In dieser Ausarbeitung habe ich mich für das Motiv der Augen entschieden, da es einen vielfältigen Interpretationsraum zulässt. Augen können einerseits Gegenstände wahrnehmen, aber strahlen andererseits auch die Gemütsverfassung, die Seele eines Menschen aus.
Hierzu untersuche ich im Folgenden die Bedeutung der Augen in Bezug auf die Charakterdarstellung, Nathanaels Wahnsinn und Freuds Interpretation zu Nathanaels Augenangst. Dabei habe ich selbständig gearbeitet und die vorhandene Sekundärliteratur lediglich als Unterstützung genutzt. Die Quellenlage der Sekundärliteratur war schwierig, da ein großer Teil der Literatur bereits verliehen war und mir dadurch der Zugang dazu verwehrt wurde. Schlussendlich stellt sich für mich die Frage, inwieweit Nathanaels Kindheitserlebnisse in Verbindung mit der Augenangst für seinen Wahnsinn tatsächlich verantwortlich sind?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung der Augen für die Charakterdarstellung
2.1 Clara
2.2 Olimpia
2.3 Coppelius/Coppola
2.4 Spalanzani
2.5 Nathanael
3. Die Augen im Zusammenhang mit Nathanaels Wahnsinn
3.1 Das Märchen vom Sandmann
3.1.1 Die Rolle der Augen im Sandmann-Märchen
3.2 Die alchimistische Laborszene
3.3 Nathanales Dichtung
3.4 Das Perspektiv und die Zerstörung Olimpias
3.5 Die Rolle der Augen in der Schlussszene
4. Kastrationsangst nach Sigmund Freud
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Augenmotivs in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und analysiert dessen Rolle bei der Charakterisierung der Figuren sowie bei der Genese von Nathanaels Wahnsinn im Kontext der psychoanalytischen Interpretation von Sigmund Freud.
- Die Funktion des Augenmotivs als Identitätsmerkmal und Instrument zur Charakterdarstellung.
- Die Entwicklung von Nathanaels Wahnsinn in Verbindung mit kindlichen Traumata und der Augenangst.
- Die Bedeutung technischer Hilfsmittel wie des Perspektivs für die verzerrte Wahrnehmung.
- Der Einfluss der psychoanalytischen Kastrationsangst nach Sigmund Freud auf das Textverständnis.
- Der Dualismus zwischen der Aufklärung (Clara) und der Romantik (Nathanael).
Auszug aus dem Buch
3.2. Die alchimistische Laborszene
Einige Jahre später erfährt Nathanael eine erneute starke, seelische Erschütterung. Wie in seiner Kindheit erscheint all abendlich um neun Uhr der unbekannte nächtliche Besucher, den Nathanael vermeintlich für den Sandmann hält. Um seine Neugier zu befriedigen, versteckt sich Nathanael in dem Zimmer des Vaters in der Erwartung den Sandmann zu erblicken. Mit Schrecken stellt er fest, dass es sich bei dem Besucher um den Advokaten Coppelius handelt. Da seine Wahrnehmungen stets emotional besetzt sind, erkennt Nathanael aufgrund seiner „kindlichen Traumatisierung“ in dem verhassten Coppelius die Gestalt des bösen Sandmanns. Er weist seiner inneren Vorstellung des Sandmanns eine Person der äußeren Welt zu, in diesem Fall Coppelius. Laut U. Hohoff ist Nathanaels Sehsinn bereits seelisch präformiert.
Das Bild des Sandmanns, das sich in Nathanael ausmalt, und sein Sehen des Coppelius als Sandmann sind seelisch gesteuerte Wahrnehmungen, die die wahrgenommene Wirklichkeit subjektiv verändern.
