Seit den letzten zwei Jahrzehnten steigt überall auf der Welt, sowohl in Industrieländern als auch in Entwicklungsländern, der Grad der Zentralbankunabhängigkeit. Waren sie früher noch eine Abteilung des Finanzministeriums (Cukierman, 2006), so bilden die Zentralbanken heute vielfach eine Institution, welche die monetären, politischen Entscheidungen eigenständig und unabhängig trifft. Mit dieser Autonomie einher geht eine zumeist stabilere Inflationsrate und somit ein stabiles Preisniveau (im Folgenden wird der in empirischen Arbeiten gebräuchlichere Ausdruck einer „niedrigen Inflationsrate“ als Synonym für die Preisniveaustabilität genutzt).
Häufig wird beispielsweise die Unabhängigkeit der deutschen Bundesbank und gleichzeitig eine der niedrigsten Inflationsraten nach Ende des zweiten Weltkriegs als Indiz dafür gesehen, dass eine autonome Zentralbank ein effektives Mittel ist, um die Preisniveaustabilität zu sichern (Eijffinger und de Haan, 1996).
In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob zwischen diesen beiden Faktoren ein Kausalzusammenhang besteht und ob Zentralbankunabhängigkeit (ZBU) das notwendige und hinreichende Kriterium ist um Preisniveaustabilität zu erreichen.
In Kapitel 2 werden grundlegende theoretische Modelle vorgestellt mit deren Hilfe der Zusammenhang zwischen den beiden Variablen beschrieben werden kann, um dann im Folgenden die verschiedenen Bestandteile der ZBU zu definieren, auf mögliche Probleme hinzuweisen und konkrete institutionelle Ausgestaltungen vorzustellen.
Kapitel 3 befasst sich dann mit den Möglichkeiten die Zentralbankunabhängigkeit zu operationalisieren, um damit empirische Studien durchführen zu können. Dies soll an Hand zweier, exemplarisch ausgewählter, Indikatoren verdeutlicht werden. Des Weiteren wird auf die Ergebnisse aktueller empirischer Studien über den Zusammenhang zwischen ZBU und Preisniveaustabilität eingegangen, um dann in Kapitel 4 die Ergebnisse zusammenzufassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Argumente für Zentralbankunabhängigkeit
2.1 Zeitinkosistenzproblem und institutionelle Lösungen
2.2 Unabhängigkeit
3. Empirische Studien zur Zentralbankunabhängigkeit
3.1 Methoden zur Messung der Zentralbankunabhängigkeit
3.2 Ergebnisse empirischer Studien
4. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Kausalzusammenhang zwischen der Unabhängigkeit von Zentralbanken und dem Erreichen von Preisniveaustabilität, um zu klären, ob Zentralbankunabhängigkeit ein notwendiges und hinreichendes Kriterium für niedrige Inflationsraten darstellt.
- Theoretische Modelle zur Unabhängigkeit und das Zeitinkosistenzproblem
- Definitionen und Dimensionen der Zentralbankunabhängigkeit (personell, finanziell, politisch)
- Methodische Ansätze zur Operationalisierung und Messung von Unabhängigkeit
- Empirische Evidenz aus Industrie-, Entwicklungs- und Transformationsländern
- Diskussion von Alternativfaktoren und der Kausalitätsfrage
Auszug aus dem Buch
2.1 Zeitinkonsistenzproblem und institutionelle Lösungen
Das wohl am häufigsten angeführte und prominenteste Argument für die Zentralbankunabhängigkeit basiert auf dem Zeitinkonsistenzproblem, welches Kydland und Prescott (1977) entdeckten.
