Heinrich von Kleist schreibt am 23. März 1801 an seine Schwester Ulrike von Kleist einen Brief, in dem er ihr berichtet, dass die Begegnung mit der Kant’schen Philosophie sein Lebensziel zerstört habe. [...] Sorgt die kritische Philosophie Kants und die daraus erfolgende Begründung eines kritischen und transzendentalen Idealismus bei vielen Zeitgenossen zwar für radikales Umdenken, doch keiner – von Fichte bis zu Schopenhauer – wird durch sie auf solche Art und Weise in seiner eigenen Persönlichkeit und Lebensvorstellung erschüttert wie Heinrich von Kleist.3 Um die Reaktion Kleists auf die „neue“ Philosophie nachvollziehen zu können, sollen zuerst seine Überlegungen über das Glück und sein Lebensplan, aufgrund dessen er seinen Dienst im preußischen Militär kündigt, dargestellt werden. Im Anschluss an die Anschauungen des jungen Kleists werden die entscheidenden Momente des transzendentalen Idealismus aufzuweisen sein, um dann die für den Ausbruch der Krise ausschlaggebenden Differenzen zwischen eben diesen und Kleists bisheriger Überzeugung zu erarbeiten. Ihren Abschluss findet diese Arbeit in der Beobachtung der Spuren, die die „Kant-Krise“ im weiteren Leben und Werk Kleists hinterlassen hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kleists Lebensplan, der transzendentale Idealismus und die „Kant-Krise“
2.1 Kleists Lebensplan
2.2 Der transzendentale Idealismus Kants und Fichtes
2.3 Die „Kant-Krise“ Heinrich von Kleists
3. Die Spuren der „Kant-Krise“ in Kleists Werk
4. Literaturverzeichnis
4.1 Textausgaben
4.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die existenzielle Erschütterung Heinrich von Kleists durch die Begegnung mit der Philosophie Immanuel Kants und Johann Gottlieb Fichtes, die als „Kant-Krise“ bekannt wurde. Es wird analysiert, wie dieser Bruch mit seinem bisherigen Weltbild und Lebensplan, der auf teleologischem Denken und Wissensstreben basierte, sein literarisches Schaffen nachhaltig prägte.
- Kleists ursprünglicher Lebensplan zwischen Tugend und Bildung
- Die Kernaspekte des transzendentalen Idealismus bei Kant und Fichte
- Der psychologische und erkenntnistheoretische Zusammenbruch Kleists
- Die Reflexion der „Kant-Krise“ in exemplarischen Werken
- Das Scheitern von Subjektivität an einer zufälligen Welt
Auszug aus dem Buch
2.3 Die „Kant-Krise“ Heinrich von Kleists
Dieser radikale Umschwung in der Erkenntnistheorie, der sich mit Kant und dem transzendentalen und kritischen Idealismus vollzieht, prallt nun auf das Wissenschaftsideal Kleists. Überzeugt von der objektiven Zweckmäßigkeit der Natur findet er in Kant den Zerstörer seiner Vorstellung von Wissenschaft. Jener bestreitet eben die der Natur innewohnende Zweckmäßigkeit, indem er zuerst argumentiert, dass nur intelligente Wesen nach einem Zweck oder Nutzen handeln können. Weiter wird jedes teleologische Moment in der Natur, das als objektiv erkannt gilt, erst durch den Menschen in sie hineingelegt und ist damit rein subjektiv. Die Teleologie, also der auf einen Zweck gerichtete Kausalzusammenhang, den Kleist als absolut in der Natur verankert versteht, ist für Kant nichts weiter als ein regulatives Prinzip, an hand dessen der Mensch die Welt in ihrer Erscheinung beurteilt, und damit rein hypothetisch.
Das Ziel der Wissenschaft und Kleists, den Plan der Schöpfung zu erfassen, wird damit ebenfalls zunichte gemacht. Der Beschäftigung mit der Wissenschaft, vor allem mit den Naturwissenschaften, wird dadurch die theologische Legitimation und Motivation, der Wissenschaft selbst die metaphysische Grundlage entzogen. Kleists dogmatischem und teleologischem Welt- und Wissenschaftsverständnis wird der Boden unter den Füßen weg gerissen. Die Krise ist unvermeidlich.
