Strategien der Dekonstruktion von Geschlechterverhältnissen in aktuellen Musikvideos


Hausarbeit, 2006

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Konstruktion von Geschlechtern und Geschlechterverhältnissen
1.1 Zweigeschlechtlichkeit
1.2 Doing Gender: Herstellung von Geschlecht
1.2.1 Ethnomethodologischer Ansatz
1.2.2 Diskursive Performativität
1.2.3 Heterosexuelle Matrix

2. Dekonstruktion von Geschlechterverhältnissen in Musikvideos
2.1 Parodie
2.1.1 Pink: „Stupid Girls“ (2006)
2.2 Imitation männlicher Geschlechtsstereotype
2.2.1 Courtney Love: „Mono“ (2004)
2.3 Gender B(l)ending: Cross-Dressing
2.3.1 Le Tigre: „TKO“ (2004)
2.4 Gender B(l)ending: Androgynität
2.4.1 Garbage: „Androgyny“ (2001)
2.4.2 Peaches: „Downtown“ (2006)
2.5 Homo- und Bisexualität
2.5.1 Rosenstolz: „Liebe ist alles“ (2004)
2.5.2 k. d. lang: „Summerfling“ (2000)
2.5.3 Britney Spears feat. Madonna: „Me against the Music“ (2003)

Fazit

Bibliographie

Einleitung

„Wann ist ein Mann ein Mann?“, fragt Herbert Grönemeyer in seinem Hit „Männer“ aus dem Jahr 1984.

„Männer haben Muskeln
Männer sind furchtbar stark
Männer können alles
Männer kriegen nen Herzinfarkt“[1]

So denkt Grönemeyer, wenn auch mit einer gewissen Ironie, über sein Geschlecht.

Festlegungen darüber, wann ein Mann – und wann eine Frau eine Frau – ist, sind Teil der Alltagsrealität – zum Beispiel die Annahme, dass nur Männer einen Herzinfarkt erleiden.

Doch wie kommen diese Zuschreibungen zustande? Wie werden sie also konstruiert? Ist es möglich, sie zu dekonstruieren? Seit wenigen Jahren ist bekannt, dass auch Frauen sehr häufig einen Herzinfarkt bekommen; da bei ihnen jedoch die Symptome andere sind, wird der „weibliche“ Herzinfarkt oft nicht erkannt.

Diese Fragen sind Gegenstand des ersten Teils der Arbeit, in der einige grundlegende Theorien und Begriffe erläutert werden. Im zweiten Teil folgt die Übertragung dieser Begriffe auf ein alltagsspezifisches Phänomen, nämlich Musikvideos. An diesem Beispiel wird aufgezeigt, wie Geschlechterrollen in der audiovisuellen Darstellung dekonstruiert werden können.

1. Konstruktion von Geschlechtern und Geschlechterverhältnissen

1.1 Zweigeschlechtlichkeit

Es wird allgemein in unserer Gesellschaft nicht in Frage gestellt, dass es Frauen und Männer, also zwei und nur zwei, Geschlechter gibt. Diese Zweiteilung der Geschlechter begegnet uns auch ständig im Alltag, zum Beispiel bei der Mode oder auch bei öffentlichen Toiletten.

Die Geschlechtszugehörigkeit wird mit Hilfe der Humanwissenschaften nach den biologischen Geschlechtsmerkmalen bestimmt.[2] Dabei „[ … ] wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch entweder weiblich oder männlich sein müsse, was im Umgang erkennbar zu sein hat (Eindeutigkeit); dass die Geschlechtszugehörigkeit körperlich begründet sein müsse (Naturhaftigkeit); und dass sie angeboren ist und sich nicht ändern könne (Unveränder-barkeit).“[3]

Aus dieser (unterstellten) biologischen/psychischen Zugehörigkeit zu einem Geschlecht gehen sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Zuschreibungen und Verhaltensweisen hervor. Wie dieses Doing Gender funktioniert, soll in Kapitel 1.2 näher erläutert werden.

Dass die Zweigeschlechtlichkeit als Norm gilt, wird vor allem dann auffällig, wenn von dieser Norm abweichende „Phänomene“ auftreten. Dazu zählen die Intersexualität (die gegen den Grundsatz der Eindeutigkeit verstößt), die Transsexualität (die gegen die Unveränderbarkeit und die Naturhaftigkeit verstößt) und auch die Homosexualität. Denn aus der Konstruktion der beiden Geschlechter geht wie selbstverständlich hervor, dass sie sich gegenseitig begehren, da dies für die Fortpflanzung des „Naturwesens Mensch“ nötig sei. Wie dieses System der Zwangsheterosexualität funktioniert, wird in Kapitel 1.3 noch einmal aufgegriffen.

