Über die jugendliche Ausdrucksweise oder vielmehr die Existenz von Jugendsprache wird seit
Jahrzehnten hitzig diskutiert und debattiert. Laien und Sprachwissenschaftler und diejenigen, die
sich dafür halten, liefern sich unerbittliche Kämpfe, wenn es um die Erforschung der
jugendlichen Sprache geht. Es lassen sich die unterschiedlichsten Herangehensweisen und
Methoden zur Erfassung von Jugendsprache feststellen, doch bislang scheint der bahnbrechende
Erfolg in dieser Kontroverse auszubleiben. Die Medien, besonders Rundfunk und Fernsehen,
stellen sich auf ihre jugendliche Zielgruppe ein und benutzen endmadige (besonders schlechte)
Ausdrücke von denen sicherlich jeder Jugendliche Goldminen (Ohrenschmalz) und Hummeltitten
(Gänsehaut) bekommt. Ein vorzeigbares Beispiel stellt Viva dar; die Moderatoren schmeißen mit
phaten (sehr guten) Ausdrücken um sich, dass sich so mancher Erwachsene einfach nur noch
fremdschämen möchte. Eine Erklärung in der Süddeutschen Zeitung ist bezeichnend für den
Musikkanal, in dessen Programm der Zuschauer teils vergeblich auf die versprochene Musik
wartet. „Der Musikkanal Viva präsentiert sich seinen jugendlichen Zuschauern geradezu als
mediales Über-Ich: Wir sind euer Fernsehen, eure Sprache, eure Farben und eure Musik heißt es
in einer Pressemappe.“ (SZ 2004)
Neben den Medien, versuchen auch die meisten Erzeugerfraktionen (Eltern) sich auf ihre
Sprösslinge einzustellen. Sie versuchen mit der Jugend zu kommunizieren, indem sie
abgespacedte (verrückte, abgefahrene) Wörter verwenden. Da schalten sich nun die
Verlagshäuser ein und werfen regelmäßig jedes Jahr neue (absurde) Jugendsprachwörterbücher
auf den Markt, mit denen die Ellies und Mitarbeiter der Bildungsvermittlungsinstitute (Schulen)
fleißig die pornösen (außergewöhnlich guten) Ausdrücke lernen können um die Jugend zu rallen
(verstehen). „Dass sich diese Bücher trotzdem gut verkaufen, liegt an der „Prestigefunktion von
Jugendlichkeit“, wie die Sprachwissenschaftlerin Eva Neuland es formuliert: Wissen über
Jugendlichkeit enthält zugleich das Gebrauchswertversprechen, sich über dieses Wissen ein
Stück der eigenen Jugendlichkeit zurückzuerobern.“ (SZ 2004) Doch die Diskussionen rund um die Jugendsprache ist kein neuzeitliches Phänomen. Bereits
Anfang des 19.Jahrhundert lassen sich Lexika mit „jugendsprachlichen“ Ausdrücken finden, die
von Studenten geschrieben wurden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2008- Fiktion oder Realität?
2.1 Von abbitchen bis Erzeugerfraktion: Auswertung der Beispiele 1 bis 7
2.2 Von Erzeugerfraktion bis Laugenbrezel: Auswertung der Beispiele 7 bis 12
2.3 Von natsen bis Zipfelzwicker: Auswertung der Beispiele 14 bis 20
3. Fazit
4. Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen den im "PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2008" dokumentierten Begriffen und dem tatsächlichen Sprachgebrauch von Jugendlichen, um zu prüfen, inwieweit diese Publikation ein realistisches Abbild jugendlicher Ausdrucksweisen liefert.
- Historische Entwicklung und Einordnung der Jugendsprache
- Morphologische Analyse jugendsprachlicher Wortbildungen
- Empirische Überprüfung der Bekanntheit ausgewählter Wörter bei Jugendlichen
- Einfluss von Medien und regionaler Varietät auf den Wortschatz
- Untersuchung der Abgrenzungsfunktion jugendsprachlicher Codes
Auszug aus dem Buch
Bauarbeiterdekolletee (PONS Wtb.: 20)
Das Bauarbeiterdekolletee, das eine Hose meint, die viel freie Sicht auf den Po lässt, war weitestgehend unbekannt unter den jugendlichen Teilnehmern, nur fünf Personen waren mit der richtigen Bedeutung des Lexems vertraut. Die Erklärungen der Jugendlichen waren folgende: „Arschritze“, „Poritze“ und „Poritze guckt raus“. Eine Teilnehmerin nutzt das Wort für einen „allgemein tiefen Ausschnitt“.
