„Masochismus im Der grüne Heinrich“

Eine psychoanalytische Interpretation der Figur Heinrich in Gottfried Kellers Werk


Seminararbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Der grüne Heinrich“ und seine Entwicklung zur masochistischen Persönlichkeit
2.1. Kindheit und Jugend bei Heinrich
2.2. Masochistische Charaktereigenschaften nach Theodor Reik bei Heinrich

3. Schluss

4. Bibliographie

1. Einleitung

„The masochist projects his superego and arranges for the environment to ´punish´ him […]”[1]

Masochismus – insbesondere der gesellschaftliche Masochismus ist in literarischen Werken so allgegenwärtig wie er auch versteckt wüten kann. Mit Erika Kohut beispielsweise – auch Die Klavierspielerin (1983)[2] genannt – hat Elfride Jelinek eine Charakterfigur geschaffen die offensichtlich ihre Umwelt dazu nötigt sie zu bestrafen. Die junge Frau, ausgebildete Klavierprofessorin, gescheitere Pianistin, lebt allein mit ihrer Mutter. Nach dem Tod ihres Vaters, scheint diese die Rolle des Ehemanns übernommen zu haben um sich der Mutter zu unterwerfen. Zwischen beiden besteht seit jeher eine Art Hassliebe. Die Mutter kontrolliert Erika aufs genaueste; lässt ihrer Tochter keine Freiräume. Die Zeit am Wiener Konservatorium, wo Erika arbeitet, ist die einzige Möglichkeit ohne Mutter zu sein. Und wie das genannte Zitat über den Masochisten bereits ausdrückt, projeziert auch Erika, aufgrund der familiären Konstellation, die kontrollierende Instanz auf ihre Mutter:

„Doch das Kind will sie immer, und sie will immer wissen, wo man das Kind notfalls erreichen kann, wenn der Mama der Herzinfarkt droht“[3]

Die Mutter macht Erika zu ihrem „Besitz“ dass „möglichst unbeweglich an einem Ort zu fixieren“[4] ist – und Erika lässt dies zu, indem sie bei ihr wohnt und gar mit ihr im Ehebett nächtigt. Erika liebt sie auf eine ganz eigene Art, indem sie sich unterwirft und Hass provoziert. An einer Stelle, als Erika mal wieder zu spät nach Hause kommt, da sie verbotener Weise Kleider kauft, bricht ein Streit aus.

„Du Luder, du Luder, brüllt Erika, wütend die ihr übergeordnete Instanz an und verkrallt sich in ihrer Mutter dunkelblond gefärbten Haaren, die an den Wurzeln grau nachstoßen.[...] Sie reißt wütend daran. Die Mutter heult.“[5]

Diese Szene zeigt, dass die gegenseitige körperliche Gewalt nicht ausgeschlossen wird. Das Verhältnis basiert somit auf einem sadomasochistischen Verhältnis.

Eine Liebesbeziehung ist für Erika unvorstellbar. Um sich einem Mann zu unterwerfen? Wenn baut auch diese Beziehung auf Hass, Macht und Manipulation auf. Der Klavierschüler Walter Klemmer der sich in sie verliebt, muss sich an Regeln halten, um Erikas Partner zu werden. Nach dem ersten Treffen zu Hause zieht sie Knebel, Handschellen und anderes Folterhandwerk heraus. An anderer Stelle legt Erika einer Nebenbuhlerin „die sich duch innige Anbiederungsversuche an Walter Klemmer, der turmhoch über ihr steht“ hervortut ein „zerbrochenes Wasserglas in die Manteltasche“. Mit dem Opfer, welches seine „überblutete Hand“ dann später schreiend „aus einer Manteltasche“ herausrreisst, hat sie kein Mitleid – denn sie hat es ja verdient.[6] Leidet Erika sonst unter dem Diktat ihrer Mutter, genießt sie hier das Leiden der Anderen.

