„Das Gleiche läßt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht“. Dieses Zitat stammt von Johann Eckermann, einem Dichter, der mit Goethe befreundet war. Auf den Philosophen J.-J. Rousseau trifft diese Aussage wie auf kaum einen Anderen zu. Sein aus dem Jahre 1762 stammendes politisches Werk „Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechtes“ ist dafür beispielhaft – nur wenige theoretische Abhandlungen über Politik sind so widersprüchlich und wurden so kontrovers diskutiert. Gleichzeitig förderte das Werk zahlreiche politische Ideen und Ansätze unterschiedlicher Natur – auf Rousseau beriefen sich Befürworter der direkten und pluralistischen Demokratiemodelle und des Liberalismus, linke und rechte, Revolutionäre und Konservative.
In dieser Hausarbeit wird ein weiterer Einfluss seiner politischen Philosophie untersucht – nämlich inwiefern er als der Wegbereiter des modernen Totalitarismus gelten kann.
Zuerst werden in der Hausarbeit die wichtigsten Inhalte des Werks vorgestellt und erläutert. Im nächsten Teil steht die totalitäre Herrschaft im Mittelpunkt. Zuerst wird eine begriffliche Definition vorgenommen, anschließend wird überprüft, welche Ideen des „Gesellschaftsvertrages“ tatsächlich eine Gefahr des Missbrauchs zugunsten des Totalitarismus darstellen. Die Konzentration liegt auf 3 wesentlichen Punkten – auf der Idee des Gemeinwillens, auf dem großen Machtpotential des Gesetzgebers und auf dem totalen Charakter der bürgerlichen Religion. Wichtig ist vor allem die Frage, welches Gedankengut des „Gesellschaftsvertrages“ ein besonders großes totalitäres Potential besitzt. Dabei werden weniger die Vorwürfe der Wissenschaftler an Rousseau eine Rolle spielen, sondern eher ein eigener Versuch der Analyse des „Contrat social“ unternommen. Zum Schluss wird untersucht, ob Rousseau aufgrund der erläuterten Inhalte für die Entstehung totalitärer Systeme verantwortlich ist und somit als Vordenker des Totalitarismus gelten kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Gesellschaftsvertrag
3. Totalitarismus bei Jean-Jacques Rousseau
3.1. Definition
3.2. Potentiell totalitäre Elemente bei Rousseau
3.2.1. Der Gemeinwille
3.2.2. Die Rolle des Gesetzgebers
3.2.3. Die bürgerliche Religion
4. Jean-Jacques Rousseau – Vordenker des Totalitarismus?
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die politische Philosophie von Jean-Jacques Rousseau, insbesondere sein Werk "Vom Gesellschaftsvertrag", unter der Fragestellung, inwieweit er als Wegbereiter des modernen Totalitarismus betrachtet werden kann. Dabei wird analysiert, ob bestimmte theoretische Konzepte Rousseaus – wie der Gemeinwille, die Rolle des Gesetzgebers und die bürgerliche Religion – in totalitären Systemen zur Legitimation missbraucht werden können.
- Analyse des "Gesellschaftsvertrags" als politisches Ideal.
- Definition des Totalitarismus und seiner konstituierenden Merkmale.
- Kritische Untersuchung des "Gemeinwillens" (volonté générale) hinsichtlich seiner totalitären Potenziale.
- Evaluation der Sonderrolle des Gesetzgebers im Rousseau'schen Staatsmodell.
- Diskussion über das Missbrauchspotenzial der "bürgerlichen Religion" (réligion civile).
- Einordnung Rousseaus in die Debatte um die historischen Wurzeln totalitärer Ideologien.
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Der Gemeinwille
Generell gesehen ist der Gemeinwille - der Wille des politischen Körpers, der das allgemeine Wohl anstrebt. Die Bildung eines einheitlichen Souveräns, der auch noch stets das Gute will, scheint aber nahe zu unmöglich. Diese Tatsache in Verbindung mit dem radikalen Wahrheitsanspruch des Gemeinwillens bei Rousseau stellt eine Missbrauchsgefahr bei der Umsetzung in die Praxis dar, die auch zu einem totalitären Regime führen kann.
Der Gesellschaftsvertrag fordert zur Errichtung des Gemeinwillens zunächst eine Entrechtung der Bürger, wodurch der volonté générale entsteht. Sobald sich der Gemeinwille in der Gesellschaft herauskristallisiert hat, ist er die höchste Entscheidungsinstanz im Staat und hat absoluten und unbestreitbaren Wahrheitsanspruch. Der Gemeinwille duldet keine ihm widersprechende Meinung und weist durchaus totalitäre Züge auf, denn „wer auch immer sich weigert, dem Gemeinwillen zu folgen, [wird] von der gesamten Körperschaft dazu gezwungen“.
