Die Sozialintegration der türkischen Nachfolgegenerationen in der BRD


Examensarbeit, 2007

107 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

1. Einleitung

Das Thema für meine Examensarbeit „Die Sozialintegration der türkischen Nachfolgegenerationen in der Bundesrepublik Deutschland“ hat sich aus meiner praktischen Tätigkeit als Förderlehrerin von Kindern mit Migrationshintergrund an der Universität Bielefeld ergeben, aber auch die Tatsache, dass ich als zukünftige Lehrerin noch viele ausländische Schüler und Schülerinnen betreuen werde, für die das Problem der Integration eine wichtige Rolle spielt, auch wenn es ihnen nicht direkt bewusst ist.

Die Integration von ausländischen Migranten sollte seit der Anwerbung von Arbeitsmigranten in den sechziger Jahren eine essentielle Aufgabe in der Bundesrepublik Deutschland sein; jedoch erst seit ein paar Jahren wird diese Angelegenheit erst regelmäßig diskutiert und genauer untersucht. Die Arbeitsmigranten der ersten Generation wurden nur als „Gastarbeiter“ angesehen und lediglich so weit wie nötig in den Arbeitsmarkt integriert. Viele von denen lebten auch mit der Vorstellung in ihre Heimat zurückzukehren, aber die meisten haben die Rückkehr für eine lange Zeit hinausgeschoben – wegen der Kinder, die in Deutschland eine bessere Lebensperspektive erhalten konnten.

Anhand des Mikrozensus 2005 ist zu belegen, dass die höchste Ausländeranzahl in der Bundesrepublik Deutschland bei den Türken liegt. Insgesamt leben ca. 2,7 Millionen Türken mit derzeitiger bzw. früherer türkischer Staatsangehörigkeit in Deutschland (vgl. Mikrozensus 2005: 11ff). Die Türken[1] der zweiten und dritten Generation kann man heute als dauerhafte Einwanderer bezeichnen; denn ihre Kinder sind auch schon hier geboren und besuchen deutsche Schulen.

Die meisten Türken der Nachfolgegenerationen fühlen sich in Deutschland zuhause, aber sie wissen, dass sie auch Fremde sind. Genauso ist das im Herkunftsland ihrer Eltern. Sie erkennen, dass sie Ausländer sind, weil sie in zwei verschiedenwertigen Kulturen aufwachsen. In Deutschland werden sie zum Teil benachteiligt behandelt und sie können auch in verschiedenen Lebenslagen bestimmte Kompetenzen nicht wie die Deutschen aufweisen.

Die vorliegende Arbeit stellt diese verschiedenen Lebenslagen der türkischen Nachfolgegenerationen dar und zeigt Konflikte auf. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit die türkischen Nachfolgegenerationen integriert bzw. desintegriert sind.

Nach der Einleitung wird im zweiten Kapitel die Theorie der Integration untersucht werden, da bis heute Uneinigkeiten bei vielen Autoren in diesem Bereich herrscht. Die Begriffe der Integration werden vor allem anhand der Arbeiten von Hoffmann-Nowotny (1990) und Esser (2001) erläutert und dabei der qualitative Unterschied zwischen Integration und Assimilation untersucht. Um das Ausmaß der Integration zu analysieren, lehne ich mich vor allem an die Spezifikation des Konzepts von Esser (2001) an.

Im folgenden Kapitel wird zunächst die Frage nach den Generationen geklärt, d.h. wer gehört eigentlich zu welcher Generation und an welchen Indikatoren kann dieses gekennzeichnet werden. Darauf folgt ein kurzer historischer Rückblick der Migrationsgeschichte. In diesem Abschnitt wird beschrieben, wie die Arbeitsmigranten nach Deutschland kamen und im anschließenden Abschnitt wird kurz auf die Lebenssituation und Integration der ersten türkischen Generation eingegangen.

Die Hauptteile der Arbeit, wo die Lebenssituation der türkischen Nachfolgegenerationen analysiert wird, sind das vierte und fünfte Kapitel. Im vierten Kapitel werden die sozio-kulturellen Aspekte der Integration – „soziale Netzwerke“, „Religion“ und „Sprache“ und im fünften Kapitel werden die sozio-strukturellen Indikatoren – „Bildung“, „Arbeit“ und „Wohnen“ dargestellt. Die soziokulturellen und soziostrukturellen Faktoren stehen im direkten Zusammenhang mit der Integration; es sind diese einzelnen Lebensbereiche, in denen Integrationsprozesse hauptsächlich stattfinden, deswegen ist es unumgänglich diese Aspekte näher zu beleuchten. Um die einzelnen Lebensbereiche zu analysieren, werde ich vor allem die Repräsentativuntersuchung vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (2002) kritisch einbeziehen.

Im abschließenden Kapitel werden die wichtigsten Ergebnisse der sozio-kulturellen und sozio-strukturellen Faktoren noch einmal zusammengefasst und mit der Theorie von Esser verbunden. Es wird aufgezeigt wo die erfolgreiche Integration der türkischen Nachfolgegenerationen beginnt und wann sie abgeschlossen ist. Die Frage, wie weit die türkischen Nachfolgegenerationen im Integrationsprozess fortgeschritten bzw. stagniert, wird zum Ende dieses Kapitels nachgegangen.

Zum Abschluss der Arbeit ziehe ich ein Fazit, um die daraus resultierenden Forderungen für die Zukunft zu diskutieren.

2. Die Bedeutung von Integration

2.1 Das Problem der Integration

Das Thema dieser Arbeit, „Die Sozialintegration der türkischen Nachfolgegenerationen in der Bundesrepublik Deutschland“, bedarf zunächst der Aufklärung des Begriffes Integration, denn Integration sei – umstritten, umbestimmt, komplex und kompliziert. Das Wort Integration hat sein Ursprung aus dem lateinischen; „integrere“ bedeutet „Wiederherstellung eines ganzen“ (Duden-Fremdwörterbuch 2005). Integration beschäftigt sich in der Soziologie mit den Prozessen der Eingliederung von Ausländern in die Mehrheitsgesellschaft, daher handelt es sich um ein „Grundbegriff der Soziologie“ (Glatzer 2004: 15).

Es gibt viele unterschiedliche Begriffe, die die Eingliederung eines Migranten beschreiben. Allgegenwärtige Begriffe sind Integration, Assimilation, Akkulturation, Absorption, Adaption, Isolation, Marginalisierung, Segregation, usw. Die wohl bekanntesten und seriösesten Theoretiker der Migrationforschung und somit des Begriffes Integration, sind Park (1928), Taft (1953), Eisenstadt (1954) und Gordon (1964). Diese international anerkannten Autoren gehören zu den ersten Migrationsforschern, die sich mit dem Thema befasst haben und in diesem Gebiet bedeutende Kenntnisse erlangt haben, die noch heute als Meilensteine der Integrationsforschung gelten. Noch heute ist wissenschaftliches Arbeiten zum Thema Integration ohne die Vorkenntnisse der genannten Autoren undenkbar.

