Nachhaltigkeit – eine angemessene Zukunftsstrategie?


Essay, 2007
4 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Ein Begriff, den erstmals die Forstwirtschaft des 18. Jahrhunderts gebrauchte, hat seit kurzem eine unverhoffte Konjunktur: die Nachhaltigkeit ist heute in aller Munde. Kein Politiker, der gegen den Begriff der Nachhaltigkeit argumentieren würde, kein Wahlkampf, in dem nicht auch die Nachhaltigkeit politischen Handelns beschworen würde. Handelt es sich bei dem Be­griff der Nachhaltigkeit vielleicht nur um ein Gummiwort? Ist er Pflichtbestandteil der poli­tischen Rhetorik? Und sonst nichts weiter? Ist das Konzept der Nachhaltigkeit ein politisches Konzept mit Tragkraft? Ist Nachhaltigkeit eine angemessene Zukunftsstrategie?

Ursprünglich galt der Begriff der Nach­haltigkeit einer Bewirtschaftungsform von Wäldern, die darauf ausgerichtet war, dass auf einer Forstfläche in einem bestimmten Zeitraum nur so viele Bäume gefällt werden, wie im selben Zeitraum nachwachsen können. Neben der Forstwirtschaft erlebt der Begriff der Nachhaltigkeit seit den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einem ganz anderen Zusammenhang eine Renaissance: Umwelt-, Sozial-, und Wirtschaftspolitik werden seitdem immer sträker unter dem Blickwinkel ihrer Nachhaltigkeit betrachtet und unter diesem Blickwinkel bewertet. Nachhaltig ist in diesem Zusammenhang jede Handlungsweise, die eigene Bedürfnisse befriedigt und zugleich darauf ausgerichtet ist, dass auch nachkommende Generationen die Möglichkeit haben, ihre Bedürfnisse in derselben Weise zu befriedigen.

Dies ist kein Zufall: durch die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft, immer kosten­günstigere und schnellere globale Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten ist die kurzfristige globale Konkurrenzfähigkeit von Wirtschaften und Staaten zunehmend in den Vordergrund des politischen und wirtschaftlichen Interesses gerückt. Der enorme globale Konkurrenzdruck befördert Systeme, die auf Ausbeutung und damit auf einer unnachhaltigen Struktur beruhen. Ganz gleich, wer ausgebeutet wird, ob Einzelne Arbeiter (sozial unnachhaltig), ganze Staaten (wirtschaftlich unnachhaltig) oder Öko­systeme (ökologisch unnachhaltig): unnachhaltiges Wirtschaften über Jahrzehnte hinweg hat verschiedene Entwicklungen beschleunigt, die in dieser Form nicht mehr lange aufrecht zu erhalten sind. Die Folgen der sozialen, ökono­mischen und ökologischen Ausbeutung tragen wir selbst nur zu einem kleinen Teil. Unsere nachfolgenden Gene­rationen hingegen haben die Last mehrerer Generationen zu tragen, die sich Jahrzehnte vor ihnen nicht um nachhaltige Sozial-, Wirtschafts- und Umweltstrukturen bemüht haben.

Im Jahr 2002 plädierte die Enquetekommission des Deutschen Bundestages in ihrem Schluss­bericht deshalb dafür, Nachhaltigkeit zu einem integrativen Bestandteil der Gesellschaftspolitik zu machen. Auch wird der Konflikt der Offenheit der regulativen Idee nachhaltiger Entwicklung einerseits und der Verbindlichkeit konkreter Implementations­ansätze nachhaltiger Politik andererseits angesprochen. In diesem Zusammenhang wird auch die Problematik der Opera­tio­nali­sierung von Nachhaltigkeitskonzepten in konkrete Politik beleuchtet. Der Bericht weist ferner auf die Umsetzungsprobleme und -Chancen nachhaltiger Politik im Zusammen­hang mit der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung hin. In diesem Kontext wird auch ein globaler Ordnungsrahmen angemahnt, um nachhaltiges Wirtschaften durchzusetzen. Konkrete Vorschläge allerdings werden nur andeutungsweise vorgelegt. Auch der sehr weite Begriff von Nachhaltigkeit, bei der die ökologische Komponente lediglich Teilgröße öffentlicher Güter und ökologische Probleme vor allem in einem anthropozentrischen Zusammenhang betrachtet werden, stellt durchaus eine Um­formung des ursprünglichen Konzeptes der Nachhaltigkeit dar. Nicht nur die Höherstellung intra­generativer vor intergenerative Zielstellungen lässt eine deutliche Abschwächung des Kerns der Nachhaltigkeitsidee erkennen, auch die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen als Kern­element der Nachhaltigkeit nehmen nur noch eine Nebenrolle ein.

