Die soziale Situation psychiatrischer Patienten am Beispiel "Einer flog über das Kuckucksnest" von Ken Kesey


Hausarbeit, 2002

28 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Inhaltliche Zusammenfassung des Romans „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey
a) Einführende Worte
b) Inhalt

3. Die allgemeinen Merkmale einer Psychiatrie

4. Aus der Sicht der Insassen/Das Privilegiensystem

5. Aus der Sicht des Personals

6. Ausgewählte Krankheitsbilder
a) Schizophrenie
b) Psychopathie

7. Einzelfall oder Allgemeinzustand in Psychiatrien?

8. Was hat sich verändert?

9. Schluss

10. Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Vorstellung, die man beim Hören des Wortes „Psychiatrie“ als erstes hat, ist eine riesige Anlage auf einem Hügel weit entfernt von jeglicher Zivilisation, von der niemand eigentlich genau weiß, was darin vorgeht. In der Öffentlichkeit hört man weder von den Menschen, die psychisch krank sind, noch weiß man, wie und wo sie behandelt werden.

Da das Seminar „Abweichendes Verhalten“ eine gute Gelegenheit bot, sich mit diesem Thema näher auseinanderzusetzen, entschlossen wir uns zu dieser Hausarbeit.

Eingangs möchten wir die Geschichte des Randle McMurphy, der Hauptfigur des Romans „Einer flog über das Kuckucksnest“ schildern. Dieses Hintergrundwissen soll dem Leser helfen, die in den folgenden Punkten der Hausarbeit verwendeten Beispiele aus dem Buch besser nachvollziehen zu können. Unser Ziel ist es, die Situation von psychiatrisch behandelten Patienten in einer Psychiatrie zu ergründen und festzustellen, ob und welche sozialen Folgen sich aus diesem Aufenthalt ergeben. Anhand der unterschiedlichen Perspektiven von Patientenschaft und Personalstab möchten wir einen möglichst vielseitigen Einblick in den Alltag von Psychiatrieinsassen und deren Lebensbedingungen geben. Unsere Erkenntnisse beziehen sich auf den amerikanischen Standard von Psychiatrien Anfang der sechziger Jahre. Im Verlauf der Hausarbeit gehen wir kurz auf zwei der wichtigsten bzw. häufigsten psychischen Krankheitsbilder ein und möchten diesbezüglich versuchen, eine soziologische Erklärung für diese beiden Phänomene zu finden.

Da die amerikanischen Standards gut auf die Deutschlands übertragbar sind und umgekehrt, nehmen wir bei der Bearbeitung der Frage, ob und was sich im Laufe der Zeit in Nervenheilanstalten verändert hat, Bezug auf deutsche Reformideen und Umsetzungen.

Natürlich ist es im Rahmen einer kurzen wissenschaftlichen Arbeit nicht möglich, alle

Faktoren, die mit dem Thema der sozialen Situation psychiatrischer Patienten zusammenhängen, aufzugreifen und zu erörtern.

Aus diesem Grund erhebt diese Ausarbeitung keinen Anspruch auf Vollständigkeit, jedoch sind wir bemüht, dieses komplexe soziologische Feld verständlich zu beschreiben und zu

erklären.

Inhaltliche Zusammenfassung von „Einer flog über das Kuckucksnest“ Von Ken Kesey

Einführende Worte

Ken Kesey wurde am 17.September 1935 in La Junta, Colorado geboren, verlebte seine Kindheit aber in Eugene, Oregon.

Nachdem er ein Stipendium für die Universität Stanford erhielt, belegte Ken Kesey den Kurs „Kreatives Schreiben“ und verdiente sich nebenher ein paar Dollar als Testperson für LSD-Experimente im Auftrage des US-Militärs. Und auch privat frönte er gern mit Freunden, zu denen unter anderem auch Janis Joplin und The Grateful Dead gehörten, dem Genuss von halluzinogenen Rauschmitteln.

In einer seiner berühmten „Drogen-Sessions“ verfaßte er die Rahmenhandlung von „Einer flog über das Kuckucksnest“, 1962 wurde es dann veröffentlicht und ein riesiger Erfolg dazu.

Was hatte ihn dazu bewogen, die Situation in Nervenheilanstalten aufzugreifen in einer Zeit voller Liebe, Parties und Ausgelassenheit? In einer Zeit, in der man morgens nicht mehr wußte, was man gestern tat, in der das Interesse an Lebensfreude und Selbsterkennung größer war als an mitleiderregenden Geisteskranken? Gehörte er vielleicht zeitweise zu den im Buch beschriebenen Charakteren? Wurde er selbst zum Opfer psychiatrischer Willkür?