Wie Hoffmann-Nowotny schon treffend gesagt hat, „man übertreibt sicher nicht, wenn man behauptet, die Geschichte der Menschheit sei auch eine Geschichte der Wanderungen“ (Hoffmann-Nowotny 1990: 15). Die Bedeutung der Eingliederung von Ausländern, die klassischen Eingliederungsansätze, basieren vorwiegend auf Immigrationsforschungen der USA (Deligöz 1999: 24). Denn die Vereinigten Staaten von Amerika (und eigentlich der ganze Kontinent) sind von Anfang an ein Einwanderungsland gewesen und sind es immer noch. Kein anderes Land besteht aus so vielen verschiedenen ethnischen Gruppen wie die USA. Integration ist etwas Selbstverständliches für die Amerikaner, auch wenn es dort ebenso seine Schwierigkeiten hervorbringt.

Trotz zahllosen Forschungsansätzen und Theorien hat man sich bei dem Konzept der Integration nicht auf eine allgemein gültige Definition einigen können. Es gibt vor allem große Diskrepanzen hinsichtlich der Begriffe Integration und Assimilation, die entweder für das Gleiche gehalten werden oder im Gegensatz zu einander gesehen werden. Die genauere Begriffserläuterung wird im Verlauf dieses Kapitels nahe gebracht. Die meisten Autoren, die über die Eingliederung von Ausländern sprechen, benutzen vorwiegend den Begriff Integration, wenn sie über die Eingliederung der Ausländer sprechen. Dieser Begriff, wiederum, wird dann häufig auch in verschiedenen Dimensionen eingeteilt, wie z.B. soziale, strukturelle, politische, gesellschaftliche, kulturelle, assimilative Integration, usw. (die im Abschnitt von Esser genauer erläutert werden). Nichtsdestoweniger, man spricht von Integration.

In der Literatur, sei es, empirische Studien, Berichte für die Regierung, Aufsätze der Bevölkerungsforschung, Ergebnisse von Surveys und Arbeitspapieren, Integration wird mehr oder minder immer gleich verstanden. Im Großen und Ganzen ist eines sicher: Integration ist ein zweiseitiger und andauernder Prozess. „Die Beachtung sowohl der Integrationsbereitschaft, des Integrationswillens der Zuwanderer als auch der Aufnahmemöglichkeiten und der Aufnahmefähigkeit der Aufnahmegesellschaft sind grundlegende Vorraussetzungen für eine erfolgreiche Integration. Damit ist Integration stets ein wechselseitiger und langwieriger Prozeß, beruht Integration auf Gegenseitigkeit und schließt komplizierte Lern- und Gewöhnungsprozesse ein“ (Wendt 1999: 14).

Ferner ist „Chancengleichheit“ ein weiterer Aspekt einer zweckvollen Integration. „Ziel ist es dabei, Migrantinnen und Migranten die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben in Deutschland zu ermöglichen“ (Die Bundesregierung 2005: 3). Heckmann/Tomei fassen beide Aspekte zusammen: „Integration wird allgemein verstanden als die Abnahme von Unterschieden in den Lebensumständen von Einheimischen und Einwanderer. Integration ist ein Prozeß, der über Generationen verläuft“ (Heckmann/Tomei 2003: 4).

Integration soll also eine gleichberechtigte Teilhabe am alltäglichen Leben ermöglichen und dazu werden selbstverständlich die einzelnen Lebensbereiche analysiert; Ansonsten ist Integration dementsprechend eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur gemeinsam von Ausländern und Einheimischen in einem komplexen gesellschaftlichen Prozess erfolgreich gemeistert werden kann. Aber wie ist das hinsichtlich der Eingliederung in der Bundesrepublik Deutschland?

Im deutschsprachigen Raum haben insbesondere Hoffmann-Nowotny (1973/1990) und Esser (1980/2001) sich etabliert, da ihr Schwerpunkt in der Gastarbeiterforschung in Europa liegt (vgl. Blume 1988: 7 / Deligöz 1999: 24, Glatzer 2004: 14 / Mammey 2005: 35). Dies bestätigen die Theoretiker auch selber (vgl. Hoffmann-Nowotny 1990: 15 / Esser 2001: 17). Beide Theorien über die Eingliederung von Ausländern basieren auf sehr unterschiedlichen Methoden. Hoffmann-Nowotny sieht die Integrationschancen der Migranten in funktionalistischer Sicht, d.h. der Autor konzentriert sich nur auf einen Teilgebiet der Integration; der Autor bestimmt die Integration aufgrund der Struktur der Aufnahmegesellschaft. Esser jedoch betrachtet Integration als etwas, das über das Individuum vermittelt wird, gemäß dem methodologischen Individualismus. Dieser Ansatz der Handlungstheorie untersucht die Handlungsmotive und Handlungsbeschränkungen des einzelnen Menschen. Nach wie vor machen diese beiden Migrationsforscher eine Differenzierung zwischen Integration und Assimilation. Diese Differenzierung besteht aufgrund der unterschiedlichen theoretischen Ansätze, die in den einzelnen Abschnitten der Autoren noch erläutert werden. In den nächsten Teilabschnitten der Arbeit werden die Theorien von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny und Hartmut Esser genauer analysiert.

2.2 Integration nach Hoffmann-Nowotny

Hoffmann-Nowotny erwähnt in seinen Forschungsarbeiten über Integration, dass es bisher keine Einigkeit und Vereinheitlichung über das Konzept des Begriffes Integration gegeben hat. „Was ich vor nunmehr fast zwanzig Jahren (Hoffmann-Nowotny,1973; 171) festgestellt habe, gilt auch heute noch in exakt gleicher Weise: Das genannte Verhältnis des Einwanderers zur Einwanderungsgesellschaft ist sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der öffentlichen Diskussion weit davon entfernt, terminologisch einheitlich gefasst zu sein“ (Hoffmann-Nowotny 1990: 16). Diese Aussage zeigt noch einmal die prekäre Lage rund um den Begriff Integration.

Um eine Definition von Integration darzulegen greift er auf Eisenstadt zurück, der von Absorption in drei Stufen spricht (vgl. Hoffmann-Nowotny 1973: 171):

1. Akkulturation:

Phase, in der der Einwanderer „die verschiedenen Rollen, Normen und Gebräuche der aufnehmenden Gesellschaft lernt“.

