Für zahlreiche Autoren (Simrock , deVries , Uecker ) ist die Snorra Edda die [!] wichtigste Quelle nordischer oder in diesem Fall alter heidnischer Mythologie. Vor allem die Einbandtexte der verschiedenen Ausgaben bzw. Editionen der Snorra Edda, die es im Buchhandel zu erwerben gibt, lassen den Eindruck entstehen, dass es sich bei der Snorra Edda um eine Quelle der nordischen Mythologie handelt. Diese Einschätzung wird jedoch nicht von allen Forschern geteilt, so dass die Frage, ob es sich bei der Snorra Edda tatsächlich um eine (Primär-) Quelle der nordischen Mythologie handelt, durchaus kontrovers diskutiert wird.
Während also die Frage bezüglich der Authentizität der Snorra Edda als mythologische Quelle von der Forschung noch nicht ausreichend geklärt werden konnte, herrscht in der Frage bezüglich des Entstehungszeitraums bzw. -orts weitestgehend Einigkeit. Demnach wurde die Snorra Edda um 1220 – und somit ca. 200 Jahre nach der Einführung des Christentums –, auf Island verfasst. Diese Zeitspanne von ca. 200 Jahren ist es, die zu den Bedenken einiger Wissenschaftler führen, ob die Snorra Edda tatsächlich eine Quelle der nordischen Mythologie sei. Es ist zwar durchaus vorstellbar, dass historische oder in diesem Fall mythologische Stoffe bzw. Erzählungen durch mündliche Überlieferungen über einen längeren Zeitraum bewahrt werden können, dass nach 200 Jahren aber keinerlei christliche Einflüsse in die nordische Mythologie, wie sie von Snorri Sturluson niedergeschrieben wurde, eingeflossen sein sollen, scheint mir zumindest diskussionswürdig zu sein. Im Zentrum dieser Arbeit steht daher die Untersuchung unterschiedlicher Forschungsmeinungen zu dieser Frage. Welche Positionen werden bzw. wurden von welchen Forschern vertreten und wie hat sich die Einschätzung der Snorra Edda in den letzten 150 Jahren verändert? Von diesen unterschiedlichen Positionen ausgehend, soll schließlich die Frage geklärt werden, ob bei der Snorra Edda überhaupt von einer unbeeinflussten Variante der nordischen Mythologie gesprochen werden kann oder ob in ihr nicht Entlehnungen der christlichen Religion gefunden werden können.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Begriffsdefinition
1.2 Quellen nordischer Mythologie
2. Die Snorra Edda
2.1 Snorri Sturluson
2.2 Die verwendeten Quellen
2.3 Die vier Haupthandschriften
2.4 Der Inhalt der Snorra Edda
3. Quellenkritik an ausgewählten Beispielen
3.1 Mythologische Novellistik
3.2 Euhemerismus
3.3 Der Einfluss des Christentums auf mythologische Quellen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Authentizität der Snorra Edda als Primärquelle der nordischen Mythologie vor dem Hintergrund ihrer Entstehung in einer bereits christianisierten Gesellschaft. Dabei wird analysiert, inwieweit Snorri Sturluson heidnische Mythen überlieferte oder diese durch christliche Einflüsse und eigene dichterische Absichten veränderte.
- Untersuchung der Forschungsmeinungen zur Authentizität der Snorra Edda
- Analyse der Quellenverwendung und Autorschaft Snorri Sturlusons
- Diskussion des Einflusses des Christentums auf mythologische Erzählungen
- Bewertung der Snorra Edda als religionshistorische Quelle
Auszug aus dem Buch
3.1 Mythologische Novellistik
Während Karl Simrock in seinem „Handbuch der Deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen“ im Jahre 1878 noch eindeutig davon spricht, dass die Hauptquellen für eine Darstellung der nordischen Mythologie die Edda des Snorri Sturluson und die Lieder-Edda sind, nimmt Eugen Mogk im Jahre 1932 eine kritischere Stellung demgegenüber ein:
„Einst galt der mythologische Teil der Snorra-Edda als eine lautere Quelle der altnordischen, ja sogar der altgermanischen Mythologie. Simrock läßt seine Deutsche Mythologie mit der eddischen Kosmogonie beginnen, und Noreen äußert einmal: Die Mythologie, die wir in unserer Jugend gelehrt bekamen, ist im wesentlichen Snorris mythologischer Katechismus. […] Gewiß hat Snorri Quellenmaterial benutzt, das wir nicht mehr besitzen, aber ob es nordisch-heidnisches gewesen ist, das ist eine andre Frage. […] Auf Grund solcher Beobachtungen habe ich längst den mythologischen Wert der Snorra-Edda angezweifelt und […] zu zeigen gesucht, wie im Anfang des 13. Jahrhunderts in Reykjaholt unter Snorris Leitung eine mythologische Novellistik entstanden ist, in der man überliefertes Material aus heidnischer Zeit frei und verwebt mit neuen und fremden Stoffen verarbeitet hat.“
Eugen Mogk distanziert sich somit vollständig von Simrocks Darstellung und spricht der Snorra Edda jeglichen religionsgeschichtlichen und auch mythologischen Wert ab. Während Simrock die Begriffe Religion und Mythos nicht explizit unterscheidet, differenziert Mogk zwischen diesen beiden Begriffen und definiert Mythos als
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Authentizität der Snorra Edda als mythologische Quelle ein und umreißt die wissenschaftliche Kontroverse sowie die Zielsetzung der Arbeit.
