Die Mehrsprachigkeit des Menschen in unserer heutigen Zeit der Globalisierung und Mobilität stellt zunehmend die Regel als die Ausnahme dar. Immer mehr Menschen sprechen zwei oder mehr Sprachen und Einsprachigkeit, auch Monolingualismus genannt, ist immer weniger verbreitet. Der Mensch besitzt allgemein die Fähigkeit zur Mehrsprachigkeit, auch als Multilingualismus bezeichnet. Er weist demnach die Fähigkeit auf, sich in mehreren Sprachen, also über seine Muttersprache L1 und die erste Fremdsprache L2 hinaus, auszudrücken und grundsätzlich viele zu erlernen. Einen Mensch, der über Wissen in drei oder mehr Fremdsprachen verfügt, bezeichnet man als polyglott. Dabei kann man kollektive und individuelle Mehrsprachigkeit unterscheiden. Bei der kollektiven Mehrsprachigkeit handelt es sich um den Sprachkontakt zwischen und innerhalb von Sprachgemeinschaften, wobei das Phänomen des Code-Switching eine wichtige Rolle spielt. Diese kollektive Mehrsprachigkeit kann man zum Beispiel in Luxemburg mit einer Nationalsprache, Luxemburgisch, und zwei offiziellen Sprachen, Französisch und Deutsch, beobachten . Hierbei handelt es sich um eine Triglossie-Situation, welche auf der Grundlage der Diglossie erklärt werden kann.
Obwohl das Interesse an Studien im Bereich Tertiärspracherwerb in den letzten Jahren immer größer und das Thema immer aktueller geworden ist, steht die Forschung auf diesem Gebiet erst am Anfang und stützt sich oftmals auf den Zweitspracherwerb und dessen Erkenntnisse. Als Tertiärspracherwerb wird nach Hufeisen dabei das Erlernen jeder weiteren Fremdsprache nach der Muttersprache L1 und der ersten Fremdsprache L2 eines Menschen bezeichnet. Allgemein wird ein Unterschied zwischen dem unbewussten Erwerb und dem bewussten Erlernen einer Fremdsprache gemacht. Nach Hufeisen finden beide Vorgänge zusammen statt und teilen sich gewisse Merkmale. Im Folgenden werden beide Begriffe gebraucht, um den Erwerb von Kompetenzen in einer Fremdsprache durch einen Menschen zu bezeichnen.
Die vorliegende Hausarbeit hat zum Ziel, einen Überblick über den Stand der Forschung im Bereich des Tertiärspracherwerbs zu vermitteln. Im Folgenden werden zuerst die allgemeinen Grundlagen des Zweitspracherwerbs behandelt. Weiterhin werden der Tertiärspracherwerb und dessen theoretische Ansätze sowie Modelle näher beleuchtet. Abschließend wird auf konkrete Studien des Tertiärspracherwerbs und deren Erkenntnisse eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Allgemeine Grundlagen des Zweitspracherwerbs
2.1 Theorien des Fremdspracherwerbs
2.2 Zwei- und Mehrsprachigkeitsformen
2.3 Fremdspracherwerb im Kindesalter vs. im Erwachsenenalter
2.4 Verbesserung des Fremdsprachenunterrichts
3. Tertiärspracherwerb
3.1 Theoretische Ansätze
3.2 Modelle des Tertiärspracherwerbs
3.2.1 Das Rollen-Funktions-Modell von Hammarberg und Williams
3.2.2 Das Ecological Model of Multilinguality von Aronin und Ó Laoire
3.2.3 Das Foreign Language Acquisition Model (FLAM) von Groseva
3.2.4 Das Dynamic Model of Multilingualism (DMM) von Jessner und Herdina
3.2.5 Das Faktorenmodell von Hufeisen
4. Einzelne Studien des Tertiärspracherwerbs und deren Erkenntnisse
4.1 Cenoz’ Studie im Baskenland
4.2 Fouser’s Studie über den Einfluss des Erwerbs des Japanischen auf den Erwerb des Koreanischen
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den aktuellen Forschungsstand zum Tertiärspracherwerb, grenzt diesen vom Zweitspracherwerb ab und analysiert verschiedene theoretische Ansätze sowie empirische Studien, um den Einfluss von Faktoren wie Spracherfahrung, typologische Nähe und kognitive Prozesse auf das Erlernen weiterer Fremdsprachen zu beleuchten.
- Grundlagen des Sprach- und Fremdsprachenerwerbs
- Modellierung des Tertiärspracherwerbs
- Rolle von Transfer, Interferenz und Cross-linguistic influence
- Einfluss von soziolinguistischen und individuellen Faktoren auf den Lernerfolg
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Das Rollen-Funktions-Modell von Hammarberg und Williams
Das Rollen-Funktions-Modell von Hammarberg und Williams betrachtet keine lernerexternen Faktoren. Linguistisch gesehen betrachten sie die stets zu untersuchende Sprache als die L3, während alle vorher gelernten Sprachen den Status einer L2 einnehmen: Languages that are acquired after the first language […] are commonly termed second languages; a person may acquire one or more L2s. In order to obtain a basis for discussing the situation of the polyglot, we will here use the term L3 for the language that is currently being acquired, and L2 for any other language that the person has acquired after the L1. It should be noted that L3 in this technical sense is not necessarily equal to language number three in order of acquisition.