2. Zufriedenheit und persönliche Anpassung:

„Art und Weise, in welcher der Einwanderer sich mit den Schwierigkeiten, die seine Situation impliziert, auseinandersetzt“.

3. institutionelle Dispersion:

Der Zustand indem die vollständige Zerstreuung des Einwanderers als eine Gruppe innerhalb der wichtigsten institutionellen Bereiche der aufnehmenden Gesellschaft stattfindet. Diese Dimension „bezieht sich auf die Tatsache, ob die Einwanderer innerhalb der Struktur des Einwanderungslandes an bestimmten Stellen konzentriert oder gleichmäßig über alle Ebenen verteilt sind“.

Hoffmann-Nowotny geht von den Begriffen "Assimilation" und "Integration" aus, die sich mit den Dimensionen "Akkulturation" und "institutioneller Dispersion" Eisenstadts decken. Um jedoch die zentralen Aspekte der Eingliederung anhand einer allgemeinen Theorie zu konzeptualisieren, stellt er das „Struktur-Kultur Paradigma“ vor. Er unterscheidet „zwei grundlegende Dimensionen der sozialen Realität“ (Hoffmann-Nowotny 1973: 16 / 1990: 172). Hierbei handelt es sich um „Kultur“ und „Gesellschaft“. Dabei wird Kultur als Symbolstruktur und Gesellschaft als die Positionsstruktur der sozialen Realität bezeichnet.

Anhand der Erkenntnisse von Eisenstadt und die Theorie des „Struktur-Kultur Paradigma“ bedeutet Integration die Partizipation an der Gesellschaft und Assimilation die Partizipation an der Kultur (Hoffmann-Nowotny 1973: 16 / 1990: 172). Diese beiden Definitionen werden von dem Soziologen durch zwei Sichtweisen dargestellt, statisch und dynamisch.

Abb. 2.2/1 Statische und Dynamische Darstellung von Integration und Assimilation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hoffmann-Nowotny 1990: 17

Anhand dieser Abbildung lässt sich die statische Sichtweise der Integration auf den Bezug der „Verteilung der Einwanderer innerhalb der Strukturen der verschiedenen Teilsysteme des Einwanderungslandes“ beziehen. Hiermit sind die verschiedenen Strukturen der Gesellschaft gemeint, also das politische, Erwerbs-, Einkommens-, Nachbarschafts-, Vereins-, und das demographische System (Hoffmann-Nowotny 1990: 17). Die dynamische Betrachtung erörtert den Prozess der Integration. Folglich sind damit die Art und der Verlauf der Besetzung von Positionen in den Strukturen der Teilsysteme gemeint.

Im Gegensatz zu Integration bedeutet die statische Assimilation, die Übernahme des kulturellen Aspektes des Aufnahmelandes, also die „Werte, Normen, Gebräuche und verschiedene Rollen“. Hoffmann-Nowotny erwähnt hier vor allem die Sprache der aufnehmenden Gesellschaft, die als „Symbolsystem par excellence“ dargestellt wird (ebd.:17). Die Bedeutung der Sprache wird als Schlüssel für Integration bezeichnet. Und schließlich ist die dynamische Assimilation dann nur die Art und der Verlauf des Prozesses der Bemächtigung von diesen Normen und Werten.

Der Soziologe macht die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Konzepte Integration und Assimilation deutlich. Er ist der Auffassung, dass es nicht so sehr darum geht, ob die aufnehmende Gesellschaft die kulturellen Unterschiede akzeptiert im Sinne einer kulturellen Vereinigung, sondern ob sie die zentralen Statuslinien für die Einwanderer öffnet oder sie weitgehend geschlossen hält. Somit steht für Hoffmann-Nowotny die subkulturelle Integration im Mittelpunkt, bedingt durch die strukturelle Öffnung. Kultur und Gesellschaft stehen in einem Interdependenzverhältnis, aber die gesellschaftliche Dimension dominiert die kulturelle. Kultur wird dabei definiert, als Pluralität alternativer Lösungsmöglichkeiten für von der Gesellschaft bestimmte Probleme. Dies meint, dass die Kultur im ständigen Wandel ist. Demgemäß wird auch die Assimilation stärker von der Integration determiniert als umgekehrt. Denn "je größer die Chancen der Einwanderer bzw. ihrer Kinder sind, an den Werten der Gesellschaft zu partizipieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine Assimilation" (ebd.:17 / 1973: 173).

Hoffmann-Nowotny betrachtet die Auslegung der beiden Begriffe für sehr vorteilhaft, da er diese angesichts einer allgemein soziologischen Theorie gebildet hat (vgl. ebd.: 17). Auch wenn seine Konzeption durchaus gut durchdacht ist und allgemein akzeptiert worden ist, fehlen meines Erachtens einige Faktoren oder werden schlichtweg ignoriert, die bei der Eingliederung von Ausländern dennoch berücksichtigt werden müssen. Er geht, beispielsweise, nicht genau auf die Gefühlswelt bzw. gedankliche und emotionale Bezüge und Wechselbeziehungen der Migranten ein. Die Familie und dessen Funktion wird auch in keiner Weise erwähnt. Alle Dimensionen der Integration und Assimilation werden entweder auf die strukturelle Ebene oder nur der kulturellen Ebene verwiesen. Außerdem wird ebenfalls nicht daran gedacht, was sonst noch außer diesen beiden Begriffe gibt. Ist also ein Ausländer nur integriert oder assimiliert und wenn nicht? Dazu gibt es nur die Theorie der „Anomie“, die er in seiner Arbeit von 1973 vorstellt, aber in dem Beitrag über die Zusammenfassung Eingliederungskonzepte von 1990 nicht erwähnt. Anomie ist eine Form von sozialer Abweichung. Sie entsteht wenn die soziale Integration nicht erfolgreich verläuft; dies wird auf eine fehlende strukturelle Integration zurückgeführt, wie z.B. durch niedrige schulische und berufliche Qualifikationen, Sprachedefizite, benachteiligte soziale und regionale Herkunft (vgl. ebd.: 151). Die Grundbegriffe von diesem Ansatz sind Macht und Prestige, die kausal voneinander abhängig sind.

Diese Hypothese, die viel zu theoretisch erläutert wird und dadurch schwer verständlich ist, ist darüber hinaus auch lückenhaft. Hier und im Allgemeinen zeigt sich meiner Meinung nach, dass die funktionalistische Sicht der Integration, d.h. sich nur auf einen Teilbereich der Integration zu konzentrieren, nicht ausreicht um die Integrationschancen auszumessen. Dadurch fehlt, wie bereits erwähnt worden ist, der Blick auf die gesamte Situation des Ausländers. Die Abstinenz einiger Faktoren wird vor allem bei einem Vergleich mit Esser deutlich, denn Esser scheint auf alle Dimensionen, Faktoren und Merkmalen einzugehen, die im folgenden Abschnitt analysiert werden.