2. Die Snorra Edda: Dieses Kapitel behandelt Leben und Wirken von Snorri Sturluson, die Quellen seiner Arbeit, die verschiedenen Handschriften sowie den inhaltlichen Aufbau der Snorra Edda.
3. Quellenkritik an ausgewählten Beispielen: Hier werden unterschiedliche wissenschaftliche Positionen zur Bewertung der Edda untersucht, insbesondere die Theorie der mythologischen Novellistik, der Euhemerismus und der Einfluss des Christentums.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Snorra Edda zwar keine unbeeinflusste Primärquelle darstellt, aber als religionshistorisches Zeugnis von großer Bedeutung ist.
Schlüsselwörter
Snorra Edda, Snorri Sturluson, nordische Mythologie, Quellenkritik, Christentum, Mythos, Religion, Euhemerismus, Mythologische Novellistik, Island, Skalden, Gylfaginning, Skáldskaparmál, Handschriften, Religionsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, ob die Snorra Edda als authentische Primärquelle der nordischen Mythologie betrachtet werden kann oder ob sie als Werk eines christlichen Gelehrten stark von dessen Zeit und Religion beeinflusst ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf die Authentizität mythologischer Quellen, die Person und Autorschaft Snorri Sturlusons, die Quellenanalyse der Edda sowie die Transformation heidnischer Stoffe im christlichen Mittelalter.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die in der Snorra Edda niedergeschriebene Erzählung eine authentische heidnische Religion darstellt oder ob christliche Einflüsse und die dichterische Freiheit des Verfassers das Werk maßgeblich geprägt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenkritische Analyse durchgeführt, bei der verschiedene wissenschaftliche Positionen und Interpretationen zur Snorra Edda aus den letzten 150 Jahren gegenübergestellt und miteinander verglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Snorra Edda (Autor, Quellen, Inhalt) und eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Quellenkritik anhand der Themen Mythologische Novellistik, Euhemerismus und Einfluss des Christentums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Snorra Edda, Quellenkritik, nordische Mythologie, Christentum, Euhemerismus und religionshistorische Quelle charakterisiert.
Wie bewerten die verschiedenen Forscher (Simrock vs. Mogk) die Edda?
Während Simrock die Edda im 19. Jahrhundert als authentische Primärquelle sah, wertete Mogk sie im 20. Jahrhundert radikal ab und bezeichnete sie als „mythologische Novellistik“, bei der der Autor Stoffe frei und fiktiv verarbeitet habe.
Welche Rolle spielt der Euhemerismus nach Walter Baetke?
Baetke erklärt durch den Euhemerismus – die mythische Überhöhung historischer Personen – wie Snorri Sturluson die alten Götter als menschliche Figuren darstellen konnte, ohne seinen eigenen christlichen Glauben zu verleugnen.
Was ist das Ergebnis der Untersuchung zu den christlichen Einflüssen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Snorra Edda keine unbeeinflusste Primärquelle ist, sondern aufgrund der christlichen Erziehung Snorris und des zeitlichen Abstands zur heidnischen Kultur als wichtige, aber eben religionshistorische Quelle zu bewerten ist.
- Citation du texte
- Susanne Stäblein (Auteur), 2007, Die Snorra Edda als Quelle der nordischen Mythologie? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126498