Seit langem hat der Unterricht in den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen an einer Schule für Praktisch Bildbare seinen festen Stellenwert.
Wurde vor einigen Jahrzehnten noch über die Sinnhaftigkeit des Unterrichts in den Kulturtechniken an einer Schule für Menschen mit einer geistigen Behinderung diskutiert, so hat sich in den vergangenen Jahren doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass mathematische Kompetenzen erarbeitet werden können und damit Voraussetzungen für eine bessere Bewältigung des Alltags geschaffen werden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass nicht erst bei der Bewältigung von schwierigen mathematischen Rechenoperationen von mathematischer Kompetenz gesprochen werden darf, sondern die Mathematik nach Piaget bereits im pränumerischen Bereich beginnt. Pränumerische Kenntnisse und Fähigkeiten, wie z.B. das Beherrschen der Stück-für-Stück Zuordnung bei der Verteilung von Bonbons, ermöglichen einem/einer SchülerIn seine/ihre Handlungskompetenzen in eigene Interessen zu integrieren und motiviert weiter zu entwickeln.
Im Schulalltag kommt dem angewandten Umgang mit Mengen und Zahlen deshalb große Bedeutung zu. Eine unterrichtsimmanente Diagnostik und Förderung findet z.B. beim Tischdecken (jedem Teller eine Tasse zuordnen), Einkaufen (bestimmte Mengen von Artikeln auswählen, Umgang mit Geld) oder beim Kochen (Zutaten abzählen) statt.
Im praktischen Unterrichtsalltag an einer Schule für Praktisch Bildbare wird aber auch immer wieder deutlich, dass viele SchülerInnen zwar sehr weit zählen können, ihnen der Aufbau der Zahlwortreihe und die Beziehung zwischen Zahlen und Mengen aber weitgehend verborgen bleibt.
Zur Erleichterung von Alltagshandlungen sind mathematische Kenntnisse und Fähigkeiten – vorrangig ein gesicherter Zahlbegriff – aber unabdingbar, da zahlreiche Alltagshandlungen mathematische Aspekte beinhalten. Eine konkrete Förderung wirkt sich somit positiv auf die Erweiterung und Verbesserung von Alltagskompetenzen aus. In den letzten Wochen und Monaten habe ich deshalb in einer Differenzierungsgruppe eine gezielte Förderung im elementaren mathematischen Lernen mit dem Ziel bzw. der Fragestellung durchgeführt, ob bei SchülerInnen mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung durch eine systematische Förderung nach dem Konzept des struktur- und niveauorientierten Lernens nach Kutzer der Zahlbegriff inhaltlich vermittelt und gefestigt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vom pränumerischen Bereich zum Zahlbegriffserwerb
2.1 Das „Haus der Mathematik“
2.2 Sachstruktur des pränumerischen Bereichs und der Aspekte Klassifikation und Seriation
2.3 Aspekte des Zahlbegriffs
3. Motive für die Auswahl des Diagnose- und Förderkonzepts und Bezug zum Lehrplan
4. Vorüberlegungen und Rahmenbedingungen
4.1 Institutionelle Rahmenbedingungen und Beschreibung der Differenzierungsgruppe
4.2 Zur Auswahl der Schülerinnen
5. Diagnostik
5.1 Diagnostisches Verfahren zur Ermittlung der Lernvoraussetzungen der Schülerinnen
5.2 Beschreibung der Lernvoraussetzungen von Laura und Kübra
6. Förderung
6.1 Förderschwerpunkte bei Laura und Kübra
6.2 Ein Einblick in die Förderung – Beschreibung von Förderbeispielen
6.3 Exemplarische Darstellung einer Förderstunde
7. Ergebnisse der Förderung
8. Reflexion und Ausblick
8.1 Zusammenfassende Beurteilung der Förderung – Reflexion
8.2 Konsequenzen für die weitere förderdiagnostische Arbeit – Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wirksamkeit einer systematischen Förderung mathematischer Kompetenzen bei Schülerinnen mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung. Das primäre Ziel ist es, den Aufbau von Zahlbegriff und Mengenauffassung durch ein struktur- und niveauorientiertes Konzept nach Kutzer zu vermitteln und zu festigen, um so die Alltagskompetenzen der Schülerinnen zu erweitern.
