Realität und Phantasie in der Ethnologie


Essay, 2002
5 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Die Authentizität spielte in der Ethnologie schon immer eine große Rolle, denn wie weit die Eindrücke eines Einzelnen mit der Realität übereinstimmen oder von seinen Erwartungen beeinflusst werden, ist schwer nach zu vollziehen, so kann es passieren, dass man bei einer weiteren Feldforschung mit einem anderen theoretischen Ansatz oder durch Kontakt zu anderen Menschen ein anderes Ergebnis bekommen kann. Das bekannteste Beispiel für dieses Problem in der Ethnologie ist die Mead - Freeman - Debatte, die auch außerhalb des ethnologischen Fachkreises auf große Aufmerksamkeit stieß.

In ihrem Buch „Coming of Age in Samoa" von 1928 beschreibt Margaret Mead das Verhalten junger Mädchen auf Samoa. Im Vordergrund stehen die Harmonie und die Freizügigkeit unter den Jugendlichen. Mit diesem Buch bewies Mead auch, dass das Verhalten des Menschen nicht biologisch vorbestimmt ist, sondern von der jeweiligen Kultur beeinflusst wird, wodurch sie auch außerhalb des Fachkreises zu großer Berühmtheit gelang. Circa 15 Jahre später forschte Derek Freeman in Samoa und kam er zu einem ganz anderen Ergebnis als Mead vor ihm. Für ihn waren die Samoaner gewalttätig und prüde. Doch wodurch kam es zu diesen unterschiedlichen Ergebnissen? Nach Freeman lag es daran, dass Mead sich von den zwei Samoanerinnen Fa'apua'a und Fafoa in die Irre führen ließ und das somit „her study of adolescence in Samoa was an accident of history" (Freeman 1983: xiii). Derek Freeman sieht noch einen anderen Grund Mead' s abweichende Forschungsergebnisse, sie habe sich nämlich zu sehr von Boas Kulturanthropologie beeinflussen lassen, so dass "Mead was a ferent believer 'that human behavior is determined by cultur patterns´ (Freeman 1999:14) and this laid her open to all sorts of other influences leading up to the alleged hoaxing." (Cote 2000:617) Andererseits konnte Freeman Meads Theorie, dass menschliches Verhalten durch die Kultur bestimmt wird und nicht genetische vorbestimmt ist, trotz seiner gegensätzlichen Darstellung nicht widerlegen. Auch wenn er ihr zum Vorwurf macht mit der Einstellung in die Feldforschung gegangen zu sein die Kulturtheorie zu beweisen und somit auch Verfälschungen von Daten in Kauf genommen zu haben, denn "die Samoaner folgen nicht unmittelbar biologischen Impulsen, sondern fassen diese eben doch in ihr Kulturschema, nur weit ritualisierter bei Freeman als es Mead wahrhaben wollte".(Koepping 1987: 7) Auch er selbst gab zu, dass " ... adolescence in the United States and elsewhere had cultural and not biological causes." (Freeman 1983:xii) Es war nicht nur dieser Punkt in dem sie mit ihren Forschungsergebnissen übereinstimmten, sondern auch "on the following pionts there is no such disagreement: (1) Some families make a concerted effort to prevent their unmarried adolescent daughter from having heterosexual relationships. (2) Some families do not or less restrictive. (3) The church, church schools and secular schools similary seek prevent such relationships (4) Girls are sometimes severely beaten, if found to have engaged in such a relationship. (5) Nevertheless some girls do have such affairs. (6) Such affairs are generally clandestine. (7) If asked, adolescent girls generally say that premarital sex is bad. (8) Some mothers dangel their daughter before males with great prestige and for wealth with the hope of encouraging a desirable marriage. (9) Bragging about male sexual exploits is commonplace. (l0) There is widespread appreciation for frank acknowlegment of sexual attractivness and appriciation of sexual prowess. Framend in these relatively clear terms, Mead Freeman and all other knowledgeable person can be shown to be in agreement. (Orans 2000: 616) Bei doch so großer Einigkeit stellt sich einem die Frage: "So why all the fuss?" (Orans 2000:616) Dazu kommt noch, dass Freeman nicht der erste war, der bei einer wiederholten Feldforschung ein anderes Ergebnis erhielt als seine Vorgängerin. Zum Beispiel auch Oscar kam 1943 bei einer Feldforschung in dem mexikanischen Dorf Tepoztlan zu einem anderen Ergebnis als Robert Redfield in seiner Studie. (Koepping1987: 9) Doch nicht nur zwei Ethnologen können eine Gesellschaft unterschiedlich entdecken, es gibt auch Ethnologen die bei einer Restudy über die von ihnen schon früher untersuchten Gebiete zu anderen Erkenntnissen kommen. So untersuchte Margaret Mead 1930 die Einwohner von Manus und erweiterte 1956 ihre Forschung, in dem sie den Kulturwandel der melanesischen Gesellschaft festhielt. Auch andere Ethnologen untersuchen nach längeren Zeitabständen die gleiche Ethnie erneut, "so unter anderen Redfield und Rojas (1934), die das Maya - Dorf Chan Kom 1950 nochmals untersucht haben, oder der eminente Raymond Firth, der» seine« Insel Tikopia im polynesischen Dreieck erstmals 1936 und dann wieder 1959 beschrieben hatte (Koepping 1987: 9). Diese Beispiele zeigen, dass die unterschiedlichen Ergebnisse bei Mead und Freeman kein Einzelfall sind, sondern nur der erste der soviel öffentliches Interesse erregte und somit die Authentizität der Ethnologie in Frage stellte. Aber wodurch kommen solche unterschiedlichen Forschungsergebnisse zustande? Nach Klaus - Peter Koepping hat es etwas mit der "multiplen Identitätsfrage" (Keopping 1987: 8), die sich der Forscher stellen muss, zu tun:

