlegenden tierethischen Konzept, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1257541

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