2.3 Integrationstheorie nach Hartmut Esser

2.3.1 Integration nach Esser

Esser erwähnt gleichsam wie Hoffmann-Nowotny, dass die „eigentlich als geklärt“ geltenden Begriffe der Eingliederung von Migranten in der Öffentlichkeit, sowie in wissenschaftlichen Kreisen nicht universell präsent seien. Folglich erklärt er in seiner Zusammenfassung der Arbeit (Vorwortsfunktion), dass er den Begriff der Integration als eine konzeptionelle Klärung, demzufolge „auf der Grundlage der dazu einschlägigen soziologischen Theorien und Konzepte“, unterbreiten will (Esser 2001: x).

In seiner Arbeit von 1980 unterscheidet er in Anlehnung an Taft, Eisenstadt und Gordon drei Dimensionen der Eingliederung von Migranten: Akkulturation (Prozess), Integration (Zustand) und Assimilation (Prozess und Zustand). Esser betont die individuellen Handlungsmöglichkeiten der einzugliedernden Migranten, welche einen Einfluss auf die Entscheidung haben (ebd.: 14). Allerdings ist die Konzeptualisierung seiner Arbeit von 1980 noch einmal sorgfältig überarbeitet worden und deswegen wird hier die aktuelle Veröffentlichung von 2001 analysiert.

In seiner Publikation von 2001 benutzt er zunächst eine sehr allgemeine Form der Bezeichnung von Integration: „Der Zusammenhalt von Teilen in einem „systematischen“ Ganzen“ (Esser 2001: 1). Schließlich wird der Begriff der Integration mit dem „sozialen Handeln“ verbunden und zudem als eine weitere, allgemeine Definition erläutert; Integration besteht aus zwei Einheiten, das „System“ und die „Teile“. Hinsichtlich der Gesellschaft gibt es zusammenfassend zwei verschiedene Sichtweisen des Integrationsbegriffes: die Systemintegration und die Sozialintegration. Diese beiden Formen der Integration beruhen ursprünglich auf den britischen Soziologen David Lockwood, die auch von Esser übernommen werden (vgl. ebd.: 3). Hinter dem Begriff Systemintegration steckt „die Integration des Systems einer Gesellschaft als Ganzheit“ (ebd.: 3), d.h. die Systemintegration bezieht sich auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft, die wiederum von drei Mechanismen gesteuert wird - Markt, Organisation und Medien. Folglich wird die Systemintegration „über anonyme, nicht identifizierbare, einzelne Personen“ bestimmt und die beiden Formen der Integration können bis zur einer bestimmten Grenze, „unabhängig voneinander“ bestehen (vgl. ebd.: 5-6). Doch für die Eingliederung von Migranten ist die Form der Sozialintegration von Relevanz, da die Sozialintegration den „Einbezug der Akteure in das gesellschaftliche Geschehen, etwa in Form der Gewährung von Rechten, des Erwerbs von Sprachkenntnissen, der Beteiligung am Bildungssystem und am Arbeitsmarkt, der Entstehung sozialer Akzeptanz, der Aufnahme von interethnischen Freundschaften, der Beteiligung am öffentlichen und am politischen Leben und auch der emotionalen Identifikation mit dem Aufnahmeland“ bedeutet (ebd.: 8). Genau diese Aspekte sollen auch in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.

Bei der Gestaltung der Sozialintegration entstehen „kausale Beziehungen“ zwischen den Formen und Dimensionen der Sozialintegration; um diese Interdependenzen genauer zu analysieren werden vier Dimensionen der Sozialintegration unterschieden: Kulturation, Plazierung, Interaktion und Identifikation (ebd.: 8).

Abb. 2.3.1/1 Systemintegration und die vier Dimensionen der Sozialintegration

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Esser 2001: 16

Diese vier Dimensionen verdeutlichen den „Einbezug“ oder auch die „Inklusion“ der Akteure in einer Gesellschaft (vgl. ebd.: 8).

Bei der Kulturation handelt es sich um die Aneignung einer „Art von Humankapital“; dazu gehört Wissen, Kompetenzen und Fertigkeiten in Form von kulturellen Fertigkeiten. Kulturation ist ein Prozess, den Esser als einen “Spezialfall des Lernens“ bezeichnet und folglich auch eine „kognitive Sozialisation“ bedeutet. Denn, damit Migranten überhaupt Interaktionen oder Transaktionen in ihrer Umwelt betätigen können, müssen gewisse Kompetenzen vorhanden sein. Die Sprache als solches wird insbesondere hervorgehoben.

In der zweiten Form der Sozialintegration, Plazierung, wird die Einnahme von gesellschaftlichen Positionen gemeint. Als die wichtigsten Formen der Plazierung werden der Erwerb der Staatsbürgerschaft und damit zusammenhängende Wahlrecht, der Eintritt zu bestimmten Bildungseinrichtungen und beruflichen Positionen aufgelistet (ebd.:9). Die Plazierung steht im direkten Zusammenhang mit der Kulturation, denn wer schon gewisse Kompetenzen durch seine Kulturation erreicht hat, kann erst andere Rechte und Positionen einnehmen. Ein Ausländer, beispielsweise, der die Sprache des Aufnahmelandes nicht beherrscht, wird Schwierigkeiten bekommen die Staatsbürgerschaft zu erlangen, da die Sprache ein Kriterium ist, das heutzutage überprüft wird. Außerdem wird derjenige, der eine gute Schulbildung vorweisen kann, eine bessere Arbeitsstelle erhalten; dabei ist es egal ob man Ausländer oder Inländer ist. Außerdem gewinnt man durch die Plazierung „gesellschaftlich generell verwendbare Kapitalien“, die die Kulturation aufwerten. Je mehr Kapital ein Mensch besitzt, umso erfolgreicher kann er sein Leben gestalten. Deswegen nennt Esser die Plazierung als eine Schlüsselfunktion für die Sozialintegration (vgl. ebd.: 10).

Die dritte Dimension, Interaktion, ist ein „Spezialfall des sozialen Handelns“, d.h. die Aufnahme von sozialen Beziehungen im Alltag, wie beispielsweise Nachbarn, Freunde und der Ehepartner. Diese sozialen Beziehungen werden durch drei Indikatoren erfasst: gedankliche Koordinierung, symbolische Interaktion und Kommunikation (vgl. ebd.: 10-11). Dadurch bilden Migranten ihr Handeln, sowohl in ihren eigenen ethnischen Netzwerken als auch mit interethnischen Beziehungen. Hierbei spielen auch die Dimensionen der Kulturation und Plazierung eine wichtige Rolle vor allem bei Personen vom Aufnahmeland; denn in diesem Fall bedeutet keine Sprache (Kulturation) gleich keine Kommunikation und keine Arbeitstelle oder Wohnviertel mit hohem Ausländeranteil (Plazierung) gleich keine interethnischen Interaktionen.

