„Der Schauspieler stellt Menschen dar. Ein Mensch verkörpert einen anderen.“1 Diese Worte Helmuth Plessners deuten darauf hin, dass lediglich Menschen die Fähigkeit vorbehalten ist, andere Artgenossen nachzuahmen und sie glaubhaft darzustellen.
Bereits in der Antike weist Aristoteles darauf hin, dass „das Nachahmen selbst dem Menschen angeboren ist.“2 Der griechische Philosoph führt den Mimesisbegriff ein, der jedoch laut Christoph Wulf „nicht nur nachahmen, sondern auch „sich ähnlich machen“, „zur Darstellung bringen“, „ausdrücken“3 bedeutet. Christoph Wulf weist außerdem darauf hin, dass man den Begriff der Mimesis nicht nur in der Kunst vorfinden kann: „Die mimetische Fähigkeit spielt in annähernd allen Bereichen menschlichen Handelns, Vorstellens, Sprechens und Denkens eine Rolle.“4
Zusätzlich betont Christoph Wulf die Tatsache, dass man nicht nur das Bekannte und Vertraute nachahmt, sondern auch eine Art Vorahmung des Unbekannten und Fremden entwickeln kann, wie es z. B bei der „Darstellung eines Mythos“ der Fall ist. Dabei wird „etwas ausgedrückt oder zur Darstellung gebracht, wofür es noch kein unmittelbares Vorbild in der Realität gibt.“5 Somit wird die Nachahmung gegenüber dem bloßen Kopieren in der Kunst aufgewertet.
Wie funktioniert die Nachahmung, die bei dem Prozess der Verkörperung von großer Bedeutung ist? Laut Helmuth Plessner ist dafür eine gewisse Distanz zu sich selbst erforderlich. Diese nennt er die exzentrische Positionalität. Der Mensch verlässt seine Mitte und ist in der Lage, sich mit den Augen des anderen zu sehen. Durch diese „Abständigkeit“ vermag der Mensch und somit auch der Schauspieler, sich immer wieder neue Vorstellungen von sich zu machen.6
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung
II. Konstantin S. Stanislawskis System
III. Bertolt Brechts Verfremdungseffekt
IV. Auffassungen vom Schauspieler bei Stanislawski und Brecht
V. Die Menschenbilder der beiden Theatermacher
VI. Maskerade im Leben und auf der Bühne
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prozess der Verkörperung von Rollen auf der Bühne, indem sie die Schauspieltheorien von Konstantin S. Stanislawski und Bertolt Brecht vergleichend gegenüberstellt und diese im Kontext der philosophischen Anthropologie von Helmuth Plessner analysiert.
- Gegenüberstellung psychologisch-realistischer und epischer Schauspielmethoden.
- Analyse der Rolle der Persönlichkeit des Schauspielers bei der Figurenverkörperung.
- Untersuchung der anthropologischen Parallelen zwischen theatralem Spiel und alltäglichem Rollenverhalten.
- Reflexion über Begriffe wie Distanz, Einfühlung, Verfremdung und exzentrische Positionalität.
Auszug aus dem Buch
II. Konstantin S. Stanislawskis System
Der russische Theatermacher und Regisseur Konstantin S. Stanislawski erarbeitete in seinen bekannten schauspielmethodologischen Schriften wie z. B. „Die Arbeit des Schauspielers an der Rolle“ praktische Etüden für Schauspieler, wie sie ihre Gefühle, ihren Willen und ihren Verstand in Begeisterung versetzen können, damit sie in der Lage sind, ihre Figur glaubhaft darzustellen.