- Theoretische Grundlagen zur Entwicklung vom pränumerischen Bereich zum Zahlbegriffserwerb.
- Diagnostik der Lernvoraussetzungen von Schülerinnen in der Haupt-Werkstufe.
- Durchführung und Reflexion von Fördersequenzen zu Klassifikation, Seriation und additiven Operationen.
- Bezugnahme auf didaktische Förderkonzepte und Lehrplanvorgaben für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.
- Analyse des individuellen Lernzuwachses bei den beteiligten Schülerinnen.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Seit langem hat der Unterricht in den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen an einer Schule für Praktisch Bildbare seinen festen Stellenwert. Es ist mittlerweile selbstverständlich, dass die Bereiche Schriftspracherwerb und Mathematik zum Unterrichtsangebot gehören.
Wurde vor einigen Jahrzehnten noch über die Sinnhaftigkeit des Unterrichts in den Kulturtechniken an einer Schule für Menschen mit einer geistigen Behinderung diskutiert, so hat sich in den vergangenen Jahren doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass mathematische Kompetenzen erarbeitet werden können und damit Voraussetzungen für eine bessere Bewältigung des Alltags geschaffen werden. Dabei muss berücksichtigt werden, dass nicht erst bei der Bewältigung von schwierigen mathematischen Rechenoperationen von mathematischer Kompetenz gesprochen werden darf, sondern die Mathematik nach Piaget bereits im pränumerischen Bereich beginnt. Pränumerische Kenntnisse und Fähigkeiten, wie z.B. das Beherrschen der Stück-für-Stück Zuordnung bei der Verteilung von Bonbons, ermöglichen einem/einer SchülerIn seine/ihre Handlungskompetenzen in eigene Interessen zu integrieren und motiviert weiter zu entwickeln.
Im Schulalltag kommt dem angewandten Umgang mit Mengen und Zahlen deshalb große Bedeutung zu. Eine unterrichtsimmanente Diagnostik und Förderung findet z.B. beim Tischdecken (jedem Teller eine Tasse zuordnen), Einkaufen (bestimmte Mengen von Artikeln auswählen, Umgang mit Geld) oder beim Kochen (Zutaten abzählen) statt.
Im praktischen Unterrichtsalltag an einer Schule für Praktisch Bildbare wird aber auch immer wieder deutlich, dass viele SchülerInnen zwar sehr weit zählen können, ihnen der Aufbau der Zahlwortreihe und die Beziehung zwischen Zahlen und Mengen aber weitgehend verborgen bleibt. Das Aufsagen der Zahlwortreihe von 1 bis 10 beinhaltet noch kein mathematisches Verständnis für den Zahlbegriff, da ein/e SchülerIn lediglich zehn Wörter aneinander reiht, die in der Regel auswendig gelernt wurden. Sagt man den SchülerInnen z.B., dass sie nicht für acht Personen den Tisch decken müssen, da ein/e SchülerIn nicht da ist, so können sie die Anzahl der benötigten Teller meist nicht spontan ermitteln, da ihr Zugang zur Zahlwortreihe rein rhythmisch-mechanisch ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung erläutert die Bedeutung mathematischer Bildung an Schulen für Praktisch Bildbare und stellt die Forschungsfrage zur gezielten Förderung des Zahlbegriffs bei Schülerinnen mit geistiger Behinderung.
2. Vom pränumerischen Bereich zum Zahlbegriffserwerb: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen dar, indem es den Aufbau mathematischer Fähigkeiten vom vorzahligen Bereich bis zum Verständnis der verschiedenen Aspekte des Zahlbegriffs erläutert.
