Wie in anderen westlichen Gesellschaften unterliegt auch das Gesundheitswesen in
Deutschland einem Wandel. Die Notfall- und Rettungsmedizin ist davon nicht ausgenommen.
Wesentliche Veränderungen sind zum Beispiel die Ökonomisierung der Gesundheitsdebatte
und die demographischen Entwicklungen, aber auch die Technisierung und die Verschiebung
der Grenzen der modernen Rettungsmedizin von ärztlichen Kompetenzen auf sogenannte
nichtärztliche Berufsbilder, wie das der Rettungsassistentin bzw. des Rettungsassistenten.
Auch die Entwicklung im Rettungsdienst selbst, wie die Akademisierung und
Verwissenschaftlichung, Maßnahmen der Qualitätssicherung und neue Konzepte der
Versorgung, stellen für alle im Rettungsdienst Tätigen neue Herausforderungen aber auch
Anforderungen dar, die zu Überforderung und festen Meinungsbildern über das jeweilig
andere Geschlecht führen können.
Diese allgemeinen Entwicklungen betreffen alle im Rettungsdienst Tätigen in allen
Handlungsfeldern, und zum großen Teil, auch die anderen Berufsgruppen im
Gesundheitswesen gleichermaßen. Davon abzugrenzen sind die für die Rettungsmedizin
spezifischen Bedingungen und den zunehmenden Bestrebungen das noch recht junge
Berufsbild der Rettungsassistentin bzw. des Rettungsassistenten, das mit Beschluss des
Bundestags erst 1989 etabliert wurde, in der Außenwirkung als originäres Männerberufsbild
aufzuweichen, beziehungsweise abzulösen und somit immer mehr Frauen dieses ehemals rein
männliche Berufsbild als berufliche Alternative wählen. In der folgenden Arbeit soll es um ,,Frauen in den Rettungsdiensten“ am Beispiel des Landes
Schleswig Holsteins gehen. Mit der gesetzlich fixierten Gleichstellung von Mann und Frau
sollte angenommen werden können, dass alte männlich dominierte Verhaltensmuster
zurückgedrängt werden. Frauen bekommen eine Chance, aus der traditionellen ,,Frauenrolle"
(Hausfrau und Mutter) auszubrechen und sich trotzdem nicht völlig dem Berufsleben zu
verschreiben. Diese Rollenkonfrontation führt häufig zu Belastungsreaktionen beider
Geschlechter, die dann unkontrolliert kanalisiert werden. Einige dieser Belastungen werde ich
näher darstellen und auf mögliche Folgen bzw. Nebenerscheinungen hinweisen. Anschließend
werden dann Strategien zum Management der Belastungen und Hilfemöglichkeiten für die
im Rettungsdienst Tätigen aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beschäftigungsstruktur
3. Das Frauenverhalten in Männerberufen
3.1 Frauenrolle und Berufsrolle
3.2 Betriebliche Hierarchie = Geschlechterhierarchie?
3.3 Der generationsspezifische Wandel
4. Arbeitgeberrolle und Frauenproblematik
5. Geschlechterspezifische Motivationsgründe zur Berufswahl
5.1 Aufstiegsmöglichkeiten
6. Belastungsfaktor Arbeitsorganisation
6.1 Psychosoziale Belastungen
6.2 Konflikte im Einsatzteam
6.3 Umgang mit schwierigen Patientensituationen
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Problematik der Integration von Frauen in das traditionell männlich geprägte Berufsfeld des Rettungsdienstes am Beispiel des Landes Schleswig-Holstein. Dabei wird analysiert, inwieweit Rollenkonflikte, organisationale Strukturen und gesellschaftliche Erwartungen den beruflichen Alltag von Rettungsassistentinnen beeinflussen und welche Auswirkungen diese auf die Arbeitsbelastung haben.