Diesen Fragen möchten wir zum Schluß ausführlich nachgehen.

Da den Staatshelfern die ausschweifenden Parties auf Kesey´s Grundstück ein Ärgernis waren, LSD aber zum Zeitpunkt 1964 noch legal war, inhaftierten sie Ken Kesey wegen Marihuanabesitzes für sechs Monate.

Danach wurde es recht still um ihn. Er lebte als Farmer in Oregon, wo er am 10.11.2001 an Krebs verstarb.

Neben „Einer flog über das Kuckucksnest“ hat er noch viele andere Bücher geschrieben, die in Deutschland allerdings nicht mehr erhältlich sind.

Inhalt

Die Geschichte ist in insgesamt vier Abschnitte eingeteilt und wird aus der Perspektive des Anstaltsinsassen Bromden „erzählt. Er ist ein großer Indianer, der am längsten von allen Patienten in der Psychiatrie lebt. Als er bemerkte, daß die Menschen ihm nicht zuhörten, wenn er mit ihnen sprach, beschloß er, gänzlich mit dem Sprechen aufzuhören.

Eines Tages wird der Draufgänger und Kleinkriminelle Randle McMurphy zur Untersuchung seines Geisteszustandes auf die Station verlegt.

Zuvor im Straflager inhaftiert, verspricht der Aufenthalt in der Psychiatrie, das Paradies zu sein. Er bekommt gutes Essen, einen angenehmen Schlafplatz und lernt viele neue Leute kennen, denen er durch Spiele und Wetten das Geld aus der Tasche ziehen kann.

Doch schon nach der Ankunft wird deutlich, daß das Anstaltspersonal die Patienten durch

Beruhigungsmedikamente und totale Überwachung fest im Griff hat. Besonders mit Oberschwester Ratched ist nicht zu spaßen. Wenn nur ein Patient es wagt, nachzufragen, welche Pillen er denn bekomme und wozu er sie denn brauche oder sich zu weigern, sie zu schlucken, sieht sie ihre errichtete Ordnung auf der Station gefährdet und ihre Autorität in Frage gestellt.

McMurphy ist ein leidenschaftlicher Spieler und animiert die anderen Patienten, eingestuft in akute und chronische Fälle, zu Wetteinsätzen und Pokerrunden.

Für die Patienten wird McMurphy zum wichtigsten Therapeuten. Er gibt ihnen Selbstvertrauen und den Mut, sich für Änderungen der bestehenden Vorschriften und Richtlinien der Anstaltsleitung einzusetzen und für ihr Recht zu kämpfen.

So haben die Insassen beispielsweise darüber abgestimmt, die Fernsehzeiten zu ändern, um sich Sport ansehen zu können.

Pünktlich zur Sendezeit schaltete die „Große Schwester“, wie Miss Ratched genannt wird, den Fernseher ab, als sich die Patienten vor den Apparat setzten. Doch sie blieben sitzen, obwohl auf dem Bildschirm nichts zu sehen war. Und sie erhielten durch McMurphy´s Einsatz einen eigenen Spielraum.

Miss Ratched versucht während der Gruppensitzungen, bei denen auch der Psychiater Dr. Spivey anwesend ist, das Selbstbewußtsein und die Willenskraft der Patienten zu unterdrücken, indem sie ihre Schwächen und Fehler zum Thema macht und sie vor versammelter Mannschaft bloßstellt.

Aus Angst, von der „Großen Schwester“ bestraft zu werden, verweigern die Mitinsassen ihrem Kollegen jeglichen Beistand und starren schweigend nach unten.

Aber McMurphy ´s Naturell widerstrebt es, sich unterdrücken zu lassen.

Also macht er Miss Ratched gegenüber zweideutige Bemerkungen immer mit dem Ziel, sie aus der Reserve zu locken, jedoch so rhetorisch gewandt ihr keinen Anlaß zu bieten, ihn in die geschlossene Abteilung zu verlegen.

Es beginnt ein Machtkampf zwischen der Oberschwester und ihrem unverbesserlichen Patienten, den die Mitinsassen mit Spannung und Begeisterung verfolgen.

Nach einiger Zeit in der Nervenheilanstalt erkundigt sich McMurphy nach seinem Entlassungstermin, da seine Haftzeit bald auslaufen würde.