Auch die historische und anthropologische Forschung zeigte auf, dass aus dem biologischen Geschlecht nicht notwendigerweise ein bestimmtes Verhalten folgt, sondern dass dieses Verhalten historisch-gesellschaftlich veränderbar ist bzw. dass es in anderen Kulturen mehr als zwei Geschlechter gibt. Somit wird ersichtlich, dass die Zweigeschlechtlichkeit nicht natürlich, sondern gesellschaftlich konstruiert ist und Geschlechterrollen von der jeweils vorherrschenden Kultur bestimmt werden.

1.2 Doing Gender: Herstellung von Geschlecht

Jede und jeder ist ständig gezwungen, sich einem der beiden angenommenen Geschlechter zuzuordnen und dieses eindeutig darzustellen. Dieses Doing Gender, d. h. die Darstellung eines Geschlechts, findet auf verschiedenen Ebenen (interaktiv bzw. diskursiv) unter Rückgriff auf unterschiedliche Ressourcen statt.

1.2.1 Ethnomethodologischer Ansatz

Die ethnomethodologische Mikrosoziologie untersucht die interaktive Konstruktion der Geschlechter. Sie geht von der Null-Hypothese aus, die besagt, dass „es keine notwendige,

naturhaft vorgeschriebene Zweigeschlechtlichkeit gibt, sondern nur verschiedene kulturelle Konstruktionen von Geschlecht.“[4] Beruhend auf dem System der Zweigeschlechtlichkeit „lernt der Körper, ein Geschlecht zu sein“[5], inszeniert jedes Individuum also seine Geschlechtszugehörigkeit meist unbewusst mithilfe des Alltagswissens über Geschlechter(differenzen).

Dies ist ein interaktiver, auf zwei Ebenen stattfindender Prozess: nämlich auf Seite des Individuums, das sein Geschlecht darstellt (Geschlechtsdarstellung) und auf Seite der anderen Individuen, die den GeschlechtsdarstellerInnen ein Geschlecht zuordnen (Geschlechtsattribution).

Zur richtigen (d. h. gesellschaftskonformen) Darstellung nutzt das Individuum Ressourcen wie Kleidung, Gesten, Namen, Tätigkeiten, Nutzung von Räumen etc. Dabei wird nicht nur der/die Einzelne sexuiert, erhält also eines der beiden Geschlechter, sondern auch diese Ressourcen können weiblich oder männlich konnotiert sein; zum Beispiel wird Make-Up zu einem weiblichen Objekt, da es (normalerweise und überwiegend) von Frauen benutzt wird.

Bei der Geschlechtsattribution wird seitens der/des BetrachterIn der/dem DarstellerIn ein Geschlecht zugeordnet.

1.2.2 Diskursive Performativität

Wie kommt es zu den genannten Konstruktionen von Geschlecht und den daraus folgenden Geschlechterrollen? Die amerikanische Professorin für Rhetorik und Gender Studies Judith Butler meint in Anlehnung an Foucault, dass es die Sprache ist, die die Welt konstruiert; es sind also die Wörter, die zuerst mit Sinn gefüllt werden und dann die Realität formen.

Butler untersucht insbesondere bezogen auf den Gender-Diskurs Wörter wie Frau, lesbisch etc., die individuelle und/oder kollektive Identität stiften. Diese sind nicht neutral, da sie bereits bei der Anwendung eine Bedeutung besitzen, also ontologisierend und damit konstruierend wirken. Dabei ist „das Benennen […] eine Grenzziehung, aber zugleich auch

das wiederholte Eintrichtern einer Norm.“[6]

Was genau bedeutet das? Wie konstruiert Sprache bzw. der Diskurs[7] die Realität und das „Körpergeschlecht“[8] ?

Butler führt den Begriff der diskursiven Performativität ein: „Zunächst einmal darf Performativität nicht als ein singulärer oder absichtsvoller „Akt“ verstanden werden, sondern ist als reiteratives und zitatförmiges Verfahren zu verstehen, durch das der Diskurs die Wirkungen zeitigt, die er benennt. [ …] dass die reglementierenden Normen des „Körpergeschlechtes“ in einem performativen Geschehen die Stofflichkeit der Körper ausbilden und, spezifischer gesprochen, das Körpergeschlecht und also den körperlichen Geschlechtsunterschied im Dienste der Konsolidierung des heterosexuellen Imperativs materialisieren.“[9]

D. h. also, dass sich im Prozess der ständigen Wiederholung die in der Sprache vorgegebenen Normen im Körper materialisieren und das „Körpergeschlecht“ konstruiert wird.