Stanislawski plädierte für die psychologisch-realistische Menschendarstellung auf der Bühne. Diese Art der Darstellung war ein wichtiger Bestandteil der seit dem 18. Jahrhundert angefangenen Literarisierung des europäischen Theaters. Den Höhepunkt der Literarisierung und somit des naturalistischen Illusionstheaters erlebte das von Stanislawski gegründete Moskauer Allgemeinzugängliche Künstlerische Theater (MChAT) im 19. Jahrhundert. Hier feierten unter anderem Anton Tschechows Dramen ihre Premieren, denn der literarische Stil des russischen Dramatikers entsprach wie kein anderer dem Ideal des naturalistischen Theaters, das wirkliche Leben auf der Bühne so zu zeigen, wie es tatsächlich ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einführung: Das Kapitel führt in den Mimesisbegriff ein und etabliert den theoretischen Rahmen um Helmuth Plessners Anthropologie der exzentrischen Positionalität.
II. Konstantin S. Stanislawskis System: Hier werden die Grundlagen des psychologisch-realistischen Theaters sowie Stanislawskis Techniken zur emotionalen Wahrhaftigkeit erläutert.
III. Bertolt Brechts Verfremdungseffekt: Dieses Kapitel widmet sich Brechts Gegenentwurf zum Illusionstheater, der durch Distanzierung und kritische Reflexion gesellschaftliche Veränderungen anstrebt.
IV. Auffassungen vom Schauspieler bei Stanislawski und Brecht: Ein Vergleich der Rollenverständnisse, bei dem der Schauspieler entweder als in die Figur eintauchende Persönlichkeit oder als bewusst distanzierter Erzähler betrachtet wird.
V. Die Menschenbilder der beiden Theatermacher: Dieses Kapitel reflektiert, wie beide Theatermacher ihre Ansätze auf ein moralisches Menschenbild stützen und die Entwicklungsmöglichkeiten des Individuums thematisieren.
VI. Maskerade im Leben und auf der Bühne: Eine anthropologische Betrachtung, die zeigt, dass die theatrale Maskerade ihre direkte Entsprechung im sozialen Rollenspiel des täglichen Lebens findet.
Schlüsselwörter
Verkörperung, Schauspielmethode, Stanislawski, Brecht, Plessner, Mimesis, Verfremdungseffekt, Psychotechnik, exzentrische Positionalität, Rollenspiel, Theater, Anthropologie, Identifikation, Illusionstheater, Selbsterkenntnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den schauspielerischen Verkörperungsprozess und vergleicht dazu die Ansätze von Stanislawski und Brecht aus einer anthropologischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind Schauspieltheorie, die Beziehung zwischen psychologischem Realismus und epischem Theater sowie die soziologische Parallele zwischen Bühnenspiel und Alltagshandeln.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Gegenüberstellung der Schauspielmethoden und die Klärung der Frage, wie beide Ansätze zum Verständnis der menschlichen Existenz als "Spieler" beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende Literaturanalyse schauspieltheoretischer Standardtexte, ergänzt durch anthropologische und soziologische Perspektiven, insbesondere von Helmuth Plessner.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Konzepte der Einfühlung, der psychischen Techniken, der Verfremdung, das Verhältnis von Schauspieler und Figur sowie die maskenhaften Aspekte des Soziallebens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Verkörperung, Schauspielmethoden, Verfremdungseffekt, Identifikation, Anthropologie und die exzentrische Positionalität des Menschen.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Schauspielers bei Brecht von der bei Stanislawski?
Stanislawskis Schauspieler versucht die Verschmelzung mit der Figur zur psychologischen Wahrheit, während Brechts Schauspieler Distanz wahrt, um als Kommentator gesellschaftliche Kritik zu üben.
Inwiefern beeinflusst Plessners Philosophie die Schlussfolgerungen der Arbeit?
Plessners Idee der "exzentrischen Positionalität" dient dazu, die grundsätzliche Fähigkeit des Menschen zu zeigen, sich selbst von außen zu betrachten – eine Fähigkeit, die sowohl für Schauspieler als auch für den Menschen im Alltag konstitutiv ist.
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- Julia Kies (Author), 2009, Untersuchung des Verkörperungsprozesses anhand der Schauspielmethoden von B. Brecht und Konstantin S. Stanislawski unter dem anthropologischen Gesichtspunkt Helmuth Plessners betrachtet, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126066