In dieser Hausarbeit soll das Sprachspiel mit Idiomen innerhalb des Prosawerks „Die Blechtrommel“ von Günter Grass beleuchtet werden. Hierbei soll vor allem hinsichtlich der kritischen Sprachreflexion Grass aufgezeigt werden, dass er durch seine besondere Art der Sprachverwendung, die Perspektive der literarischen Figur des Oskar Matzerath erschafft, die bewusst nicht vor dem Hintergrund eines voll zurechnungsfähigen Erwachsenenbewusstsein präsentiert wird. Diese Darstellung Oskar Matzeraths wird zumal durch den modifizierten Sprachgebrauch von Phrasemen bei Grass erreicht, der hier zugleich zum Schwerpunkt dieser Arbeit gemacht wird. Denn das Sprachspiel bei Grass „ist Ausdruck eines auf die Sprache reflektierenden Bewusstseins, das in der Sprache liegende Eigenschaften in der Absicht einer bestimmten Wirkung“ gekonnt ausnutzt. Sprachspiel bei Grass ist demnach ein wichtiges literarisches Stilmittel. Um dieses literarische Stilmittel von Günter Grass aufzuzeigen, soll in dieser Arbeit vor allem erläutert werden, inwiefern Grass verschiedene Arten der Modifikation von Phrasemen in „Der Blechtrommel“ zu welchem Zweck anwendet. Hierbei wird zum einen unterschieden zwischen formaler Modifikation, die keinerlei Auswirkungen auf die semantische Ebene hat, aber auch zwischen formaler Modifikation von Idiomen, die zugleich Auswirkungen auf semantischer Ebene erkennen lässt.
Die Besonderheiten von Substitutionen, die zu der zuletzt genannten Kategorie der Modifikationen zuzuordnen sind, sollen innerhalb eines spezifizierten Kapitels erläutert werden. Den Abschluss dieser Arbeit soll die Behandlung nach der Frage bilden, inwiefern Modifikationen in literarischer Hinsicht Möglichkeiten bieten Effekte inhaltlicher, sprachlicher und stilistischer Art in einem literarischen Werk zu manifestieren und worin die jeweiligen Grenzen der möglichen modifizierten Sprachspiele mit Idiomen liegen.
Das Faszinierende an Sprachspielen mit Idiomen bei Günter Grass ist hierbei, dass Grass sich die Sprache dienstbar macht und er dadurch mehr auszusagen vermag als das, was an Bedeutung in der idiomatischen Wendung selbst liegt. Denn die spielerische Verwendung von Idiomen bei Grass besteht immer darin, dass die jeweilige idiomatische und die wörtliche Bedeutung in ein Spannungsverhältnis zueinander gebracht werden, in dem dennoch die Dominanz der idiomatischen Bedeutung überwiegt auch wenn dem Rezipienten zugleich auch die wörtliche Bedeutung gegenwärtig ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Arten der Modifikation von Phrasemen und ihre Funktionen im literarischen Werk von Günter Grass
2.1 formale Modifikation ohne semantische Modifikation
2.2 formale Modifikation und semantische Modifikation
2.2.1 Arten der Substitution
2.2.2 Ambiguierung
2.2.3 Kontamination
2.2.4 Erweiterung von Idiomen
2.3 semantische Modifikation ohne formale Modifikation
2.3.1 Wörtliche Wiederaufnahme eines Idioms
2.3.2 Äquivalente Doppelbedeutung von Idiomen
2.3.3 Aktualisierung der wörtlichen Bedeutung eines Idioms
2.3.4 Syntagmatisch unverträglich verknüpfte Idiome
2.3.5 Häufung von Idiomen
3. Grenzen und Effekte von Modifikationen von Phrasemen
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sprachspiel mit Idiomen in Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel". Im Zentrum steht die Frage, wie Grass durch die gezielte Modifikation von Phrasemen die Perspektive seiner literarischen Figur Oskar Matzerath gestaltet und welche inhaltlichen, sprachlichen sowie stilistischen Effekte er damit erzielt, wobei insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen wörtlicher und idiomatische Bedeutung ausgelotet wird.