Identifikation, als die letzte Form der Sozialintegration, wird durch drei Formen unterschieden: Werte, Bürgersinn und Hinnahme. Die Identifikation mit dem sozialen System als „Kollektiv“ bedeutet, dass der Akteur seine individuellen Gefühle und Motive hinsichtlich und zugunsten der kollektiven Werte unterdrückt (Werte). Individuelle Freiheiten und Entscheidungen von Kollektiven können eine Unterstützung bzw. Zusammenhalt einer Gesellschaft bedeuten, die von Esser als Bürgersinn bezeichnet wird. Und schließlich ist die These von der „Hinnahme“ auch nichts anderes als die Erhaltung einer Gesellschaft.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die vier Dimensionen alle miteinander kausal verbunden sind. Diese vier Dimensionen der Sozialintegration sind eine Art Vorbedingung für alle weiteren Prozesse der Eingliederung und damit scheint Esser die Bedeutung der Integration unter dem Gesichtspunkt Sozialintegration als „grundsätzlich geklärt“ (vgl. ebd.: 17). Integration ist demzufolge nur ein Oberbegriff für alle Formen der Eingliederung und die Sozialintegration ist durch das Handeln der Akteure, die Aufnahme und Einbezug in eine Gesellschaft. Als nächstes wird der Begriff der Assimilation vorgestellt, das bei interethnischen Beziehungen eine besondere Rolle spielt und nach Esser die eigentliche Eingliederung von Ausländern detaillierter aufzeigt.

2.3.2 Assimilation nach Esser

Der Begriff der Assimilation wird als „Spezialfall der Sozialintegration“ bezeichnet (vgl. ebd.: 20). Es gibt insgesamt 4 Fälle: Assimilation, Mehrfachintegration, Marginalität und Segmentation.

Abb. 2.3.2/1: Typen der (Sozial-)Integration von Migranten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Esser 2001: 19

Die Mehrfachintegration kommt äußerst selten vor, denn es bedeutet, dass der jeweilige Migrant sich sowohl in seiner Heimat als auch im Aufnahmeland sozial erfolgreich integriert hat. Indizien für die Mehrfachintegration wären z.B., dass der Migrant sowohl seine eigene als auch die Sprache vom Aufnahmeland beherrscht, ein beständiges soziales Netz auf beiden Seiten aufgebaut hat und eine solide doppelte Identität besitzt. Diese Art von Integration sei zwar erwünscht, „theoretisch jedoch kaum realisierbar und auch empirisch sehr seltener Fall“ (ebd.:20); nur für Diplomantenkinder oder für Akademiker käme es in Frage. Meiner Meinung nach ist es in gewisser Weise bedenklich, ob diese Art von Sozialintegration nur für Akademiker bestimmt sei, denn es gibt sicherlich auch Migranten die keine hohe Schulbildung genossen haben, aber dennoch die Bedeutsamkeit der Sozialintegration in beide Gesellschaften zu schätzen wissen; auch wenn das in der Tat nur auf einen geringen Teil der Ausländer zutrifft.

Und wenn der Migrant weder in seinem Herkunftsland noch im Aufnahmeland irgendeine Beziehung, eine Sozialintegration, aufweisen kann, dann ist das ein Fall der Marginalität. Beispiele hierfür wären, dass der Migrant nicht beider Sprachen hinreichend mächtig ist, keine stabile soziale Beziehungen führt und sich auch mit keiner der Gesellschaften identifizieren kann.

Der dritte Fall der Sozialintegration ist die Segmentation. Die Migranten leben zwar nicht in ihrer Heimat, doch haben sie dennoch eine „ethnische Gemeinde“ um sich aufgebaut. Diese Ausländer haben mit dem Aufnahmeland, hinsichtlich der vier Dimensionen der Sozialintegration, kaum etwas zu tun. Es gibt eben diese „ethnischen Gemeinden“, die als „Auffangstation“ gelten und der Migrant fühlt sich sicher und verstanden. Auch wenn diese Gemeinschaften eine „sozialintegrative Funktion“ ausüben, letztendlich sind sie nicht im Aufnahmeland integriert und das kann und muss zu Belastungen führen. Esser erwähnt, dass vor allem die Ausländer der ersten Generation in so einer Art von Eingliederung leben.

Der letzte Fall der Sozialintegration, Assimilation, wird von Esser in einem gesonderten und umfangreicheren Ausmaß erläutert, weil die Eingliederung der Ausländer durch die Assimilation dargelegt wird: „die Assimilation in die jeweils aufnehmende Gesellschaft der empirische Regelfall“ (ebd.: 23). Esser weist darauf hin, dass die Begriffe Integration und Assimilation in einem besonderen Verhältnis zu einander stehen. Die meisten Menschen haben ihre Probleme mit dem Konzept der beiden Begriffe, denn sie werden entweder im Gegensatz zu einander verstanden oder sie werden gleich gesetzt. Auch bei Esser scheint das auf den ersten Blick nicht wirklich klar zu werden, aber diese Analyse soll im nächsten Abschnitt, Zusammenfassung der Theorien, aufgeklärt werden. Als erste Definition von Assimilation wird festgestellt, dass es „die Vorstellung von der „Angleichung“ der ethnischen Gruppen“ bedeutet (ebd.: 18). Hierbei macht er auch deutlich, dass es sich nicht um die „komplette Gleichheit aller Akteure“ handelt, sondern es geht um die „Angleichung in gewissen Verteilungen der verschiedenen Gruppen“ (ebd.: 21). Schließlich ist auch die heimische Bevölkerung selten homogen. Deswegen handelt es sich hierbei um den Abbau von „systematischen Unterschieden“ bei Dispositionen und Ressourcen (vgl. ebd.: 21-22). Um diese Anordnungen zu unterscheiden wird auch die Assimilation, genau wie die Sozialintegration in ihren Dimensionen, in gleicher Weise in vier Formen unterschieden: kulturelle, strukturelle, soziale und emotionale Assimilation. Da diese Aufteilung im Grunde analog zu den Dimensionen der Sozialintegration, also Kulturation, Plazierung, Interaktion und Identifikation, ist, wird hier nur eine bündige Wiedergabe aufgezeigt.

