Das bist du - Tat twam asi. Diese buddhistische Glaubensformel hat der Autor Friedrich Wolf
in seinem Drama „Das bist du” zum Thema gemacht. Aus dieser Religion kommt der Glaube,
daß jeder Mensch schon einmal gelebt hat. Daß jeder mit jedem verwandt ist beziehungsweise
einmal verwandt war. „Wir erleben nichts anderes als irgendwann einmal als Tat von uns
selbst ausgegangen ist.”1 Die Anhänger des buddhistischen Glaubens sehen daher in
unbekannten Menschen keine Fremden, weil man sich aus einem früheren Leben kennt: „Das
bist du noch einmal, gestalt-gewordene eigene Vergangenheit, gestalt-gewordene eigene
Tat.”2 Jeder ist also immer „früherer Folge Folge”.3 Warum hat Friedrich Wolf diese
buddhistische Lehre in seinem Drama verwendet? Gelangte solch ein Werk überhaupt zu
einer Aufführung auf der Bühne? Und falls ja, was schrieben die Kritiker? Hinzu kommt, daß
Friedrich Wolf sich in mehreren Artikeln gegen die naturalistische Bühnengestaltung
ausgesprochen hat.4 Wie hat er aber dann eine Aufführung von seinem Drama „Das bist du”
realisiert? Mußten da nicht notgedrungen Kompromisse eingegangen werden? Oder fand
Wolf Unterstützung bei ähnlich Denkenden?
In dieser Arbeit werde ich diese Fragen zu beantworten versuchen. Der Schwerpunkt wird
dabei auf den Fragen der Realisierung des Bühnenbildes und den Pressestimmen liegen.
Warum aber ist meine Wahl nun eigentlich ausgerechnet auf das Drama „Das bist du”
gefallen? In der Sekundärliteratur wird diesem Drama oftmals nur ein kurzer Absatz, eine
Erwähnung zugestanden.5 Jedoch wichtig im literarischen Schaffen Friedrich Wolfs ist dieses
Werk insofern, daß es das erste dramatische Werk des Autors ist.6 Ebenso das erste
Schauspiel7, zeigt also Wolfs Schritt zur Bühne. Die Möglichkeiten der Gestaltung eines
Bühnenbildes wurden bei der Uraufführung stark erweitert, revolutioniert. Auf diesen Punkt
werde ich später genauer eingehen. In der heutigen Zeit jedoch scheint das Drama keine große
Rolle zu spielen, denn es war mir nicht möglich, heutige Aufführungen oder Aufführungsorte
von „Das bist du” zu finden.
1Internet: http://www.uni-marburg.de/dir/GRUPPEN/interku/ejgr_dialogerituale.html
2Internet: http://www.uni-marburg.de/dir/GRUPPEN/interku/ejgr_dialogerituale.html
3Wolf: Das bist du. S. 99.
4vgl. zum Beispiel Friedrich Wolf: Die expressionistische Bühne. Eine Forderung.
5vgl. zum Beispiel Schriftsteller der Gegenwart. S. 84.
6vgl. Pollatschek: Friedrich Wolf. S. 48.
7vgl. Schriftsteller der Gegenwart. S. 84.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Thesenformulierung
2. Forschungssituation
3. Der Weg zur Aufführung
4. Die Kunstdebatte zwischen Friedrich Wolf und Berthold Viertel
5. Die Entwürfe Conrad Felixmüllers zu „Das bist du“
6. Uraufführung und Pressereaktionen
7. Die kritisierenden Stimmen
8. Beseitigung der naturalistischen Elemente?
9. Kurze Schlußbemerkungen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe, die Uraufführung sowie die zeitgenössische Rezeption des expressionistischen Dramas „Das bist du“ von Friedrich Wolf. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie die revolutionäre Bühnengestaltung unter Einbeziehung der künstlerischen Entwürfe von Conrad Felixmüller realisiert wurde und inwiefern sich die zeitgenössische Kritik von den innovativen, nicht-naturalistischen Elementen des Werkes beeinflussen ließ.
