Das Rolandslied des Pfaffen Konrad ist eines der bekanntesten Epen der mittelhochdeutschen
Sprachepoche. Als Adaption der französischen „Chanson de Roland“
schildert es den Kreuzzug der Gefolgschaft Karls des Großen nach Spanien gegen
die dort ansässige heidnische Bevölkerung. Seinem Ziel – der vollkommenen Bekehrung
der spanischen Bevölkerung – sehr nahe, widersträubt sich nur noch die
Stadt Saragossa unter der Herrschaft des Königs Marsilie seiner Unterwerfung.
Im Mittelpunkt der Erzählung, die schließlich im Sieg der Christen über die heidnischen
Heerscharen endet, steht bis zu seinem Tod der Kreuzritter und Neffe Karls:
Roland.
[...]
Besonders mit der Thematik des Martyriums und der Gottesgegenwart im Kampf
Rolands und seiner Mitstreiter gegen die Heiden soll sich diese Arbeit befassen. Vor
allem die direkten Parallelen des Epos zur Heiligen Schrift der Bibel sollen aufgedeckt
und erörtert werden. Neben dem Verrat Geneluns und dem märtyrerischen Tod
Rolands gilt es dabei auch die beschriebenen Himmelszeichen und Naturgewalten
Gottes während der Schlacht zu untersuchen und eventuelle Bezüge zu biblischen
Beschreibungen zu klären.
Ich möchte zu Beginn vor allem auf die hauptsächlich interpretatorische und erörternde
Absicht dieser Arbeit hinweisen, die sich nicht auf eine große Anzahl von
Sekundärquellenbezügen stützt, sondern viel mehr darauf bedacht ist, sich der
Primärquelle, dem ursprünglichen Text – in direktem Bezug zur Passionsgeschichte
des Neuen Testaments – sensibel zu nähern.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verrat
2.1 Umstände des Verrats
2.2 Motive der Verräter
3. Gotteszeichen
3.1 Vorbemerkungen
3.2 Konkrete Gotteszeichen
3.2.1 Gott als Kraftspender
3.2.2 Wiederauferstehung
4. Martyrium
4.1 Vorbemerkungen
4.2 Vergleich der Martyrien Rolands und Jesu Christi
4.2.1 Vergleich der Bestrafungen der Verräter
4.2.2 Vergleich der Reaktionen auf das bevorstehende Martyrium
4.2.3 Vergleich der konkreten Leidensgeschichten
4.2.4 Vergleich der beiden Todesszenen
4.2.5 Vergleich der Naturerscheinungen nach dem Tod
5. Zusammenfassung
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die inhaltlichen Parallelen und Unterschiede zwischen dem Martyrium des Helden Roland im Rolandslied des Pfaffen Konrad und der biblischen Passionsgeschichte Jesu Christi, um die ideologische Instrumentalisierung dieser Motive für die Kreuzzugspropaganda zu analysieren.
- Vergleichende Analyse des Verratsmotivs
- Gotteszeichen und ihre biblische Analogie
- Struktur und Inszenierung des Märtyrertodes
- Die Rolle von Naturphänomenen als göttliche Intervention
- Kritische Reflexion der Heldenheroisierung im Mittelalter
Auszug aus dem Buch
4.2.4 Vergleich der beiden Todesszenen
Eine detaillierte Beschreibung der Kreuzigung Jesu bietet keiner der vier Evangelisten. Dem Rezipienten wird nur mitgeteilt, dass er von Knechten Pilatus’ auf den Berg Golgatha geführt wird. Der auf diese Beschreibung direkt folgende Satz beginnt bei allen Evangelisten sinngemäß, wenn nicht gar im identischen Wortlaut: „Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, […]“.
Interessant ist der Kontakt, den beide Figuren im Angesicht ihres nahenden Lebensendes mit dem Himmel aufnehmen: Während Jesus noch einmal seine Verzweiflung mit den Worten „Eloi, Eloi, lama sabachthani? Was verdolmetscht ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ gen Himmel richtet, tritt Roland auf eine andere Art mit seinem Schöpfer in Kontakt: Er zieht seinen Handschuh von der Hand, „in gegen dem himel er in bôt, / den nam der vrône bote von sîner hant.“ Das dieser Moment als Glorifizierung Rolands, ja gar als seine Heiligsprechung verstanden werden darf, bestätigen auch die darauffolgenden Verse: des ist der helt Rǒlant von aller christenheit gêret, also uns daz půch lêret.
