Als Serbien am 23.Juli 1914 die Forderungen, die Österreich-Ungarn nach dem Attentat von Sarajevo an sie gestellt hatte, zurückwies, hatten sie damit eine Entscheidung getroffen, die letztlich den Ausbruch des ersten Weltkrieges zur Folge hatte. Diese Konsequenz des serbischen Handelns war die Ursache dafür, daß die Vorgänge, die mit der östereichischen Begehrnote vom 23. Juli zusammenhängen, von großem Interesse für die Forschung war und ist.
Dies gilt auch für die Gründe für das serbische Handelns. Ihnen mußte, wie diese Arbeit zeigen wird, klar sein, daß die Nichterfüllung aller österreichischen Forderungen sehr wahrscheinlich einen Krieg mit der Doppelmonarchie nach sich ziehen wird. Somit war die Entscheidung über die Beantwortung dieser Note eine Frage um Krieg oder Frieden.
In dieser Hausarbeit soll nun erörtert werden, welche Ziele die serbische Regierung mit dieser Entscheidung verbunden hatte und was sie zu dieser Handlungsweise veranlasst hat. Weniger Raum wird dabei den südslawischen Plänen der Serben gegeben, zum Einen wegen des beschränkten Umfangs der Arbeit und zum Anderen, weil diese eine nur geringe Rolle in den 48 Stunden Bedenkzeit, die die Serben hatten, spielte und diese erst im späteren Verlauf des Krieges auf der Tagesordnung standen.
In dieser Arbeit wird zunächst die Vorgeschichte der Beziehungen beider Staaten analysiert, um historische Gründe für die spätere Haltung der serbischen Regierung zu finden, dann wird untersucht werden, welcher Art die gestellten Forderungen waren und welche Absicht man in Wien damit verband. Besonders interessant ist hierbei, ob die Serben überhaupt eine Wahl bei der Beantwortung gehabt haben. Dann wird erörtert, was für innenpolitische Gründe für und wider den Krieg sprachen. Zuletzt soll dann noch der Einfluß des Auslandes und insbesondere Rußlands auf die Serben dargestellt werden.
Diese Hausarbeit stützt sich im wesentlichen, neben den Akteneditionen, auf die Werke von Albertini, Fish Cornwall und Fay, da diese den Vorteil einer relativ neutralen Haltung zu diesem Thema haben. Den übrigen Werken ist zum Teil, angesichts der Bedeutung dieser Frage bezüglich der Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg, eine einseitige Sichtweise zu eigen, was eine objektive Arbeit damit erschwert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.Geschichte der Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien bis zum Ultimatum vom 23.Juli 1914
1.1 Bis 1903
1.2. Ab 1903 bis zur Julikrise
1.3 Attentat von Sarajevo
2. Das österreichische Ultimatum an Serbien
2.1 Ziele Österreich-Ungarns
2.2 Übergabe und Inhalt des Ultimatums
2.3 Antwort Serbiens
3. Innenpolitische Gründe Serbiens für die Ablehnung
3.1 Militärische Lage Serbiens nach den Balkankriegen
3.2. Stellung der „Schwarze Hand“ und ihre Beteiligung am Attentat
3.3 Der Prioritätsstreit und Auswirkungen auf das serbische Handeln
4. Einfluß des Auslandes auf die serbische Entscheidung
4.1 Einfluß anderer Staaten auf serbische Entscheidung
4.2 Russischer Einfluß
Zusammenfassung / Ergebnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen und politischen Gründe, die die serbische Regierung dazu bewogen haben, das österreichische Ultimatum vom 23. Juli 1914 nicht vollständig zu akzeptieren, obwohl die Gefahr eines Krieges mit der Doppelmonarchie als unmittelbar bevorstehend erkannt wurde. Dabei steht die Frage im Zentrum, ob die Entscheidung für oder gegen den Krieg eine bewusste Wahl war und welche innenpolitischen sowie außenpolitischen Faktoren dieses Handeln beeinflussten.
- Historische Analyse der serbisch-österreichischen Beziehungen seit 1903
- Die Rolle Österreich-Ungarns und die Absichten hinter dem Ultimatum
- Innenpolitische Instabilität Serbiens, einschließlich der Rolle der „Schwarzen Hand“
- Einfluss Russlands und anderer europäischer Mächte auf die serbische Entscheidung
- Bewertung der Handlungsspielräume der serbischen Regierung in der Julikrise
Auszug aus dem Buch
1.2. Ab 1903 bis zur Julikrise
Am 11. Juni 1903 wurde der bis dahin regierenden Königs Aleksandar durch einige Offiziere, darunter der später so wichtige Dragutin Dimitrijevic, genannt Apis, grausam ermordet. Es gelangte der neue König Petar I aus dem Geschlecht der Karadjordjevic auf den Thron. Nun änderte sich die Politik Serbiens auf aussen- und innenpolitischer Ebene. Im Land selbst trat ein strikter Konstitutionalismus an die Stelle der eher autoritären Regierungsweise des vorherigen Königs, es wurden demokratische Prinzipien wie u.a. eine freie Presse und auch ein für die damalige Zeit sehr liberales Wahlrecht eingeführt.