Bei der Betrachtung des Wortes stellt man fest, dass es aus zwei eigenständigen Wörtern besteht und somit eine Komposition ist. „Ein zweiter Typus der Lexembildung ist die Komposition oder Zusammensetzung. Sie unterscheidet sich von der Lexembildung durch Derivation darin, dass bei ihr zwei lexikalische Morpheme, zumeist freie Morpheme (einfache oder bereits zu Komplexen ergänzte), zusammentreten, dass zwei Stämme zusammengekoppelt werden. […] Man unterscheidet nach semantischen Gesichtspunkten die Kopulativ-Komposition von der Determinativ-Komposition. […] Bei der Determinativ-Komposition zeigt das Resultat [hingegen] einen klaren Unterschied zwischen den zwei Teilen […] “ (Linke/ Nussbaumer/ Portmann 2004: 69ff.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die historische und gesellschaftliche Debatte um Jugendsprache und beleuchtet die Rolle von Medien sowie Wörterbüchern bei der Dokumentation dieser Sprachform.
2. PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2008- Fiktion oder Realität?: Hier erfolgt die methodische Auswertung von 20 ausgewählten Begriffen mittels einer Befragung, wobei die tatsächliche Nutzung und Bedeutung der Begriffe durch Jugendliche der Darstellung im Wörterbuch gegenübergestellt wird.
2.1 Von abbitchen bis Erzeugerfraktion: Auswertung der Beispiele 1 bis 7: In diesem Abschnitt werden die ersten sieben Begriffe linguistisch analysiert, wobei Prozesse wie Derivation und Komposition im Fokus der Untersuchung stehen.
2.2 Von Erzeugerfraktion bis Laugenbrezel: Auswertung der Beispiele 7 bis 12: Diese Passage behandelt weitere Begriffe und führt in das sprachwissenschaftliche Konzept des "Blendings" (Portmanteau-Wörter) ein.
2.3 Von natsen bis Zipfelzwicker: Auswertung der Beispiele 14 bis 20: Die letzten Begriffe des Fragebogens werden hier untersucht, wobei insbesondere auf die Diskrepanz zwischen PONS-Definitionen und dem Wissen der befragten Jugendlichen eingegangen wird.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und verdeutlicht den erheblichen Spalt zwischen der theoretischen Fiktion des Wörterbuchs und der Realität des jugendlichen Sprachgebrauchs.
4. Literaturangaben: Dieses Kapitel listet alle verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Webseiten auf, die für die Arbeit herangezogen wurden.
Schlüsselwörter
Jugendsprache, PONS, Wortbildung, Morphologie, Komposition, Derivation, Empirie, Sprachgebrauch, Varietät, Anglisierung, Jugendsprachwörterbuch, Sprachwandel, Identitätsbildung, Portmanteau-Wörter, Realität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Authentizität des PONS Wörterbuchs der Jugendsprache 2008 durch einen Vergleich mit dem realen Sprachgebrauch von Jugendlichen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die linguistische Wortbildungsanalyse, der Einfluss von Medien auf die Jugendsprache und die empirische Erhebung von Wortbekanntheit bei Schülern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie groß die Lücke zwischen den als jugendsprachlich gelabelten Begriffen und dem tatsächlichen Vokabular der Zielgruppe ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit kombiniert eine Literaturrecherche zu morphologischen Verfahren mit einer empirischen Fragebogenauswertung unter Jugendlichen.
Was wird im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert 20 Begriffe hinsichtlich ihrer morphologischen Struktur (Komposition, Derivation, Blending) und deren Bekanntheitsgrad bei den befragten Jugendlichen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jugendsprache, Wortbildung, Morphologie, Realitätsabgleich, PONS und Sprachvarietät.
Warum kannten die meisten Jugendlichen Begriffe wie "Waldapotheker" nicht?
Die Arbeit legt nahe, dass diese Begriffe entweder regional begrenzt, veraltet oder mediale Konstruktionen sind, die keinen Eingang in den aktiven Wortschatz der Jugendlichen gefunden haben.
Welche Rolle spielt die Region bei der Verwendung von Jugendsprache?
Die Autorin betont, dass Jugendsprache stark variiert und dass regionale Unterschiede ein signifikantes Problem bei der Erforschung und Dokumentation durch Wörterbücher darstellen.
- Quote paper
- Jeannette Nedoma (Author), 2008, Von Aalcatchen bis Zungenkugel - Das PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2008 im Fokus der Realität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126504