Doch schmerzlich muß er erfahren, daß seine Aufenthaltsdauer allein vom Urteil des Personalstabes, genauer von der Oberschwester abhängt, er jedoch mit Einsicht seiner Geisteskrankheit (es wurde Psychopathie diagnostiziert) und guter Mitarbeit seinen Entlassungstermin beschleunigen kann. Sein Verhalten ändert sich sofort.

Er distanziert sich von seinen Kameraden, reinigt die Latrinen und entpuppt sich als echter „Vorzeige-Patient“. In den Sitzungen hält er sich aus allen Belangen der Mitinsassen raus und neigt zu keinerlei Auflehnung gegen die Vorschriften der „Großen Schwester“. Doch die Aussichten auf eine Entlassung werden nicht besser.

Als McMurphy herausfindet, daß fast alle seiner Anstaltsgenossen freiwillig in der Klinik sind, ist er sprachlos.

Es ist ihm absolut unverständlich, was sie in dieser Irrenanstalt hält, warum sie nicht einfach gehen, wenn sie doch so unter der „Großen Schwester“ leiden. Aber es ist schwer, in eine Gesellschaft zu gehen, in die man nicht paßt und die einen nicht akzeptiert, weil man nicht paßt. Und dann möchte man sich anpassen lassen oder die anderen wollen das, doch dann ist man Jahre später immer noch in der Klinik, das vorige Leben mit dem Selbstvertrauen dahin und man fürchtet sich davor, sich der realen Welt zu stellen, denn sie ist einem noch fremder geworden, als sie es vorher schon war.

McMurphy vergißt seine gute Führung und beschließt, der Katalysator der Patienten zu sein, durch den sie sich selbst beweisen, daß sie gleichwertige und vollmündige Bürger der Gesellschaft von Amerika sind, die sie solange als „Außenwelt“ degradierten.

McMurphy organisiert eine Segelbootsfahrt. Obwohl die „Große Schwester“ keine Gelegenheit ausläßt, den Ausflug zu boykottieren (indem sie beispielsweise Zeitungsartikel von schweren Stürmen und Bootsunglücken in der Station aufhängt, um den Patienten Angst zu machen), kommt er tatsächlich zustande.

Der Segelturn ist ein absolutes Erlebnis für jeden einzelnen Teilnehmer. Billy, der an einem Mutterkomplex leidet, verliebt sich in die Prostituierte, die McMurphy eingeladen hat.

Als beim Fischen ein wirklich großer Brocken an die Angel ging und die Männer Mühe hatten, den Fang zu bewältigen, stand McMurphy nur lachend daneben und beobachtete das aufgeregte Treiben.

Und nach Jahren machen die Patienten wieder die Erfahrung, etwas schaffen zu können, nicht aufgeben zu dürfen, allen Gefahren die Zähne zu zeigen und bestehen zu können. Jetzt sind sie nicht mehr so klein, wie sie jahrelang gemacht wurden. Jetzt wachsen sie wieder.

Nach der Bootsfahrt schickt die „Große Schwester“ alle Teilnehmer zur „Desinfektion“ unter die Dusche. Einer der Patienten weigert sich strikt, dem Pfleger seinen Po hinzuhalten, um sich „desinfizierende Salbe“ verabreichen zu lassen. Also versuchen sie, den Patienten mit Worten und Drohgebärden zu zwingen.

McMurphy beginnt seinen Freund zu verteidigen. Die Auseinandersetzungen werden so unkontrolliert, daß sich eine Massenschlägerei zwischen Patienten und Pfleger entwickelt, aus der am Ende McMurphy und Häuptling Bromden siegreich hervorgehen.

Zur Strafe werden regelmäßige Elektroschocks angeordnet. Kaum hat McMurphy sich von einer Behandlung erholt, wird er auch schon zur nächsten gebracht. Allerdings scheinen diese ihm nicht viel anhaben zu können, denn er verändert sein Verhalten keineswegs, sondern organisiert auf der Station eine illegale Party, zu der er auch Billy´s Schwarm von der Bootsfahrt einlädt. Die ganze Nacht wird gefeiert und getrunken, so daß McMurphy´s Pläne einer Flucht daran scheitern, daß er vor Trunkenheit einschläft und mit einem Mädchen im Arm morgens von der Oberschwester geweckt wird.

Auch Billy wird mit seiner Geliebten erwischt und als Ms Ratched ihm droht, es seiner Mutter zu sagen, nimmt sich Billy das Leben.