Bei Kellers Figur Der grüne Heinrich (1854/55)[7] verhält sich die Psychose ähnlich. Ihn, nach der Theorie des gesellschaftliche Masochismus zu untersuchen, ist Untersuchungsgegenstand meiner Arbeit. Genauer soll der Frage nachgegangen werden: Inwiefern ist Heinrich Masochist? Wie die Verwendung des Begriffs in dieser Arbeit bisher gezeigt hat, soll es sich um den „gesellschaftlichen“ Masochismus drehen. Ausgehend von Heinrichs familiärer Konstellation und dem damit entstehenden Grundkonflikt, werde ich durch Betrachtung der Kindheit und Jugend Heinrichs, psychoanalytische Thesen aufstellen, und untersuchen inwiefern entstehende Psychochosen Grundlage für Freude an der Bestrafung, Unterwerfung, sind. Was löst also Heinrichs Drang danach aus, eine masochistische Lebenshaltung anzunehmen um sich psychisch und materiell zu ruinieren. Diese Psychosen gilt es dann im nächsten Teil, anhand fundierter masochistischer Theorien, genauer nach Theodor Reiks Werk Aus Leiden Freude. Masochismus und Gesellschaft (1977), zu vergleichen, um zu analysieren, inwiefern diese in Heinrich vorzufinden sind.

Für die Erörterung, inwiefern Heinrich Masochist ist, werde ich ausschließlich eine werkimmanente Betrachtung vornehmen. Eine Interpolation, indem man das Leben Kellers mit dem Inhalt des Werk verglichen wird, halte ich nicht für angebracht. So baut sich meine Arbeit hauptsächlich auf theoretisch-spekulativen Ebene auf, ohne etwaige Paralellen in Kellers Werk ebenfalls in die psychoanalytische Betrachung miteinzubeziehen.[8] Um sich auch nicht zu sehr in Spekulationen zu verstricken, wähle ich deshalb auch lediglich die Figur Heinrich, die noch am offentsichtlichsten masochistisch veranlagt sein könnte.

2. „Der grüne Heinrich“ und seine Entwicklung zur masochistischen Persönlichkeit

Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich[9] aus dem Jahr 1855 als einen Entwicklungsroman zu bezeichnen, entspricht nicht der Definition dieser Romangattung. Vergleicht man Goethes Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre (1795/96) – so gilt gerade dieses Werk für die Bezeichnung „Entwicklungsroman“ als beispielhaft – mit Kellers genannten Werk, wird deutlich warum man zu dieser Aussage neigt. Eine „Reifeprozess“, im Sinne eines harmonischen Übereinkommens, indem innermenschlichen Veranlagungen mit aussermenschlichen Einflüssen, wie Eltern, Freunde, Schule, Beruf etc. miteinander, ohne Komplikation, verschmelzen, findet man beim „grünen Heinrich“ nicht. Gottfried Kellers „Grüner Heinrich“ steht hingegen exemplarisch für das Scheitern eines desillusionierten Menschens an seiner Außenwelt. Weder Familie, Freunde noch Berufswahl symbiotisieren sich zum identitätsstiftenden Lebensmodell. Heinrichs Prozess geschieht eindeutig unter der Entstehung einer Persönlichkeitskrise. Der Held – der vielmehr als Antiheld zu bezeichnen ist – der von Kind an Künstler werden wollte, gelangt am Lebensabend psychisch zerrüttet, enttäuscht, an und triumphiert eben nicht über den Früchten seiner gewachsenen Fähigkeiten. So bemerkt Heinrich bei seiner letzten Station, „daß [er] eigentlich kein Künstler sei“[10] und sein Lebensziel nicht erreicht hat. Inwiefern haben Kindheit und Jugend daran grundlegenden Einfluss gehabt? Liegt der Ursprung für eine „fehlgelenkte“ Identitätsentwicklung hin zu einer gar masochisistischen, in manchen Bereichen sadomasochistischen Persönlichkeit im frühen Entwicklungsstadien? In einer psychoanalytischer Betrachtung sollen die nächsten Abschnitte Aufschluss geben, inwiefern bereits in Kindheit und Jugend erste Anzeichen eines masochistischen Charakters vorzufinden sind.

