Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit mußte man weder Dieb noch Betrüger sein, um seine Ehre zu verlieren. Die „Unehrlichkeit“ des Mittelalters und der Frühen Neuzeit hat mit der heutigen Unehrlichkeit wenig gemeinsam. Es war kein moralisches Problem, sondern „eine rechtliche Zurückstellung bestimmter Berufe, verbunden mit sozialer Distanzierung und Verachtung“1. Als „ehrlos“ galten eine Reihe von Berufen, wie zum Beispiel Leineweber, Müller, Töpfer oder Bader. Diese nützlichen und sinnvollen Berufe waren dem Spott und der Verachtung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft ausgesetzt2. Die Müller waren demnach Diebe und betrieben nebenbei ein Bordell in ihrer Mühle3, ebenso die Schneider, die einen Teil des gelieferten Materials verschwinden ließen4; die Türmer arbeiteten nachts, das machte sie unheimlich und verdächtig5. Das ist nur eine sehr kurze Auswahl an Vorurteilen, mit denen die Angehörigen der „ehrlosen“ Berufe zu kämpfen hatten.
An der Spitze der „unehrlichen“ Gewerbe stand der Beruf des Scharfrichters. Auch unter den Namen Henker, Freimann, Carnifex, Nachrichter, Schinder, Meister Hans oder Züchtiger6 bekannt, war dieser Beruf der Unehrlichste unter den „unehrlichen“ Berufen. Diese Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit dem Beruf des Scharfrichters als dem „Paradebeispiel“ der „unehrlichen“ Berufe.
Die Anfänge des Gewerbes, der Ursprung des professionalisierten Tötens werden im Kapitel Anfänge des Berufs behandelt. Das Kapitel Erklärungsversuche der „Unehrlichkeit“ des Berufs stützt sich hauptsächlich auf die von Jutta Nowosadtko aufgestellten Thesenkomplexe, wie es zu der „Unehrlichkeit“ kam. Das Leben der Scharfrichter gibt Einblicke in den Alltag der Henker, ihre Hauptbeschäftigung, „Nebenjobs“, Stellung innerhalb der Gesellschaft und die Verarbeitung der Ausgrenzung. Im Schlußteil wird auf die teilweise stattgefundene Rehabilitierung und Gleichstellung des Berufs eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Anfänge und Entwicklung des Berufs
2.1 Germanen
2.2 Mittelalterliche Gesellschaft
3. Erklärungsversuche der „Unehrlichkeit“ des Berufs
3.1 Die rechtsgeschichtliche These
3.2 Die psychologische These
3.3 Die sakral-magische These
3.4 Die rationalistische These
4. Das Leben der Scharfrichter
4.1 Aufgaben und Nebenerwerbstätigkeiten
4.2 Gesellschaftliche Stellung
4.3 Reaktionen auf den Ausschluß aus der Gesellschaft
5. Schlußteil: Teilweise Rehabilitierung des Berufs
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die soziale Stigmatisierung des Scharfrichterberufs in der Frühen Neuzeit, wobei das primäre Ziel darin besteht, die Ursachen für die Einstufung dieses Gewerbes als „unehrlich“ sowie die Lebensrealität der betroffenen Personen zu analysieren.
- Rechtliche und soziale Konstruktion der „Unehrlichkeit“ im historischen Kontext
- Analyse der verschiedenen Thesen zur Entstehung des Stigmas (rechtsgeschichtlich, psychologisch, sakral-magisch, rationalistisch)
- Untersuchung des Berufsalltags, inklusive medizinischer und administrativer Nebentätigkeiten
- Soziale Ausgrenzung und deren Auswirkungen auf den Alltag und die Lebensführung
- Prozesse der allmählichen gesellschaftlichen Rehabilitierung des Berufs
Auszug aus dem Buch
1) Einleitung
Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit mußte man weder Dieb noch Betrüger sein, um seine Ehre zu verlieren. Die „Unehrlichkeit“ des Mittelalters und der Frühen Neuzeit hat mit der heutigen Unehrlichkeit wenig gemeinsam. Es war kein moralisches Problem, sondern „eine rechtliche Zurückstellung bestimmter Berufe, verbunden mit sozialer Distanzierung und Verachtung“.