Bei einer solch radikalen Definition des volonté générale stellt vor allem die Konstituierung eines falschen Willens des Volkes sowie ein demagogischer Missbrauch des Begriffs ‚Gemeinwille‘ ein enormes Potential für die Entstehung totalitärer Regime dar. Man kann davon ausgehen, dass ein einheitlicher politischer Körper eine Utopie ist, weil es immer Unterschiede bei Meinungen und Interessen gibt. Demnach würde die Erschaffung eines Gemeinwillens in der Praxis mit Zwang und womöglich mit Unterdrückung und Terror gegenüber denjenigen, die sich nicht mit dem Gesellschaftsvertrag identifizieren, verbunden sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die politische Philosophie von Rousseau in den historischen Kontext und führt die zentrale Fragestellung ein, ob sein Werk als Wegbereiter für modernen Totalitarismus gelten kann.
2. Der Gesellschaftsvertrag: Hier wird das 1762 veröffentlichte Werk als Entwurf einer direkten Demokratie und Volkssouveränität vorgestellt, wobei die Problematik der Freiheit des Einzelnen innerhalb der staatlichen Ordnung beleuchtet wird.
3. Totalitarismus bei Jean-Jacques Rousseau: Dieses Kapitel definiert zunächst den Begriff Totalitarismus und untersucht anschließend kritisch die drei Kernpunkte: den Gemeinwillen, den Gesetzgeber und die bürgerliche Religion auf ihr totalitäres Potenzial.
4. Jean-Jacques Rousseau – Vordenker des Totalitarismus?: Das abschließende Kapitel reflektiert die historischen Interpretationen Rousseaus von der Französischen Revolution bis zum 20. Jahrhundert und kommt zu dem Schluss, dass Rousseau trotz seiner widersprüchlichen Konzepte nicht pauschal als Wegbereiter totalitärer Systeme verurteilt werden kann.
Schlüsselwörter
Jean-Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Totalitarismus, Gemeinwille, Volkssouveränität, Gesetzgeber, bürgerliche Religion, politische Philosophie, volonté générale, Demokratie, Freiheitsbegriff, Machtmissbrauch, politische Ordnung, Staatstheorie, Staatsgewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob das politische Hauptwerk von Jean-Jacques Rousseau, „Der Gesellschaftsvertrag“, totalitäre Züge enthält und ob der Autor somit als Vordenker für totalitäre Herrschaftssysteme angesehen werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Felder sind die Konzepte des Gemeinwillens, die Rolle eines übergeordneten Gesetzgebers und die Einführung einer verpflichtenden bürgerlichen Religion im Rousseau’schen Staatsmodell.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Widersprüchlichkeit zwischen Rousseaus Wunsch nach einer gerechten, freiheitlichen Ordnung und der Gefahr zu untersuchen, dass seine Theorien durch demagogische Interpretation in eine totalitäre Praxis führen könnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Literatur- und Theorieanalyse, bei der zentrale Begriffe des „Contrat social“ mit den Kriterien für Totalitarismus, insbesondere nach Friedrich und Brzezinski, abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Gemeinwille, die Funktion des Gesetzgebers sowie die Rolle der Religion im Staat detailliert analysiert und auf ihre mögliche Vereinbarkeit mit totalitären Mechanismen wie Zwang und Indoktrination geprüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Volkssouveränität, volonté générale, Gesellschaftsvertrag, totalitäres Potenzial und Staatsphilosophie.
Warum wird Rousseau oft mit totalitären Systemen in Verbindung gebracht?
Kritiker führen an, dass seine Ablehnung von Repräsentativorganen und die absolute, unbeschränkbare Macht des Gemeinwillens sowie die Forderung nach totaler Unterordnung unter die Staatsreligion theoretische Grundlagen für Diktaturen bieten könnten.
Kommt die Arbeit zu einem abschließenden Urteil über Rousseau?
Ja, die Arbeit relativiert den Vorwurf des "Vordenkers des Totalitarismus", indem sie betont, dass Rousseau ein gerechtes Gemeinwesen anstrebte und sein Modell in der Praxis als nicht umsetzbare "Fiktion" bzw. theoretische Norm zu verstehen ist.
- Citation du texte
- Slava Obodzinskiy (Auteur), 2009, Jean-Jacques Rousseau – theoretischer Vordenker des Totalitarismus? Der Einfluss der politischen Philosophie Rousseaus auf die Entstehung totalitärer Ideen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126257