1) kulturelle Assimilation:

Angleichung im Wissen und Fertigkeiten und wieder insbesondere in der Sprache

2) strukturelle Assimilation:

Besetzung von Positionen in den verschiedenen Funktionssystemen,

wie z.B. Bildung und Arbeitsmarkt

3) soziale Assimilation:

Angleichung in der sozialen Akzeptanz und in Beziehungsmustern

4) emotionale/identifikative Assimilation:

Angleichung in der gefühlsmäßigen Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft

Diese vier Dimensionen der Assimilation stehen eng in einem kausalen Zusammenhang, ähnlich wie die Dimensionen der Sozialintegration. Die kulturelle und strukturelle Assimilation steht in einem „wechselseitigen Bedingungs- und Verstärkungsverhältnis“ (vgl. ebd.: 22). Diese beiden Formen der Assimilation bilden die Grundbasis für die anderen Dimensionen. Der Ausländer, der sich erfolgreich integrieren will, muss die die einheimische Sprache beherrschen (kulturelle Assimilation) und um eine stabile Grundlage zu sichern auch eine angemessene Position auf dem Arbeitmarkt oder im Bildungsbereich besetzen (strukturelle Assimilation). Nur dann wird derjenigen Person auch eine soziale Assimilation gelingen, das wiederum gefolgt von der emotionalen Assimilation ist (vgl. ebd.: 21). Esser nennt überdies auch weitere Faktoren und Bedingungen die bei dem Prozess der Sozialintegration von Bedeutung sind. Einreisealter, Wohnumgebung, oder die soziale Akzeptanz der einheimischen Bevölkerung sind Faktoren, die ebenfalls in seiner Arbeit noch erforscht werden.

2.4 Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass beide Autoren von unterschiedlichen Ausgangspositionen hinsichtlich der Begriffsbestimmung von Integration ausgehen. Es gibt, verglichen auch mit allen anderen Migrationsforscher, auch bei diesen beiden Theoretikern unüberbrückbare Differenzen bezüglich des Begriffes Assimilation. Die Begriffsbestimmung ist und bleibt ein Dilemma, da es nicht zu einem einheitlichen Gebrauch von Integration und Assimilation kommt. „Hier trägt in erste Linie der Begriff der Assimilation – so sehr er wissenschaftshistorisch begründet ist – regelmäßig zu Missverständnissen, Verwirrung und Polemik bei“ (Mammey 2005: 47). Hoffmann-Nowotny als Systemtheoretiker, beschreibt, dass Strukturen wichtig sind und unter Assimilation versteht er nur die kulturellen, also die kognitive und identikative Dimension, aber er verrät uns nicht wie bedeutend der Einfluss in einem quantitativen Sinne ist. Esser mit seinem handlungstheoretischen Ansatz, ist mit seinem empirischen Modell in der Lage, alle möglichen Einflüsse in einem Sozialsystem zu integrieren und sie adäquat zu identifizieren. Beide Theoretiker erkennen die gegenseitige Abhängigkeit der Dimensionen von den einzelnen Lebensbereichen, wie Bildung, Arbeit, Wohnen, soziale Netzwerke, etc. und die identikative Dimensionen mit dessen kulturellem Wertesystem und Handlungsmuster. Dennoch sind Essers Theorien meines Erachtens den von Hoffmann-Nowotny in der Hinsicht voraus, weil Esser die einzelnen Aspekte der Eingliederung von Ausländern genauer untersucht bzw. auch gesondert benennt und kennzeichnend durchleuchtet; hier ist der Ansatz des methodologischen Individualismus erkennbar. Allerdings sind Essers Bekenntnisse von der Sozialintegration und Assimilation nicht sogleich durchsichtig. Er unterscheidet zwar diese beiden Begriffe, aber letztendlich versucht er uns zu verdeutlichen, dass die beiden Begriffe auch gleichwertig sind. „Manche haben, wohl aus Gründen der politischen Sensibilität gewisser Worte und der political correctness den Migranten gegenüber, die Begriffe der kulturellen, strukturellen, sozialen und emotionalen (bzw. identifikativen) Assimilation durch die Bezeichnung kulturell, strukturelle, soziale und emotionale (bzw. identikative) Integration ersetzt oder immer schon so benutzt. Das aber ist nur ein anderes Wort für den gleichen Sachverhalt“ (Esser 2001: 22). Man ist im ersten Moment etwas irritiert, das Integration gleich Assimilation sein soll; denn die meisten verstehen unter Assimilation vornehmlich die Anpassung an eine Gesellschaft, die auch zumeist eine negative Konnotation trägt. Schließlich ist dies ebenso Esser bewusst und deswegen sagt er auch, dass Assimilation „keineswegs die einseitige Anpassung“ bedeutet (ebd.: 22). „Assimilation bedeutet… lediglich die Auflösung von systematischen Unterschieden in der Verteilung von Merkmalen zwischen den verschiedenen Gruppen, und keineswegs die – kulturelle oder ökonomische – Gleichheit der Individuen“ (ebd.: 23). Wenn man dementsprechend über die Eingliederung von Ausländern nachdenkt, dann hat er meines Erachtens das Recht zu sagen, „dass die Sozialintegration in die Aufnahmegesellschaft ohne irgendeine Form der „Angleichung“ nicht zu haben ist (vgl. ebd.: 22). Eine vollzogene Sozialintegration ist folglich gemäß Esser, die Assimilation. Nachdem dies geklärt ist, benutzt er durchgehend die Begriffe, „assimilative Sozialintegration“, „soziale und strukturelle Sozialintegration“, „kulturelle Sozialintegration“ und „emotionale Sozialintegration“.

Auf die gleiche Weise sind sich auch andere Wissenschaftler über diese Sachlage einig. „Integration ist keine Einbahnstraße mit einseitigen Anpassungsleistungen, sondern ein gesellschaftliches Unternehmen auf Gegenseitigkeit, das beide Seiten, Aufnahmegesellschaft wie Einwanderer, verändert, auch wenn den Einwanderern stets die größere Anpassungsleistung abzuverlangen ist“ (Bade 2001: 7). Für die deutsche Bevölkerung ist es einfacher zu sagen, dass sich ein Ausländer anzupassen hat, aber für den Migranten hängt es mit vielen Schwierigkeiten und Dissonanzen zusammen. Was sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration und wie weit sollte sich ein Ausländer integrieren? Hierzu betont Glatzer in Anlehnung an Esser „Wichtig ist bei diesen Assimilationskonzepten, dass sie sich nicht unbedingt gegenseitig ausschließen müssen. Demnach können Migranten im beruflichen System assimiliert sein, ohne dass die identifikative Assimilation unbedingt eintreten muss“ (Glatzer 2004: 16).