- Analyse verschiedener Arten der Modifikation von Phraseologismen
- Differenzierung zwischen formaler und semantischer Modifikation
- Untersuchung der spielerischen Verwendung von Sprache als Stilmittel
- Betrachtung der Interaktion zwischen Leseraktivität und Textgestaltung
- Diskussion der Grenzen von Modifikationen hinsichtlich ihrer Wiedererkennbarkeit
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Erweiterung von Idiomen
Die Modifikation eines Idioms im Sinne einer Erweiterung dient grundsätzlich dem gleichen Zweck, wie er für die vorgängige Gruppe von Sprachspielen geltend gemacht wurde. So wird das Idiom bewusst so verändert, dass es eine bestimmte kontextuelle Situation pointiert charakterisiert. Hierbei können Idiome durch Erweiterungen auf verschiedene Weise modifiziert werden. In dieser Arbeit sollen nun im Folgenden Modifikationen von Idiomen durch die Erweiterung des Nominalteils verbaler Idiome, sowohl die Erweiterung des Idioms durch die Bildung von Komposita und das Abtrennen des Nominalteils von verbalen Idiomen durch einen Relativsatz vorgestellt werden.
Bei der Erweiterung des Nominalteils verbaler Idiome kann z.B. das Substantiv des Idioms durch das Adjektiv, das zugleich zum Kontext des Textes passt, näher bestimmt werden. Dadurch wird erzielt, dass das Nomen aus der festen Einheit des Idioms herausgelöst und inhaltlich zum Kontext in Beziehung gesetzt wird. Ein Beispiel wäre hierfür:
„Dabei hast du bei all deiner zum halbbevölkten Himmel schreienden Unwissenheit vor, diese Stundenplanschule nie wieder zu betreten.“
Hierbei bestimmt das Adjektiv halbbevölkt das Substantiv Himmel näher. Halbbevölkt steht zugleich im Textzusammenhang, da dadurch eine negative und empörende Stimmung unterstrichen wird. Vergegenwärtigt man sich nun das zugrunde liegende Idiom etwas schreit zum Himmel, wird auch hier darauf aufmerksam gemacht, dass etwas Empörendes und Skandalöses vor sich geht. Durch diese Technik unterstreicht Grass die kontextuelle „empörende“ Situation.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Fokus auf Grass' Sprachreflexion und die bewusste Verwendung modifizierter Idiome zur Charakterisierung der Perspektive Oskar Matzeraths.
2. Arten der Modifikation von Phrasemen und ihre Funktionen im literarischen Werk von Günter Grass: Dieses Kapitel klassifiziert und analysiert systematisch die verschiedenen Techniken der Modifikation, von rein formalen Eingriffen bis hin zu komplexen semantischen Verschiebungen.
2.1 formale Modifikation ohne semantische Modifikation: Es wird erläutert, wie durch Ellipsen und zusammengeschriebene Phrasen der Leser zu aktiver sprachlicher Assoziation aufgefordert wird, ohne die Bedeutungsebene grundlegend zu verändern.
2.2 formale Modifikation und semantische Modifikation: Der Abschnitt befasst sich mit Modifikationen, die sowohl die äußere Form als auch die Bedeutung eines Idioms verändern, wobei Mechanismen wie Substitution und Ambiguierung im Vordergrund stehen.
2.2.1 Arten der Substitution: Dieser Unterpunkt behandelt die bewusste Ersetzung von Komponenten innerhalb eines Phraseologismus zur intentionalen Bedeutungsverschiebung.
2.2.2 Ambiguierung: Es wird aufgezeigt, wie durch Modifikation gleichzeitig eine phraseologische und eine wörtliche Lesart aktiviert werden, um ambivalente Interpretationsmöglichkeiten zu schaffen.
2.2.3 Kontamination: Hier wird die bewusste Vermischung mehrerer Phraseologismen als Stilmittel untersucht, um komprimierte Bedeutungseffekte zu erzielen.
2.2.4 Erweiterung von Idiomen: Dieses Unterkapitel analysiert Techniken, bei denen Idiome durch Adjektive, Komposita oder Relativsätze ausgedehnt werden, um sie stärker an den Textkontext anzubinden.
2.3 semantische Modifikation ohne formale Modifikation: Der Schwerpunkt liegt hier auf Idiomen, deren äußere Gestalt unverändert bleibt, die jedoch durch ihren starken Kontextbezug semantisch neu aufgeladen werden.
2.3.1 Wörtliche Wiederaufnahme eines Idioms: Es wird gezeigt, wie Grass Idiome durch den Kontext erneut aufgreift, um eine Beziehung zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung herzustellen.
