Es gab seit ca. 1850 staatlich gesetzlich geregelte Jugendhilfe und auch Hilfen zur Erziehung. Die "Fürsorgeerziehung" wurde als Jugendhilfe in das RJWG (Reichsjugendwohlfahrtsgesetz" aufgenommen.
Verschiedene Gerichte u.a. das Bundesverfassungsgericht haben ca 1984 - 1989 diese gesetzliche Maßnahme der Jugendhilfe als "Makel" oder "Stigma" bezeichnet und die Vermeidung empfohlen.
In der vorliegenden Arbeit habe ich versucht die Hilflosigkeit des Gesetzgebers, als auch der Gesellschaft im Rahmen der Jugendhilfe aufzuzeigen.
Gliederung
1. Vorbemerkungen
2. Einführung
2.1. Zwangserziehung - Fürsorgeerziehung
2.1. Versuch einer Definition
2.2. Durchführung der Zwangserziehung
2.2.1 Das Strafgesetzbuch 1871
2.2.2 Vor 1871
2.2.3 Erste staatliche Eingriffe
2.2.4 Ansätze privater Jugendfürsorge
2.2.5 Das Bürgerliche Gesetzbuch 1900
2.2.6 Katholische Anstalten
2.2.7 Erste Differenzierungen i.d.Anstalten
3. Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz
3.1. Auswirkungen auf die Zwangserziehung
Einführung der Fürsorgeerziehung
3.2. Das RJWG 1933 - 1945
3.3. Das JWG nach 1945
3.4. Momentaner Rechtszustand
3.5. Statistische Anmerkungen
4. Kritik an der Zwangserziehung
4.1. Ist der Verwahrlose (selbst) Schuld
4.1.1 Verwahrlosung
4.1.2 Bekämpfung der Verwahrlosung
4.1.3 Verwahrlosung, ein unscharfer Begriff
4.1.4 Wandel der Verwahrlosung
4.1.5 Verwahrlosung als Vernachlässigung
von Maßnahmen
4.1.6 Die sittliche Verwahrlosung
4.1.7 Verwahrlosung, ein Begriff
mit Rechtsfolgen
4.1.8 Moderne Definition der Verwahrlesg.
4.1.9 Zusammenfassung
4.2. Hat die Institution Zwangserziehung
diese Makel verursacht?
4.2.1 Kritikpunkte an der Fürsorgeerziehung-"
Zwangserziehung
4.2.2 Vorwürfe im 19. Jahrhundert
4.2.3 Vorwürfe 1919
4.2.4 Kritik der Jugendlichen
4.2.5 Kritik aus den Heimen und Anstalten
4.2.6 Verstummte Kritik 1933-1945
4.2.7 Kritik nach 1945
4.2.8 APO und Kritik 1968-1970
4.2.9 Zusammenfassung
4.3. Zucht und Ordnung
4.3.1 Eigene Erfahrungen
4.3.2 Warum Züchtigungen
4.3.3 Wie kam die Zucht in die Pädagogik
4.3.4 Zusammenfassung
4.4. Die totale Instition als Hindernis
für jede zeitgemäße Erziehung
4.4.1 Was ist eine totale Institution?
4.4.2 Organisation und Trägerschaft
4.4.3 Personal und Insassen
4.4.4 Die Wissenschaftsfeindlichkeit
5. Modelle bindungsfördernder Führung und
Begleitung junger Menschen in Not
5.1. Die Familie als Vorbild
5.1.1 Leitsätze der Familienerziehung
5.1.2 Lebensraum Familie
5.1.3 Mittelpunkt Familie
5.2. Organisationsvoraussetzungen
5.2.1 Die Gemeinde
5.2.2 Die großen Verbände
5.3. Die Menschen in der Erziehung
5.3.1 Die Einstellung der Erzieher
5.3.2 Methodentraining
5.3.3 Begleitung der Pädagogen
5.3.4 Persönlichkeit des Erziehers
6. Schlußbemerkungen
6.1.1 Menschlichkeit in der Zwangserziehung?
6.1.2 Zukunft der Heimerziehung
6.1.3 Müssen wir verzweifeln?
6.1.4 Persönliche Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die historische Entwicklung der Fürsorgeerziehung und Zwangserziehung in Deutschland vom Reichsjugendwohlfahrtsgesetz 1923 bis zur Gegenwart, mit einem Fokus auf die Lebensbedingungen in totalen Institutionen und die pädagogischen Missstände.
- Historische Analyse rechtlicher Rahmenbedingungen von 1871 bis 1945.
- Kritik an der Begrifflichkeit und Stigmatisierung von "Verwahrlosung".
- Untersuchung der pädagogischen Praxis und der "Zucht" in Erziehungsheimen.
- Analyse der Rolle der totalen Institution und der notwendigen pädagogischen Reformen.
- Modelle für bindungsfördernde Führung und Begleitung von Jugendlichen in Not.