Die Regierung übernahm die stärkste Partei des Landes, die Radikalen, deren Gründer Nicolae Pasic Ende 1904 Ministerpräsident wurde. Diese Partei war prorussisch eingestellt und sah die Donaumonarchie als den Feind ihres Staates an. Ihre Politik war auf eine Vereinigung aller Serben ausgerichtet, was neben denjenigen in den verbliebenen osmanischen Gebieten auch die in Bosnien-Herzegowina und den Siedlungsgebieten von Serben in Österreich-Ungarn mit einschloß.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der serbischen Antwort auf das österreichische Ultimatum als Weichenstellung für den Ersten Weltkrieg sowie die Darlegung der Forschungsabsicht.
1.Geschichte der Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien bis zum Ultimatum vom 23.Juli 1914: Analyse der historischen Entwicklung und Spannungen zwischen den beiden Staaten von 1878 bis zum Attentat von Sarajevo.
2. Das österreichische Ultimatum an Serbien: Darstellung der österreichischen Kriegsziele, des Inhalts der Note und der darauf folgenden serbischen Antwort.
3. Innenpolitische Gründe Serbiens für die Ablehnung: Untersuchung der internen Faktoren, wie die militärische Lage, der Einfluss der Geheimgesellschaft „Schwarze Hand“ und innenpolitische Machtkämpfe, die die serbische Entscheidung beeinflussten.
4. Einfluß des Auslandes auf die serbische Entscheidung: Erörterung der Rolle ausländischer Mächte, insbesondere Russlands, bei der Haltungsfindung der serbischen Regierung.
Zusammenfassung / Ergebnis: Synthese der Ergebnisse zur Frage, warum Serbien das Ultimatum ablehnte und welche Faktoren dabei ausschlaggebend waren.
Schlüsselwörter
Julikrise, Serbien, Österreich-Ungarn, Ultimatum, Erster Weltkrieg, Schwarze Hand, Dragutin Dimitrijevic, Außenpolitik, Innenpolitik, Kriegsschuld, Russische Diplomatie, Balkan, Souveränität, Nicolae Pasic.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Hintergründe der Entscheidung der serbischen Regierung, das österreichische Ultimatum vom Juli 1914 nicht vollständig zu akzeptieren, was den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur Folge hatte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die historische Vorgeschichte der serbisch-österreichischen Beziehungen, die innenpolitische Lage Serbiens, den Einfluss ausländischer Mächte und die Analyse diplomatischer Dokumente.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Beweggründe der serbischen Regierung zu identifizieren und zu erörtern, ob die Ablehnung des Ultimatums eine bewusste Entscheidung für den Krieg oder eine Reaktion auf innenpolitische Zwänge war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Quellenanalyse, wobei neben Akteneditionen auch auf Standardwerke der Forschung zu diesem Thema zurückgegriffen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorgeschichte, die Analyse des Ultimatums selbst, die innenpolitischen Schwierigkeiten Serbiens (wie den Einfluss des Militärs und der "Schwarzen Hand") sowie den Einfluss Russlands auf die serbische Entscheidung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Julikrise, Schwarze Hand, Kriegsschuld, österreichisches Ultimatum und serbische Unabhängigkeit.
Welche Rolle spielte die Geheimgesellschaft "Schwarze Hand" für die serbische Haltung?
Die "Schwarze Hand" übte als radikale Kraft einen enormen Druck auf die Regierung aus, was ein Nachgeben gegenüber Österreich-Ungarn innenpolitisch höchst gefährlich und riskant für die Regierung machte.
Zu welchem Ergebnis kommt der Autor bezüglich der serbischen Entscheidung?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass sich Serbien bewusst für einen Krieg entschied, primär um die eigene Unabhängigkeit und Einigkeit zu wahren, wobei die innenpolitische Situation ein Nachgeben unmöglich machte.
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- M. A. Jochen Lehnhardt (Author), 2001, Gründe der serbischen Regierung für die Ablehnung des österreichischen Ultimatums am 25. Juli 1914, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126219