- Analyse der buddhistischen Einflüsse im Werk von Friedrich Wolf
- Untersuchung der Zusammenarbeit zwischen Wolf, Viertel und Felixmüller
- Bewertung der expressionistischen Bühnenästhetik und ihrer Realisierung
- Auswertung der zeitgenössischen Pressestimmen und Kritiken zur Uraufführung
- Reflexion über die Abkehr von naturalistischen Konventionen im Theater
Auszug aus dem Buch
4. Die Kunstdebatte zwischen Friedrich Wolf und Berthold Viertel
Dem Zusammenfinden von Friedrich Wolf, Conrad Felixmüller und Berthold Viertel war eine Kunstdebatte zwischen Wolf und Viertel vorausgegangen mit Hilfe ihrer in der Kunstzeitschrift „Der Zwinger“ veröffentlichten Aufsätze. Hier stritten der Dichter und der Theaterregisseur über die Darstellungsfähigkeiten auf einer Bühne. Friedrich Wolf forderte eine Revolution der Darstellungsmöglichkeiten, sprach für eine bewegliche Bühne im Gegensatz zum starren Raum: „Der Bühnenkörper muß sich [...] im labilen Gleichgewicht befinden.“ Wolf forderte auch nicht nur, sondern gab Lösungsmöglichkeiten an. Berthold Viertel reagierte und veröffentlichte in der gleichen Zeitschrift später ebenfalls einen Aufsatz. Auch seiner Meinung nach sei „die naturalistische Bühne zu eng und starr und leer“ und „die tausendfache Beziehung zwischen Mensch und Raum noch nicht annähernd ausgelebt.“
Aber einigen Forderungen Wolfs setzt Viertel die herrschenden Umstände einer Bühne entgegen: „Das Theater ist an die brutale Greifbarkeit seiner stofflichen Welt ganz anders gebunden.“ Berthold Viertel als Theaterregisseur spricht auch noch einen Punkt an, den Friedrich Wolf gar nicht erwähnt hat - den Schauspieler: „Neben dem Schauspieler ist alles, was sich auf der Bühne befindet, eine Wirklichkeit zweiter Ordnung.“ Hierauf schrieb nun wiederum Friedrich Wolf einen Beitrag, der ebenfalls im „Zwinger“ erschien.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Thesenformulierung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Realisierung von Friedrich Wolfs Drama unter Einbeziehung der expressionistischen Bühnengestaltung.
2. Forschungssituation: Darstellung der schwierigen Quellenlage bezüglich der Bühnengeschichte und zeitgenössischer Rezensionen des Stückes.
3. Der Weg zur Aufführung: Analyse der Zusammenarbeit von Wolf mit Conrad Felixmüller zur Überwindung technischer Hürden am Dresdner Schauspielhaus.
4. Die Kunstdebatte zwischen Friedrich Wolf und Berthold Viertel: Erörterung der theoretischen Auseinandersetzung über die Möglichkeiten einer neuen, nicht-naturalistischen Bühnensprache.
5. Die Entwürfe Conrad Felixmüllers zu „Das bist du“: Untersuchung der düsteren, symbolischen Bühnenentwürfe, die das expressionistische Wesen des Stücks unterstrichen.
6. Uraufführung und Pressereaktionen: Dokumentation des großen Zuschauerinteresses und der wohlwollenden Aufnahme des Stücks durch die Dresdner Presse.
7. Die kritisierenden Stimmen: Zusammenfassung der skeptischen Kritiken, die die Bühnentauglichkeit und Verständlichkeit des expressionistischen Dramas in Frage stellten.
8. Beseitigung der naturalistischen Elemente?: Evaluierung des Erfolgs der Bühnenrevolution durch die veränderliche Gestaltung des Raumes.
9. Kurze Schlußbemerkungen: Fazit zur erfolgreichen Uraufführung als entscheidender Schritt für Wolfs Laufbahn als Dramatiker.
Schlüsselwörter
Friedrich Wolf, Das bist du, Expressionismus, Dresdner Schauspielhaus, Conrad Felixmüller, Berthold Viertel, Bühnenbild, Uraufführung, Theaterkritik, Naturalismus, Lichtkunst, Bühnenrevolution, Literaturwissenschaft, Kunstdebatte, Aufführungsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des expressionistischen Dramas „Das bist du“ von Friedrich Wolf, wobei der Fokus auf den Hintergründen der Aufführung, der Bühnengestaltung und der zeitgenössischen Kritik liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung umfasst die Zusammenarbeit zwischen Dichter, Regisseur und Bühnenbildner, die Auseinandersetzung mit expressionistischen Theateridealen sowie die Rezeptionsgeschichte in der Dresdner Tagespresse von 1919.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Friedrich Wolf durch die Zusammenarbeit mit Conrad Felixmüller die Grenzen des naturalistischen Theaters sprengte und trotz anfänglicher technischer Bedenken eine erfolgreiche Uraufführung realisierte.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, bei der zeitgenössische Kritiken, Sekundärliteratur zu Friedrich Wolf und biographische Zeugnisse zur Bühnenentwicklung ausgewertet wurden.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Kunstdebatte zwischen Wolf und Viertel, der Analyse der Bühnenentwürfe von Felixmüller und der detaillierten Untersuchung der Pressereaktionen auf die Uraufführung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Das Dokument wird maßgeblich durch Begriffe wie Expressionismus, Bühnenbild, Friedrich Wolf, Uraufführung und Theaterkritik definiert.
Welche Rolle spielt Conrad Felixmüller in der Inszenierung?
Felixmüller lieferte nicht nur die Bühnenentwürfe, sondern revolutionierte durch seine kubischen Raumkonzepte und den Einsatz von Licht die Bühnengestaltung, was die Aufführung erst technisch ermöglichte.
Warum stieß das Werk auf gemischte Kritik?
Da es sich um das erste expressionistische Schauspiel Wolfs handelte, fehlten den Kritikern Vergleichsmöglichkeiten. Viele Rezensenten empfanden das Werk als intellektuell anspruchsvoll und die Verlebendigung lebloser Objekte auf der Bühne als teilweise fragwürdig.
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- Jenny Ebert (Author), 2001, Friedrich Wolf: Das bist du - Hintergründe, Uraufführung, Reaktionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12624