Auszug aus dem Buch
1. Vorbemerkungen
Warum eine Magisterarbeit über die Entwicklung der Fürsorgeerziehung in der Bundesrepublik Deutschland?
Anfang 1966 wurde mir die Leitung und Verantwortung für eine traditionelle Großeinrichtung der Fürsorgeerziehung übertragen. Voller Hoffnung, Tatendrang und mit einer "modernen Konzeption" durfte ich ein neues Jugenddorf errichten helfen.
Bei der Einweihung des Dorfes mit kleinen Wohneinheiten, Schulen, Werkstätten, Freizeit- und Sportanlagen sagte eine Ordensschwester, die mehr als 40 Jahre bei uns tätig war:
"Denken Sie an meine Worte. Sie heben einen Frosch auf ein silbernes Tablett, er wird in den Sumpf zurückspringen, denn nur dort fühlt er sich wohl."
Scheinbar erfüllt sich die Prophezeiung der Ordensschwester. Es kann doch nicht wahr sein, daß "verwahrloste Kinder und Jugendliche" von vorherein zum Scheitern verurteilt sind, daß sie Fehlleistungen erbringen müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkungen: Der Autor reflektiert seine persönliche Motivation und seine Erfahrungen als Leiter einer Einrichtung der Fürsorgeerziehung.
2. Einführung: Definition von Zwangserziehung und deren gesetzliche Verankerung sowie historische Entwicklung vor 1900.
3. Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz: Analyse des RJWG von 1922, dessen Umsetzung und die Auswirkungen während und nach der Zeit des Nationalsozialismus.
4. Kritik an der Zwangserziehung: Tiefgehende Untersuchung von Begriffsdefinitionen wie Verwahrlosung, Kritik an Anstaltspraktiken und der totalen Institution.
5. Modelle bindungsfördernder Führung und Begleitung junger Menschen in Not: Vorschläge für eine moderne, beziehungsorientierte Pädagogik und die Bedeutung des familiären Vorbilds.
6. Schlußbemerkungen: Persönliches Fazit des Autors zu den Möglichkeiten von Menschlichkeit in der Zwangserziehung und dem zukünftigen Bedarf an Hilfe.
Schlüsselwörter
Fürsorgeerziehung, Zwangserziehung, Heimerziehung, Jugendwohlfahrtsgesetz, Verwahrlosung, totale Institution, Pädagogik, Sozialisation, Strafgesetzbuch, Jugendhilfe, Erziehungsanstalt, Stigmatisierung, Jugendbewegung, Bindungsförderung, Supervision
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die Entwicklung der staatlichen Fürsorge- und Zwangserziehung in Deutschland und hinterfragt die pädagogische Sinnhaftigkeit von geschlossenen Heimsystemen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Rechtsentwicklung, die Stigmatisierung von Jugendlichen als "verwahrlost", die Kritik an totalen Institutionen und die Suche nach humanen pädagogischen Alternativen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die historischen Fehler und gesellschaftlichen Hintergründe aufzuzeigen, die zur Diskriminierung von Heimzöglingen geführt haben, und Wege für eine bindungsfördernde Pädagogik zu ebnen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Autor nutzt eine Kombination aus historischer Dokumentenanalyse, der Auswertung statistischer Materialien der Arbeitsgemeinschaft für Erziehungshilfe (AFET) und reflektierender Selbsterfahrung aus der eigenen langjährigen Praxis als Heimleiter.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der rechtlichen Genese (vom Strafrecht zur Fürsorge), der detaillierten Kritik an institutionellen Züchtigungsformen und der Analyse von Konzepten zur pädagogischen Begleitung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Fürsorgeerziehung", "totale Institution", "Verwahrlosung" und "pädagogische Beziehung" geprägt.
Wie bewertet der Autor die Rolle der "totalen Institution"?
Der Autor sieht die totale Institution als ein Hindernis für zeitgemäße Erziehung, da sie durch ihre starre Planung und bürokratische Strukturen die zwischenmenschliche Entfaltung unterdrückt.
Welche Bedeutung hat die Familie für den Autor?
Die Familie wird als natürliches Vorbild für eine gelingende Erziehung gesehen, wobei der Fokus auf einem partnerschaftlichen "Ich-Du"-Verhältnis liegt, statt auf einseitiger Überordnung.
Welche Rolle spielt die Kritik der APO in der Arbeit?
Die APO-Bewegung wird als Katalysator für eine öffentliche Debatte über die inhumanen Zustände in Heimen und die Forderung nach Mitbestimmung sowie Abbau geschlossener Systeme dargestellt.
- Citar trabajo
- Dr. Phil. M.A. Hans-Siegfried Fiedler (Autor), 1989, Heimerziehung im Fortschritt - Vom RJWG (Reichsjugendwohlfahrtsamt 1923) bis zur Gegenwart, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125952