- Beschäftigungsstrukturen und Frauenanteil in Rettungsdiensten
- Die Konfrontation von Frauenrolle und Berufsrolle im Rettungsdienst
- Geschlechterspezifische Motivationsfaktoren bei der Berufswahl
- Arbeitsorganisatorische Belastungsfaktoren und ihre Bewältigung
- Rollenkonflikte innerhalb von gemischten Einsatzteams
Auszug aus dem Buch
3. Das Frauenverhalten in Männerberufen
Eine erste Untersuchung zur Organisation von Frauen in männlich dominierten Berufsbildern, erfolgte durch Kanter (vgl. Kanter 1977; S 176). Sie untersuchte das Verhältnis von Geschlecht und Organisation, wobei sie im Besonderen an der Situation von Frauen in männlich dominierten Bereichen interessiert ist. Einerseits hätten Frauen in männlich dominierten Bereichen eine hohe soziale Sichtbarkeit aufgrund ihrer Unterrepräsentation. Diese könne ihnen bei der Verfolgung ihrer auf die Organisation bezogenen Ziele Vorteile bringen. Andererseits seien sie jedoch mit der machtvollen, unhinterfragten, stereotypen Wahrnehmung all ihrer Handlungen konfrontiert „Diese stereotype Wahrnehmung will individuelle Abweichung und Gestaltung von Handlungsvollzügen nicht zulassen, sondern unter das Stereotyp subsumieren und damit negieren.“ (vgl. Müller, 1995;S 101-117). Frauen in männlich dominierten Bereichen neigen außerdem dazu, mit ihrer Weiblichkeit reflektiert umzugehen, häufig in sprachlich, meist taktisch weicherer Form mit Patienten und Arbeitskollegen oder das Dekorieren ihres Arbeitsplatzes mit familiären Gegenständen. Ein „Zuviel“ an Weiblichkeit führt hier zur Sexualisierung in der männlichen Wahrnehmung. Bei „Zuwenig“ Weiblichkeit fühlten sich Männer bedroht und im Konkurrenzverhältnis stehend, wie zum Beispiel durch betont maskulines Aussehen oder durch körperlich bessere Konditionierung in besonders schweren Einsatzlagen. Daraus geht hervor, dass Frauen und Männer nicht nur organisationelles Verhalten, sondern vor allem persönliches Verhalten kontrollieren müssen. Frauen werden hauptsächlich als sexuelle Wesen gesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel im Gesundheitswesen und die zunehmende Bedeutung des Berufsbildes der Rettungsassistenten, bei gleichzeitigem Wandel von einem männlich dominierten hin zu einem gemischten Berufsfeld.
2. Beschäftigungsstruktur: Dieses Kapitel gibt einen statistischen Überblick über den Anteil weiblicher Arbeitskräfte bei den Rettungsdienstträgern in Schleswig-Holstein sowie deren Repräsentation in Führungspositionen.
3. Das Frauenverhalten in Männerberufen: Es wird die theoretische Basis zum Verhalten von Frauen in männlich dominierten Organisationen erörtert, inklusive der Mechanismen von Rollenzuschreibungen und Stereotypen.
4. Arbeitgeberrolle und Frauenproblematik: Das Kapitel behandelt die institutionellen Rahmenbedingungen und die Ergebnisse einer Befragung zur Diskriminierung und Arbeitssituation von Frauen im Rettungsdienst.
5. Geschlechterspezifische Motivationsgründe zur Berufswahl: Hier werden die Beweggründe für die Berufswahl analysiert, wobei altruistische Motive den Motivationen zur beruflichen Selbstverwirklichung gegenübergestellt werden.
6. Belastungsfaktor Arbeitsorganisation: Dieses Kapitel untersucht physische und psychische Belastungen durch Schichtdienste, Konflikte im Team sowie den Umgang mit belastenden Einsätzen.
7. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion der Integrationsproblematik und der Forderung nach gesetzgeberischer Unterstützung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Frauen im Rettungsdienst.
Schlüsselwörter
Rettungsdienst, Frauenintegration, Rettungsassistentin, Berufsrolle, Geschlechterhierarchie, Arbeitsorganisation, Psychosoziale Belastung, Rettungsmedizin, Berufswahl, Gleichstellung, Teamkonflikte, Schleswig-Holstein, Stereotypisierung, Notfallmedizin, Arbeitsbelastung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation und den spezifischen Problemen von Frauen, die im Rettungsdienst tätig sind, mit einem Fokus auf das Bundesland Schleswig-Holstein.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Beschäftigungsstruktur, Rollenbilder, die Motivation zur Berufswahl, organisationale Belastungsfaktoren und die Teamdynamik in Rettungsdiensten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die bestehenden Hürden bei der Integration von Frauen in diesen traditionell männlich dominierten Bereich aufzuzeigen und Strategien für einen professionelleren Umgang mit diesen Herausforderungen zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender soziologischer Untersuchungen sowie auf Daten und Umfrageergebnisse zur Arbeitssituation im Rettungsdienst.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert theoretische Aspekte von Rollenkonflikten, die aktuelle Beschäftigungsstatistik und geht detailliert auf psychosoziale Belastungsfaktoren sowie Konflikte innerhalb von Einsatzteams ein.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Begriffe sind Rettungsdienst, Frauenintegration, Geschlechterhierarchie, Berufsrolle und Arbeitsorganisation.
Wie reagieren männliche Kollegen und Patienten auf Frauen im Rettungsdienst?
Während Patienten insgesamt überwiegend positiv auf Frauen im Rettungsdienst reagieren, berichten viele Rettungsassistentinnen von Diskriminierungen, etwa durch das Infragestellen ihrer Fachkompetenz oder stereotype Bemerkungen.
Warum spielt der generationsspezifische Wandel eine Rolle?
Der Autor argumentiert, dass ältere Führungskräfte oft weniger liberal gegenüber weiblichen Fachkräften eingestellt sind, während mit zunehmender Professionalisierung und Akademisierung ein Wandel hin zu mehr Gleichberechtigung erwartet wird.
- Quote paper
- Normen Niebuhr (Author), 2006, Frauen im Rettungsdienst, Frauen in originären Männerberufen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126410