Als „ehrlos“ galten eine Reihe von Berufen, wie zum Beispiel Leineweber, Müller, Töpfer oder Bader. Diese nützlichen und sinnvollen Berufe waren dem Spott und der Verachtung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft ausgesetzt. Die Müller waren demnach Diebe und betrieben nebenbei ein Bordell in ihrer Mühle, ebenso die Schneider, die einen Teil des gelieferten Materials verschwinden ließen; die Türmer arbeiteten nachts, das machte sie unheimlich und verdächtig. Das ist nur eine sehr kurze Auswahl an Vorurteilen, mit denen die Angehörigen der „ehrlosen“ Berufe zu kämpfen hatten.
An der Spitze der „unehrlichen“ Gewerbe stand der Beruf des Scharfrichters. Auch unter den Namen Henker, Freimann, Carnifex, Nachrichter, Schinder, Meister Hans oder Züchtiger bekannt, war dieser Beruf der Unehrlichste unter den „unehrlichen“ Berufen. Diese Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit dem Beruf des Scharfrichters als dem „Paradebeispiel“ der „unehrlichen“ Berufe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Begriff der „Unehrlichkeit“ in der Frühen Neuzeit als rechtliche Zurückstellung und soziale Stigmatisierung und stellt den Scharfrichter als Paradebeispiel dieser Entwicklung vor.
2. Anfänge und Entwicklung des Berufs: Dieses Kapitel zeichnet den Weg vom rituellen Töten bei den Germanen bis zur Professionalisierung des Henkerberufs in der mittelalterlichen Gesellschaft nach.
3. Erklärungsversuche der „Unehrlichkeit“ des Berufs: Hier werden vier zentrale wissenschaftliche Thesen – die rechtsgeschichtliche, psychologische, sakral-magische und rationalistische – zur Entstehung des Berufsstigmas diskutiert.
4. Das Leben der Scharfrichter: Das Kapitel beleuchtet den Alltag der Scharfrichter, ihre medizinischen Kompetenzen, ihre vielfältigen Nebenerwerbstätigkeiten sowie ihre soziale Isolation und den Umgang damit.
5. Schlußteil: Teilweise Rehabilitierung des Berufs: Der Schlussteil analysiert die langsame Aufhebung der sozialen und rechtlichen Diskriminierung sowie die historische Entwicklung hin zur Wiedererlangung bürgerlicher Ehre.
Schlüsselwörter
Scharfrichter, Henker, Unehrlichkeit, Frühe Neuzeit, Sozialgeschichte, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Inquisitionsprozeß, Abdeckerei, Medizingeschichte, Soziale Stellung, Rechtsgeschichte, Folter, Rehabilitierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der sozialen Stellung von sogenannten „unehrlichen“ Berufen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit, mit einem besonderen Fokus auf den Scharfrichter als Inbegriff dieser gesellschaftlichen Stigmatisierung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die historische Entstehung von Berufsverfemungen, die psychologischen und religiösen Wurzeln von Tabus sowie der tatsächliche Alltag und die soziale Ausgrenzung der betroffenen Personen.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist die Untersuchung, wie und warum sich das Stigma der „Unehrlichkeit“ auf den Scharfrichterberuf festsetzte und welche Faktoren im Laufe der Zeit zu einer schrittweisen gesellschaftlichen Rehabilitation führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische Analyse, die verschiedene theoretische Thesenkomplexe (z.B. von Jutta Nowosadtko) heranzieht und diese durch Fallbeispiele und Literaturrecherchen fundiert.
Was steht im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Ursachen des Stigmas und bietet detaillierte Einblicke in den Berufsalltag der Scharfrichter, einschließlich ihrer Aufgaben als Folterknechte, Ärzte und Abdecker.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Charakteristische Begriffe sind Scharfrichter, Unehrlichkeit, Stigmatisierung, Sozialgeschichte, Frühe Neuzeit und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Welche Bedeutung hatte die Abdeckerei für den Status des Scharfrichters?
Die Abdeckerei galt als besonders infame Nebentätigkeit, da der Umgang mit Aas und totem Vieh als hochgradig unrein wahrgenommen wurde, was die soziale Verachtung gegenüber dem Scharfrichter massiv verstärkte.
Wie versuchten Scharfrichter mit ihrer Außenseiterrolle umzugehen?
Neben der Flucht in den Alkohol entwickelten manche Scharfrichter eine besondere Berufsethik, in der sie ihre Tätigkeit als notwendige Kunst betrachteten, und demonstrierten teils artistische Fähigkeiten, um beim Publikum Anerkennung zu finden.
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- Wladimir Danilow (Author), 2002, Ehre, Ehrlosigkeit und soziale Ausgrenzung in der Frühen Neuzeit. Scharfrichter als Paradebeispiel der unehrlichen Berufe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12630