Die Traumatisierung schreitet fort, als Nathanael in seinem Versteck den „alchimistisch zu verstehenden Ausruf“ „Augen her, Augen her“ vernimmt und ihn auf sich selbst bezieht. Dadurch stellt er einen Zusammenhang zum Augenverlust im Ammenmärchen her, stürzt mit „wildem Entsetzen“ aus seinem Versteck und wird von Coppelius gepackt. „ Nun haben wir Augen - Augen - ein schön paar Kinderaugen“, Nathanael meint von Coppelius verstümmelt zu werden, reagiert mit Ohnmacht und langer Krankheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Epoche der Romantik ein und etabliert das Augenmotiv als zentrales Leitmotiv der Erzählung „Der Sandmann“.
2. Die Bedeutung der Augen für die Charakterdarstellung: In diesem Kapitel wird analysiert, wie Hoffmann durch die Beschreibung der Augen die Charaktereigenschaften von Clara, Olimpia, Coppelius/Coppola, Spalanzani und Nathanael verdeutlicht.
3. Die Augen im Zusammenhang mit Nathanaels Wahnsinn: Dieses Kapitel beleuchtet den Fortschritt von Nathanaels Wahnsinn, ausgehend vom Ammenmärchen über die alchemistische Laborszene bis hin zu seiner dichterischen Verarbeitung und der fatalen Rolle des Perspektivs.
4. Kastrationsangst nach Sigmund Freud: Hier wird Freuds Theorie des Unheimlichen auf den Text angewendet, um Nathanaels Augenangst als psychologisches Phänomen der Kastrationsangst zu deuten.
5. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Bedeutung des Augenmotivs als Auslöser für Nathanaels Wahn und reflektiert das Scheitern des romantischen Individuums an der Realität.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann, Augenmotiv, Wahnsinn, Romantik, Aufklärung, Sigmund Freud, Kastrationsangst, Charakterdarstellung, Perspektiv, Unheimliches, Traumatisierung, Coppola, Coppelius, Olimpia.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht, wie das Augenmotiv in der Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann genutzt wird, um die Charaktere zu zeichnen und die psychische Zerrüttung der Hauptfigur Nathanael darzustellen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Motivik, dem Verhältnis zwischen Romantik und Aufklärung sowie der psychologischen Deutung von Ängsten in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, inwieweit Nathanaels Kindheitserlebnisse und die daraus resultierende Augenangst für seinen fortschreitenden Wahnsinn verantwortlich sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mittels Sekundärliteratur untersucht und zusätzlich einen psychoanalytischen Interpretationsansatz von Sigmund Freud integriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Schlüsselszenen (Kindheitserlebnisse, Laborszene, Olimpia-Begegnung), in denen das Augenmotiv eine entscheidende Rolle für Nathanaels Wahrnehmung der Welt spielt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind das Augenmotiv, Kastrationsangst, Wahnsinn, das Unheimliche, Nathanael, sowie die Gegenüberstellung von romantischer Leidenschaft und vernunftorientierter Aufklärung.
Warum spielt das Perspektiv in der Analyse eine so große Rolle?
Das Perspektiv wird nicht als optische Sehhilfe, sondern als Symbol verstanden, das Nathanaels Wahrnehmung verzerrt und den Übergang von der Realität in den Wahn beschleunigt.
Wie deutet die Arbeit die Figur der Clara im Kontrast zu Nathanael?
Clara wird als Repräsentantin der rationalen Aufklärung gesehen, die versucht, Nathanael aus seinem Hang zum Mystischen zu lösen, während Nathanael als romantischer Darsteller an seiner eigenen emotionalen Übersteigerung scheitert.
Welche Bedeutung kommt der alchemistischen Laborszene zu?
Diese Szene markiert den Wendepunkt der Traumatisierung, in der Nathanael eine reale Person (Coppelius) mit seinen kindlichen Ängsten vor dem Sandmann identifiziert und somit den ersten großen psychischen Zusammenbruch erleidet.
Inwiefern beeinflusst Sigmund Freuds Theorie das Verständnis der Novelle?
Freuds Deutung hilft, Nathanaels Angst vor dem Augenverlust als eine abgeschwächte Form der Kastrationsangst zu verstehen, was die tiefsitzende psychische Natur seines Wahnsinns erklärbar macht.
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- Amalia Mai (Author), 2009, Die Bedeutung der Augen in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126109