Die wohl eindeutigste Parallele im Sterben beider Charaktere liegt in der Körperhaltung zum Zeitpunkt des Todes: Jesus, der laut allen vier Evangelien „gekreuzigt“ wird, stirbt also in einer geraden Haltung, beide Arme von sich gestreckt. Dieses Symbol des Kreuzestodes übernimmt das Rolandslied in der Form, dass es davon berichtet, dass Roland – bevor er einen letzten Monolog, in dem er seine Seele unverzagt in die Hände Gottes legt, gen Himmel richtet – in „crûcestal“, also in der Form eines Kreuzes zu Boden fällt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Rolandslied, die historische Einbettung der Kreuzzüge und die methodische Absicht der Arbeit, primärquellenbezogene Analogien zum Neuen Testament aufzuzeigen.
2. Verrat: Untersuchung des Verrats als zentrales Motiv bei Roland und Jesus, wobei die Verräter Genelun und Judas trotz analoger Struktur in ihrer Motivation und Rolle stark kontrastiert werden.
3. Gotteszeichen: Analyse der Methode der biblischen Transfiguration, anhand derer Roland als eine an biblische Vorbilder angelehnte, gottgestärkte Figur dargestellt wird, insbesondere durch himmlische Phänomene.
4. Martyrium: Tiefgehender Vergleich der Leidenswege, Todesszenen und Begleiterscheinungen, wobei die bewusste Heroisierung Rolands im Gegensatz zur Demut Jesu hervorgehoben wird.
5. Zusammenfassung: Resümee über die bewusste Anpassung biblischer Elemente zur Stärkung der christlichen Mission und Legitimierung der Kreuzzüge im Mittelalter.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen für die wissenschaftliche Untersuchung.
Schlüsselwörter
Rolandslied, Pfaffe Konrad, Martyrium, Passionsgeschichte, Jesus Christus, Verrat, Bibelanalogie, Kreuzzüge, Transfiguration, Heldenepos, Mittelalterliche Literatur, Gotteszeichen, Genelun, Heroisierung, Religionsdiskurs
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Rolandslied des Pfaffen Konrad in direkter Gegenüberstellung mit dem biblischen Leidensweg Jesu Christi, um die literarische Gestaltung des Helden Roland als Märtyrer zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Motive des Verrats, die Darstellung göttlicher Zeichen, die Analyse des Martyriums und die Frage, wie diese Motive zur Kreuzzugsideologie beitragen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Parallelen und bewussten Abweichungen zwischen der Darstellung Rolands und der Passionsgeschichte aufzudecken, um die Intention des Autors hinsichtlich der Heroisierung des Helden zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen interpretatorischen Ansatz, der sich eng an der Primärquelle orientiert und mittels „bibelanaloger Transfiguration“ die strukturellen und inhaltlichen Verbindungen zum Neuen Testament freilegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Verratsumständen, Gotteszeichen (wie himmlische Stärkung), den Vergleich der Leidensgeschichten und eine Untersuchung der Naturerscheinungen bei den Toden von Roland und Jesus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Rolandslied, Martyrium, Kreuzzugsideologie, biblische Transfiguration und Heldenheroisierung definieren den inhaltlichen Kern.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Verräters Genelun von der des Judas Iskariot?
Während Judas bei den Evangelisten eine Einzelfigur bleibt, die nach der Tat Reue zeigt, wird Genelun als politisch kalkulierender Verräter dargestellt, der seine Tat nie bereut und deren Ausmaß ganze Heerscharen betrifft.
Warum wird Roland als „unverwundbar“ dargestellt, obwohl er den Märtyrertod stirbt?
Die Heroisierung verlangt, dass Roland im physischen Kampf gegen die Heiden als unbesiegbar gilt; sein Leiden wird daher in die psychische Ebene (Trauer um Gefährten) verlagert, um den Heldenstatus zu bewahren.
Welche Funktion erfüllen die Naturerscheinungen beim Tod Rolands?
Die Naturphänomene, die über die biblischen Berichte hinausgehen, dienen im Rolandslied als Machtdemonstration Gottes und sollen die Größe des Verlustes unterstreichen sowie die Vorstellung eines Weltendes evozieren.
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- Markus Mehlig (Author), 2009, Martyrium in Rolandslied und Neuem Testament - Ein Vergleich , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126191