Es wird kein Unterschied gemacht, ob die betreffende Fremdsprache von dem Lerner als dritte oder auch fünfte Fremdsprache gelernt wird, wie das bei anderen Modellen der Fall ist. Williams und Hammarbergs Modell liegt dabei das Modell von de Bot zu Grunde, welches Levelts monlinguales Speaking Model ergänzt hat und damit auf den Zweitspracherwerb anwendbar ist. Hammarberg erweitert dieses Modell in Hinsicht des Erwerbs und des Lernens. Das Rollen-Funktions-Modell betrachtet die etymologische Nähe der Sprachen als wichtige Größe. Verwandte Sprachen können dabei als positive Transferbasis beim Erlernen einer neuen Fremdsprache dienen und daher den Fremdsprachenwerb für den Lerner erleichtern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert Grundbegriffe der Mehrsprachigkeit und skizziert das Ziel der Hausarbeit, einen Überblick über den Stand der Forschung zum Tertiärspracherwerb zu geben.
2. Allgemeine Grundlagen des Zweitspracherwerbs: Erläutert die Prozesse, Theorien und Herausforderungen des Fremdspracherwerbs sowie die verschiedenen Formen der Mehrsprachigkeit.
3. Tertiärspracherwerb: Untersucht theoretische Grundlagen und stellt fünf zentrale Modelle vor, die den Tertiärspracherwerb aus verschiedenen linguistischen und psycholinguistischen Perspektiven beleuchten.
4. Einzelne Studien des Tertiärspracherwerbs und deren Erkenntnisse: Analysiert zwei konkrete empirische Studien, die Faktoren wie typologische Nähe und soziolinguistischen Transfer untersuchen.
5. Schlussbetrachtung: Führt die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit weiterer Forschung sowie die Bedeutung angepasster Lehrmethoden für den Schulunterricht.
Schlüsselwörter
Tertiärspracherwerb, Zweitspracherwerb, Mehrsprachigkeit, Cross-linguistic influence, Transfer, Interferenz, Fremdsprachenlernen, Sprachlernstrategien, Metalinguistisches Bewusstsein, Sprachenmodelle, Interlanguage, Sprachverfall, Soziolinguistik, Lernprozesse, Sprachfähigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Forschung im Bereich des Tertiärspracherwerbs und dessen Abgrenzung vom klassischen Zweitspracherwerb.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Spracherwerb jenseits der L2, die theoretischen Modelle hierzu, die Rolle von Transferphänomenen sowie die Auswirkungen von Alter, Motivation und soziolinguistischem Kontext.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es, die komplexen Faktoren und Prozesse zu beleuchten, die ablaufen, wenn ein Mensch eine dritte oder weitere Fremdsprache erlernt.
Welche wissenschaftliche Methode liegt zugrunde?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturarbeit, die bestehende Modelle und empirische Studien aus der angewandten Linguistik zusammenführt und analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen des Spracherwerbs, eine detaillierte Diskussion von fünf Erwerbsmodellen und eine Analyse empirischer Studien zu diesem Thema.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tertiärspracherwerb, Cross-linguistic influence, Transfer, Mehrsprachigkeitsmodelle und Fremdsprachenlernstrategien.
Wie unterscheidet sich die L3-Erwerbssituation vom L2-Erwerb?
Die Arbeit verdeutlicht, dass der L3-Erwerber auf bereits vorhandene Strategien, linguistisches Wissen und eine ausgeprägtere Metakognition zurückgreifen kann, was den Prozess komplexer und andersartig macht.
Was besagt das Rollen-Funktions-Modell von Hammarberg und Williams?
Es betrachtet alle Sprachen, die nach der L1 erworben wurden, als L2-Status, während die aktuell erlernte Sprache als L3 definiert wird, und betont die Bedeutung etymologischer Nähe.
Was ist die zentrale Erkenntnis der Cenoz-Studie im Baskenland?
Die Studie zeigt den starken Einfluss der typologischen Nähe und des Status der L2 bei der Wahl der Quelle für den sprachlichen Transfer auf.
Warum ist das metalinguistische Bewusstsein laut der Arbeit wichtig?
Es ermöglicht Lernenden, ihre eigene Sprachlernbiografie zu reflektieren, Analogien zu nutzen und den Erwerb weiterer Sprachen durch bewusstes Strategie-Management zu beschleunigen.
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- M.A. Kathleen Fritzsche (Author), 2006, Tertiärspracherwerb – Ein Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125931