Dabei kann diese Konstruktion nur erfolgreich sein, d. h. Sinn machen (intelligibel sein), wenn sie sich mithilfe der Sprache (die ja schon an sich ontologisch ist) auf bereits bestehende Bedeutungen bezieht. Zu diesen Bedeutungen zählt auch der in den gesellschaftlichen Normen und damit der Sprache vorgegebene Zweigeschlechtlichkeit[10]. Dabei bedingen sich bestimmte Wörter gegenseitig: Ohne die Norm der Heterosexualität gäbe auch nicht die Abweichungen der Homo- und Bisexualität, ohne Mann keine Frau etc.

Durch die ständige Wiederholung kann das Körpergeschlecht auch destabilisiert werden. Denn es können Instabilitäten in den Konstruktionen entstehen, die nicht der Norm entsprechen und damit „die Konsolidierung der Normen des ‚Körpergeschlechts’ in eine produktive Krise“[11] versetzen.

Zum Beispiel können die o. g. streng bipolaren Beziehungen aufgesprengt werden durch

Wörter und Konzepte, die die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischen; dazu zählt vor allem die Androgynität. Dies funktioniert nur, „weil und insofern die bereits bestehenden Pole Mann und Frau zitiert werden.“[12] Dies führt zu einer Verwischung der Geschlechtergrenzen (auch „Gender Bending“ genannt), nicht jedoch zu einer völlig neuen Geschlechteridentität; es werden jedoch neue Bedeutungen geschaffen, die die Chance für Veränderungen birgt.

1.2.3 Heterosexuelle Matrix

Was sind die Gründe dafür, dass Geschlechter überhaupt konstruiert werden?

Judith Butler sieht dahinter ein gesellschaftliches System. Die Humanwissenschaften sind ständig bestrebt, die Zweigeschlechtlichkeit natürlich zu begründen. Zum Beispiel über Hormone, Geschlechtsorgane und die Sexualtriebe als „natürliche“ Organe werden Menschen in Männer und Frauen unterteilt. Abweichungen von dieser Norm (zum Beispiel Intersexualität) werden als Pathologien dargestellt. Jedoch ist auch die „Natürlichkeit“ konstruiert (durch diskursive Ausschlussverfahren, die festlegen, was innerhalb und was außerhalb der Norm liegt) und kann damit nicht als Legitimation für soziale Gegebenheiten gelten.

[...]


[1] Vollständiger Text z. B. unter http://lyrics.songtext.name/Herbert%20Gr%F6nemeyer/M%E4nner-3960.html (21.7.2006)

[2] Dazu mehr in Kapitel 1.2.3

[3] Hagemann-White, C.: Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren …, S. 228. In: Dies./ Rerrich, Maria S. (Hg.): FrauenMännerBilder. Bielefeld, 1988, S. 224-235

[4] Hagemann-White, 1998, S. 230.

[5] Villa, P.: Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. 2000, S. 93

[6] Butler, J.: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Körpergeschlechts, S. 65. In: Neue Rundschau, 4, S. 57-70, 1993

[7] Diskurs meint Bedeutungsgehalte, Denkformen und Formen der Wissenskonstitution, die in Sprache enthalten sind bzw. durch Sprache konstruiert werden. Vgl. Villa 2000, S. 122, Fußnote 1

[8] Butler setzt diesen Begriff stets in Anführungszeichen

[9] Butler 1993, S. 58

[10] Villa 2000, S. 129

[11] Butler 1993, S. 68

[12] Villa 2000, S. 129

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Strategien der Dekonstruktion von Geschlechterverhältnissen in aktuellen Musikvideos
Hochschule
Universität Paderborn  (Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Zugänge zum Körper
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V125800
ISBN (eBook)
9783640313426
ISBN (Buch)
9783640317202
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
„Wann ist ein Mann ein Mann?“, fragt Herbert Grönemeyer in seinem Hit „Männer“ aus dem Jahr 1984. Festlegungen darüber, wann ein Mann – und wann eine Frau eine Frau – ist, sind Teil der Alltagsrealität und werden im Allgemeinen nicht in Frage gestellt. Doch wie kommen diese Zuschreibungen zustande? Wie werden sie also konstruiert? Ist es möglich, sie zu dekonstruieren? Anhand aktueller Musikvideos soll beispielhaft dargelegt werden, welche Strategien der Dekonstruktion bestehender Geschlechterverhältnisse die MusikerInnen verfolgen. Die Hausarbeit wurde mit de Note 1,0 bewertet.
Schlagworte
Gender Studies, Popularmusik, Popmusik, Musikvideos, Dekonstruktion, Frauenstudien, Gender-Forschung, Musikwissenschaft, Sexualität, Geschlechter, Soziologie, Medien, Kunst, Musik
Arbeit zitieren
Inga Beißwänger (Autor), 2006, Strategien der Dekonstruktion von Geschlechterverhältnissen in aktuellen Musikvideos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125800

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