Doch nicht allein die Widerlegung der objektiven Teleologie der Natur, sondern zusätzlich die Infragestellung des Wissens selbst bilden die Auslöser für Kleists Verzweiflung an der „neuen“ Philosophie. War für ihn doch das Erlangen von unverlierbarem Wissen und Bildung die Bestimmung des Menschen schlechthin, führen doch nur sie zu Tugend und Glück. Das oberste Prinzip seines Lebensplans wird durch den transzendentalen Idealismus angegriffen und zunichte gemacht, wenn Fichte dem menschlichen Wissen jegliche Möglichkeit abspricht, das Attribut der Wahrheit besitzen zu können. Wissen ist nur Abbild ohne jede Realität. Absolute Wahrheit, nach der zu suchen sich Kleist vorgenommen hat, gibt es nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung dokumentiert anhand von Kleists Briefen aus dem Jahr 1801 den schmerzhaften Zusammenbruch seines Lebensziels durch die Begegnung mit der kantischen Philosophie und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
2. Kleists Lebensplan, der transzendentale Idealismus und die „Kant-Krise“: Dieses Kapitel arbeitet Kleists frühes Streben nach Tugend und Erkenntnis auf und kontrastiert dies mit der radikalen erkenntnistheoretischen Wende durch Kant und Fichte, die bei Kleist die sogenannte „Kant-Krise“ auslöst.
3. Die Spuren der „Kant-Krise“ in Kleists Werk: Das Kapitel erläutert, wie sich die Erfahrung der Unerkennbarkeit der Welt und die Macht des Zufalls nach der Krise als zentrales Motiv in Kleists literarischen Texten niederschlägt.
4. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primärquellen und Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Kant-Krise, Transzendentaler Idealismus, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Lebensplan, Tugend, Glück, Teleologie, Erkenntnistheorie, Subjektivität, Aufklärung, Schicksal, Zufall, Weltbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den tiefgreifenden Einfluss, den die Philosophie von Kant und Fichte auf das Weltbild und das literarische Schaffen von Heinrich von Kleist hatte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Kleists frühes Wissenschafts- und Bildungsideal, die erkenntnistheoretische Wende durch den transzendentalen Idealismus und die darauffolgende existenzielle Krise des Autors.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie die durch Kant ausgelöste Krise die Differenz zwischen Kleists ursprünglicher teleologischer Weltanschauung und der neuen erkenntniskritischen Sichtweise verdeutlicht und später zum zentralen tragischen Element seiner Literatur wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und ideengeschichtliche Analyse, die Briefzeugnisse Kleists mit philosophischen Texten von Kant und Fichte in Bezug setzt und diese auf seine literarischen Werke anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Kleists ursprünglichen Lebensplan, die philosophischen Umbrüche durch Kant und Fichte sowie die Spuren dieses Umbruchs in seinen erzählerischen Werken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Kleist, Kant-Krise, Idealismus, Tugend, Glück, Teleologie und Subjektivität.
Wie definiert Kleist sein frühes Verständnis von Glück?
Kleist sieht das Glück in seiner frühen Phase untrennbar mit der Tugend und einer zielgerichteten Bildung verbunden, die ihm einen festen Platz im Schöpfungsplan garantieren sollte.
Warum wird Fichtes Rolle in der Krise als besonders kritisch hervorgehoben?
Fichte radikalisierte Kants Lehre zu einem totalen Idealismus, in dem die Außenwelt nur noch als Projektion des Subjekts existiert, wodurch Kleist jegliche Gewissheit über eine objektive, wahrhafte Welt verlor.
Inwiefern beeinflusste die Krise Kleists spätere literarische Werke?
Die Krise führte dazu, dass seine Figuren oft an einer zufälligen, unvorhersehbaren Welt scheitern, da das von Kleist einst gesuchte ordnende Prinzip der Naturkausalität durch die Macht des Zufalls ersetzt wurde.
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- Frank Mages (Author), 2008, Kleist und der transzendentale Idealismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125949