Ab diesem Punkt rastet McMurphy vollkommen aus. Er stürzt sich brüllend auf die Schwester und würgt sie solange, bis die Pfleger ihn in letzter Minute losreißen können.

Er wird in eine Zwangsjacke gesteckt und in die geschlossene Abteilung abgeführt.

Nach einiger Zeit wird ein Bett auf die Station geschoben. Unter dem Namen Randle Patrick McMurphy steht in großen Buchstaben „Lobotomie“ (Gehirnteilamputation).

Die Patienten schleichen sich langsam an das Bett heran, immer noch im festen Glauben, der Stab würde sie hereinlegen wollen. Das Häufchen Elend vor ihnen, sabbernd, geistesabwesend und zu nichts mehr in der Lage durfte einfach nicht ihr McMurphy sein.

Nur Häuptling Bromden ist sich sicher und noch in derselben Nacht nimmt er ein Kissen und erlöst seinen Freund McMurphy von seinem Schicksal.

Dann hebt er den Schaltkasten im Spielraum an, schleudert ihn durch das vergitterte Fenster und läuft hinaus in seine neu gewonnene Freiheit.

Allgemeine Merkmale der Psychiatrie

Um einen sicheren und verständlichen Weg in die Thematik zu gewährleisten, möchten wir zunächst versuchen, die Institution Psychiatrie zu definieren und einige Merkmale herauszufiltern.

Psychiatrien oder Nervenheilanstalten sind Orte, „die der Fürsorge für Personen dienen, von denen angenommen wird, daß sie unfähig sind, für sich selbst zu sorgen und, daß sie eine

- wenn auch unbeabsichtigte – Bedrohung der Gemeinschaft darstellen.“[1]

Desweiteren gehören sie, u.a. neben dem Gefängnis und Kloster, zu den totalen Institutionen.

Das heißt, der Kontakt außerhalb der Einrichtung wird eingeschränkt oder gänzlich abgebrochen, und die persönliche Freiheit und Selbstbestimmung der Anstaltsinsassen nimmt entscheidend ab.

Als integrierte Mitglieder der Gesellschaft sind wir es gewohnt, die Lebensbereiche Arbeit, Familie und Freizeit an verschiedenen Orten unter verschiedenen Autoritäten zu gestalten.

Für psychiatrische Patienten fällt diese Trennung der Lebensbereiche grundsätzlich weg.

Das Leben, das ein Anstaltsinsasse führt, findet also nur an einem Ort unter einer nie wechselnden Autorität statt. Diese Autorität ist allerdings nicht als eine Person zu verstehen (z.B. die Oberschwester der Station oder der Chefarzt), sondern umfaßt jedes Mitglied des Personalstabes. Was das für die Patienten bedeutet, erläutern wir ausführlich im nächsten Punkt der Hausarbeit.

Die Insassen führen die gleichen Arbeiten aus (geringe Putztätigkeiten, Blumen gießen etc.), insofern es überhaupt Arbeit gibt und werden von dem Personalstab mit Privilegien (z.B. eine extra Portion Tabak oder länger fernsehen dürfen) bezahlt. Ansonsten sind die Tage der Patienten meist von Langeweile beherrscht.

Dieses geringe Beschäftigungssystem wirkt sich auf die Patienten sehr demoralisierend aus.

Da in der Außenwelt der berufliche Werdegang ein wichtiger Faktor der Identität und des Selbstbildes für den Einzelnen darstellt, und dieser Identitätsfaktor sich bei der Aufnahme in die Psychiatrie quasi auflöst, verlieren die meisten Insassen an Selbstwertgefühl und Selbstachtung.

[...]


[1] Erving Goffman „Asyle – über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen“ von 1961, erste Auflage 1973, Edition Suhrkamp, S. 16

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die soziale Situation psychiatrischer Patienten am Beispiel "Einer flog über das Kuckucksnest" von Ken Kesey
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Soziologie)
Veranstaltung
Abweichendes Verhalten
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V12578
ISBN (eBook)
9783638184311
ISBN (Buch)
9783638921350
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Situation, Patienten, Beispiel, Einer, Kuckucksnest, Kesey, Abweichendes, Verhalten
Arbeit zitieren
Heidi Fischer (Autor), 2002, Die soziale Situation psychiatrischer Patienten am Beispiel "Einer flog über das Kuckucksnest" von Ken Kesey, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12578

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