In der vorliegenden Arbeit steht vor allem die Definition von Esser mit den Begriffen Sozialintegration und Assimilation im Vordergrund. Im Anschluss an handlungstheoretische Überlegungen von Esser kann man davon ausgehen, dass Integrationsprofile und Assimilationsformen auch auf Persönlichkeitsstrukturen beruhen und auf unterschiedliche Art und Weise in den verschiedenen Lebensbereichen eines Migranten zum Ausdruck kommen können. Allerdings ist eines ganz sicher; die assimilative Sozialintegration ist auch bei Esser eine Frage der Zeit. Er erwähnt, dass es in den klassischen Einwanderungsländern, wie z.B. die USA, es drei bis vier Generationen braucht bis die assimilative Sozialintegration aussichtsreich bestehen kann. Dabei ist auch zwischen der ersten und der Nachfolgegenerationen von Migranten in der Bundesrepublik Deutschland zu differenzieren. Dieser Gesichtspunkt, was eine Generation ist und wie sie sich entwickelt, wird im folgenden Kapitel analysiert.

3. Daten & Fakten zu der 1. Generation und Nachfolgegenerationen

3.1 Die Entwicklung der Generationen

In dieser Arbeit werden die „türkischen Nachfolgegenerationen“ untersucht und was hinter dem Begriff „Folgegenerationen“ steckt, bedarf einer eindeutigen Aufklärung. Die Bedeutung der „ersten, zweiten oder dritten Generation der Türken“ wird in der sozialwissenschaftlichen Literatur nicht immer einheitlich gebraucht (vgl. Glatzer 2004: 27). Das Mikrozensus 2005 macht ebenfalls deutlich, wie schwierig die Frage der Generationenfolge sein kann: „Es ist nicht ohne weiteres möglich, die in Deutschland geborenen Personen mit Migrationshintergrund in Angehörige der 2. Generation (Eltern eingewandert) und der 3. Generation (Großeltern eingewandert) aufzuteilen, weil in Deutschland häufiger als anderswo Eltern verschiedenen Zuwanderergenerationen angehören. Insbesondere bei den Personen mit aktueller oder früherer türkischer Staatsangehörigkeit kommt es häufig vor, dass ein Elternteil in Deutschland geboren und der andere zugewandert ist. In diesen Fällen ist es nicht eindeutig möglich, die Kinder einer Zuwanderregeneration zuzuordnen, weil unklar ist, welche Elterneigenschaft überwiegen sollen – die der Zuwanderers, die des hier Geborenen, die des Vater, die der Mutter?“ (Mikrozensus 2005: 326). Es stimmt, dass die Generationen nicht immer einfach zu zuordnen sind, aber es gibt auch eine Möglichkeit diese Tatsache zu schematisieren.

Die Autoren vom Zentrum für Türkeistudien definiert die zweite Generation folgendermaßen: Die Angehörigen der zweiten Generation sind die türkischen Männer und Frauen, die ab den sechziger bis zu den achtziger Jahren als Kinder der türkischen Einwanderer der ersten Generation bereits in Deutschland geboren wurden, oder im Zuge des Migrationsprozesses in den sechziger bis achtziger Jahren im frühen Kindheitsalter mit ihren Eltern aus der Türkei in die Bundesrepublik Deutschland übergesiedelt sind (vgl. Sauer/Goldberg 2003: 4). Es handelt sich demnach bei der zweiten Generation um türkische Frauen und Männer, die heute ungefähr zwischen 20 und 45 Jahre alt sind und oft schon selbst Kinder haben (vgl. Schädel 2001: 120). In einem Beitrag von Boos-Nünning aus der Schriftenreihe des Zentrums für Türkeistudien wird die zweite Generation folgendermaßen definiert: „Als zweite Generation werden die Kinder ausländischer Arbeitnehmer bezeichnet, die im Schul- bzw. Vorschulalter mit ihren Eltern in die Bundesrepublik Deutschland eingereist bzw. - und das ist immer häufiger der Fall - hier geboren sind. Sie haben zumindest einen Teil der Sozialisation in der deutschen Schule und Gesellschaft erfahren“ (Boos-Nünning 1986: 131). Diese Definition bietet eine passende Grundlage zur Veranschaulichung der Zielgruppe, die in dieser Arbeit thematisiert wird.

Die Angehörigen der dritten Generation sind demnach die Kinder der zweiten Generation und da die meisten noch im Kindheitsalter sind und in vielen Lebenslagen keine Erfahrung mit der Integration haben, sind in dieser Arbeit mit „Nachfolgegenerationen“ vor allem die Türken der zweiten Generation gemeint.

Die türkischen „Gastarbeiter“ der ersten Generation stehen in der heutigen Migrationsforschung nicht mehr im Zentrum der Untersuchungen, da sie aufgrund ihres Migrationskonzepts, das letztlich die Rückkehr in die Türkei mit einschließt, kaum Integrationsabsichten haben bzw. hatten und dementsprechend typischerweise als segregiert und homogen gelten (vgl. Sen/Sauer/Halm 2001: 14/110). Große Integrationsbemühungen und Änderungen in ihrer Lebensgestaltung erscheinen bei dieser Gruppe, die zudem inzwischen überwiegend das Rentenalter erreicht hat, nicht mehr angebracht. Der Fokus ruht daher auf der zweiten bzw. dritten Generation, deren Integrationsprozess nach Ansicht der Migrationsforschung noch nicht abgeschlossen und somit weiterhin beeinflussbar ist (vgl. Sauer 2002: 223ff.). Die zweite Generation befasst sich kaum oder gar nicht mit der Rückkehr in ihr „Vaterland“ und ist vielmehr auf ein Leben in Deutschland eingestellt (vgl. Sauer/Goldberg 2003: 4). „Die Migrantinnen und Migranten der Nachfolgegenerationen entwickeln ein anderes Verständnis von ihrem Platz in der deutschen Gesellschaft, als dies die erste Generation aufgrund ihrer Rückkehrabsicht tat. Sie stellen andere Ansprüche an die Akzeptanz und Toleranz ihrer Kultur in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, als deren selbstverständlicher Teil sie trotz kultureller Eigenheiten akzeptiert werden möchten“ (Sauer/Goldberg 2006: 22).

Bevor nun die Integrationsprozesse der türkischen Nachfolgegenerationen durchleuchtet werden, soll ein kurzer historischer Rückblick gegeben werden, wie die Türken überhaupt in die Bundesrepublik Deutschland kamen.

3.2 Die Migrationsgeschichte des türkischen Arbeitnehmers in der Bundesrepublik Deutschland

Die Migrationsgeschichte der hiesigen Türken in Deutschland fängt offiziell seit dem 30.10.1961 an (vgl. Sen 2002: 53). An diesem Tag hatte die Bundesrepublik Deutschland das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet und so durfte die erste Generation der Türken sich offiziell um eine Arbeitsstelle in Deutschland bewerben.