2.3.2 Äquivalente Doppelbedeutung von Idiomen: Dieser Teil betrachtet Fälle, in denen trotz syntaktischer Normalität durch den Kontext eine Bedeutungsverschiebung provoziert wird.
2.3.3 Aktualisierung der wörtlichen Bedeutung eines Idioms: Hier wird untersucht, wie die Bildlichkeit eines Idioms so stark betont wird, dass die phraseologische Bedeutung zugunsten einer wörtlichen Deutung in den Hintergrund tritt.
2.3.4 Syntagmatisch unverträglich verknüpfte Idiome: Es wird analysiert, wie Grass durch die Verknüpfung von Idiomen mit semantisch inkompatiblen Objekten Verfremdungseffekte erzielt.
2.3.5 Häufung von Idiomen: Dieser Abschnitt thematisiert die Anhäufung von Idiomen, um auf den Sprechakt als solchen aufmerksam zu machen und komplexe neue Sinnzusammenhänge zu generieren.
3. Grenzen und Effekte von Modifikationen von Phrasemen: Das Kapitel diskutiert die Voraussetzungen für die Wirksamkeit dieser Sprachspiele, insbesondere die notwendige Wiedererkennbarkeit des Ausgangsidioms.
4. Resümee: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und gibt Ausblicke auf weiterführende literaturwissenschaftliche Fragestellungen.
Schlüsselwörter
Günter Grass, Die Blechtrommel, Phraseologie, Idiome, Sprachspiel, Modifikation, Substitution, Ambiguierung, Kontamination, Erweiterung, semantische Modifikation, Sprachreflexion, Oskar Matzerath, Literaturwissenschaft, Stilmittel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Sprachspiel mit Idiomen in Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" und analysiert, wie die Modifikation fester Wendungen als literarisches Stilmittel fungiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Klassifikation verschiedener Arten von Modifikationen, die Unterscheidung zwischen formalen und semantischen Eingriffen sowie deren Funktion im literarischen Kontext des Romans.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Grass durch verschiedene Modifikationsarten der Phraseme die Perspektive von Oskar Matzerath gestaltet und welche Effekte – etwa die Aktivierung des Lesers oder das Erzeugen ambivalenter Interpretationen – dadurch erzielt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich primär auf die phraseologische Theorie (unter anderem nach Harald Burger und Blanche-Marie Schweizer) und wendet diese exemplarisch auf Textpassagen aus der "Blechtrommel" an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse formaler Modifikationen ohne semantische Folgen, Modifikationen mit kombinierten Folgen (wie Substitution, Ambiguierung, Kontamination, Erweiterung) sowie semantische Modifikationen ohne formale Änderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Sprachspiel, Idiomatik, Modifikation, Phraseologie, literarische Sprachreflexion und die spezifische Erzählweise von Günter Grass charakterisieren.
Welche Bedeutung kommt der "Gefangenensprache" in der Analyse zu?
Das Dokument zeigt auf, dass Oskar Matzerath die Schule durch die bewusste Verwendung von Elementen aus der "Gefangenensprache" mit einem Gefängnis gleichsetzt, was durch die Modifikation des Idioms "alle an einem Strang ziehen" zu "alle an einem Strick" verdeutlicht wird.
Warum spielt die Wiedererkennbarkeit der Idiome eine so entscheidende Rolle?
Die Arbeit betont, dass das Sprachspiel nur dann effektiv ist, wenn der Rezipient das modifizierte Idiom dennoch als solches identifizieren kann, da die Spannung zwischen der bekannten idiomatischen Bedeutung und der neuen, kontextuell veränderten Bedeutung den zentralen Effekt ausmacht.
Wie erklärt die Arbeit den Effekt des "Zusammenschreibens" bei Grass?
Das Zusammenschreiben von Phrasen wird als bewusstes Stilmittel beschrieben, das die Wörter zu einer Formel erstarren lässt, ein spezifisches Zeitkolorit erzeugt und den Leser zwingt, innezuhalten und den Text erneut zu überfliegen.
- Citation du texte
- Jessica Horn (Auteur), 2007, Sprachspiel mit Idiomen: Eine Untersuchung zur Modifikation von Phrasemen in Günter Grass Prosawerk "Die Blechtrommel" , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126255