In ihrem Modell stellen die Wissenschaftler die Nachteile diskretionärer Politik gegenüber einer regelgebundenen Politik dar. Bei ersterer Variante entscheiden die verantwortlichen Politiker so, dass zu jedem Zeitpunkt die beste Entscheidung unter Berücksichtigung der derzeitigen Situation gefällt wird. Mit diesen Entscheidungen wird versucht eine fixe soziale Zielfunktion zu maximieren. Allerdings beeinflussen bereits diskretionäre Ankündigungen „die Erwartungen und damit auch das Handeln der privaten Wirtschaftssubjekte“ (Belke, Setzer, 2004, S.2) in dynamischen Systemen. Bei dynamischen, ökonomischen Systemen ist es also so, dass rationale Wirtschaftssubjekte ihr Handeln von den Erwartungen über das Verhalten der politischen Entscheidungsträger abhängig machen. Somit verändern sich die Rahmenbedingungen für die Politiker und der Anreiz sich an die Ankündigungen zu halten besteht nicht mehr. Ex post ist die zuvor angekündigte Strategie also suboptimal.
Bei sich ändernden ökonomischen Rahmenbedingungen durchschauen die Wirtschaftssubjekte in etwa wie sich Politiker in der entsprechenden Situation verhalten, nämlich zeitlich inkonsistent. Deshalb entsprechen die Erwartungen der Privaten nicht den Ankündigungen der Politiker. Letztendlich erkennen Politiker nicht, dass ihr Verhalten einen Effekt auf die optimalen Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Fragestellung, ob Zentralbankunabhängigkeit ein effektives Mittel zur Sicherung der Preisniveaustabilität ist, inklusive einer Erläuterung des weiteren Vorgehens.
2. Theoretische Argumente für Zentralbankunabhängigkeit: Analyse des Zeitinkosistenzproblems als theoretisches Fundament und Definition der verschiedenen Unabhängigkeitsformen.
3. Empirische Studien zur Zentralbankunabhängigkeit: Erörterung verschiedener Messindizes für Unabhängigkeit sowie Auswertung empirischer Ergebnisse hinsichtlich der Inflationsentwicklung.
4. Schlussfolgerungen: Fazit über die Rolle der Zentralbankunabhängigkeit als nützliches, wenn auch nicht alleiniges Instrument zur Sicherstellung von Preisniveaustabilität.
Schlüsselwörter
Zentralbankunabhängigkeit, Preisniveaustabilität, Zeitinkonsistenzproblem, Inflation, Geldpolitik, diskretionäre Politik, Inflationserwartungen, Glaubwürdigkeitsproblem, institutionelle Lösungen, Zentralbankgouverneur, empirische Evidenz, Regressionsanalyse, soziale Wohlfahrt, Transformationsländer, Wirtschaftsindikatoren
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den theoretischen und empirischen Zusammenhang zwischen der Unabhängigkeit einer Zentralbank und der Erreichung einer stabilen Inflationsrate.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die spieltheoretische Begründung für Unabhängigkeit, die institutionelle Gestaltung von Zentralbanken und die empirische Überprüfung mittels verschiedener Indizes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Klärung, ob Zentralbankunabhängigkeit notwendigerweise Preisniveaustabilität garantiert oder ob es sich lediglich um ein geeignetes Instrument innerhalb eines breiteren wirtschaftspolitischen Kontextes handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse und eine synoptische Auswertung existierender ökonomischer Studien und empirischer Regressionsanalysen zu diesem Thema.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung (Zeitinkonsistenz) und den empirischen Teil, der sowohl gesetzliche als auch nicht-gesetzliche Messmethoden der Unabhängigkeit gegenüberstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentralbankunabhängigkeit, Preisniveaustabilität, Inflation, Zeitinkonsistenz, Geldpolitik und Glaubwürdigkeit sind die prägenden Begriffe.
Warum spielt die "Turnover Rate" für Entwicklungsländer eine wichtige Rolle?
Da in vielen Entwicklungsländern Gesetze oft nicht konsequent durchgesetzt werden, dient die Fluktuationsrate der Zentralbankpräsidenten als Proxy-Variable für die tatsächliche (de facto) Unabhängigkeit.
Welches Fazit zieht der Autor zur "Kausalität"?
Der Autor stellt fest, dass die Kausalitätsfrage komplex bleibt, da einerseits Unabhängigkeit Inflation senken kann, aber andererseits Länder mit bereits niedriger Inflation eher zu unabhängigen Zentralbanken neigen.
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- Diplom-Volkswirt Benedikt Hüppe (Autor), 2007, Garantiert Zentralbankunabhängigkeit Preisniveaustabilität?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125837