Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des Antijudaismus in der Antike in einem festgelegten Beobachtungszeitraum, der vom 4. Jh. v. Chr. bis in das 1. Jh. n. Chr. reicht und sich auf die griechisch-römische Welt beschränkt.
Im ersten Teil der Arbeit wird zunächst die in der Wissenschaft aktuell debattierte terminologische Frage der Begriffe „Antisemitismus“ und „Antijudaismus“ diskutiert. Da im Rahmen dieser Arbeit für den Begriff „Antijudaismus“ plädiert wird, werden die Argumente, die für und gegen die Verwendung beider Termini sprechen, erläutert und die Entscheidung für den Begriff „Antijudaismus“ begründet. Anschließend wird im zweiten Teil der Arbeit eine Vielzahl an Beispielen antijüdischer Vorurteile aus den Schriften antiker Autoren in drei Themenkomplexen zusammengetragen. Hierbei wird nicht nur ein Repertoire antijüdischer Ressentiments in schriftlicher Form dargestellt, sondern auch ein Bild von der jüdischen Lebensweise und dem Judentum in der Antike gezeichnet. Im dritten Teil der Arbeit werden schließlich zwei Ereignisse, das Pogrom in Alexandria im Jahr 38 n. Chr. und der erste Jüdische Krieg 66 – 70/74 n. Chr., skizziert und analysiert. Bei der Analyse der Konflikte dienen die Schriften von Philo von Alexandria und Flavius Josephus als grundlegende Quellen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Antisemitismus versus Antijudaismus - Terminologische Gedanken und Erklärungsansätze
1.1 Antisemitismus
1.1.1 Antisemitismus – Versuch einer Definition
1.1.2 Antisemitismus und Antike – Probleme und Analyse
1.2 Antijudaismus
1.2.1 Antijudaismus – Versuch einer Definition
1.2.2 Antijudaismus und Antike – Probleme und Analyse
1.3 Fazit zur Kompatibilität der Begriffe in Zusammenhang mit der Antike
1.4 Erklärungsansätze
2. Was wird den Juden vorgeworfen?
2.1 Jüdischer Ethnos
2.1.1 Herkunft und Alter
2.1.2 Exodustradition
2.2 Jüdische Lebensweise
2.2.1 Sabbat
2.2.2 Beschneidung
2.2.3 Speisevorschriften
2.3 Integrationsunwilligkeit
2.3.1 Gott der Juden
2.3.2 Proselytismus
2.3.3 „misoxenia“ und „misanthropia“
3. Ausgewählte Konflikte
3.1 Alexandria
3.1.1 Stellung der Juden in Alexandria
3.1.2 Der Konflikt in Alexandria – Philos Darstellung
3.1.3 Die Entwicklungen nach dem Pogrom
3.1.4 Analyse des Konflikts in Alexandria von 38 – 41 n. Chr.
3.2 Der Jüdische Krieg
3.2.1 Flavius Josephus und das Proömium zum Jüdischen Krieg
3.2.2 Vorgeschichte
3.2.3 Der Jüdische Krieg 66 – 70/74 n. Chr.
3.2.4 Ergebnis des Krieges – Analyse
Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht das Aufkommen antijüdischer Stimmungen sowie deren instrumentellen Einsatz in der griechisch-römischen Antike im Zeitraum vom 4. Jh. v. Chr. bis zum 1. Jh. n. Chr., mit dem Ziel, die Konstruktion und Wirkmacht dieser Diskurse anhand ausgewählter Konflikte kritisch zu analysieren.
- Terminologische Differenzierung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus in antiken Kontexten.
- Kategorisierung antijüdischer Vorwürfe (jüdischer Ethnos, Lebensweise, Integrationsunwilligkeit).
- Analyse des Pogroms in Alexandria als Fallbeispiel für religiös-politische Instrumentalisierung.
- Untersuchung des Jüdischen Krieges und der flavischen Propaganda bei Flavius Josephus.
- Reflexion über die Rolle des Multikausalitätsprinzips bei der Erklärung antijüdischer Manifestationen.