In den 50er Jahren, kurz nachdem Zweiten Weltkrieg, lebten nicht genug Menschen in Deutschland, die das Land aufbauen konnten. Deswegen wurde schon bereits Anfang 1953 „von einer >>Heranziehung außernationaler Kräfte<< für die Wirtschaft gesprochen“ (Eryilmaz/Jamin 1998: 41). Außerdem gab es Anfang der 60er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland ein starkes Wirtschaftswachstum und es konnten nicht alle Arbeitsplätze besetzt werden. Weitere, ursächliche Gründe warum sich die Bundesrepublik Deutschland für Fremdarbeiter entschieden hat, war die Arbeitszeitverkürzung auf 45 Stunden und die gleichzeitig Verlängerung der Ausbildungsdauer, der Bau der Mauer, dass den Flüchtlingsstrom aus dem Osten stoppte und der Ausbau der Bundeswehr (vgl. Fijalkowski 1984 / Sen 2002). Die Aufrechthaltung der deutschen Wirtschaft und der Arbeitermangel wurde vor allem durch das Anwerben von südeuropäischen Ländern auszugleichen versucht. Um dies zu ermöglichen schloss die Regierung mit den Ländern Italien (1955), Griechenland (1960), Spanien (1960), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965), und dem ehemaligen Jugoslawien (1968) Verträge über die Anwerbung von ausländischen Arbeitern ab (vgl. Eryilmaz/Jamin 1998: 391 / www.zuwanderung.de). Die Bundesregierung als auch die Arbeitgeber und Gewerkschaften waren sich darin einig, dass die Ausländerbeschäftigung lediglich temporär sein sollte. „Der zeitlich begrenzte Aufenthalt des „Gast“-Arbeiters sollte eine maximale Ausschöpfung seiner Produktivität während der erwerbsfähigen Jahre garantieren und soziale Kosten der Qualifizierung jüngerer oder der Versorgung älterer Ausländer gering halten“ (Viehbock/Bratic 1994: 17). Ferner wird in einigen Berichten erzählten, dass alle ausländischen Arbeiter im Auftrag der deutschen Firmen von der Bundesanstalt für Arbeit auf „körperliche Tauglichkeit“ überprüft werden mussten. Schließlich kamen die Menschen um hart zu arbeiten. „ Der Gast-Arbeiter sollte „männlich, jung, körperlich und seelisch fit, anspruchslos, ausdauernd und fügsam sein“ (Viehbock/Bratic 1994: 16). Dementsprechend mussten diese Männer zwischen 20 und 40 Jahre alt sein, aber es gab auch zunehmend Frauen, die alleine in die Bundesrepublik Deutschland reisten (vgl. www.zuwanderung.de). Für die Türken war der Arbeitsmarkt in Deutschland nicht desto trotz, sehr attraktiv. Denn das Arbeitsangebot in der Türkei war stark saisonabhängig, sehr unsicher und schlecht bezahlt. Es gab ohnehin erhebliche Binnenmigrationen aufgrund des Strukturdefizits des türkischen Arbeitsmarktes; somit sah man die Migration nach Deutschland lediglich als eine „Verlängerung der innertürkischen Migration“ (Schädel 2001: 83). Deutschland bot ihnen eine sichere Arbeitsbeschäftigung der für türkische Verhältnisse gut bezahlt war (vgl. Polat 1997: 14). Dieser Wohlstand, den man in Deutschland erreichen konnte, sprach sich bei der türkischen Bevölkerung schnell herum und daher kamen immer mehr Arbeiter aus der Türkei.

Andererseits war die Entsendung von Arbeitskräften in ein industrialisiertes Land auch ein Vorteil für die Türkei, da sie dadurch die Arbeitslosenzahl verringern und zusätzliche Devisenquellen schafften konnte (vgl. Polat 1997: 14-15). Ferner ging man davon aus, dass die temporären Arbeitskräfte im industrialisierten Ausland eine Fachausbildung erwerben und nach ihrer Rückkehr die industrielle Entwicklung positiv beeinflussen würden.

Um nach Deutschland zu kommen, konnten sich die türkischen Arbeitnehmer vor allem über die Deutsche Verbindungsstelle in Istanbul vermitteln lassen (vgl. Eryilmaz/Jamin 1998: 41). Darüber hinaus konnte man sich auch individuell einen Arbeitsplatz suchen und dann einen Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis beantragen. Ein weiterer Weg um eine Arbeitsstelle zu finden waren die bereits in Deutschland lebenden Bekannten und Verwandten. Diese konnten wiederum ihren Freunden und Bekannten Informationen über freie Stellen in deutschen Betrieben überliefern. Somit waren Ende 1961 ca. 7000 Türken in Deutschland (Sen/Goldberg 1994: 15). Jedoch trotz dieser relativ frühen Anwerbevereinbarung war die Zahl der zugewanderten Arbeiter in der ersten Anwerbephase recht gering. Die meisten der türkischen Einwanderer kamen erst ab 1969/70 in die Bundesrepublik. Da die Türken sozusagen als letzte Gruppe eingewandert waren, sahen sie sich mit der Situation konfrontiert, dass die besten Arbeitsplätze bereits von anderen Einwanderergruppen besetzt waren. Folglich blieben für die Türken zumeist nur jene Stellen übrig, die weder die Deutschen noch die anderen Einwanderer ausüben wollten. Sie mussten, egal ob ungelernter oder angelernter Arbeiter, fast ausschließlich unattraktive Arbeit verrichten.

[...]


[1] In der vorliegenden Arbeit wird aus Gründen der Lesbarkeit meistens die männliche Form des Substantivs verwendet. Beispiel: Ist von Türken die Rede, so sind männliche sowie weibliche türkische Bürger der zweiten Generation gemeint sein.

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Die Sozialintegration der türkischen Nachfolgegenerationen in der BRD
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
107
Katalognummer
V125828
ISBN (eBook)
9783640313532
ISBN (Buch)
9783640317295
Dateigröße
940 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde mit einer 2,3 bewertet, aber wenn ein weiterer Strang neuerer wissenschaftlicher Literatur zur Migrationsthematik genutzt wird, vor allem Literatur zu transnationaler Migration bzw. transstaatlichen Netzwerken (z.B. Faist, Priess, Wimmer, Beck-Gernsheim, etc.), wird diese Arbeit definitiv aufgewertet.
Schlagworte
Sozialintegration, Nachfolgegenerationen
Arbeit zitieren
Ilk Uyar (Autor), 2007, Die Sozialintegration der türkischen Nachfolgegenerationen in der BRD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125828

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