"Inwieweit kann ich mich mit diesem Forschungssubjekt identifizieren? Inwieweit ist ein Emigranten - Ethnologe eigentlich ein Weltbürger, und inwieweit ist er seinem kulturellen Hintergrund eigentlich noch verpflichtet?" (Koepping 1987: 8). Denn je mehr sich ein Forscher mit einem Forschungsobjekt identifiziert, je schwerer wird es für ihn objektiv zu bleiben, wie es sich am Beispiel von Enya Flores - Meiser zeigt. Sie musste ihre Forschungen auf den Philippinen über das Dorf ihrer Kindheit abbrechen, "weil sie sich dabei ertappte, alles was ihre Verwandten betraf, wenn es anrüchig schien, zu unterschlagen." (Koepping 1987: 14) Auch die Feldarbeit, die ein festes Ziel hat, wie eine These zu belegen oder zu widerlegen (wie Mead auf Samoa) oder nur einen bestimmten Bereich in einer Gesellschaft untersucht, kann zu einem subjektiven Forschungsergebnis führen, da man nur für seine Arbeit wichtige Fakten berücksichtigt und andere, für das Thema unwichtig, außen vor lässt. Nicht nur Ethnologen, die mit einem bestimmten Ziel in die Feldforschung gehen oder die sich mit dem Forschungsobjekt zu sehr identifizieren, sondern auch Ethnologen die ohne eine bestimmte Fragestellung in die Feldforschung gehen müssen sich irgendwann die Frage stellen: Welche Daten sind wichtig für mich und meine Arbeit? Und diese Selektion von Fakten bringt immer die Subjektivität mit sich, da ein anderer Forscher vielleicht andere Daten für wichtig gehalten hätte, somit „ist die darin grundlegende enthaltene Verfälschung und Inauthentizität nicht wirklich zu überwinden.“ (Keopping 1987: 7) Ein weiterer Grund für anderen Ergebnisse bei der Feldforschung in der gleichen Gesellschaft ist der Zeitabstand der zwischen beiden Forschungen liegt, denn neue Einflüsse (zum Beispiel durch Kolonisation) können eine Ethnie und ihre sozialen und gesellschaftliche Strukturen verändern und somit ein anderes Forschungsergebnis begründen, obwohl es sich um die gleiche Ethnie handelt. Auch unterschiedliche Kontaktpersonen können ein Grund für abweichende Ergebnisse sein, so setzte sich Mead mit den jungen Mädchen auseinander, während Freeman den Kontakt zu den Männern pflegte. Durch diese unterschiedlichen Informanten deren Informationen auch subjektiv sind, da sie aus ihren verschiedenen Erfahrungen und gesellschaftlichen Stellungen hervorgehen, wird wiederum das Forschungsergebnis verändert und subjektiviert, was im Endeffekt zu einen anderen These in der Ethnographie führen kann.

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Details

Titel
Realität und Phantasie in der Ethnologie
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
5
Katalognummer
V125960
ISBN (eBook)
9783640314171
ISBN (Buch)
9783656562887
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethnologie, Geschichte, Mead, Freeman
Arbeit zitieren
Kristin Müller-Wenzel (Autor), 2002, Realität und Phantasie in der Ethnologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125960

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