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Exodustradition
„Angefangen aber uns zu verleumden haben zwar Ägypter; […] Weder berichten sie übereinstimmend die Ankunft unserer Vorfahren in Ägypten, wie sie geschah, noch erzählen sie den Auszug wahrheitsgemäß.“70
Eines der entscheidenden Ereignisse in der jüdischen Tradition ist mit Sicherheit der Exodus aus Ägypten unter der Führung Moses.71 Der biblischen Erzählung zufolge verließ das Volk Israels Ägypten aus freien Stücken, aber erst nach der zehnten Plage und nach Zustimmung des Pharaos, der seine Meinung änderte und das Volk hat ziehen lassen. Im Gegensatz zur biblischen Erzählung beschreibt eine ägyptische und griechisch-römische Exodustradition den Auszug als eine gewaltsame Vertreibung, bei der das jüdische Volk Ägypten verlassen und anschließend Jerusalem gegründet hat.72
Erste Anzeichen für das Entstehen einer negativen nichtbiblischen Exodustradition lassen sich im 4. Jahrhundert v. Chr. finden. Persien war besiegt worden und Alexander der Große und seine Armeen eroberten Ägypten im Jahr 332 v. Chr., sodass Ägypten die folgenden drei Jahrhunderte von Alexander und dessen hellenistischen, also griechischen, Erben regiert wird. Im Gefolge der Armeen Alexanders kamen auch Historiker nach Ägypten, deren Aufgabe es war, eine Geschichte für Alexanders gewaltiges neues Reich zu liefern, die jedoch auch auf die multikulturelle Zusammensetzung des Reichs hinweisen sollte. Dieser Versuch einer
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das Aufkommen antijüdischer Stimmungen in der Antike, grenzt den Untersuchungszeitraum ein und erläutert die methodische Herangehensweise.
1. Antisemitismus versus Antijudaismus - Terminologische Gedanken und Erklärungsansätze: Dieses Kapitel klärt die terminologische Debatte und begründet die Wahl des Begriffs Antijudaismus sowie die Notwendigkeit eines multikausalen Erklärungsansatzes.
2. Was wird den Juden vorgeworfen?: Hier werden antijüdische Vorwürfe kategorisiert, wobei der Fokus auf dem jüdischen Ethnos, der jüdischen Lebensweise und der Integrationsunwilligkeit liegt.
3. Ausgewählte Konflikte: Dieser Hauptteil analysiert exemplarisch das Pogrom in Alexandria und den Jüdischen Krieg, um die politische Instrumentalisierung antijüdischer Vorurteile aufzuzeigen.
Schlussbemerkung: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die antijudaistischen Erscheinungen in der Antike punktuelle Entladungen unter komplexen Bedingungen waren und keine kontinuierliche latente Ideologie darstellten.
Schlüsselwörter
Antijudaismus, Antisemitismus, Antike, Judentum, Diaspora, Flavius Josephus, Alexandria, Jüdischer Krieg, Exodustradition, Sabbat, Beschneidung, Speisevorschriften, Identität, Instrumentalisierung, Multikausalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Entstehen, die Konstruktion und die Verbreitung antijüdischer Stimmungen und Vorurteile in der griechisch-römischen Antike.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die terminologische Einordnung der Judenfeindschaft, die Identifizierung spezifischer Vorwürfe gegen Juden und die Analyse konkreter historischer Konflikte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie antijüdische Stereotype in antiken Schriften konstruiert wurden und wie diese in politisch geladenen Konflikten, wie dem Pogrom in Alexandria, gezielt instrumentalisiert werden konnten.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Analyse antiker literarischer Texte, kombiniert mit einem multikausalen Interpretationsmodell, das politische und sozio-kulturelle Faktoren einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Kategorisierung antijüdischer Vorwürfe (Ethnos, Lebensweise, Integrationsunwilligkeit) und eine detaillierte Konfliktanalyse (Alexandria, Jüdischer Krieg).
Welche Schlagworte charakterisieren die Untersuchung am besten?
Antijudaismus, antike Ethnographie, Instrumentalisierung von Ideologie, jüdische Identität und die kritische Auseinandersetzung mit antiken Geschichtsquellen.
Wie bewerten antike Autoren den Sabbat der Juden?
Die Bewertungen reichen von Erstaunen über die religiöse Praxis bis hin zur scharfen Kritik, wobei römische Autoren ihn oft als Ausdruck von Trägheit oder Faulheit diffamierten.
Welche Bedeutung kommt Flavius Josephus für diese Arbeit zu?
Josephus ist als zeitgenössischer Historiker eine zentrale Quelle, deren eigene Tendenz und Verteidigung der jüdischen Position kritisch gegen die Propaganda der flavischen Dynastie abgewogen werden muss.
- Quote paper
- Matthias Holder (Author), 2021, Antijudaismus in der Antike. Propaganda und Pogrome, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1259313