Kritiker des Nachhaltigkeitsbegriffs argumentieren entsprechend, Nachhaltigkeit sei nur ein „Gummiwort“, welches für ganz unterschiedliche und teils gegensätzliche Ziele verwendet würde. So gibt es neben altruistischen Zielen, etwa der Erhaltung von Ökosystemen oder sozialer Gerechtigkeit, auch durchaus rein wirtschaftspolitische Zielstellungen, die unter dem Begriff der Nachhaltigkeit subsumiert werden. Neben Umweltorganisationen und politischen Parteien nutzen auch Wirtschaftsunternehmen den Begriff der Nachhaltigkeit, um ihr Handeln zu legitimieren. Zugespitzt kann man sagen, dass ein Chemiekonzern natürlich daran interessiert sein muss, nachhaltig Gewinne zu erwirtschaften. Es stellt sich allerdings die Frage, ob bei dieser Gewinnerwirtschaftung soziale und ökologische Faktoren gleichermaßen beachtet werden, wie das Ziel einer nachhaltigen Gewinnerwirtschaftung. Die Europäische Strategie für eine nachhaltige Entwicklung von 2002 basiert vor allem auf dem Ziel, die EU zum „wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen – einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen“.[1] Es lässt sich leicht erkennen, dass in einer Nachhaltigkeitsstrategie das Primat der öko­logischen Dimension keineswegs eine notwendige Bedingung ist und sich unter dem Nimbus der Nachhaltigkeit vielmehr eine ganze Anzahl verschiedenster arbeitsmarkt-, wirtschafts- und sozialpolitischer Ziele verbinden lassen. Nachhaltig ist an vielen Stellen der politischen Rhetorik all das, was kurz vorher noch „zukunftsträchtig“, „konsequent“ oder „tragfähig“ war.

Diese Beispiele sehr weiter Nachhaltigkeitsdefinitionen und die Verwendung des Nachhaltigkeits­begriffs in gänzlich verschieden­artigen Zusammenhängen und Absichten lassen den Verdacht aufkommen, Nachhaltigkeit werde überwiegend als ein weitgehend sinn­leeres Legitimationswort gebraucht. Die definitorische Unbestimmtheit des Nachhaltigkeits­begriffs zeigt sich auch darin, dass es bisher keine einheitliche wissenschaftliche Begriffs­bestimmung gibt, die den Begriff der Nachhaltigkeit präzise eingrenzen würde. Ist Nach­haltigkeit also vor allem Pflichtbestandteil eines erfolgreichen political wordings ?

Ja und nein. Sicherlich hat der Begriff im Moment Hochkonjunktur und ist dadurch an verschiedenen Stellen, etwa in Wahlprogrammen politischer Parteien, einem gewissen Verschleiß ausgesetzt. Dennoch ist die Trias ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit ein brauchbares Leitbild für die Ausrichtung globaler politischer Entscheidungen. Die Transformation der Umweltpolitik hin zur politikfeld­über­greifen­den Nachhaltigkeitspolitik bedeutet für globale umwelt- und klimapolitische Ziele eine deutlich wahrscheinlichere Erreichung. Ziele der Entwicklungspolitik hängen oft­mals sehr eng mit Umweltpolitischen Fortschritten zusammen. Sozialpolitische Erfolge haben, besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern oftmals ganz wesentlich mit den Erfolgen der Umweltpolitik zu tun. Werden diese „drei Säulen“ der Nachhaltigkeit als eine integrative Politikstrategie und nicht als voneinander getrennte, womöglich konkurrierende und sich gegenseitig ausschließende und verdrängende Politikfelder betrachtet, so ergeben sich auch für jedes einzelne dieser Politikfelder bessere Chancen zur Verwirklichung der einzelnen politischen Ziele.

[...]


[1] Europäische Kommission: Nachhaltige Entwicklung in Europa für eine bessere Welt:

Strategie der Europäischen Union für die nachhaltige Entwicklung, Brüssel 2002, S. 2.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Nachhaltigkeit – eine angemessene Zukunftsstrategie?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Insitut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Aktuelle Herausforderungen der Weltpolitik
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
4
Katalognummer
V126162
ISBN (eBook)
9783640315185
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachhaltigkeit, nachhaltige Entwicklung, Umweltpolitik, Ökologie, Politik, Internationale Politik, nachhaltig
Arbeit zitieren
Konrad Gähler (Autor), 2007, Nachhaltigkeit – eine angemessene Zukunftsstrategie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126162

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