3. Motive für die Auswahl des Diagnose- und Förderkonzepts und Bezug zum Lehrplan: Hier werden die Gründe für die Wahl des struktur- und niveauorientierten Konzepts nach Kutzer dargelegt und die Förderung didaktisch durch aktuelle Lehrplanvorgaben begründet.
4. Vorüberlegungen und Rahmenbedingungen: Dieses Kapitel beschreibt die institutionelle Umgebung der Differenzierungsgruppe und begründet die Auswahl der beiden Schülerinnen Laura und Kübra für die intensive Fördersequenz.
5. Diagnostik: Hier werden das verwendete informelle Diagnoseverfahren vorgestellt und der spezifische Lernstand sowie die Voraussetzungen der beiden Schülerinnen zu Beginn der Förderung detailliert analysiert.
6. Förderung: Dieses Kapitel bietet einen Einblick in die konkrete pädagogische Arbeit, indem es Förderschwerpunkte benennt, Arbeitsmaterialien beschreibt und eine exemplarische Förderstunde darstellt.
7. Ergebnisse der Förderung: Hier wird der Lernzuwachs der beiden Schülerinnen ausgewertet und reflektiert, wobei der Fokus auf den Fortschritten in den Bereichen Mengenauffassung und Zahlbegriff liegt.
8. Reflexion und Ausblick: Das letzte Kapitel schließt die Arbeit mit einer zusammenfassenden Beurteilung der Förderergebnisse und leitet Konsequenzen für eine zukünftige, langfristig angelegte förderdiagnostische Arbeit ab.
Schlüsselwörter
Mathematik, Förderschule, geistige Entwicklung, Zahlbegriff, Mengenauffassung, Pränumerik, Diagnostik, Förderung, Klassifikation, Seriation, Anzahlinvarianz, Schülerinnen, Unterrichtsgestaltung, Alltagskompetenz, Lernvoraussetzungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der mathematischen Förderung von Schülerinnen mit einer geistigen Beeinträchtigung in der Haupt-Werkstufe einer Schule für Praktisch Bildbare.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung mathematischer Vorläuferkompetenzen, dem Zahlbegriffserwerb, dem pränumerischen Bereich sowie der Anwendung spezifischer Diagnose- und Fördermaterialien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, ob der Zahlbegriff bei Schülerinnen mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung durch ein systematisches, struktur- und niveauorientiertes Lernkonzept inhaltlich vermittelt und gefestigt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein informelles diagnostisches Verfahren genutzt, das auf einer steten Beobachtung und einer systematischen Einzelfallanalyse nach Kutzer basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, die Darlegung des Diagnosekonzepts, die Beschreibung der Rahmenbedingungen und der Lernvoraussetzungen sowie eine detaillierte Darstellung der durchgeführten Fördermaßnahmen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zahlbegriff, Mengenauffassung, Förderschule, Diagnostik, Inklusion, Klassifikation, Seriation und sonderpädagogische Förderung.
Warum wurden gerade Laura und Kübra für die Förderung ausgewählt?
Die Auswahl erfolgte aufgrund ihrer unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, was eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Förderung ermöglichte, gepaart mit ihrer hohen Motivation und Lernbereitschaft.
Welche Rolle spielt die Anzahlinvarianz in der Förderung?
Die Anzahlinvarianz ist eine grundlegende Voraussetzung für den sicheren Zahlbegriff. Da diese bei Kübra zu Beginn der Arbeit nicht vollends gesichert war, bildete die gezielte Förderung dieses Aspekts einen Schwerpunkt ihrer Arbeit.
- Quote paper
- Judith Düringer (Author), 2008, Mathematik in der Haupt-Werkstufe einer Schule für Praktisch Bildbare – Versuch der gezielten Entwicklung und Förderung von Zahlbegriff und Mengenauffassung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126113