2.1. Kindheit und Jugend bei Heinrich

Der „Vaterverlust“ der Heinrich im fünftem Lebensjahr widerfährt, kann als einschneidendes Moment hin zu einer gestörten Personlichkeit gesehen werden. Während bei anderen Menschen in etwa diesem Lebensalter, die Entwicklung der Ich-Instanz bzw. direkt nachfolgend das Über-Ich aufgestellt wird, fehlt bei Heinrich die „maß-gebende“ Person. Besonders für das Über-Ich, welches als beobachtende, beurteilende und gegebenenfalls strafende Instanz eine Art Abbild beider Elternteile, besonders des Vaters, darstellt, fehlen im Falle Heinrichs gerade dafür identitätsformende Autoritäten. Würde sich die Psyche, nach dem Freud´schen Dreiinstanzenmodell, jedoch durch die Ausformung der drei genannten Instanzen, festigen, erst dann könnte man von Identität sprechen. Die Identität eines Menschen erhält in der Kindheitsphase erste Grundpfeiler. Diese bilden sich immer im Zusammentreffen mit anderen Menschen, besonders mit den Eltern, den „Leitbildern“. Von dieser Phase ausgehend können andere grundlegende Fähigkeiten der menschlichen Psyche anschließen, wie beispielsweise ein ausgebildetes Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zur Reflexion, zur Orientierung ect. . So fordert spätestens in der Adoleszenz die Umwelt eines jeden Individuums, Entscheidungen zu treffen, Kontakte zu anderen Menschen zu knüpfen oder auch schon zu wissen für welchen Beruf man sich entscheidet.[11] Heinrich, jeodch ist sich Selbst überlassen. Heinrich besitzt keine standhafte Identität. Die Leitbilder an denen er sich orientieren könnte sind zu wage, zu instabil als das sie Vorbilder sein könnten. Die Mutter, die mit dem Zeitpunkt der Vaterlosigkeit, eine Art Ersatz, bilden sollte, gewährt Heinrich wenig Stärke. Betrachtet man die Mutter, so könnte man von einer nüchternen, kühlen und ein wenig abweisenden, verschlossenen Person sprechen. Alles was die Mutter nach dem Tod des Vaters unternimmt ist materieller Natur: „gänzliche Einschränkungen und Abschaffung alles Überflüssigen [...]“[12]. Diese „Sparsamkeit“ artet sogar so sehr aus, dass auch Spielzeug für Heinrich eher Mangelware ist:

„[...] meine Mutter kaufte mir nur äußert wenig Spielzeug, immer und einzig darauf bedacht, jeden Heller für meine Zukunft zu sparen, und erachtete in ihrem Sinne jede Ausgabe für überflussig [...]“[13]

[...]


[1] Wurmser, Léon: Das Rätsel des Masochismus. Psychoanalytische Untersuchungen von Über-Ich-Konflikten und Masochismus. Berlin u.a.: Verlag 1993. S.88: „Der Masochist projeziert sein Über-Ich und stellt es so an, daß die Umgebung ihn bestrafe [...].“

[2] Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin. Einmalige Sonderausgabe. Hamburg: Rowohlt 2004.

[3] Ebd., S. 8.

[4] Ebd., S.9.

[5] Ebd., S.11.

[6] Jelinek, 2004, S. 169-174.

[7] Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Erste Fassung. München: Dtv 2007.

[8] Vgl.: Muschg, Adolf: Gottfried Keller. München, Kindler 1977. (=Kindlers Literarische Portraits): Muschg tendiert zur Interpolation, indem er Kellers Leben und Werk so stark vermischt, dass manchmal unklar wird ob Fiktion oder Realität besprochen werden.

[9] Keller, 2007.

[10] Ebd., S. 686 ff..

[11] Sandberg Russell, Kristina: Das Problem der Identität in G.K. Prosawerk. Bern u.a.: Lang 1981 (= Europäische Hochschulschriften;1, Deutsche Sprache und Literatur = Langue et littérature allemandes = German language and literature; 403), S.35-40.

[12] Keller, 2007, S.64.

[13] Ebd., S. 116.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
„Masochismus im Der grüne Heinrich“
Untertitel
Eine psychoanalytische Interpretation der Figur Heinrich in Gottfried Kellers Werk
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät, Lehrstuhl Neuere Germanistik II)
Veranstaltung
Dreiecksbeziehungen in der Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V125763
ISBN (eBook)
9783640313242
ISBN (Buch)
9783640317073
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich“, Eine, Interpretation, Figur, Heinrich, Gottfried, Kellers, Werk
Arbeit zitieren
Jessica Lammer (Autor), 2009, „Masochismus im Der grüne Heinrich“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125763

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